Wurzel der Weisheit6 din 6EPUB›

Wurzel der Weisheit

Ich freue mich, Sie alle mit herzlichen Tashideleg begrüßen zu dürfen. Daß Sie immer wieder solches Interesse an Dharma-Unterweisungen zeigen, ist sehr gut. Und es ist auch richtig, sich der Tatsache bewußt zu sein, daß dieses Interesse für einen selbst etwas Wertvolles darstellt.

Wir alle, der Vortragende und die Zuhörer, sind Menschen, die ein Alter erreicht haben, in dem man selbst nachdenken kann, in dem man selbst weiß, was man tut. Wir sind nicht kleine Kinder, die nur aus Neugierde oder um zu spielen kommen.

Da wir also überlegen können, kommen wir hierher, um etwas zu finden, das uns von Nutzen ist. Wir kommen nicht, weil uns langweilig ist oder weil es keine Orte gibt, an denen man seine Zeit noch vergnüglicher verbringen könnte, denn solche gäbe es sicher genug irgendwo auf den Bergen oder in irgendwelchen Parks.

Wie ich schon oft erwähnt habe, liegt es jedoch einerseits am Vortragenden und andererseits am Zuhörer, ob durch das Zuhören bei Unterweisungen wirklich ein Gewinn erzielt wird. Durch die Bemühungen des Vortragenden allein ist dies nicht möglich, es hängt auch sehr vom Zuhörer ab.

In der Ankündigung hieß es, daß dies ein Kurs über die Leerheit sei, im besonderen über einleitende Verse des Textes eines großen bekannten indischen Meisters.

Interesse am Dharma ist etwas sehr Wertvolles, aber es gibt viele Fehler in der Art und Weise, wie man sich damit beschäftigt.

Wenn es einem gelingt, diese Fehler zu erkennen, sie zu vermeiden, und andererseits viel hilfreiches Verständnis mit seinem Interesse und mit seiner Beschäftigung mit dem Dharma zu verbinden, dann kann dies wirklich zu etwas sehr Nützlichem werden, zu dem, was man eigentlich sucht.

Es gibt zwei Arten, sich im Leben zu benehmen: eine sehr weltliche und eine in Verbindung mit dem Dharma. Wenn man als eine sehr weltliche Person versucht, sein Leben zu fristen, dann wird man wahrscheinlich alle nur erdenklichen Mittel benützen, um seine Ziele zu erreichen; man wird lügen, wo das Lügen angebracht scheint, man wird Dinge unklar darstellen, wo dies von Vorteil sein könnte. Das ist die Art und Weise, wie man in weltlichen Dingen oft spricht, sich mit andern unterhält, ihnen Dinge sagt.

Wenn man jedoch im Dharma spricht, im Dharma Dinge weitergibt, dann ist nicht der eigene Vorteil das Motivierende, sondern lediglich der Wunsch, dem andern von bestem Nutzen zu sein.

Es sind schon beinahe zehn Jahre vergangen, seit ich hier im Westen Unterweisungen gebe. In diesen zehn Jahren habe ich gesehen, daß die Leute im Westen an Unterweisungen über Dharma sehr interessiert sind, daß einige ohne große Mühen und ohne große innere Bedrängnis zuhören und diese Unterweisungen anwenden können; andere aber mit sehr vielen Schwierigkeiten, Ängsten, Mühen und Zweifeln zu kämpfen haben.

Das liegt daran, daß man nicht richtig denkt, daß man seinen eigenen Geist nicht in der richtigen Weise führt.

Meine Meinung ist, daß es besonders wichtig ist, als erstes darüber Bescheid zu wissen und diese Fehler des eigenen geistigen Benehmens zu bereinigen. Das eigentliche Thema dieses Kurses möchte ich dann im weiteren Verlauf genauer erklären.

Werden nämlich Überlegungen erläutert, mit denen man Unklarheiten des Geistes, Zweifel und Bedrängnis überwinden kann, dann wird das einerseits denen helfen, die im gegenwärtigen Moment mit solchen Problemen zu kämpfen haben, und andererseits auch allen denen von Nutzen sein, die zwar im Moment frei von solchen Schwierigkeiten sind, indem ein Verständnis dieser Überlegungen solche innere Bedrängnis verhütet.

Vor einigen Wochen habe ich in Tharpa Choeling einen Kurs über das Große Siegel, über Mahamudra, gegeben und habe einen Teil des Kurses dazu verwendet, um auf Gefahren und Fehler im eigenen geistigen Benehmen hinzuweisen. Viele Leute sind daraufhin zu mir gekommen und haben mich gebeten, ihnen zu sagen, mit welchen Mitteln sie negative Eindrücke bereinigen können, und sie wollten die Rezitation des Hundertsilbigen Mantras des Vajrasattva usw. beginnen. Das sind Zeichen, daß solche klaren, deutlichen Darlegungen vielen von ganz konkretem Nutzen sind.

Man hat völlige Freiheit darüber, ob man sich mit Religion beschäftigt oder nicht, und man hat die völlige Freiheit darüber, mit welcher Religion man sich beschäftigen möchte und mit welcher nicht. Es gibt niemanden, der einem mit Recht darüber Vorschriften machen kann.

Ein Beispiel: Hier im Westen gibt es sehr viele große Krankenhäuser, in denen den Patienten eine Unzahl von Medikamenten und Heilmitteln zu Verfügung steht. Wozu dienen sie alle? Sie liegen nicht da, um Platz zu versperren, sondern sie haben nur einen Zweck, nämlich den Patienten von Nutzen zu sein, sie zu heilen. Es ist uns allen bekannt, daß die Menschen mit diesem Ziel versuchen, Heilmittel herzustellen, und zu keinem andern Zweck. Wahrscheinlich wissen Sie darüber noch viel besser Bescheid als ich selbst.

So gibt es eine Unzahl unterschiedlicher Heilmittel für ganz verschiedene Krankheiten. Man fragt sich: Was ist der Zweck dieser großen Auswahl an Heilmitteln?

Diese große Vielfalt entsteht nicht dadurch, daß die Ärzte zu klug oder zu gelehrt sind, sondern dadurch, daß die Patienten so unterschiedlich sind und daß es eine so große Anzahl verschiedenster Krankheiten gibt. Die Vielfalt der Medizinen ist also ein Resultat der Vielfalt der Patienten und ihrer Krankheiten.

Es ist auch nicht der Arzt der Mächtige, derjenige, der bestimmt, welche Medizin gegeben wird, sondern es ist die Krankheit, die bestimmt, welche Medizin zu geben ist. Der Arzt kann nicht einfach jedes beliebige Medikament verschreiben, nur weil er glaubt, daß es besonders wirksam ist, sondern die Art der Krankheit bestimmt, welches Medikament vom Arzt verordnet werden muß.

So ist einerseits die Krankheit des Patienten bestimmend für die Medizin, die verschrieben wird, und andererseits ist nun beim Einnehmen der Medikamente, beim Ausführen der Behandlung, das Benehmen des Patienten, seine Art, die Medizin zu verwenden, das wichtigste.

So muß der Patient genau die Medizin einnehmen, die für ihn am geeignetsten ist, die für seine Krankheit bestimmt ist.

Wenn er im Krankenhaus lediglich nach der stärksten Medizin verlangt und diese einnimmt, dann ist es sehr zweifelhaft, daß ihm das von irgendwelchem Nutzen ist, und es ist sehr wahrscheinlich, daß es ihm großen Schaden zufügt.

Jemand, der Magenbeschwerden hat, muß ein Medikament gegen Magenbeschwerden nehmen, und würde er dieses beiseite legen, einfach vielleicht, weil dieses Medikament sehr billig und nicht teuer ist, und stattdessen ein teures Medikament gegen Fieber oder was immer verlangen, dann wäre sein Benehmen doch sicher sehr sinnlos.

Wenn der Patient gemäß seinem eigenen Wunsch und Verlangen eine falsche Medizin zu sich nimmt und danach mit schweren Komplikationen zu kämpfen hat, bleibt die Frage: Wessen Schuld ist es? Dann ist die Antwort nicht so schwierig; es ist zweifellos nicht die Schuld der Medizin, daß sie dem Patienten Beschwerden verursacht hat, sondern die Schuld des Patienten, weil er unbedingt ein Medikament einnehmen wollte, das seiner Krankheit gar nicht entspricht.

Es ist wichtig für den Patienten, die verschiedenen Medikamente, die es gibt, zu kennen, darüber Bescheid zu wissen, aber mit einem solchen Verständnis auch genau das Medikament einzunehmen, das seiner Krankheit entspricht; so bei Magenbeschwerden Medikamente gegen Magenbeschwerden.

Käme z.B. ein Patient auf den Gedanken, in ein Krankenhaus nicht zu gehen, weil es dort auch Medikamente gibt, die man verwendet, um das Bewußtsein zu reduzieren, um gefühllos zu machen, lediglich, weil er Magenbeschwerden hat und eigentlich Medikamente gegen Magenbeschwerden einnehmen müßte; deshalb nicht hinzugehen, weil es in dem gleichen Krankenhaus auch Medikamente gibt, die irgend etwas anderes bewirken; dann ist das doch zweifellos ein sehr sinnloses Benehmen. Denn ginge er in das Krankenhaus und nähme er die Medikamente ein, die für seine Krankheit bestimmt wären, würde er ganz zweifellos den von ihm gewünschten Nutzen erlangen.

Es ist auch durchaus möglich, daß ihm dieses Medikament, das ihn veranlaßte, nicht in das Krankenhaus zu gehen, und das für ihn zu dem Zeitpunkt eigentlich gar nicht bestimmt war, eines Tages von großem Nutzen sein kann. Sicher haben Sie verstanden, daß dies das Beispiel war.

Das, worüber eigentlich zu sprechen ist, ist das Dharma des Buddha, sind die Unterweisungen des Buddha. Dem geschulten und fachkundigen Arzt entspricht der Buddha, und den vielen Unterweisungen, die er gegeben hat, entspricht die Vielfalt der Medikamente. Und den vielen Kranken, die heutzutage ins Krankenhaus strömen, entsprechen wir. Wir sind wie die Kranken, die Genesung suchen.

Vom Buddha-Dharma spricht man im allgemeinen als Dharma oder als Unterweisungen des Buddha. Fragt man sich, woher diese stammen, dann ist die Antwort: In dieser Periode, zu diesem Zeitpunkt stammen diese Unterweisungen von Buddha Shakyamuni.

Was ist die Natur dieser Unterweisungen des Buddha Shakyamuni? Ihre Natur ist es, den Wesen von Nutzen zu sein, ihnen Hilfe zu geben. Denn die Aktivitäten des Buddha haben kein anderes Ziel, als den Wesen in jeder erdenklichen Weise zu nützen. Das entspricht im Beispiel der Aufgabe des Arztes, den Patienten von Nutzen zu sein, und der einzigen Aufgabe der Medikamente, den Patienten Heilung zu bringen.

Die Unterweisungen des Buddha zeigen eine außerordentliche Vielfalt. Man fragt sich: Was verursacht diese so große Vielfalt der Unterweisungen? Der Grund ist nicht, daß die Buddhas zu klug sind, sondern der einzige Grund, weshalb es eine solche Vielfalt von Unterweisungen gibt, ist der, daß die Wesen, für die diese Unterweisungen bestimmt sind, eine solche Vielfalt an Neigungen und Bedürfnissen zeigen.

Wie im Beispiel erwähnt, ist die eigentliche Ursache der Vielfalt der Medikamente nicht die Gelehrtheit und Klugheit der Ärzte; sie ist lediglich ein notwendiger Faktor für das Entstehen dieser Medikamente. Aber das Verlangen danach entsteht dadurch, daß die Krankheiten der Patienten eine solche Vielfalt aufweisen. Genau gleich ist es mit der Vielfalt der Unterweisungen des Buddha; der Grund ihres Vorhandenseins sind die unterschiedlichen Neigungen und Bedürfnisse der Wesen.

Man kann z.B. die Unterweisungen des Buddha in das sogenannte Kleine Fahrzeug und das Große Fahrzeug aufteilen; und dieses weiter in das Fahrzeug der Sutras und das Fahrzeug der Tantras.

Die Unterweisungen, die als das Kleine Fahrzeug bezeichnet werden, haben ebenfalls wieder viele Unterteilungen, und genauso die Unterweisungen des Großen Fahrzeuges. Die Unterweisungen des Fahrzeugs der Mantras werden unterteilt in vier Klassen, die verschiedene Stufen darstellen, und jede dieser Klassen hat wiederum eine große Zahl von Unterteilungen.

Genauso wie es eine Unzahl von Medikamenten gibt, die, bei der entsprechenden Krankheit richtig angewendet, ihre heilenden Wirkungen entfalten können, so sind diese vielen Arten von Unterweisungen nicht etwas, das alles von einer Person zugleich angewendet wird; sondern sie sind wie eine große Auswahl von Medikamenten, die von einer Person zu dem Zeitpunkt anzuwenden sind, in dem die Notwendigkeit dafür besteht, in dem auch die entsprechende Disposition in der Person vorhanden ist.

So muß der Patient verstehen, daß es eine große Zahl von Medikamenten gibt, daß er im Moment an Magenbeschwerden leidet und daß er jetzt Mittel gegen diese Magenbeschwerden einzunehmen hat; und gleichzeitig ist es gut, wenn er weiß, daß es im gleichen Krankenhaus auch Medikamente gegen Gelbsucht gibt und er sich da etwas holen kann, wenn er einmal Gelbsucht hat, und daß es auch Medikamente gegen Fieber gibt und er hier gut aufgehoben ist, wenn er einmal Fieber hat.

Gleichermaßen ist es für den Anwender des Dharma wichtig, sich über seine geistige Fähigkeit im klaren zu sein, zu sehen, wie weit das eigene Verständnis reicht, und zu erkennen, in was für einem schwachen Zustand der eigene Geist ist, um dann auch die richtigen Unterweisungen anzuwenden; und gleichzeitig zu verstehen, daß, wenn man durch die Anwendung dieser Unterweisungen eine gewisse Heilung erreicht, einen gewissen Fortschritt, eine gewisse Festigung des Geistes erzielt hat, auch noch das anzuwenden wäre. Und wenn das erreicht ist, auch über das Weitere noch nachzudenken ist. Daß man also einerseits erkennt, was für einen im Moment geeignet ist, und gleichzeitig auch sieht, was es in der Zukunft noch alles geben kann.

Wenn man sich nicht so benimmt, sondern allen, die den Mund aufmachen und etwas über Dharma sagen, zuhört, allen Vertrauen schenkt und das gerade anwenden möchte und dann keinen Erfolg damit hat, den Mut verliert und eine Abneigung entwickelt gegenüber denen, die diese Unterweisungen geben, gegenüber den Unterweisungen selbst und gegenüber dem Buddha usw., ist dies ein Benehmen, das einem nicht nur von keinerlei Nutzen ist, sondern das gar nicht der Mühe wert ist und viel zu viel Schaden für einen selbst anrichtet.

Wem schadet ein solches Benehmen? Schadet es den Unterweisungen, dem Buddha? Diesen schadet es in keiner Weise. Derjenige, dem es wirklich schadet, ist man selbst. Wenn man krank ist und alle erdenklichen Medikamente zu sich nimmt, dann wird das den Medikamenten nichts schaden und auch nicht dem Arzt. Der, dem es wirklich schadet, ist der Patient selbst.

In den großen Schriften des Kleinen Fahrzeuges genauso wie in den großen Schriften des Großen Fahrzeuges wird immer wieder deutlich gemacht, daß es für den Vortragenden äußerst wichtig ist zu wissen, wem was gesagt werden darf, welchen Schülern welche Unterweisungen gegeben werden sollen und welche nicht gegeben werden sollen.

Der Grund dafür ist, daß das Erklären bestimmter Dinge Zuhörern, die im Moment für diese Erklärungen nicht geeignet sind, deren geistige Einstellung dieser Erklärungen nicht bedarf, nicht nur von keinem Nutzen ist, sondern in ihnen Schaden hervorbringen kann. Das Hören der Unterweisungen hinterläßt selbstverständlich seine positiven Eindrücke, aber dennoch kann durch die Einstellung des Zuhörers ein Schaden in ihm entstehen.

Und wie kann das einem Zuhörer schaden? Wenn der Geist nicht über eine entsprechende Stärke verfügt, wenn die Kraft des Geistes nicht so weit entwickelt ist, dann können Unterweisungen, die eine solche Stärke des Geistes verlangen, in dem Zuhörer sehr viel Unbehagen oder Leid auslösen, weil er mit dem Gesagten nicht zurechtkommt. Und die Mühen, die dadurch entstehen, werden ihn dazu veranlassen, mit allen seinen drei Toren, das heißt durch sein Denken, durch sein Reden und durch sein körperliches Handeln sich negativ zu benehmen, um mit diesen Mühen irgendwie fertig zu werden.

Wenn jedoch Unterweisungen genau dem Zustand des Zuhörers entsprechen, dann müssen sie gegeben werden, denn dann sind sie ihm von ganz besonderem Nutzen; ähnlich wie wenn eine eiternde Wunde in einen Zustand gekommen ist, in dem sie am Aufbrechen ist und die Verunreinigung freigeben kann; dann läßt sich diese Wunde sehr leicht öffnen und heilen. Ähnlich ist es, wenn der Zustand des Geistes des Zuhörers den Unterweisungen entspricht; dann hat das Hören der Unterweisungen eine ganz schnelle und besondere Wirkung.

Was für negative Konsequenzen durch einen Schaden entstehen können, wenn ein Zuhörer versucht, Unterweisungen zu hören und anzuwenden, die im Moment seinem Zustand nicht entsprechen, das wurde in der Vergangenheit schon oft erklärt; es sind nicht nur die Mühen und Probleme, die sofort ausgelöst werden, sondern vor allem auch die negativen Erfahrungen, deren Ursachen durch ein solches Benehmen hervorgerufen werden.

Der Buddha gibt selbstverständlich nur die Unterweisungen, die dem Gefäß, d.h. dem Zuhörer, genau entsprechen; und selbst wenn der Zuhörer im Moment nicht für diese Unterweisungen bereit wäre, verursacht allein die Erscheinung, die Ausstrahlung des Buddha ein Abschwächen, ein momentanes Verschwinden der Verblendungen, was den Zuhörer somit zu einem sogenannten geeigneten Gefäß macht.

Heutzutage hingegen haben Vortragende vielleicht nicht die Möglichkeit, unter den Zuhörern zu unterscheiden, welche ein geeignetes Gefäß sind und welche nicht; und selbst wenn sie die Fähigkeit haben und dem einen Zuhörer sagen, du kannst hierbleiben, und dem andern sagen, du kannst nicht hierbleiben, dann wäre das nichts anderes als eine Ursache für einen endlosen Streit.

Wenn nun der Vortragende nicht weiß, wer ein geeignetes Gefäß ist und wer nicht, wer weiß es dann? Es ist der Zuhörer selbst, der das wissen kann. Wenn man beim Zuhören eine ständige heilsame Beeinflussung des eigenen Geistes empfindet, wenn man dabei das Gefühl hat, ja das ist so, und von dem Gesagten fest überzeugt wird, wenn in einem während des Zuhörens die Verehrung für das Gesagte und das Vertrauen steigen oder deutlich vorhanden sind, ähnlich wie man beim Essen von etwas Süßem ständig die Süße empfindet, wenn das Zuhören eine solche Empfindung des Wohlbehagens und des Vertrauens mit sich bringt, dann ist das ein deutliches Zeichen, daß man ein geeignetes Gefäß für das eben Gesagte ist.

Wenn man dagegen bei Unterweisugen gar nicht so recht zuhören möchte, wenn man beim weiteren Zuhören verärgert und mit der Zeit sogar etwas wütend auf den Vortragenden wird und schließlich sein bisheriges Interesse an Unterweisungen usw. verliert, dann ist das ein deutliches Zeichen dafür, daß man kein geeignetes Gefäß für die Unterweisungen ist, die in dem Moment eben gegeben werden.

Wenn man eine solche Erfahrung macht, ist es wichtig zu erkennen, daß man im Moment nicht im geeigneten Zustand ist, um solche Unterweisungen zu erhalten. Man sollte sich dieser Tatsache bewußt sein und dadurch verhindern, daß man sich über den Vortragenden ärgert oder die Unterweisungen als etwas Unrichtiges betrachtet.

Denn für jemanden z.B., der Einweihungen in verschiedene tantrische Übungen gefolgt ist, beinhaltet das ein Handeln gegen die erste und zweite prinzipielle Bindung, die man durch das Nehmen solcher Einweihungen erhält.

Erkennt man, daß man einerseits im Moment nicht in der richtigen geistigen Verfassung ist, um diesen Unterweisungen zuzuhören, ist man sich andererseits der Gefahr bewußt, daß eine falsche Einstellung gegenüber diesen Unterweisungen und dem Vortragenden von sehr großem Schaden ist, dann kann man in Ruhe und mit getröstetem Geist verweilen.

Ich betrachte es als sehr wichtig, daß einem heutzutage diese Tatsachen bewußt sind und daß man sich entsprechend einem solchen Verständnis verhalten kann.

Denn am Anfang, wenn man etwas Interesse für das Dharma hat, zum erstenmal mit Unterweisungen des Buddha in Berührung kommt, mag es ganz reizvoll sein, da und dort zuzuhören. Folgt man dann über längere Zeit immer wieder Unterweisungen, dann wird es immer mühsamer, immer anstrengender, und es besteht die Gefahr, daß man die Unterweisungen, die man hört, zu einem Werkzeug macht, mit dem man negative Eindrücke sammelt. Das ist in keiner Weise der Mühe wert, sondern sollte vielmehr nach bestem Vermögen vermieden werden.

Auch Buddha Shakyamuni hat in dem Moment, nachdem er das Erreichen der Erleuchtung in Bodh-gaya gezeigt hat, die Worte gesprochen, daß er die letztliche Wahrheit erkenne und sehe und daß das wie ein Nektar ist, der die Wesen von allen ihren Leiden befreien kann; aber daß er gleichzeitig erkenne, wie schwer es ist, diese letztliche Wahrheit zu verstehen. Und er entschloß sich, diese Wahrheit, seine Erkenntnis, vorerst nicht weiterzugeben, sondern weiterhin in diesem Wald zu verweilen.

Dieses Verhalten hat Buddha in der Erscheinung gegenüber gewöhnlichen Menschen gezeigt, um deutlich zu machen, wie wichtig es ist, daß der Zuhörer ein geeignetes Gefäß für die entsprechenden Unterweisungen ist. Erst als der Deva Brahma ihn ganz öffentlich um Unterweisungen bat, fing Buddha Shakyamuni an, seine Erkenntnisse weiterzugeben.

In Wirklichkeit jedoch gab Buddha den nicht gewöhnlichen Schülern, die ein geeignetes Gefäß für seine Unterweisungen waren, den Bodhisattvas und Arhats usw., in verschiedensten Manifestationen Unterweisungen über die tiefgründigen Aspekte aller Teile des Dharma.

Den gewöhnlichen Schülern wie uns zum Beispiel gab er zu diesem Zeitpunkt jedoch keine solchen Unterweisungen. Ihnen hat er in Varanasi dann zuerst erklärt, was das Leiden des Körpers und des Geistes ist, und er hat ihnen deutlich gemacht, was die Ursachen dieses Leidens sind, nämlich die Probleme und Bedrängnisse des Geistes.

Er hat ihnen ebenfalls erklärt, was für ein Wohlbehagen und Glück erreicht werden kann, wenn diese Ursachen des Leides beseitigt werden, und er hat dann weiter gezeigt, was für Mittel angewendet werden müssen, um zu einer solchen Beseitigung des Leides zu gelangen. Somit hat er den Schülern als erstes die Vier Edlen Wahrheiten beigebracht.

Und wenn der Buddha den Schülern erklärt hat, was die Leiden des Geistes und Körpers sind, daß das Leid ist, dann haben die Schüler das sehr leicht und klar verstanden; die eigenen Leiden und Bedrängnisse zu erkennen ist auf Grund dieser Erklärungen nicht sehr schwer. Was für Ursachen im eigenen Geist vorhanden sind, was Haß und Begierde sind und daß diese Ursachen darstellen, das ist ebenfalls etwas, was die Schüler sehr klar verstanden haben. So war es auf Grund dieser Erklärungen unmöglich für die Schüler, auf irgendwelche falschen Gedanken zu kommen.

Und wenn dem Schüler dann weiter deutlich gemacht wird, was für ein Wohlbehagen erreicht werden kann durch das Beseitigen der Ursachen des Leides und daß die Leiden so lange verweilen werden, wie deren Ursachen nicht überwunden sind; und wenn der Schüler dann verstanden hat, was für ein Glück und was für ein angenehmes Sein erlangt wird, wenn diese Leiden beseitigt sind;

dann entsteht in ihm der Wunsch, um jeden Preis dieses Wohlbehagen zu erreichen, um jeden Preis von den gegenwärtigen Leiden, die er ganz klar erkannt hat, freizukommen.

Ähnlich wie einer, der am Verdursten ist, denkt, ich muß um jeden Preis etwas Wasser zu trinken bekommen, ganz gleich, was geschieht, genauso verlangt der Schüler dann danach, um jeden Preis diese Loslösung vom Leid zu erwirken. Somit wird ihm durch diese Unterweisungen ein außergewöhnlicher Gewinn zuteil.

Und wenn dem Schüler, nachdem ein solcher Wunsch, diese Ziele zu erreichen, in ihm entstanden ist, dann gesagt wird, was er zu tun hat, um von diesen Leiden freizukommen, was er anzuwenden hat, dann wird er mit großem Eifer diesen Anweisungen folgen, und jede kleinste Bemühung in der Anwendung wird ihm von großem Gewinn sein.

Wenn z.B. einem Durstigen gesagt wird, daß er hinter dem Paß eine sehr klare und kühle Quelle finden wird, wo er seinen Durst stillen kann, daß es allerdings ein bißchen Mühe kostet, über diesen Paß zu steigen, dann wird er nicht zweimal nachdenken, sondern sich sofort auf den Weg machen, um zu dieser Quelle zu kommen; und wenn er irgendein Gefäß hat, um etwas Flüssigkeit aufzubewahren, dann wird er dieses mitnehmen, damit er für sich von diesem Wasser etwas zurückbringen kann.

Und so hat Buddha, als er die ersten Unterweisungen gab, sich nicht in die große Öffentlichkeit begeben, um zu sagen, daß er der Buddha sei, daß er tiefgründige Dinge, sei es über Tantra oder die Leerheit usw. erklären werde, sondern er hat diese eben erwähnten ganz klaren, einfachen und wirksamen Unterweisungen gegeben.

Deshalb sollten wir, wenn wir den Wunsch haben, durch das Hören von Unterweisungen etwas für uns Wertvolles zu erlangen, etwas Brauchbares damit zu bekommen, nicht einfach allem nachlaufen, was irgendwo erklärt wird, sondern uns vor allem bemühen, richtig zuzuhören und dem zuzuhören, das für uns geeignet ist.

Aus einem solchen Verständnis heraus haben sich auch die großen Kadampa-Meister folgenderweise benommen: Als einer dieser Meister diesbezüglich gefragt wurde, antwortete er, daß er bei Unterweisungen über die Entwicklung der Fähigkeit des Gebens nicht über die heilsamen Auswirkungen des Gebens spreche, was sonst im allgemeinen einer der Hauptaspekte dieser Unterweisungen ist, sondern daß er vor allem darüber spreche, was für negative Auswirkungen der Geiz hat, der einen dazu veranlaßt, alles an sich zu ziehen, nichts von sich weggehen zu lassen; daß er insbesondere die negativen Auswirkungen des Gegenteils der geistigen Einstellung des Gebens beschreibe.

Denn wenn man sein Leben verbringt unter dem Einfluß des Geizes, der einen nichts von sich geben läßt, der immer nur versucht, Dinge zusammenzutragen, dann wird man sein ganzes Leben nichts anderes als Leid und Bedrängnis erfahren. Dieser Versuch, Dinge an sich zu halten, diese Unfähigkeit, Dinge loszulassen, macht einen ständig unglücklich. Zudem wird der Wunsch, Dinge zu besitzen, zu haben, nie vollständig erfüllt sein, man wird nie das Gefühl haben, jetzt ist es genug, jetzt habe ich, was ich möchte. Und somit machte dieser Meister deutlich, daß diese Einstellung des Geizes einem das ganze Leben versauert.

Wir sollten uns so verhalten, daß wir nicht versuchen, immer noch etwas Neues, immer noch mehr Unterweisungen zu bekommen, sondern vielmehr das, was wir bisher gehört und gelernt haben, wirklich in Besitz zu nehmen, wirklich zu verstehen suchen, selbst im eigenen Geist zu halten, anzuwenden, und die Anwendung des Gehörten und Verstandenen nach besten Kräften zu verfeinern und besser zu machen.

Wenn wir stattdessen die Dinge, die wir verstehen und gelernt haben, als klein und einfach betrachten und nicht anwenden, weil wir uns denken, ja, das ist leicht, das ist nicht schwierig, und andererseits die Dinge, die wir nicht verstehen, irgendwo lernen möchten und umherrasen, um Neues zu erfahren, dann bleibt für uns nichts übrig, das wir anwenden. Denn das, was wir verstehen, betrachten wir als zu klein und einfach und wenden es nicht an, und das andere, dem wir nachjagen, das verstehen wir ja nicht.

Wenn man sich so benimmt, dann wird man wie ein Stück Rind, das das Gras nicht frißt, das vor ihm ist, und das Gras, das es sucht, nicht bekommt; und das auf der Suche ständig mit den Hörnern alles aufspießt, was in den Weg kommt.

Bevor der große indische Meister Palden Atisha nach Tibet kam, war die Situation des Dharma in Tibet ebenfalls schwierig. Und wenn ich heute die Situation des Dharma im Westen betrachte, dann erinnert sie mich sehr an die Lage damals in Tibet vor der Ankunft Atishas.

Tibet und Indien haben eine gemeinsame Grenze, es sind benachbarte Länder. Vor Atisha kamen nach Tibet immer wieder indische Meister, die Unterweisungen gaben. Das gefiel den Tibetern sehr, und sie liefen überallhin, wo auch immer sie Unterweisungen bekommen konnten. Sie waren ständig nur darauf erpicht, Unterweisungen zu hören, aber nicht darauf, sie auch anzuwenden. Und so haben sie auch wirklich mit der Zeit sehr viele verschiedene Dinge zu hören bekommen.

Schließlich führte das dazu, daß einige eine besondere Vorliebe für Unterweisungen des Hinayana hatten und die Unterweisungen des Mahayana, des Großen Fahrzeugs, und des Tantrayana als etwas Falsches betrachteten; daß die, die eine Vorliebe für das Mahayana hatten, Tantra und Hinayana verteufelten; und die, die sich besonders dem Tantrayana verbunden fühlten, die Übungen der Bodhisattvas und des Hinayana als etwas Unnötiges hinstellten.

Der Herrscher über Tibet war zu diesem Zeitpunkt ein Bodhisattva, der diese Lage sah und um jeden Preis diesen Mißstand beseitigen wollte. Er dachte, daß er deshalb, koste es, was es wolle, den allerbesten indischen Meister nach Tibet einladen müsse, den gelehrtesten und den mit dem feinsten Geist.

Atisha war zu diesem Zeitpunkt in einer der größten Klosteruniversitäten Indiens tätig, und die Leute dort hielten ihn selbstverständlich fest, weil er für sie wie ein äußerst wertvoller Edelstein war. Die Tibeter jedoch bemühten sich mit allen nur erdenkbaren Mitteln, wobei viele selbst ihr Leben aufs Spiel setzten und ihren ganzen Reichtum hergaben, nur um Atisha nach Tibet zu bekommen.

Als Atisha und der Herrscher Tibets sich dann zum erstenmal trafen, bat dieser Atisha, daß er entsprechend der Situation des Dharma in Tibet Unterweisungen geben möge, die dem Geist der Leute von Nutzen sind; und er bat ihn nicht darum, Unterweisungen über Tantra oder die Leerheit usw. zu geben.

Denn das Wirksamste im Menschen ist der Geist; das, was das ganze Land in Aufruhr versetzt, ist der Geist der Menschen. Und wenn Unterweisungen gegeben werden, die dem Geist der Menschen von Nutzen sind, dann ist das das Allerbeste, was erreicht werden kann.

Der Meister Atisha war tief gerührt von dieser Bitte des Bodhisattvas und empfand ihn als einen sehr feinen Schüler; und er verfaßte sofort den Text, der genannt wird Das Licht auf dem Weg zur Erleuchtung.

Dieser Text bildet die Grundlage des bekannten Lam Rim Tschenmo, der Stufen auf dem Weg zur Erleuchtung des tibetischen Meisters Je Tsongkapa, und ebenfalls die Grundlage der Texte über Mahamudra und die verschiedenen Lam Rim Texte der Dagpo Kagyü Tradition.

Es gibt einen Text, der sich Schmuck der Befreiung nennt, und die Grundlage dieses Textes ist ebenfalls Atishas Licht auf dem Weg zur Erleuchtung.

Da Atisha ein Meister war, der über außerordentliches Verständnis des Dharma verfügte und die Fähigkeit hatte, auf jede Art Unterweisungen zu geben, haben dann auf Grund dieser Bitte des Bodhisattvas seine Unterweisungen ganz Tibet überdeckt, ähnlich wie z.B. ein Fluß eine ganze Ebene überdecken und mit Wasser füllen kann; und die Leute, die seine Unterweisungen erhielten, fingen an, ganz ernsthaft anzuwenden, und konnten auch Ziele in ihrer Anwendung des Dharma erreichen.

Vielleicht mögen meine Erklärungen etwas unangebracht erscheinen, andererseits wieder werden sie vielleicht dem einen oder andern von großem Nutzen sein, vor allem denjenigen, die im Moment mit Schwierigkeiten diesbezüglich zu kämpfen haben, und allen denen, die in der Zukunft jemals mit solchen Schwierigkeiten zu tun haben werden.

Wenn man Dharma-Unterweisungen versteht, sie zu etwas machen kann, das dem eigenen Geist nützlich ist, wenn man sie mit dem eigenen Geist verbindet und sie dann ernsthaft anwendet, dann hat man wirklichen Gewinn daraus gezogen.

Wenn man stattdessen Dharma dazu verwendet, um sich an irgendeine Seite oder eine Tradition zu klammern, zu sagen, "ich gehöre zum Hinayana" oder "ich gehöre zum Mahayana", "ich gehöre zu den Kagyüpas" oder "ich gehöre zu denen, die Tantra ausüben", "ich gehöre zu denen, die kein Tantra ausüben" usw., und sich so zu irgendeiner Gruppe zählt, um dann alle anderen, die zu einer anderen Gruppe gehören, als Feinde oder als etwas Falsches zu betrachten, dann ist das ähnlich, wie wenn man im Krieg einen Schützengraben aushebt, um sich darin zu verstecken und auf die zu schießen, die im andern Schützengraben sitzen. Genauso hat man dann das Dharma einfach zu einem Schützengraben gemacht, von dem aus man auf alles andere um sich schießt.

Wenn man im Krieg einen Schützengraben aushebt, um dann auf den andern zu schießen, treffen die Geschosse den andern und nicht einen selbst; wenn man das Dharma zu einem Schützengraben macht, um daraus zu schießen, treffen die Geschosse nichts anderes als einen selbst.

Es ist also sehr gut und lobenswert, sich für Dharma, für Religion, zu interessieren und sich damit zu beschäftigen, aber man muß dabei auch vorsichtig sein und wissen, wie man das macht, damit keine Fehler und kein Schaden entstehen.

Viele rezitieren bestimmte Mantras und meditieren über bestimmte Meditationsgottheiten und visualisieren sich als diese Meditationsgottheiten, aber den Segen, die heilsame Kraft einer solchen Meditation zu erlangen, wie sie erlangt werden kann, ist äußerst schwierig. Was wir machen, ist lediglich eine Rezitation des Mantras und der Versuch, mit diesen Meditationsgottheiten zu meditieren.

Solche Bemühungen sind sehr lobenswert; aber diese äußerst schnelle und wirksame Veränderung, diese heilsame Entwicklung des Geistes, wie sie in den Schriften beschrieben wird und durch solche Meditationen auch erreicht werden kann, gelingt uns nicht, weil die inneren Vorbereitungen, die dazu notwendig sind, in uns fehlen.

Wir haben sicher schon viele Repräsentationen dieser verschiedenen Meditationsgottheiten gesehen. Wenn sie einmal mit solchen Meditationen begonnen haben, kommen manche Leute auf den Gedanken, daß sie eine dieser Gottheiten besonders mögen, eine andere nicht mögen, und sie machen eine Unterscheidung wie mit Menschen, die man mag oder nicht mag. Das ist ein großer Fehler.

Es gibt bestimmte solche Erscheinungen des Buddha, bestimmte Meditationsgottheiten, zu denen man sicher eine besondere Zuneigung, eine besondere Hingabe empfindet auf Grund bestimmter Verbindungen früherer Handlungen und Beziehungen; daß man dann ein besonderes Vertrauen auf eine solche Erscheinung des Buddha faßt, das Mantra einer solchen Erscheinung rezitiert und die Medationen macht, ist sehr gut.

Und bezüglich aller anderen Meditationsgottheiten ist es angebracht, sie zu respektieren und zu denken, daß sie auch ihre bestimmten Aufgaben haben und erfüllen, und auf jeden Fall zu vermeiden, sie als etwas Negatives oder Schlechtes oder weniger Gutes zu betrachten und eine Auffassung zu haben, wie man sie oft gegenüber Menschen hat.

Denn daß es so viele verschiedene Erscheinungen des Erleuchteten Geistes gibt, hat seinen Grund nicht darin, daß der Buddha uns zeigen will, in wieviel verschiedenen Arten er sich manifestieren kann, um uns zu beeindrucken, und er nimmt auch nicht diese verschiedenen Formen an, wie vielleicht ein Künstler innerhalb kürzester Zeit die verschiedensten Kleider anzieht; das ist nicht der Grund dieser vielen Erscheinungen.

Diese kommen dadurch zustande, daß die Wesen eine Unzahl verschiedener Neigungen, Einstellungen und Umstände mit sich bringen und der Geist des Buddha ganz spontan in diesen verschiedensten Formen erscheint, um dem einzelnen von bestem Nutzen zu sein.

Wenn Sie z.B. auf diesen Tisch eine ganze Vielfalt bunter Blätter legen und ein Glas darauf, dann erscheint dieses in den Farben dieser Blätter; obwohl das Glas keine Gedanken und nicht den Wunsch hat, in diesen vielen verschiedenen Farben zu erscheinen, geschieht dies doch auf Grund der verschiedenen Farben der Blätter.

Untersucht man die unterschiedlichsten Erscheinungen des Buddha, die sogenannten Meditationsgottheiten, dann findet man, daß sie alle ihren Ursprung im Erleuchteten Geist haben, im Geist des Buddha selbst. Und zu sagen, "ich mag die einen und die andern nicht", ist deshalb nicht viel anderes als das Spiel unwissender Kinder.

Es ist wichtig, darüber Bescheid zu wissen, denn sonst begeht man leicht den Fehler, völlig sinnloserweise sehr negative Eindrücke zu sammeln.

Es gibt z.B. auch verschiedene Erscheinungen des Avalokiteshvara, mit zwei Armen, mit vier, mit tausend Armen usw.; überlegt man, was Avalokiteshvara ist, dann sieht man, daß dies die Erscheinung des Erbarmens des Erleuchteten Geistes ist. Und Avalokiteshvara wird nicht immer aufrecht mit seinen tausend Armen im Rad aufgespannt dastehen.

Es ist wichtig, sich dieser Tatsache bewußt zu sein, und auch wenn man Repräsentationen dieser Erscheinungen des Buddha sieht, zu wissen, daß dies eine Erscheinung des Erleuchteten Geistes ist und daß alle diese Meditationsgottheiten vom gleichen Geisteskontinuum sind.

Es gibt eine Aussage, die zu dem Zeitpunkt entstand, als das Dharma von Indien nach Tibet gekommen war: Manche verwirklichen, indem sie auf eine Gottheit vertrauen, Hunderte oder Tausende von Gottheiten.

Das bedeutet folgendes: Die indischen Meister zu dieser Zeit konzentrierten sich ganz unablenkbar auf eine dieser Erscheinungen des Buddha, setzten auf sie ihr ganzes Vertrauen, wendeten diese Methoden an und verwirklichten diese Gottheiten auch, das heißt, sie konnten durch die Anwendung die entsprechende geistige Entwicklung vollziehen.

Und nachdem sie dieses Ziel erreicht hatten, konnten sie selbstverständlich sämtliche Erscheinungen des Buddha sehen und treffen. Das ist gemeint, wenn gesagt wird, daß manche dadurch, daß sie auf eine Gottheit vertrauen, Hunderte oder Tausende zu sehen bekommen.

Daß es möglich ist, durch die Anwendung der Methoden einer einzigen Meditationsgottheit sämtliche andern zu sehen und zu verwirklichen, ist ein deutliches Zeichen dafür, daß sie alle von der gleichen Natur sind, daß sie alle in ihrer letztlichen Natur eine Erscheinung des Erleuchteten Geistes sind.

Und diese Aussage ging weiter: Während manche auf eine Gottheit vertrauen und Hunderte sehen, so vertrauen sie in Tibet auf Hunderte und erreichen nicht eine einzige.

Das war zu dem Zeitpunkt in Tibet, als viele Leute sich zuerst der einen Gottheit zugeneigt fühlten, diese Methoden eine Zeitlang anwandten, dann einer anderen, und so von einer Gottheit zur andern gingen und selbstverständlich dadurch, daß sie nie auf eine festes Vertrauen faßten und diese Methoden unabgelenkt anwandten, auch nie zum Ziel kamen.

Das ist nur eine Aussage über einen Zustand, der früher zwischen Indien und Tibet herrschte. Für uns ist daraus zu entnehmen:

Wenn man diese Methoden der verschiedenen Meditationsgottheiten anwendet, muß man auf eine ein unablenkbares, festes und unumstößliches Vertrauen haben, und diese fortgesetzt intensiv anwenden.

Außerdem ist uns sicher das Rezitieren von Mantras bekannt, wie z.B. des Om Mani Padme Hung als Mantra des Avalokiteshvara oder des sogenannten Hundertsilbigen Mantras des Vajrasattva usw.

Auch diese Mantras sind nicht zu vergleichen mit unserer Fähigkeit des Sprechens; denn unser Geist, unser Körper und unsere Rede sind unterschiedliche Dinge; im Moment stehen sie einem Wesen zur Verfügung, am Ende des Lebens werden sie alle wieder auseinandergehen.

Die Mantras dagegen sind eine Erscheinung des Erleuchteten Geistes in der Form von Klängen. Genauso wie der Geist in der Gestalt einer Meditationsgottheit erscheint, so erscheint er ebenfalls in der Form von Aussagen, von Worten oder Klängen, und das sind diese Mantras. So sind die physischen Erscheinungen und die klanglichen Erscheinungen von einer Natur.

Das ist auch der Grund, weshalb das Rezitieren solcher Mantras von Nutzen ist, weshalb es positive Wirkungen zeigt und weshalb es überhaupt möglich ist, daß solchen Klängen und Worten besondere Wirkung innewohnt.

Daß die Mantras eine Erscheinung des Erleuchteten Geistes in der Form von Klängen sind, erzähle ich Ihnen nicht, um Sie zu trösten oder auf irgendwelche unwahren Gedanken zu bringen, sondern daß das so ist, ist in den Schriften des Buddha niedergelegt; es gibt ein bestimmtes Sutra, in dem dieser Sachverhalt genau beschrieben ist.

Alle, die sich eine Zeitlang mit Dharma beschäftigt haben, machen auch verschiedene Rezitationen; und es ist wichtig, sich der Tatsache bewußt zu sein, daß diese Rezitationen, diese Laute, Erscheinungen des Erleuchteten Geistes in der Form von Klängen sind.

Nun einmal abgesehen von dem Geheimen Mantra - wie die eigentliche Übersetzung des Ausdrucks, der im Tibetischen für Tantra verwendet wird, lautet -, allein schon im Fahrzeug der Sutras, im sogenannten Sutrayana, gibt es viele Aspekte, sowohl auf der Seite der Mittel und Methoden wie auch auf der Seite des Verständnisses und der Weisheit, die mit dem Namen geheim belegt werden, das heißt, daß es auch bei diesen Unterweisungen sehr viele gibt, die nur den richtigen Gefäßen übermittelt werden dürfen.

In den Unterweisungen über die Geistesschulung in sieben Punkten gibt es einen Punkt, wo die Methoden zur Entwicklung des Geistes der Erleuchtung erklärt werden: Man stellt sein eigenes Wohl ganz in den Hintergrund und widmet sich vollständig dem Wohl der anderen usw.; das ist ein Teil der Unterweisungen, der ebenfalls mit dem Namen geheime Unterweisung bezeichnet wird.

Der Grund dafür ist, daß die Anweisung, sich selbst ganz in den Hintergrund zu stellen und lediglich für das Wohl der andern dazusein, nur für den einen oder andern, der ganz besonderen Mut hat, akzeptierbar ist. In den Geist der meisten von uns, die wir immer nur an uns denken, vom Morgen bis zum Abend, paßt eine solche Anweisung gar nicht hinein, in unserem Geist besteht gar nicht genügend Platz für einen solchen Gedanken.

Wenn jemandem, der ständig nur an sich denkt und die andern völlig beiseite läßt, gesagt wird, daß er sich selbst völlig beiseite lassen sollte und nur an die andern denken, nur für das Wohl der andern handeln sollte, dann benötigt es schon sehr, sehr viel Mut, um mit einer solchen Anweisung überhaupt zurechtzukommen.

Ist jedoch der Zuhörer das richtige Gefäß für solche Erklärungen, dann sind sie für ihn wie Wasser für Blumen, d.h. sie bringen ihn schnell zum Blühen.

Für jemanden, der in einem Bus oder im Zug als erstes schaut, ob er für sein Hinterteil einen Platz findet, ist ein solcher Gedanke sicher fast unvorstellbar, und es ist kaum möglich, daß er überhaupt in seinen Geist hineinpaßt.

Diese Unterweisungen über die Schulung des Geistes brachte Atisha aus Indien nach Tibet mit; aber er gab sie dort nicht den meisten Schülern weiter, sondern nur zweien oder dreien seiner allerbesten Schüler, die diese Anweisungen wieder in die Tat umsetzten, sie anwendeteten, zu ihrer Vervollkommnung brachten, um sie dann wieder nur zweien oder dreien ihrer besten Schüler weiterzugeben. Allen andern Schülern gab Atisha vor allem die Unterweisungen, die in dem Text Das Licht auf dem Weg zur Erleuchtung enthalten sind.

Wenn man diese Unterweisungen wirklich in sich hat, wirklich in Besitz genommen hat, wenn sie einen Teil des eigenen Geistes, der eigenen Einstellungen bilden, dann können auf einen Schwierigkeiten zukommen, so viele wollen, sei es, daß man Schwierigkeiten in seinem Studium, seiner Schulung hat, seien es Schwierigkeiten bei der Arbeit oder mit den Freunden oder Bekannten oder in der Familie oder was immer; es können Schwierigkeiten auf einen zukommen, so viele wollen, sie können einem nichts antun, nichts schaden; im Gegenteil, sie bilden nur einen Umstand zur weiteren Stärkung der eigenen heilsamen Entwicklung.

Diese Unterweisungen wurden von einem Meister zum andern weitergegeben bis zum bekannten Geshe Chekawa. Er hatte zu diesem Zeitpunkt Mühe, Schüler zu finden, die sie wirklich so weiterführen konnten, wie es in der Linie zuvor der Fall war. Und um zu vermeiden, daß diese Unterweisungen gänzlich verschwinden, machte er sie allgemein zugänglich und ließ die entsprechenden Schriften drucken. Das ist, was wir heute als die Geistesschulung in sieben Punkten kennen.

Wenn man Unterweisungen hört von beliebigen Meistern, wird man sicher auch viel hören, was für einen nicht bestimmt ist, das nicht in einen hineinpaßt; dann sollte man sich nicht dagegen auflehnen oder negative Einstellungen entwickeln, sondern vielmehr darum beten, daß man selbst bald die Fähigkeiten erlangen möge, diese Anweisungen anzuwenden und das geeignete Gefäß dafür zu werden, und somit ein Vertrauen auf sie fassen und erkennen, daß sie im Moment nicht für einen bestimmt sind.

Das bezieht sich auf den Aspekt der Unterweisungen aus den Sutras, die zu den Mitteln und Methoden gehören.

Nun gibt es auch in dem Aspekt der Weisheit, des Verständnisses, viele Punkte, die mit dem Namen geheim bezeichnet werden, vor allem Unterweisungen über Shunyata, über die Leerheit.

Es heißt in den Texten: Wenn Festigkeit erlangt wurde, soll das Geheime gezeigt werden. Das bedeutet: Wenn der Geist eine Festigkeit erlangt hat und keinerlei Gefahr mehr besteht, daß negative oder falsche Ansichten aufkommen, dann kann das Geheime gezeigt werden, und das bezieht sich auf die letztliche Wahrheit, auf die Erklärungen der Leerheit.

Es ist leicht verständlich, weshalb diese Anweisungen gegeben wurden. Wenn z.B. in bezug auf die Geistesschulung jemandem gesagt wird, daß er sich selbst in den Hintergrund stellen und die andern als das nehmen soll, worum man sich zu kümmern hat, dann ist das für jemanden, der sich immer nur um sich selbst kümmert und die andern beiseite läßt, etwas, das leicht alles Vertrauen in ihm ausblasen kann.

Und die gleiche Situation besteht für uns in der Hinsicht, daß wir alles, was uns erscheint, ganz fest und ganz überzeugt als das betrachten, als was wir es auffassen, als was es uns erscheint. Wenn nun gesagt wird, daß das nicht der Fall ist, dann ist das kaum zu akzeptieren.

In den Erklärungen über die Leerheit wird deutlich gemacht, daß die Art des eigentlichen Bestehens der Dinge, die uns erscheinen, und die Art und Weise, wie wir sie wahrnehmen, ziemlich verschieden, ziemlich gegensätzlich sind. Und das mag für uns kaum zu akzeptieren sein, wo wir so fest überzeugt sind von der Richtigkeit unserer Auffassung über die wahrgenommenen Erscheinungen.

Diese Tatsachen können wir nicht erfassen, ein solcher Gedanke paßt gewissermaßen nicht in unsern Geist, und dann besteht die Gefahr, daß man eine falsche Ansicht über die letztliche Wahrheit hat, was wiederum sehr negative Konsequenzen für einen mit sich zieht. Denn wenn falche Ansichten in einem aufkommen, dann bedeutet das für einen selbst einen großen Verlust.

Der große Meister Nagarjuna hat gesagt, daß ein richtiges Verständnis der Leerheit von besonderem Gewinn ist, daß jemand, der ein solches Verständnis erlangt hat, ganz außerordentlichen Fortschritt macht, während ein falsches Verständnis eine große Gefahr in sich birgt.

Diese Tatsache hat er mit einem Beispiel verdeutlicht: Es sei ähnlich wie das Fangen einer giftigen Schlange. Wenn jemand, der Erfahrung darin hat, eine giftige Schlange ergreifen will, dann wird er wahrscheinlich zurechtkommen. Wenn jedoch jemand einfach nach einer solchen Schlange greift, dann wird er ziemlich sicher von ihr gebissen werden und selbst den Verlust tragen.

Das ist das eine Beispiel; ein anderes ist dies: Es gibt bestimmte Mantras, durch deren Rezitation man versuchen kann, Hindernisse, die einem in den Weg gestellt werden, zu beseitigen und diese Hindernisse auf denjenigen zurückzuwälzen, der sie gestellt hat. Dies ist sicherlich möglich, wenn man die Methoden richtig kennt und auch die Fähigkeiten hat, sie richtig anzuwenden. Macht man dabei jedoch Fehler, dann hat das meistens die Wirkung, daß man noch mehr Hindernisse einlädt, als einem ohnehin schon gestellt wurden.

Wir hören heute oft von der Leerheit, von Shunyata. Es ist etwas sehr Bekanntes, wir empfinden es als etwas sehr Tiefgründiges, sehr Wichtiges, und haben denn auch den tiefen Wunsch, es verstehen zu lernen. Das ist auch gut und recht, aber es ist wichtig, die Gefahren zu kennen, und es ist unumgänglich, daß man versucht, ein Verständnis zu erlangen auf einer Basis, auf der man nur gewinnen, aber nicht verlieren kann; aus diesen Bemühungen lediglich einen Gewinn zu ziehen, aber keinen Verlust einstecken zu müssen. Denn wenn sich das einmal ereignet hat, dann ist das sehr beklagenswert.

Für jemanden, dem man Erklärungen über die Leerheit geben kann, so viele man will, und dem bei dem Wort Leerheit nichts anderes einfällt als z.B. das Leersein eines Raumes usw., besteht keine große Gefahr, aber es ist auch keine Hoffnung, großen Gewinn zu erreichen. Wirkliche Gefahr besteht für denjenigen, der mit perfekten Begründungen die letztliche Wahrheit untersucht.

Damit Unterweisungen über die Leerheit gegeben werden können, ist es, wie eben erwähnt, notwendig, daß der Zuhörer ein entsprechendes Gefäß ist.

Ein anderer Aspekt ist, daß auch der Vortragende wirklich die Fähigkeiten haben muß, um diese letztliche Wahrheit fehlerlos darzulegen; denn wenn er lediglich den Namen des Shunyata benützt, um irgend etwas anderes zu erklären, dann ist das nichts anderes, als Schwierigkeiten unnötigerweise hervorzurufen. Und wenn dann der Schüler einer ist, dem man Erklärungen geben kann, so viele man will, und ihm nichts in den Sinn kommt, was damit zu tun hat, dann ist das ebenfalls eine sehr problematische Situation.

Obwohl es so schwierig ist, die Leerheit ganz exakt und fehlerlos zu erklären, und es auch für den Zuhörer so schwierig ist, sie wirklich zu verstehen, ist es dennoch möglich, Unterweisungen zu geben, die zu einem Verständnis der Leerheit führen, die etwas beschreiben, das auf dem Weg zur eigentlichen letztlichen Wahrheit liegt. Und solchen Erklärungen zu folgen und zu versuchen, diese zu verstehen, kann für den einzelnen ebenfalls eine sehr große heilsame Wirkung haben.

Ein großer Kadampa-Meister hat das eigentliche Erkennen der Leerheit mit folgendem Beispiel beschrieben: Wenn es im Winter sehr trocken ist und alles Gras ganz gelb ist und dann ein schwerer Mann mit vielleicht neunzig Kilo oder so mit seinem Fuß auf solches trockenes, gelbes Gras steigt, dann kann er es mit einem Schritt zu kleinen Bröseln zertreten, es wird sofort zerbrechen und in viele kleine Teile zerfallen.

Im Moment gibt es sehr viele negative Faktoren in unserem Geist, wie Begierde, Haß, Stolz, Neid usw., die sehr stark sind. Alle diese negativen Geistesfaktoren werden mit dem trockenen, gelben Gras im Winter verglichen; und das eigentliche Erkennen der Leerheit mit dem Zertreten dieses Grases und dem sofortigen Zerfallen in kleinste Teile. Das heißt, sobald die Leerheit wirklich erkannt wird, werden alle diese negativen Aspekte des Geistes sofort beseitigt.

Es wird weiter gesagt, daß es für jemanden, der nicht über sehr großes heilsames Potential verfügt, nicht einmal möglich ist, einen korrekten Zweifel in der Richtung der Leerheit zu entwickeln.

Es gibt verschiedene Arten von Zweifel. Zweifel, der in der Richtung der eigentlichen Bedeutung geht; Zweifel, der dem Eigentlichen völlig entgegengestellt ist; und einen unentschiedenen Zweifel, der nicht beurteilen kann, ob das Bezweifelte richtig oder falsch ist.

Es heißt also, daß jemand, der nicht über ein großes Potential an Heilsamem verfügt, nicht einmal in der Lage ist, einen korrekten Zweifel in bezug auf die Leerheit zu entwickeln, der in der Richtung der Wirklichkeit geht. Täte dies jemand, der im Gefängnis des Daseinskreislaufs sitzt, dann würde das dieses Gefängnis erschüttern.

Das heißt, daß für uns, die wir im Daseinskreislauf festsitzen, schon allein ein korrekter Zweifel, der in der Richtung der Leerheit geht, diese festen Fesseln lockern würde. Das ist so zu verstehen: Wir sind im Daseinskreislauf ganz fest gefesselt, ähnlich wie eine Person, deren sämtliche Glieder so mit Fesseln vollständig gebunden sind, daß sie sich gar nicht bewegen kann. Wenn nun jemand, der über besonders starke Körperkräfte verfügt, sich bewegt und regt, dann kann er diese Fesseln lockern. Ähnlich bewirkt ein korrekter Zweifel in Richtung Leerheit eine Lockerung dieser festen Fesseln des Daseinskreislaufs.

So benötigt man zwei Dinge, um ein Verständnis der Leerheit zu gewinnen: Einerseits als Unterstützung und Grundlage ein großes Maß an heilsamen Eindrücken; denn ohne ein solches ist es unmöglich, auch nur einen korrekten Zweifel in Richtung Leerheit zu haben. Je Tsongkapa, ein großer tibetischer Meister, hat sich über Jahre hin nur damit beschäftigt, ein großes Maß an heilsamen Eindrücken anzusammeln, um die letztliche Wahrheit zu erkennen.

Eine weitere Notwendigkeit für das Erkennen der Leerheit ist die folgende: Es genügt nicht, sich ruhig zu verhalten wie die Oberfläche eines spiegelglatten Sees, sondern man muß sich vielmehr anstrengen in der Benützung von sehr vielen klaren, sehr tiefgreifenden Begründungen, die die letztliche Wahrheit erhellen.

Es ist möglich, die ständig störenden, unkontrollierten Gedanken zu beschwichtigen und einen klaren, festen Geist zu erlangen, indem man z.B. versucht, den Geist zu beruhigen mit den Methoden zur Entwicklung der punktförmigen Konzentration.

Ebenfalls ist es möglich, indem man die verschiedenen Punkte der Schulung des Geistes anwendet und seinen Geist damit vermischt, einen Enthusiasmus, einen festen Wunsch zu entwickeln, solche Bemühungen durchzuführen und einen entsprechenden notwendigen klaren und ruhigen Geist zu erreichen.

So kann man bei den erwähnten Meditationen allein durch einen festen Willen und durch Enthusiasmus zu einem Erfolg in diesen Meditationen gelangen. Das ist jedoch bei den Meditationen über die Leerheit nicht möglich, denn da muß man mit klaren und scharfen Begründungen die Wirklichkeit untersuchen und denken, das ist so, weil das und das so ist usw.; nur durch die konzentrierte Anwendung klarer, tiefer Begründungen ist es möglich, dieser letztlichen Wahrheit auf die Spur zu kommen.

Damit einem überhaupt solche klaren und tiefen Begründungen in den Sinn kommen, damit man sie überhaupt denken kann, ist es notwendig, sehr weite Studien zu machen; einerseits Studien im Dharma allgemein und im besondern noch Studien über die Leerheit selbst. Für eine solche Schulung ist es nicht unbedingt notwendig, in die Schule zu gehen; man kann von seinem Meister Unterweisungen erhalten und dann selbst diese Studien fortsetzen, diese Gedanken immer wieder nachvollziehen und sich darin schulen.

Ich habe viele Schwierigkeiten und Gefahren aufgezeigt. Es gibt jedoch, wenn wir unsere gegenwärtige Situation betrachten, auch sehr viel, worüber man sich freuen kann.

Denn einerseits haben wir Zugang zu vielen Unterweisungen über die Methoden des Dharma, andererseits zu Unterweisungen über die Weisheit, das Verständnis, das im Dharma entwickelt werden kann. Zudem ist unser Körper in einem gesunden Zustand und unser Geist in der Lage, klare Überlegungen durchzuführen.

Wenn wir in einem Zustand wie unserm jetzigen, wo alle notwendigen Umstände beisammen sind, uns entschließen, etwas Nützliches anzugehen, und diese Bemühungen durchführen, dann haben wir wirklich die Möglichkeit, damit Erfolg zu haben.

Wir haben nicht die Freiheit, dauernd in einer solchen Lage zu verweilen, in der sämtliche hilfreichen Umstände vollständig vorhanden sind; daß wir diese Freiheit nicht haben, wissen wir aus unserer eigenen Erfahrung. Wenn nur der eine oder andere notwendige Umstand verlorengegangen ist, dann mag man zwar wohl noch auf den Gedanken kommen, etwas zu unternehmen, aber die Möglichkeiten sind vorbei. Das muß sich jeder selbst überlegen; der, der die Unterweisungen gibt, und der, der dabei zuhört, da es für den einzelnen selbst bestimmt ist.

Manche Leute werden von den Überlegungen, die entstehen, wenn man ihnen deutlich macht, daß das Leben nicht endlos dauert, daß die Möglichkeiten, die einem im Moment zur Verfügung stehen, einmal zu Ende gehen werden und daß ohne ein entsprechendes heilsames Leben die Zeit nach dem Tode zu etwas sehr Mühsamem und Leidvollem wird, so bedrückt, daß sie dadurch ihr ganzes Interesse am Dharma verlieren. Jemand, der auf einen solchen Gedanken mit einem Verlust des Interesses am Dharma reagiert, hat von Anfang an eher die Natur einer Person sehr unstabilen Geistes.

Die Wirklichkeit, die tatsächliche Situation, in der man ist, nicht zu beschreiben, mag jedoch nicht immer von Vorteil sein. Wenn z.B. jemand schwer an Krebs erkrankt ist und innerhalb einiger Wochen sterben wird, dann mag es dieser Person zwar wohl angenehmer erscheinen, wenn ihr gesagt wird, daß sie in ein, zwei Wochen wieder gesund sein werde, aber das nützt ihr in keiner Weise. Viel besser ist es, wenn ihr Mittel und Methoden gegeben werden können, mit denen sie Dinge tun kann, die in dieser Zeit noch nützlich sind.

Nach all dem sollte man erkennen, daß man entsprechende Vorbereitungen benötigt für die verschiedenen Unterweisungen und welche Voraussetzungen notwendig sind; man sollte erkennen, was für einen selbst im Moment das Brauchbarste und Wichtigste ist, sich dann in diesen Methoden anstrengen und gleichzeitig beten, daß einem alles Weitere in der Zunkunft ermöglicht werden möge, daß man bald die Fähigkeit hat, auch die weiteren Schritte zu erreichen. Man sollte somit in sich selbst diesen Entschluß fassen und dann diesem Entschluß entsprechend handeln.

Viele von Ihnen sind von weither gekommen und werden gemeinsam irgendwo wohnen und übernachten. Es ist sehr begrüßenswert, wenn man dann das eben Gesagte diskutieren, darüber sprechen kann. Der Grund dafür ist der folgende: Viele der Zuhörer hören nur etwa ein Drittel dessen, was gesagt wird; wenn man dann gemeinsam diskutiert, wird das Gesagte wieder vollständig; und ohne daß es vollständig ist, sind die Gedanken und die Vorstellungen über das Gesagte kaum je richtig.

Die Verse des Textes können auf zwei verschiedene Arten erklärt werden: Einerseits können sie als eine Ehrung des Buddha Shakyamuni und seiner Darlegung der letztlichen Wahrheit aufgefaßt werden.

In solchen Ehrungen ist es in allen Religionen üblich, daß der Ursprung der Religion, das heißt, die Person, auf die alle die Unterweisungen zurückgehen, als das höchste Wesen gepriesen und geehrt wird und es dabei dann oft heißt, daß es nichts gibt, das über dieses Wesen hinausgeht.

Wenn man sich mit irgendeiner andern Religion besonders beschäftigt, ist das nicht ein Grund, verärgert zu werden; man muß sich nur dessen bewußt sein, daß das in den verschiedensten Religionen so ist. Aber was man dabei erfahren kann, ist, mit welchen Begründungen ein solches Wesen in einer bestimmten Religion als ein unübertroffenes Wesen geehrt wird.

Ein anderer Aspekt dieser Verse, der zu erklären ist, ist ihr Inhalt, nämlich eine Beschreibung der letztlichen Wahrheit, der Leerheit. Die Leerheit ist ein sehr schwer verständliches Objekt, und deshalb wird es Zuhörer geben, die die Erklärungen verstehen können, solche, die sie gar nicht verstehen können, solche, die sie halb verstehen, und solche, die sie nur ein bißchen verstehen. Es ist wichtig, deshalb nicht verärgert zu sein, sondern zu erkennen, daß das besprochene Objekt etwas sehr Schwieriges ist, und mit dem, was man verstehen kann, soll man seine Genugtuung haben.

Was ist der Buddha? Was ist unter dem Buddha zu verstehen? Unter dem Buddha ist ein Wesen zu verstehen, das stufenweise sämtliche Fehler, negativen Eigenschaften usw. überwunden hat und zu einer vollkommenen Beseitigung aller solchen negativen Aspekte gelangt ist; das andererseits stufenweise sämtliche positiven Fähigkeiten und Eigenschaften vervollkommnet hat und somit zu einer Vollendung aller heilsamen Fähigkeiten und Eigenschaften gelangt ist.

Die Fähigkeit der Weisheit des Buddha, des Wissens oder des Erkennens ist somit so weit entwickelt, daß selbst mit einem Teil seines Geistes sämtliche Aspekte der Dinge, die es gibt, erkannt werden, und zwar so klar, als ob sie in der eigenen Handfläche lägen. Alles, was es gibt, wird in seiner eigentlichen Art und Weise klar erkannnt, alles, was es nicht gibt, als solches selbstverständlich.

Es gibt viele Zitate aus Schriften, die diesen Zustand beschreiben, ebenfalls viele Überlegungen und Begründungen, die deutlich machen, wie ein solcher Zustand erreicht werden kann und daß es einen solchen Zustand gibt. Diese alle aufzuführen würde allerdings zu viel Zeit in Anspruch nehmen.

Wenn ein Wesen lediglich eine Vervollkommnung des Erkennens, des Wissens und der Weisheit erlangt hat, ist das nicht genug, um andern zu helfen, um andern von Nutzen zu sein. Denn dazu ist auch eine Vervollkommnung des Erbarmens, des Mitgefühls nötig.

Es ist eine weitere Eigenschaft des Erleuchteten Geistes, des Buddha, daß er eine Vervollkommnung des Erbarmens und des Mitgefühls erreicht hat. Wir sind im Moment von Leid und von Schwierigkeiten gefesselt, vollständig festgehalten. Und in gleicher Weise ist der Buddha vollständig von seinem Mitgefühl, von seinem Erbarmen festgehalten, alle seine Handlungen werden durch dieses vollständig bestimmt.

Eine Vervollkommnung der Weisheit und des Erbarmens allein würde ebenfalls nicht genügen, um den Wesen von wirklichem Nutzen zu sein. Denn ohne die Fähigkeit, wirklich zu handeln, etwas durchzuführen, nützen Weisheit und Erbarmen nicht sehr viel. Ein Wesen, dem die Fähigkeit fehlt, den andern zu helfen, wäre wie eine Mutter, die zwar eine sehr tiefe Zuneigung zu ihren Kindern hat, aber keinerlei Kräfte, um ihnen wirklich etwas zu nützen.

Der Erleuchtete hat dagegen neben einer Vervollkommnung der Weisheit und des Erbarmens ebenfalls eine Vervollkommnung der Fähigkeiten zu handeln erreicht. Der Erleuchtete Geist handelt ohne Anstrengung, spontan, in jeder erdenklichen Weise für das Wohl der Lebewesen.

Wenn der Himmel nicht von Wolken bedeckt ist, dann kann die Sonne ganz ohne alle Schwierigkeiten, ohne jede Anstrengung alles erhellen; das heißt, die Sonne hat die Fähigkeit, alle Dinge zu erhellen, vollständig in sich vereint. Und dementsprechend hat der Erleuchtete die Fähigkeit, den Wesen von Nutzen zu sein, von seiner Seite aus vollständig erreicht.

Was für Handlungen führt der Erleuchtete unter dem Einfluß solcher Fähigkeiten aus? Die Handlungen des Erleuchteten sind einzig für das Wohl der Wesen bestimmt, und sie beinhalten eine äußerst große Vielfalt von Aktivitäten, die auf jede nur erdenkliche Art und Weise das Wohlergehen der Lebewesen erwirken.

Wenn ein Mensch gutherzig ist und andern helfen will, dann wird er das eine Zeitlang können; wenn er auf zu große Schwierigkeiten stößt, wird er seine Hilfe einstellen oder etwas anderes tun. Das ist beim Erleuchteten nicht der Fall, weil es unmöglich ist, daß er in irgendeiner Weise Leid erfährt.

Wenn man hört, daß der Erleuchtete solche Fähigkeiten hat, daß seine Handlungen lediglich für das Wohl der Lebewesen bestimmt sind, fragt man sich: Warum stecken wir dann bis heute noch immer in solchen Leiden, in solchen Schwierigkeiten?

Das ist richtig. Und der Grund, weshalb wir bis heute noch nicht aus unsern Schwierigkeiten herausgekommen sind, ist der, daß wir von unserer Seite keine Verbindung gemacht haben. Denn damit die Aktivitäten der Buddhas einen selbst erreichen können, ist es notwendig, daß nicht nur von der Seite des Erleuchteten sämtliche Voraussetzungen erfüllt sind, sondern daß von unserer Seite ebenfalls eine Verbindung hergestellt wird.

Das ist etwa mit folgendem Beispiel zu vergleichen: Ein sehr geschickter Fischer kann noch so geschickt sein im Auswerfen der Angel und im Auslegen seiner Haken; solange der Fisch nicht kommt, um anzubeißen, wird er keinen einzigen fangen.

Manch einer von Ihnen denkt nun vielleicht, ja, wenn das so schwierig ist, muß man eben mit Netzen dahintergehen, um die Fische zu fangen; das entspricht aber nicht dem, was ich mit meinem Beispiel zeigen möchte.

Wenn Sie z.B. eine eiserne Kugel mit einem Eisenhaken aufheben möchten, dann ist das fast unmöglich. Wenn jedoch diese Kugel irgendwo eine Öse hat, dann ist es sehr leicht, sie mit einem Haken aufzuheben. Ähnlich benötigt das Wesen von seiner Seite ebenfalls einen Angriffspunkt, damit sich die Aktivitäten der Buddhas an ihm auswirken können.

Daß wir immer noch in unserm Zustand übriggeblieben sind, liegt also nicht daran, daß es den Buddhas an Fähigkeiten fehlt, im Gegenteil, der einzige Grund ist, daß wir bis heute noch keine Verbindung hergestellt haben. Weshalb ich immer wieder erwähne, daß das Interesse, die Beschäftigung mit Religion, mit dem Dharma, sehr wertvoll ist, daß es notwendig ist, zu versuchen, seine Gedanken, sein Denken, seinen Geist weiterzuentwickeln: der Grund dafür liegt in dieser Tatsache.

Wenn die Buddhas die Fähigkeit haben, Wesen von ihren Leiden zu befreien und ihre Handlungen nur dieses Ziel haben, wie wirken sich diese dann aus, wie handeln die Buddhas für das Wohl der Wesen? Folgendes Beispiel soll das beschreiben: Wenn ein Schüler zu Verständnis und Wissen gelangen möchte, dann wird der Lehrer ihm dieses vermitteln, indem er ihm stufenweise etwas beibringt. Er wird ihn zuerst die Schrift lehren, wie man schreibt, welche Buchstaben es gibt, wie man die Buchstaben zu Wörtern kombiniert und welche Bedeutung diese Wörter haben. Denn einem Schüler, der nicht einmal das A aus dem Alphabet kennt, tiefe Bedeutungen beizubringen, wird nicht sehr sinnvoll sein.

Dementsprechend zeigt der Buddha den Wesen, die in den Leiden elenden Daseins gefangen sind, zuerst die Notwendigkeit und die Möglichkeit, Unheilsames zu vermeiden, um aus diesen Existenzen freizukommen.

Als zweites zeigt er ihnen die Methoden zum Ansammeln einer großen Menge heilsamer Eindrücke oder dessen, was man oft auch als Verdienst übersetzt, um Existenzen in angenehmem Dasein als Mensch oder als Deva zu erreichen.

Wenn dann das geistige Verständnis der Schüler relativ weit entwickelt ist, dann zeigt der Buddha ihnen die Methoden, die es ihnen erlauben, sich von den Leiden des Daseinskreislaufs zu befreien.

Wenn die Fähigkeiten des Geistes dann noch weiter entwickelt sind, zeigt er die Methoden des Großen Fahrzeuges, des sogenannten Mahayana; das sind der Geist der Erleuchtung und die tiefgründigen Erklärungen über die letztliche Wahrheit, die Leerheit.

Und wenn die geistigen Fähigkeiten dann noch weiter entwickelt sind, zeigt er den Schülern die Methoden des Geheimen Mantra und führt sie mit diesen zur vollen Erleuchtung. Das ist die Art und Weise, wie die Buddhas die Wesen aus dem Daseinskreislauf zur vollen Erleuchtung führen.

Daß es sich so verhält, wird nicht einfach nur gesagt, sondern es sind auch heute noch hundertacht Bände von Schriften vorhanden, in denen die Aussagen des Buddha niedergeschrieben sind und in denen man diese Tatsachen nachlesen kann. Diese Schriften sind z.B. in Tharpa Choeling vorhanden, alle hundertacht Bände sind dort; allerdings sind sie in tibetisch, und das dürfte dem einen oder andern von Ihnen etwas Mühe bereiten.

Wenn man somit erkennt, wie die Buddhas die Wesen aus elendem Dasein bis zur vollen Erleuchtung führen, dann sieht man die außergewöhnliche Geschicktheit und Vielfalt der Aktivitäten und Methoden, die angewendet werden, um zu diesem Ziel zu gelangen; und dementsprechend gibt es eine außergewöhnliche Vielfalt an Ehrungen der Buddhas.

Die Verse, die es zu beschreiben gilt, stammen von einem der größten indischen Meister, der unter dem Namen Nagarjuna bekannt ist. Nagarjuna lebte in Indien und trat durch seine Fähigkeiten so hervor, daß er wie die Krone aller Meister betrachtet wird. Wenn genaue Erklärungen gegeben werden sollten, müßte eigentlich die Lebensgeschichte des Meisters Nagarjuna beschrieben werden, aber dazu genügt die Zeit bei weitem nicht.

Als Buddha Shakyamuni in Indien weilte, lebte das gleiche Wesen, das dann später die Existenz des Meisters Nagarjuna erlangte, ebenfalls in Indien als Mensch und war zur Zeit des Buddha ein kleines Kind. Zu dieser Zeit war ein großer Bodhisattva in der Begleitung des Buddha, und er fragte den Buddha einmal: "Was wird passieren, wenn der Buddha von dieser Welt gegangen ist, das heißt, wenn er nicht mehr unter den Wesen verweilt, sondern das Eingehen in das Parinirvana zeigt? Werden dann nicht die tiefen Unterweisungen über die Leerheit, die er gegeben hat, verlorengehen? Wer wird sich um sie kümmern, wer wird sie in korrekter Art und Weise aufrechterhalten?"

Buddha Shakyamuni gab die Anwort: "Dieses Kind da wird vierhundert Jahre, nachdem ich nicht mehr auf der Welt verweilen werde, mit dem Namen Naga geboren werden und dann im Laufe seines Lebens zu einem Bhikshu, zu einem Mönch werden, und dieser wird alle meine Unterweisungen über die letztliche Wahrheit und meine weiten Unterweisungen in außerordentlicher Art und Weise zusammenfassen, deutlich machen und weiterführen." Mit diesen Worten prophezeite Buddha das Auftreten des Meisters Nagarjuna.

Und genau entsprechend dieser Prophezeiung wurde vierhundert Jahre nach dem Parinirvana des Buddha im Süden Indiens, in einer Region, in der sehr viel sogenanntes Kuscha-Gras wächst, ein Kind geboren, das dann im Laufe seines Lebens die Unterweisungen des Buddha in ganz ungewöhnlicher Weise studierte, erfaßte und entsprechend den Prophezeiungen weiterführte.

Nagarjunas Gelehrtheit und sein Verständnis der Unterweisungen des Buddha gingen so weit, daß er mit dem Namen der Zweite Buddha bekannt wurde. Es gibt viele Schriften und Ehrungen des Buddha, die er verfaßt hat. Unter anderm z.B. solche, in denen es heißt, daß es nichts gibt, das dem Buddha vergleichbar ist, daß er also den Unvergleichlichen ehre; daß es nicht einmal ein Beispiel gibt, mit dem die Eigenschaften und Fähigkeiten des Erleuchteten beschrieben werden können, und er ehre deshalb den, der beispiellos ist.

Der Text, über den heute gesprochen werden sollte, nennt sich auf deutsch Wurzel der Weisheit und wurde ebenfalls von Nagarjuna verfaßt. In diesem Text ehrt Nagarjuna Buddha hauptsächlich in bezug auf sein Darstellen und seine Erkenntnis der letztlichen Wahrheit. Und er sagt, daß Buddha der Erste sei unter denen, die diese letztliche Wahrheit darlegen.

Es gibt die verschiedensten Arten, die Eigenschaften des Buddha zu ehren. Einerseits in bezug auf seine Vervollkommnung des Erbarmens und Mitgefühls, andererseits in bezug auf seine Fähigkeiten, außergewöhnliche Erscheinungen hervorzurufen und Wunder zu zeigen, und auch in bezug auf seine außerordentliche Weisheit.

Weshalb Nagarjuna in diesem Text die Ehrungen des Buddha aussprach in bezug auf seine besondere Fähigkeit, den Schülern Unterweisungen zu geben, ihnen die letztliche Wahrheit darzulegen, hat ebenfalls einen Grund. In diesen Versen hat Nagarjuna die Eigenschaften des Buddha geehrt in bezug auf die außergewöhnliche Art und Weise, in der die Buddhas den Wesen von Nutzen sind, wie sie den Wesen helfen und sie aus leidvollem Dasein herausführen. Diese Art des Helfens ist etwas, das dem Buddhismus eigen ist, und hier im besondern Bezug nimmt auf die letztliche Wahrheit und das Darlegen dieser letztlichen Wahrheit.

Wenn einem Wesen geholfen werden soll, was gibt es da zu helfen, wie ist das möglich? Dazu muß zuerst die Situation der Wesen im Daseinskreislauf erkannt werden. Wir sind Wesen, die sehr viel Leid erfahren; wir erfahren körperliches Leid, Krankheiten usw. Wir erfahren geistiges Leid ohne Ende, immer wieder etwas Neues, etwas anderes, ähnlich wie die Wellen auf einem See kein Ende haben; sobald sich eine Welle abschwächt, kommt gleich die nächste nach und gleich wieder die nächste usw. Daß das so ist, das können wir selbst leicht beurteilen, da wir Menschen sind, die einen Körper haben und einen Geist, der von ständigen solchen Leiden gequält wird. Alles, was körperliche Unzulänglichkeiten, körperliche Beschwerden sind, alles, was geistige Unzulänglichkeiten, geistige Beschwerden sind, das ist als körperliches Leid und als geistiges Leid zu bezeichnen.

Wenn es nun jemanden gibt, der es uns möglich macht, diese Leiden des Körpers und diese Leiden des Geistes vollständig zu überwinden und an der Stelle dieses ungewollten und unerwünschten Leides ein Wohlbehagen und Glück zu geben, das kein Ende hat, das nicht weniger werden kann, wenn uns jemand diese Möglichkeit gibt, uns so hilft, dann hat er uns doch wirklich geholfen.

Wenn die Lehrer uns nicht die Mittel geben, von allen diesen Leiden freizukommen und ein unvergängliches Wohlbehagen und Glück zu erreichen, stattdessen lediglich Wunder wirken und außergewöhnliche Fähigkeiten zutage bringen, indem sie vielleicht fliegen oder Lichtstrahlen aussenden usw., ist das nicht sehr nützlich für uns.

Um nun die weiteren Erklärungen zu geben, ist es notwendig, die Beschreibungen, wie sie im Buddhismus über das Dasein gegeben werden, als Grundlage zu nehmen. Nämlich daß eine Existenz wieder zur nächsten führt und wieder zu einer weiteren, daß ein Wesen eine Existenz nach der anderen nimmt. Und dabei ist zu erkennen, daß nach dem Ende dieses Lebens, dieser Existenz, man entweder in einer Daseinsform existieren wird, die von noch mehr Leid gekennzeichnet ist, oder in einer, die von weniger Leid gekennzeichnet ist.

Was sind die Ursachen für diese Leiden, die wir in diesem Leben erfahren, und für die, die wir in den zukünftigen Existenzen erfahren werden? Es sind keine Leiden, die uns von einem andern Wesen aufgebürdet werden, das uns durch seine Macht gegen unsern Willen Leid zufügt; seien es göttliche oder was immer für Wesen; es sind keine Leiden, die uns auferlegt werden von irgendeinem andern Wesen.

Manch einer wird sagen, das ist nicht richtig, mir hat dieser und jener alles weggenommen, mir hat dieser und jener den Rücken verprügelt, und deshalb sind diese schuld an dem Leid, das ich erfahren habe. Dabei ist zu verstehen, daß diese andern, die einem solches Leid zugefügt haben, lediglich Umstände sind, aber nicht die eigentliche Ursache. Wovon ich spreche, das sind die eigentlichen Ursachen.

Die Leiden, die wir erfahren oder auch in Zukunft erfahren werden, sind keine Leiden, die ohne Ursache und ohne Umstände entstehen, da es nichts gibt, das ohne Ursache und ohne Umstand entsteht. Die Leiden, die wir erfahren, sind Leiden, die manchmal stärker werden, manchmal schwächer werden, die alle möglichen Erscheinungen annehmen. Und das ist ein Zeichen dafür, daß sie veränderliche Phänomene sind; und weil sie veränderliche Phänomene sind, ist es unumgänglich, daß sie als Früchte oder als Resultate zu bezeichnen sind. Und als Frucht oder als Resultat brauchen sie notwendigerweise eine Ursache.

Ich erwähne immer wieder, daß alle diese Dinge, die wir in der Natur sehen, das Gras, die Bäume, die Blumen usw. aus ihren Ursachen wachsen. Und wir haben tiefes Vertrauen auf diese Tatsache, daß alle diese natürlichen Erscheinungen aus ihren Ursachen entstehen, aus ihren Samen entsprungen sind.

Genauso wie diese äußeren Erscheinungen, die ständigem Wechsel unterliegen, aus ihren Ursachen entstehen, so sind die inneren Erscheinungen, diese Empfindungen von Wohlbehagen und Leid, die ständig auftreten, ebenfalls durch ihre Ursachen bestimmt. Auch sie werden genauso wie die äußeren Phänomene von ihren Ursachen hervorgerufen.

Wir erfahren sehr viel Unbehagen und Leid, manchmal auch Wohlbehagen und Glück; man fragt sich leicht, was wohl die Ursachen dieser einzelnen Empfindungen sind.

Wir haben unsern Geist, unsere Rede und unsern Körper. Wir führen alle möglichen unheilsamen Handlungen dieser drei Tore durch und haben auch in der Vergangenheit diese drei zu vielen unheilsamen Handlungen verwendet.

Wenn eine solche unheilsame Handlung durchgeführt wird, hinterläßt sie im Kontinuum des Geistes einen Eindruck, einen Samen. Kommt dieser Same dann mit den richtigen Umständen in Berührung, beginnt er gewissermaßen zu sprießen, er gibt seine Wirkung, die sich dann als Unbehagen oder Leid zeigt.

Wenn korrekte Handlungen von Körper oder Rede durchgeführt wurden, hinterließen diese ebenfalls Potentiale, Eindrücke, die bei ihrem Erwachen, beim Sprießen oder beim Geben ihrer Frucht Wohlbehagen und Glück hervorrufen.

Die Handlungen werden im Buddhismus manchmal Karma genannt. Ob man es Karma nennt oder nicht, die Bedeutung ist nichts anderes als Handlung von entweder Geist oder Rede oder Körper.

Manch einer wird sich nun fragen: Wer wird bestimmen, ob meine Handlungen von Geist, Rede oder Körper korrekt sind oder unkorrekt? Wer bestimmt, was korrekt oder unkorrekt ist?

Handlungen, die man selbst durchführt, die dann als ihr letztliches Resultat Leid mit sich bringen, werden als unheilsam oder unkorrekt bezeichnet. Handlungen, die dann als ihr letztliches Resultat Wohlbehagen, Nutzen für den Handelnden mit sich bringen, werden als korrekt bezeichnet. Das heißt, die letztliche Auswirkung der Handlung, die Auswirkungen der Potentiale, die die Handlungen gesetzt haben, bestimmen, ob die Handlung korrekt oder unkorrekt ist.

Wir erfahren Leid, körperliches und geistiges Leid, ohne daß wir es wünschen. Die Ursachen, die unheilsamen Handlungen, die dieses Leid hervorrufen, führen wir unfreiwillig, ungewollt und oft ohne eigene Macht durch. Woran liegt das?

Niemand will freiwillig etwas falsch machen. Aber dennoch handeln wir unfreiwillig falsch und sammeln die Ursachen für Leid, das wir dann unfreiwillig erfahren. Die Ursachen dafür liegen in unserm Geist; es sind solche Faktoren wie Haß, Begierde, Eifersucht, Stolz, falsche Ansichten usw.; eine ganze Menge solcher negativer Aspekte des Geistes sind in uns zusammengepfercht, und diese verursachen, daß wir unfreiwillig ständig fehlerhafte Handlungen durchführen.

Diese negativen Geistesfaktoren, diese Verblendungen, sind in ihrer Natur etwas Fehlerhaftes, Falsches. Und die Handlungen, die unter ihrem Einfluß durchgeführt werden, sind dementsprechend ebenfalls unkorrekt und falsch, und somit auch ihre Auswirkungen.

Ob in einem selbst solche Faktoren vorhanden sind oder nicht, kann man leicht beurteilen. Man weiß, wie stark die eigene Begierde ist, was man tut, wenn man unter dem Einfluß der Begierde handelt. Man weiß, wie stark die eigene Gereiztheit und der eigene Ärger und Haß sind und was für Handlungen folgen, wenn man diesen freien Lauf läßt. Man weiß, wie man handelt, wenn Geiz in einem das Handeln bestimmt, und was falsche Ansichten in einem hervorrufen.

Um das zu beschreiben, gebe ich ein Beispiel: Sicher haben Sie schon Vorführungen gesehen mit Delphinen, die in einem kleinen Wasserbassin schwimmen. Das Wasser wird dann nie ruhig sein, es ist unmöglich, daß dieses Wasser still bleibt, weil da ständig ein großer Fisch herumschwimmt und das Wasser in Bewegung bringt. Wenn unser Geist mit einem solchen kleinen See oder Bassin verglichen wird, dann sind die Geistesverblendungen wie große, dicke Fische da drinnen. Und diese schwimmen ständig herum und bringen das Ganze in Unordnung und Bewegung. Selbstverständlich wird der Geist dann nie ruhig und entspannt sein und richtig handeln.

Hat ein solcher dicker Fisch einmal wieder alles in Unordnung gebracht, dann einmal ganz abgesehen von den kleinen Schwierigkeiten und Problemen, die dadurch immer entstehen, man wird dann selbst mit seinem Meister in Streit geraten können und wütend werden auf die Unterweisungen, die man erhalten hat, oder wütend auf die andern Freunde, mit denen man Unterweisungen bekommen hat, und somit selbst die allergrößten und schwierigsten Unordnungen herbeiführen.

Wenn man nur ein bißchen aufmerksam ist und seine inneren Vorgänge beobachtet, sieht man, wie man handelt, sobald Wut oder Ärger auftritt, wie das den Geist verändert, wie man dann mit den andern in Streit gerät und was für Unfug man anstellt. Oder was für Auswirkungen es hat, wenn in einem Begierde aufsteigt, wie das das eigene Benehmen beeinflußt. Jeder, der ein bißchen nachdenkt, der ein bißchen beobachtet, kann diese Auswirkungen feststellen.

Man kann somit leicht das Vorhandensein dieser Verblendungen erkennen. Man sieht auch gleich die negativen und fatalen Auswirkungen, die ihre Aktivitäten mit sich bringen. Man fragt sich dann vielleicht weiter, ob diese unfreiwillig, ohne Ursache entstehen oder ob sie eine bestimmte Ursache haben.

Viele von Ihnen können sich die Antwort geben: Diese Verblendungen, diese negativen Faktoren des Geistes, haben ihre ganz bestimmte Ursache, nämlich die sogenannte Unerkenntnis. Alle entstehen sie aus dieser Unerkenntnis, alle haben ihre letztliche Wurzel in der Unerkenntnis, die einen nicht die eigentliche Wirklichkeit erkennen läßt.

Was ist die Charakteristik dieser Unerkenntnis? Die Unerkenntnis hat die Eigenschaft, daß sie als Geistesfaktor ein unabhängiges Ich, eine unabhängige Identität erfaßt.

Und was ist das Gegenteil, der Gegenpol dieser Unerkenntnis? Das Gegenteil der Unerkenntnis ist der Geist, der die letztliche Wahrheit erkennt.

Während die Unerkenntnis als Objekt ein eigenmächtiges, unabhängiges Ich hat, hat die Erkenntnis der letztlichen Wahrheit als Objekt das Nichtvorhandensein eines solchen unabhängigen, eigenmächtigen Ichs. So sind ein eigenmächtiges Ich und das Nichtvorhandensein eines solchen eigenmächtigen Ichs genaue Gegenteile.

Ebenso sind die Unerkenntnis, die ein solches eigenmächtiges Ich erfaßt, und die Erkenntnis der Leerheit, der letztlichen Wahrheit, die das Nichtvorhandensein eines solchen eigenmächtigen Ichs erfaßt und erkennt, ebenfalls genaue Gegenteile.

Wie ehrt nun Nagarjuna in seinen einleitenden Versen den Buddha, den Erleuchteten? Er sagt, daß andere große Propheten, andere große Meister anderer Religionen in der Welt das Vorhandensein eines eigenmächtigen Ichs beschreiben.

Er sagt weiter: Dadurch, daß diese Propheten, obwohl es kein solches eigenmächtiges Ich gibt, dennoch ein solches eigenmächtiges Ich als vorhanden beschreiben, dadurch, daß sie sagen, es gebe ein solches eigenmächtiges Ich, verursachen sie, daß in ihren Schülern das Greifen nach einem solchen Ich, das Erfassen eines solchen eigentlich nicht vorhandenen eigenmächtigen Ichs nur noch verstärkt wird.

Und indem damit die Unerkenntnis der Schüler weiter verstärkt wird, werden dadurch ebenfalls die aus der Unerkenntnis entstehenden Faktoren wie Begierde, Haß und Neid, alle diese Verblendungen verstärkt. Und indem die Verblendungen verstärkt werden, wird das fehlerhafte Verhalten von Geist, Rede und Körper ebenfalls verstärkt, und somit das Erfahren von Leid, das das Resultat dieser falschen Handlungen von Geist, Rede und Körper ist, ebenfalls fester gemacht. Da das so ist, sagt Nagarjuna weiter, entspricht das nicht meinem Wunsch, ist das eine Tatsache, die nicht mein Gefallen findet.

Und er sagt dann weiter: Dagegen erklärst du, Buddha Shakyamuni, das Nichtvorhandensein eines solchen eigenmächtigen Ichs, und du sagst nicht nur, daß es nicht vorhanden ist, sondern du gibst ganz korrekte, klare Begründungen, mit denen man das Nichtvorhandensein erkennen kann. Und indem du diese Begründungen gibst und zeigst, daß ein solches innewohnendes Ich nicht vorhanden ist, vernichtest du diesen falschen Geist, der ein solches innewohnendes Ich erfaßt; diesen falschen Geist, der ähnlich ist wie ein falscher Mensch, der nichts als Lügen und Verwirrung stiftet.

Und indem du das Nichtvorhandensein dieses eigenmächtigen Ichs zeigst, wird dieser falsche Geist, der ein eigenmächtiges Ich erfaßt, geschwächt.

Und damit werden die negativen Faktoren, die Verblendungen, die von diesem falschen Geisteszustand, der ein eigenmächtiges Ich erfaßt, hervorgerufen werden, ebenfalls geschwächt; und somit wird es ein leichtes, diese zu überwinden und zu beseitigen. Es wird ihnen die Grundlage genommen, und es wird gezeigt, daß sie falsche, lügnerische und verwirrende Faktoren sind.

Indem ihnen ihre Festigkeit genommen wird, wird ebenfalls das falsche Benehmen von Geist, Rede und Körper geschwächt, es wird deutlich, daß dieses lügnerisch und verwirrend ist. Und wenn das Fehlverhalten von Geist, Rede und Körper geschwächt und ihm seine Grundlage genommen wird, dann werden ebenfalls die Ursachen, die Leid hervorrufen, geringer und schwächer. Und wenn man sich anstrengt, wird es ein leichtes, dieses Leid zu überwinden und zu beseitigen.

Und er sagt dann weiter: Es gibt niemanden, der den Wesen den Weg zum Glück und aus dem Leid so zeigt wie du, der einen solchen Weg darlegt. Du bist der einzige, der einen solchen vollkommenen Weg aus dem Leiden des Daseins zeigt, einen Weg zum Erreichen von unvergänglichem Wohlbehagen und Glück.

Wenn Sie sich recht erinnern, habe ich Sie gewarnt, daß in der Ehrung gesagt werde, der Buddha sei der Beste, er zeige den besten Weg, er sei der Einzige, und daß Sie deshalb nicht verärgert sein, sondern eher schauen sollten, auf Grund welcher Überlegungen Nagarjuna ihn so ehrt; und diese Gedanken, die ich am Anfang erwähnt habe, sollte man nun denken, jetzt ist der Moment dazu gekommen.

Ihre Situation hier im Westen ist einerseits sehr gut, da Sie alle schon als Kinder zur Schule gegangen sind und somit sehr viel und das Denken ebenfalls gelernt haben und es nun lediglich an Ihnen liegt, Ihre Fähigkeiten des Denkens und des Lernens auf andere Dinge, auf Dinge, die Sie interessieren, wie z.B. auf solche Erklärungen, zu richten; da Sie jederzeit sofort diese Fähigkeiten benützen können, um auch andere Dinge zu verstehen.

Wir haben alle unsere Ansichten, unsere eigenen Vorstellungen. Wenn wir mit jemand anderm sprechen oder jemand andern sprechen hören, dann ist es ratsam, unsere eigenen Vorstellungen einmal beiseite zu legen und dem Gesagten aufmerksam zuzuhören; und dann mit unserer Fähigkeit zu denken zu überlegen, ob das Gesagte klare Begründungen hat oder nicht. Stellen wir dann fest, daß das Gesagte korrekt ist und klaren Begründungen entspricht, dann ist es ratsam, dieses zu akzeptieren, selbst wenn es ein Feind sagt.

Wenn wir jedoch feststellen, daß das Gesagte falsch ist und klaren Überlegungen widerspricht, dann ist es ratsam, diesen Gedanken nicht zu folgen, selbst wenn unser bester Freund sie von sich gibt.

Die Worte, die Nagarjuna nun zur Ehrung in diesem Text verwendet hat, heißen:

Weil abhängiges und bezogenes Bestehen,

ohne Zerfall kein Entstehen,

ohne Aufhören kein Bestand,

ohne Kommen kein Gehen,

ohne Verschieden kein Gleich,

der völligen Beruhigung des Scheinens Ruhe zeigt,

Verehrung dem vollständig Erwachten,

dem besten der Lehrer!

Wenn man den Überlegungen Nagarjunas folgt und diese nachvollzieht, wird man leicht auf den Gedanken kommen, daß der Weg, den der Buddha gezeigt hat, ein außergewöhnlicher ist und daß der Weg, den andere Propheten zeigen, ein falscher sei. Das ist jedoch keine richtige Konsequenz, die man da zieht.

Wie ich früher schon öfter erwähnt habe, gibt es eine Unzahl verschiedener Wesen, die ebenfalls eine Vielfalt von Neigungen und Fähigkeiten besitzen. Um diesen Neigungen zu entsprechen, gibt es deshalb eine Vielzahl von Ansichten, Anschauungen, Philosophien und Religionen, die von den verschiedensten Propheten in die Welt gesetzt wurden. Und alle haben sie entsprechend den Neigungen dieser Wesen ihre Notwendigkeit und sind denen von Nutzen, für die sie bestimmt sind.

Wenn z.B. einer einem sagt, man sollte versuchen, die Leerheit zu erkennen, ein anderer einem sagt, man sollte sich bemühen, Mitgefühl und Erbarmen zu entwickeln, dann sind das doch beide sehr sinnvolle Anweisungen, die einem, wenn man sie in die Tat umsetzt, von größtem Nutzen sind.

Um jedoch die Wurzel der Leiden zu zerstören, benötigt man die Erkenntnis der letztlichen Wahrheit, die Erkenntnis der Leerheit. Sie ist wie die Schneide einer Axt, die die Wurzeln zerschlägt. Wenn Sie z.B. einen Baum mit einer Axt fällen möchten - einmal abgesehen von den Motorsägen, die man heute verwendet -, dann benötigen Sie einen Mann, der zwei starke Arme hat, und Sie benötigen eine Axt, die einen festen, langen Stiel hat und vorne ein schweres Eisen mit einer scharfen Schneide.

Dem Baum, der zu fällen ist, entspricht die Unerkenntnis, die die Wurzel sämtlicher Leiden ist, die wir erfahren.

Dem, was den Baum tatsächlich schneidet, nämlich der scharfen Schneide der Axt, entspricht der Geist, der die letztliche Wahrheit, die Leerheit, erkennt.

Dem schweren Eisen der Axt und dem Stiel sowie den starken Händen des Baumfällers entsprechen Mitgefühl, Erbarmen, der Geist der Erleuchtung, Bodhicitta, usw., alle diese Aspekte der Methoden, die man im Dharma findet.

Deutlich ist, daß sie alle notwendig und unumgänglich sind, um den Baum zu fällen; und daß dasjenige, was das Holz tatsächlich schneidet, die Schneide der Axt ist, und ihr entspricht die Erkenntnis der letztlichen Wahrheit.

Es wird deshalb in den Schriften gesagt, daß das, was die Wesen eigentlich letztlich benötigen, die vollständige Beseitigung der Ursache ihrer Leiden ist, nämlich der Unerkenntnis. Und daß das, was ihnen erlaubt, diese zu beseitigen, die Erkenntnis der Leerheit, der letztlichen Wahrheit ist.

Und deshalb wird auch gleichzeitig deutlich gemacht, daß sämtliche andern Unterweisungen, die der Buddha gegeben hat, wie z.B. das Entwickeln von Erbarmen, Mitgefühl usw., die wie das Eisen, der Stiel oder die Hände des Baumfällers sind, daß alle diese andern Aspekte des Dharma die letztliche Aufgabe und das letztliche Ziel haben, den Wesen das Erkennen der letztlichen Wahrheit, der Leerheit, zu ermöglichen.

So werde ich eine ganz kurze Erklärung dieses Verses geben. Das erste Wort in dem Vers heißt weil, und im Tibetischen heißt es noch von wem; das bezieht sich auf Buddha Shakyamuni. Das heißt: Von wem wurde das gesagt? von Buddha Shakyamuni.

Dann heißt es weiter abhängiges und bezogenes Bestehen, ohne Zerfall kein Entstehen, ohne Aufhören kein Bestand, ohne Kommen kein Gehen, ohne Verschieden kein Gleich; bis dorthin werden acht Punkte beschrieben, deren Bedeutung zu erklären sehr gut ist, wenn Zeit dafür besteht, aber sie beinhalten nichts anderes, als daß der Buddha zeigt, daß es kein eigenmächtiges Ich gibt.

Und dann fragt man weiter: Hat er lediglich gesagt, daß es kein eigenmächtiges Ich gibt, oder hat er Begründungen dafür gegeben? Die Antwort ist: Er hat Begründungen dafür gegeben.

Und wenn er eine Begründung dafür gegeben hat, was für eine Begründung hat er dann gegeben? Die Begründung steht am Anfang des Verses: Weil abhängiges und bezogenes Bestehen, weil die Dinge abhängig und bezogen existieren.

Fragt man sich weiter: Wozu dient es, wenn Buddha Shakyamuni mit Begründungen zeigt, daß es kein eigenmächtiges Ich gibt? Der Grund ist: Weil dadurch die völlige Beruhigung des Scheinens Ruhe erlangt wird; das heißt, daß eine vollständige Beruhigung, Ruhe und Wohlbehagen dadurch erreicht werden.

Das war eine ganz kurze Beschreibung der Bedeutung dieses Verses. Manche von Ihnen werden alles verstanden haben, manche vielleicht nur die Hälfte, da muß man selbst nachdenken.

Ich erwähnte, daß manch einer beim Hören bestimmter Unterweisungen Schwierigkeiten haben mag. Manche Leute haben keinerlei Probleme, Unterweisungen zuzuhören, aber sobald über die Leerheit gesprochen wird, empfinden sie tiefes Unbehagen und Mühe in ihrem Geist. Diesen Leuten sollten im Moment keine Unterweisungen über die Leerheit gegeben werden.

Falsch wäre es, deshalb zu denken, das Geben von Unterweisungen über die Leerheit sei sinnlos. Denn das Geben und das Verstehen solcher Unterweisungen ist, wie eben beschrieben, das Mittel zum eigentlichen Zerstören der Wurzel des Leidens.

Wenn ich von Leiden oder von Bedrängnis des Geistes und des Körpers spreche, dann bezieht sich das auf alle Arten von Leiden, die man erfährt, sei es die Bedrängnis durch Empfindungen des Leides, sei es die Bedrängnis durch Verblendungen usw. Wird nun gesagt, daß jemandem, der Bedrängnis empfindet beim Hören bestimmter Unterweisungen, diese und diese Unterweisungen nicht zu geben sind, dann bezieht sich Bedrängnis darauf, daß jemand ein besonderes Unbehagen empfindet, wenn er solche Unterweisungen hört. So ist es wichtig, aufmerksam zuzuhören und die richtige Bedeutung aus dem Gesagten zu entnehmen.

Manche Leute haben, wenn sie Nahrung zu sich nehmen, sofort Magenschmerzen. So jemandem ist für einige Zeit keine solche Nahrung zu geben. Aber das heißt nicht, daß man im allgemeinen keine Nahrung zu sich nehmen sollte.

Was Nagarjuna deutlich macht, ist, daß es eine eigenmächtige Existenz nicht gibt, daß es ein eigenmächtiges Ich nicht gibt, und die Begründung, die er anführt, ist das abhängige und bezogene Bestehen.

Viele, die noch nicht oft Erklärungen über die Leerheit gehört haben, kommen leicht auf den Gedanken, daß Leerheit etwas ist, das ganz unabhängig von den Dingen existiert und irgendwo außerhalb als etwas sehr Mächtiges die Dinge beeinflußt. In Wirklichkeit jedoch ist Leerheit etwas, das in Verbindung mit jedem existierenden Ding vorhanden ist. Das heißt, es wird in bezug auf jedes Objekt, das es gibt, von einer Leerheit in bezug auf dieses Objekt gesprochen. Und es gibt keine Leerheit außerhalb der existierenden Objekte.

Denn die Leerheit beschreibt nichts anderes als die letztliche Art des Seins des entsprechenden Objektes; z.B. den Kranz, den Geshe in den Händen hält, gibt es, er existiert; und seine letztliche Art des Bestehens ist die Leerheit dieses Kranzes.

Aber es ist auch nicht zu verwechseln: Diese Leerheit ist nicht etwas Heiliges oder Wertvolles wie z.B. der Zustand des Buddha oder irgendwelche Stufen, die man auf dem Weg zur Erleuchtung erreicht.

Es ist jedoch wichtig, diese Leerheit zu verstehen, sie zu erkennen. Denn dadurch, daß man sie nicht versteht, daß einem diese eigentliche Art des Bestehens der Dinge unklar ist, tut man alles mögliche, das fehlerhaft und unheilsam ist. Während dagegen ein Erkennen der letztlichen Wahrheit dazu führt, daß man in seinem Verhalten des Geistes, der Rede und des Körpers keine Fehler macht.

Wenn man z.B. mit einer andern Person lebt, einen Freund oder eine Freundin hat, dann ist der andere, der Begleiter, nicht etwas Wertvolles oder Heiliges, aber es ist sehr wichtig, seine Eigenart, seine Natur zu kennen, zu wissen, um was für eine Person es sich handelt, ob ihr Charakter gut ist oder schlecht. Denn wenn man den Charakter des andern kennt, wenn man z.B. weiß, daß es eine aufrichtige, ehrliche Person ist, dann wird man sein eigenes Verhalten dementsprechend einrichten; wenn man dagegen weiß, daß die andere Person nicht aufrichtig ist, daß sie vielleicht ein paar süße Worte sagt, aber diese nicht der Wirklichkeit entsprechen, dann ist es wichtig, die Wirklichkeit zu kennen, um sein Verhalten so einzurichten, daß man keine Fehler begeht.

Kennt man nämlich den Charakter des andern nicht und ist man der Meinung, es handle sich bei ihm um eine sehr aufrichtige, ehrliche Person, während er schlau und unehrlich ist, dann besteht die Gefahr, daß man ihm seine ganze Arbeit und seinen ganzen Besitz oder was immer anvertraut; und wenn der andere dann eines Tages seine Meinung ändert, dann findet man sich in einer Situation, in der es weder nützt zu heulen, noch etwas nützt, nicht zu heulen, und einem fast nichts anderes übrigbleibt, als den Verstand zu verlieren.

Genauso verhält es sich mit den Dingen. Wenn man die eigentliche Natur der Dinge kennt, dann wird man in seinem Benehmen keine Fehler machen. Wenn man die Natur der Dinge nicht kennt, ihr gegenüber im unklaren ist, dann ist dieser Geist, der die Natur der Dinge nicht kennt, diese Unerkenntnis, eine Ursache für eine ganze Kette von fehlerhaften Einstellungen und fehlerhaftem Benehmen.

Sicher haben Sie schon oft gehört, daß im Buddhismus von konventioneller Wahrheit und letztlicher Wahrheit gesprochen wird. Die letztliche Wahrheit ist die eigentliche oder letztliche Art des Bestehens des Objektes in bezug auf die konventionelle Wahrheit.

Und die konventionelle Wahrheit in Abhängigkeit von der letztlichen ist das, was die vielen Veränderungen und verschiedenen Erscheinungen des Objektes ermöglicht.

Kurz gesagt, diese beiden sind von der gleichen Natur.

Man spricht also von Abhängigkeit, von abhängigem Bestehen. Wenn man diese Eigenart der Dinge auf der heilsamen Seite verfolgt, ist zu sagen, daß selbst der Zustand des Erleuchteten, des Buddha, ein Zustand ist, der in Abhängigkeit von vielen verschiedenen Umständen entsteht, der ein abhängiges Phänomen ist.

Wenn man sie im Negativen verfolgt, dann ist zu sagen, daß die unheilsamen Existenzen, Existenzen in elendem Dasein wie z.B. die der Pretas usw. ebenfalls abhängige Phänomene sind, Existenzen, die in Abhängigkeit von verschiedenen Ursachen und Umständen bestehen.

Wenn wir z.B. unsern Geist in die heilsame Richtung lenken, korrekte Gedanken führen und versuchen, diese weiter zu verstärken und zu entwickeln, dann ist eine fortgesetzte Entwicklung des Geistes möglich, die bis zur vollen Erleuchtung reicht.

So ist es jedem möglich, sein Verhalten selbst zu ändern, selbst zu beeinflussen, in einer heilsamen Richtung zu lenken; und durch fortgesetzte Bemühungen in der Schulung des Geistes in heilsamen Eigenschaften ist es jedem Wesen möglich, die volle Erleuchtung zu erlangen. Deshalb wird im Buddhismus oft vom Buddhapotential gesprochen, nämlich der Möglichkeit jedes Wesens, die volle Erleuchtung zu erlangen.

Wenn man dagegen seinen Geist in die negative Richtung lenkt und als Resultat davon Unheilsames tut, dann führt man sich selbst in eine Entwicklung, die bis zum Erfahren der Leiden der drei Bereiche des elenden Daseins geht.

Um ein Beispiel zu geben: Eine Person, die einen Lehrstuhl an einer Universität hat, die als Professor bekannt ist, die über sehr weite Fähigkeiten verfügt, die andere sehr schätzen, eine solche Person wurde nicht in einem Tag zu einem solchen Gelehrten; sondern diese Person hat angefangen mit dem Lernen des Abc und hat in vielen Jahren ihr eigenes Verständnis dauernd erweitert. So ist dieser Professor in Abhängigkeit von den vielen Studien zu dem geworden, was er ist.

Ebenso ist es bei jemandem, der immer wieder etwas ausfrißt oder verbricht und ständig mit der Polizei zu tun hat und eines Tages etwas anstellt, was ihm einen lebenslangen Aufenthalt im Gefängnis sichert; dieser lebenslange Aufenthalt im Gefängnis ist ein Resultat des Vergehens gegen das Gesetz.

Und das ist auch der Grund, weshalb im Dharma immer wieder gesagt wird, daß man sich bemühen sollte, selbst die kleinsten und geringsten heilsamen Dinge zu tun und sich darin zu schulen, und selbst die kleinsten und geringsten unheilsamen Handlungen und Gedanken zu vermeiden. Denn in Abhängigkeit vom einen oder andern erreicht man Angenehmes oder hat man Unangenehmes zu erfahren.

Auch z.B. Berge oder Seen oder große Landschaften usw. sind das, was sie sind, auf Grund der Anhäufung unzähliger kleiner und kleinster Teile. Und nur in Abhängigkeit von diesen Teilen und Atomen sind sie als das wahrzunehmen, als was wir sie sehen.

Wenn man z.B. einen großen Sack Reis weiter draußen auf der Wiese ausleert und einen Haufen draus macht, dann sieht man von hier aus einen weißen, kleinen Hügel; und dieser kleine, weiße Hügel wird nur als Hügel empfunden in Abhängigkeit von den vielen Reiskörnern, die ihn ausmachen.

Das sind Dinge, die uns allen aus unserer Erfahrung bekannt sind, und niemand wird darüber streiten. All dies sind Dinge, die wir wahrnehmen, Dinge, die in Abhängigkeit von ihren Teilen und kleineren und kleinsten Teilen entstehen und die wir in Abhängigkeit von diesen Teilen wahrnehmen können.

Die Frage ist nun: Haben diese kleinen und kleinsten Teile Eigenmächtigkeit, völlige Unabhängigkeit? Auch sie nicht, denn auch die kleinen Teile, auch die Atome selbst sind nur als solche wahrzunehmen in Abhängigkeit von ihren Teilen, in Abhängigkeit von den Teilen, die sie aufbauen, in Abhängigkeit von den Neutronen, Protonen und Elektronen usw.

Wenn man diese weiteren bestimmten Beeinflussungen aussetzt, kann man erkennen, daß auch diese wieder ihre Teile haben, man spricht von Quarks und allem möglichen. Es sind Dinge, die heute in der Physik noch nicht ganz klar verstanden werden, aber es ist deutlich zu sehen, daß, was immer man wahrnimmt, immer in Abhängigkeit von bestimmten Teilen und anderen Aspekten zur Wahrnehmung gelangt.

Fragt man sich, ob die heute bekannten kleinsten Teile der Dinge die wirklich kleinsten sind, dann wird das niemand mit Sicherheit beantworten können, denn wenn die Forschung weitere Fortschritte macht, ist es durchaus möglich, noch weitere, kleinere Teile zu finden.

So existieren die kleineren und größeren und auch die allergrößten Dinge wie z.B. große Seen oder Meere usw. als solche nur in Abhängigkeit von ihren kleineren und kleinsten Teilen.

Das gleiche gilt für die Zeit. Wenn wir z.B. von einem Jahr oder von einigen Monaten sprechen, die wir studiert haben, dann ist diese Zeitspanne etwas, das in Abhängigkeit von kleineren und kleinsten Zeitspannen zusammenkommt; die drei Monate, die man vielleicht studiert hat, in Abhängigkeit von den Wochen, und diese in Abhängigkeit von den Tagen, Stunden, Minuten und Sekunden, bis zu allerkürzesten Zeitabständen.

Auch wenn von langen Perioden der Konzentration, des Samadhi, gesprochen wird, wenn jemand sagt, daß er vielleicht eine Stunde oder eine Woche in tiefer Konzentration verharren kann, dann ist diese lange Konzentration ebenfalls etwas, das in Abhängigkeit von vielen kürzesten Geisteszuständen der Konzentration zusammenkommt; sie ergeben aneinandergereiht diese Zeitperiode der Konzentration.

Ganz gleich, was man betrachtet an Dingen, immer findet man, daß sie in Abhängigkeit von ihren Teilen existieren, daß sie von ihren Teilen abhängig sind; deshalb wird von abhängigem Bestehen gesprochen. Diese Natur der Dinge, diese Abhängigkeit der Dinge ist noch relativ leicht zu verstehen; aber das ist nicht die einzige.

So sind alle zusammengesetzten Dinge oder was man oft nur als Dinge übersetzt, abhängig von ihren Ursachen und Umständen, sie haben alle einen Aspekt der Ursache, die sie hervorruft.

Wenn wir z.B. eine schöne Blume auf der Wiese sehen, dann empfinden wir nichts anderes als: dort ist eine schöne Blume. Wenn wir etwas überlegten, dann müßte klar werden, daß diese Blume in Abhängigkeit von vielen Umständen und Ursachen entstanden ist. Einerseits in Abhängigkeit vom Samen, von der Erde, von der Feuchtigkeit, und daß sie andererseits durch das Wachstum vieler Tage zu dem geworden ist, was wir jetzt einfach kurzerhand als Blume erfassen.

Genauso sind heilsame Fähigkeiten, die wir erlangen, in Abhängigkeit von vielen kleinen Bemühungen, heilsame Eigenschaften anzuhäufen, entstanden. Und genauso werden Fehler beseitigt, indem man die Gegenmittel in kleinem Maße langsam immer mehr und mehr anwendet und verstärkt.

Wenn jemand diese Tatsache verneinen möchte und eine Begründung gibt, die diese Tatsache widerlegt, dann ist das eine scheinbare Begründung. Wenn jemand diese Tatsachen mit korrekten Überlegungen begründet, dann hat er die Wahrheit auf seiner Seite. Es liegt an einem selbst, die Überlegungen und Begründungen zu untersuchen, um die richtigen von den scheinbaren zu trennen und den richtigen zu folgen.

Diese Ebene der Abhängigkeit ist für uns noch relativ leicht zu verstehen und zu begreifen. Auch mit Hilfe der verschiedenen Maschinen, die zur Verfügung stehen, können wir sonst von freiem Auge nicht erkennbare Abhängigkeiten sehen.

Eine schon etwas feinere Abhängigkeit der Dinge ist ihre Natur eines ständigen Wechsels. Seien es Berge oder Seen oder was immer wir an Dingen wahrnehmen, diese Dinge unterliegen einem ständigen subtilen Wechsel, der eine Periode von einigen Bruchteilen einer Sekunde hat.

Wenn Sie mich betrachten im gegenwärtigen Moment, denken Sie: "Ja, jetzt sitzt immer noch der Vortragende dort, der am Anfang den Kurs begonnen hat." Und wenn ich die Zuhörer betrachte, denke ich auch: "Es sind immer noch die gleichen Zuhörer hier wie die, die am Anfang hereingekommen sind." In Wirklichkeit jedoch ist der Vortragende nur die Kontinuität dessen, der den Vortrag begonnen hat. Denn die Person, die den Vortrag begonnen hat, hat im nächsten Moment nach dem Beginn aufgehört zu existieren, nur ihre Kontinuität existiert weiter.

Wenn Sie z.B. aus einer Kanne einen feinen Strahl Wasser ganz stetig und ruhig ausfließen lassen und dies aus der Ferne betrachten, dann kann das, was dort von dieser Kanne aus nach unten reicht, aussehen wie ein Faden oder wie ein ganz gerades Stück festen Materials. In Wirklichkeit jedoch ist das eine Flüssigkeit, die ständig fließt und nur durch diese Beständigkeit als etwas Stehendes aufgefaßt wird.

Genauso haben wir alle die vielen Jahre hinter uns gebracht seit unserer Jugend, indem wir einen Moment nach dem andern einem Wechsel unterlegen sind, der aus dem Jugendlichen uns zu dem gemacht hat, was wir heute sind.

Gibt es Zeichen dafür, daß ein solcher Wechsel stattfindet? Das ist leicht zu sehen. Nehmen Sie ein Bild von sich, das vor etwa ein, zwei Jahren gemacht wurde, und eines von heute, und vergleichen Sie die beiden. Die Bilder sind nicht gleich, und der Grund dafür ist, daß die Person, die als Modell für das Bild gestanden hat, in der Zwischenzeit einige Veränderungen erfahren hat.

Es wird oft von der subtilen Veränderlichkeit der Dinge gesprochen und von der Wichtigkeit, sie zu erkennen. Wenn diese subtile Veränderlichkeit der Dinge erkannt worden ist, dann wird eine falsche Auffassung der Identität der Person beseitigt, nämlich die Auffassung, daß die Identität der Person etwas Unveränderliches, Singuläres und Eigenmächtiges ist. Das mag im Moment nicht ganz verständlich sein. Kurz gesagt: Die Identität der Person, die wir spontan sehen, beinhaltet Projektionen, die nicht der Wirklichkeit entsprechen. Und das Nichtvorhandensein dieser projizierten Aspekte der Identität wird erkannt, wenn diese subtile Veränderlichkeit erkannt worden ist.

Dann gibt es immer noch weitere Stufen der Erkenntnis der letztlichen Wahrheit. Man kann durch fortgesetzte Schulung noch eine weitere Projektion widerlegen, die man spontan macht, nämlich das Erfassen einer Identität, die selbstmächtig und materiell ist. Es handelt sich dabei um ein weiteres, subtileres Fehl-Erfassen der eigentlichen Identität der Person, das dann als solches erkannt wird.

Wenn von eigenmächtig und Freiheit und selbstmächtig usw. gesprochen wird, ist es wichtig, Unterscheidungen zu treffen, da man sonst leicht verwirrt wird. So wird einerseits davon gesprochen, daß wir eigene Macht haben, daß wir frei sind. Wir sind frei, zu studieren oder nicht zu studieren, irgendwo hinzugehen oder nicht hinzugehen, vorausgesetzt, daß uns kein Vorgesetzter daran hindert. Das ist, was man zu verstehen hat, wenn von der Freiheit oder der eigenen Macht der Person gesprochen wird.

Wenn dann jedoch gesagt wird, daß man unfreiwillig oder ohne eigene Macht weitere Existenz nimmt, nachdem die eine beendet ist, daß man in Abhängigkeit von negativen Eindrücken unfreiwillig oder ohne eigene Macht in elendem Dasein existiert, dann ist das als notwendige Auswirkung negativer Ursachen zu verstehen.

Es liegt jedoch an einem selbst, negative Ursachen zu bereinigen; unter dieser Voraussetzung muß man dann nicht in elendem Dasein existieren. Man hat also die Freiheit, unheilsame Dinge zu bereinigen oder nicht; aber wenn sie zur Auswirkung kommen, dann kommen sie ohne eigenes Zutun, ohne eigene Freiheit zur Auswirkung. Deshalb ist es wichtig, zu verstehen, was gemeint ist, wenn manchmal von unfreiwillig oder freiwillig gesprochen wird; daß das nicht immer genau das gleiche heißt und nicht verwechselt werden darf.

Wenn nun im Zusammenhang mit dem abhängigen Bestehen von freiwillig oder eigenmächtig gesprochen wird, dann heißt das, ein Ding oder ein Phänomen, das unabhängig z.B. von seinen Teilen oder Ursachen existiert, wäre ein eigenmächtig existierendes Phänomen, weil es ohne Abhängigkeit von den Ursachen und Umständen existiert. Und wenn es heißt, daß es keine eigenmächtig existierenden Dinge gibt, dann bedeutet das, daß sie abhängig sind von ihren Ursachen, Umständen und Teilen.

Ein Verständnis dieser Abhängigkeit, des abhängigen Existierens und Bestehens, und dieser Auswirkungen ist sehr wichtig. Denn wenn man z.B. eines Tages etwas Unheilsames getan hat und sich dessen bewußt wird, dann kann einem sofort die Tatsache klar werden, daß man in Abhängigkeit von dieser unheilsamen Handlung Unangenehmes zu erfahren hat, und man kann eine Reue für das Fehlverhalten entwickeln. Oder man kann, wenn man etwas Heilsames getan hat, erkennen, daß man in Abhängigkeit von dieser heilsamen Handlung Angenehmes erreichen wird, und sich über das Durchführen der heilsamen Handlung freuen.

Auch wenn man in bezug auf den Menschen nachdenkt, ist ein solches Verständnis sehr wichtig. Denn jeder hat eine gewisse Vorstellung von sich selbst, jeder denkt irgend etwas über sich selbst. Entweder er denkt, er sei sehr gelehrt oder er sei sehr reich, oder er denkt, er sei sehr schlecht oder sehr dumm, irgendeine Vorstellung hat jeder von sich.

So hat z.B. auch unser Koch die Vorstellung von sich, daß er der Koch ist. Das war nur ein Beispiel, und jeder hat sich selbst zu überlegen oder nachzusehen, was für eine Vorstellung er von sich selbst hat.

So muß, an dem Beispiel des Kochs weiter gezeigt, der Koch sich überlegen: Ja, ich bin der Koch. Dieses Ich, diese Person, wird nun weiter betrachtet: Fragt sich der Koch: Der Mensch bis hier zum Hals, bin das ich, ist das der Koch? Dann wird er sicher schnell antworten: Nein, das ist nicht der Koch, das ist lediglich mein Kopf. Denn das ist lediglich ein Stück Knochen und deshalb nicht als Mensch zu bezeichnen.

Fragt er sich dann weiter, ob die beiden Hände und Arme, mit denen er die ganze Kocharbeit macht, der Koch sind, dann ist die Antwort ebenfalls: Nein, das ist nicht der Koch, das sind lediglich die Hände des Kochs, das ist ebenfalls lediglich eine Ansammlung von Knochen und Fleisch, die man nicht als Koch bezeichnen darf.

Genauso sind die Beine des Kochs lediglich die Beine des Kochs und nicht der Koch selbst.

Betrachtet der Koch seinen ganzen Körper, fragt er sich: Sind sämtliche Knochen als der Koch zu bezeichnen? Dann ist es offensichtlich, daß das nicht der Fall ist. Oder sind alle Teile, die Fleisch sind, als Koch zu bezeichnen? Wohl ebenfalls nicht. Oder das Blut oder das Mark oder die Nerven? Die Antwort ist in jedem Fall einfach und die gleiche, daß diese nicht der Koch sind.

Fragt er sich dann weiter: Ist vielleicht der Geist des Kochs der eigentliche Koch? Dann ist die Antwort auch recht einfach: Der Koch kann sprechen, aber sein Geist nicht; den Koch kann man sehen, aber seinen Geist nicht: Dann ist es wohl nicht richtig, seinen Geist als den Koch zu bezeichnen.

Die nächste Konsequenz ist vielleicht die, daß es den Koch gar nicht gibt. Aber auch das ist nicht richtig, denn wir haben alle sein Mittagessen gegessen.

Wenn ich vom Geist des Kochs spreche, meine ich nicht einen Geist, ein Gespenst. Ich weiß, daß auf deutsch der Geist, das denkende Organ, und das Gespenst oft mit dem gleichen Wort belegt werden, und die Fragen sind manchmal dementsprechend. Aber man muß sich immer klar bewußt sein, daß im Buddhismus der Geist vom Gespenst zu unterscheiden ist. Wenn man diese beiden nicht unterscheidet, kommt man nie zu einem Verständnis des Gesagten.

Gleiche Lautfolgen haben in den verschiedenen Sprachen oft ganz unterschiedliche Bedeutungen. So sagt man auf französisch für "Guten Tag" "Bonjour" oder für "Guten Abend" "Bonsoir"; wenn man diese Laute mit tibetischem Verständnis hört, dann haben sie ganz eigenartige Bedeutungen. Denn bei "Bonjour" wird ein Tibeter nicht viel anderes hören als eine Aufforderung, Bomben abzuwerfen. Und "Bonsoir" bedeutet für den Tibeter die Aufforderung, Bomben zu essen.

Damit möchte ich deutlich machen, daß man mit der Verwendung der Wörter in der eigenen oder in einer anderen Sprache vorsichtig sein soll, und daß man nicht anfangen darf, mit den Wörtern zu spielen, lediglich die Wörter selbst zu sehen und nicht deren Bedeutung. Denn wenn man nur die Wörter sieht, wird man kein klares Verständnis dessen bekommen, was gesagt wird. Dementsprechend wurden auch schon öfters Fragen an mich gerichtet, bei denen deutlich wurde, daß die Leute lediglich an den Wörtern hingen und nicht versuchten, die Bedeutung zu erfassen.

Es ist die Aufgabe des Übersetzers, da er beide Sprachen können sollte, solche Mißverständnisse zu vermeiden.

Kommen wir nun zum Koch zurück: Wenn wir sagen, daß es den Koch nicht gibt, dann ist das nicht richtig, weil wir sein Essen gegessen haben. Wenn wir sagen, daß es den Koch gibt, hatten wir Mühe, etwas zu finden, auf das wir zeigen können, das wir wirklich als den Koch bezeichnen können.

Diese Erklärungen hat jeder auf sich selbst zu beziehen. Jeder, der nun denkt: "Ja, wenn der Unterricht bald zu Ende ist, dann will ich schnell nach Hause kommen, weil ich morgen wieder zur Arbeit muß", jeder, der diese Gedanken hat, existiert in genau der gleichen Weise, wie es am Beispiel des Kochs gezeigt wurde.

Die Antwort auf diese vorher gestellten Fragen ist die: Auch der Mensch ist ein Ding, das in Abhängigkeit existiert, das abhängig von allen seinen Teilen ist. Denn wenn er nicht abhängig wäre, wenn er ein unabhängiges, eigenmächtiges Phänomen wäre, dann müßte es möglich sein, Teile und Aspekte auf die Seite zu geben, um schlußendlich zu einem festen, konkreten Ding zu kommen, das man als den eigentlichen Menschen, die eigentliche Person, bezeichnen kann.

Wenn man den einfacheren Erklärungen, den anfänglichen Überlegungen über die Abhängigkeit folgt, dann sind diese ersten Überlegungen über die Leerheit noch leicht nachvollziehbar. Wenn man dann weiter zu tieferen Ebenen dieser Abhängigkeit gelangt, dann wird es schon schwieriger, und manch einer wird empfinden, daß der Geist sehr unklar wird, unverständig, daß man sogar etwas nervös wird und einige Unannehmlichkeiten empfindet, während andere keinerlei solche unangenehmen Empfindungen haben und den Erklärungen folgen können.

Empfindet man eine solche Beängstigung oder Bedrängnis oder eine gewisse Bedrücktheit, dann ist das ein Zeichen, daß man kein geeignetes Gefäß für diese Erklärungen ist, und es besteht eine Gefahr, daß man dadurch, daß sie einem Mühe, eine Beengung des Geistes verursachen, sie nicht achtet und als etwas Falsches oder Unnötiges betrachtet.

Wenn man feststellt, daß das Nachvollziehen von Überlegungen, wie sie eben deutlich gemacht wurden, einem wohltun, den Geist in einen klareren, heilsamen, besseren Zustand bringen, dann ist es richtig, sich darin zu bemühen.

Stellt man jedoch fest, daß sie einen nur nervös und bedrückt machen, daß sie unangenehme Empfindungen wachrufen, dann ist es völlig sinnlos, darauf zu verharren. Man muß erkennen, daß diese Überlegungen im Moment für einen nicht gedacht sind.

Es gibt noch so viele andere Aspekte des Dharma, mit denen man sehr guten Erfolg hat, die man anwenden kann. Und man tut besser daran, sich mit diesen intensiv zu bemühen, als dort sich weiter zu versuchen, wo man deutlicherweise nicht am richtigen Platz ist.

Legt man dagegen nur deshalb, weil man das eine oder andere nicht versteht, alle andern Aspekte des Dharma, die man sonst ständig ausübt, beiseite, dann ist das eher das Verhalten eines Verrückten.

Wenn jemand diese Dinge studieren möchte, der nicht über ein sehr großes Potential an heilsamen Eindrücken verfügt und nicht über eine sehr umfassende Schulung und ein umfassendes Wissen, dann besteht eine sehr große Gefahr, daß so jemand in das Extrem des Nichts, des Nihilismus verfällt.

Als erstes muß verstanden werden, daß alle Dinge, die es gibt - also alles, was es nicht gibt, beiseite gelegt -, aber alles, was es gibt, einen Namen hat. Denn sobald man sich auf ein Ding, ein Objekt, bezieht, wird man seine Bezeichnung nennen.

Wenn jemand damit nicht einverstanden ist und der Meinung ist, daß es Dinge gibt, die keine Benennung haben, dann ist die Frage: Nennen Sie ein Objekt, das keine Benennung hat. Und dann müssen Sie wohl oder übel mit der Benennung kommen.

Es besteht eine sehr subtile Abhängigkeit zwischen der Benennung und dem Objekt selbst. Ich möchte da nicht in Einzelheiten gehen, denn einerseits kann ich keine Erklärungen über diese subtile Abhängigkeit geben, und selbst wenn ich sie geben könnte, könnten Sie sie nicht verstehen. Und deshalb möchte ich etwas erklären, das einigermaßen in diese Richtung geht.

Als Beispiel möchte ich eine Hundertschillingnote verwenden. Frage ich z.B. den Übersetzer, ob er eine Hundertschillingnote hat, dann wird der Übersetzer ja sagen und eine aus dem Sack ziehen.

Wenn man dann das betrachtet, was er aus dem Sack gezogen hat, ist das ein Stückchen farbiges Papier, auf das die Zahl Hundert geschrieben ist. Und frage ich dann weiter: "Ist das wirklich eine Hundertschillingnote?" Dann wird der Übersetzer ja sagen. Und es handelt sich auch wirklich um eine.

Und daß es eine Hundertschillingnote ist, wird auch dadurch klar, daß man damit für hundert Schilling etwas einkaufen kann, und wenn man sie verloren hat, auch wirklich hundert Schilling verloren hat.

Man kann sich dann weiter fragen: Wie ist diese Hundertschillingnote dazu gekommen, korrekterweise als Hundertschillingnote bezeichnet zu werden? Ist sie korrekterweise als Hundertschillingnote zu bezeichnen, weil sie ein viereckiges Stück Papier ist? Die Antwort ist nein.

Die weitere Frage: Ist das Stück Papier korrekterweise zur Hundertschillingnote geworden, weil es einen farbigen Druck hat? Auch da ist die Antwort nein.

Oder ist das korrekterweise als Hundertschillingnote zu bezeichnen, weil es ein Stück Papier ist, weil es genauso bedruckt ist, wie das sein muß, weil es alles das hat, was wir an ihm sehen? Die Antwort ist nein.

Was benötigt nun dieses Stück bedrucktes Papier, damit es rechterweise als Hundertschillingnote zu bezeichnen ist? Es benötigt eine Regierung, die dieses so geformte Stück Papier zu einer Hundertschillingnote erklärt, ihm die Benennung Hundertschillingnote gibt.

Wenn dann eines Tages ein neues Papiergeld kommt, dann wird diese bisherige Hundertschillingnote von der Regierung nicht mehr zum Zahlungsmittel erklärt, es wird gesagt: "Das ist nun nicht mehr eine Hundertschillingnote, wir entziehen ihr diesen Wert." Und von diesem Moment an hat dieses genau gleiche Stückchen Papier seine Eigenschaft als Hundertschillingnote verloren und ist nicht mehr korrekterweise als solche zu bezeichnen.

Von dem Moment an, wo diesem Stück Papier der Name entzogen worden ist, es nicht mehr als Zahlungsmittel anerkannt wird, können Sie in jedes Geschäft gehen, und es wird Ihnen niemand mehr etwas dafür geben, man wird Sie höchstens auffordern, es in den Abfalleimer zu werfen.

Überlegt man sich diese Tatsache, sieht man, daß das, was dieses Stück bedrucktes Papier wirklich zur Hundertschillingnote macht, die Benennung durch die Regierung ist.

Sämtliche Phänomene existieren auf diese Art und Weise. Das ist etwas, das nicht in unsern Geist hineinpaßt und das wir uns nicht einmal vorstellen können, und wir kommen auch nicht auf die Idee, daß das wahrscheinlich so sein könnte. Der Grund dafür ist, daß wir nicht das geeignete Gefäß für diese Überlegungen sind, und wir müssen uns auch weiter gar nicht bemühen, mit diesen Überlegungen wirklich zu Rand zu kommen.

So hat jemand, der diesen Sachverhalt nicht genau erklären kann, einen Sachverhalt einer Gruppe von Leuten erklärt, die ihn nicht verstehen können. Daher ist es verständlich, daß das nicht sehr genau, umfassend und korrekt ist. Aber es gibt noch weitere Erklärungen, die diesen Sachverhalt wesentlich feiner, noch subtiler darlegen.

Führt man diese Überlegungen weiter in dieser Richtung zu immer subtileren Aspekten der Abhängigkeit, erkennt man, daß es nichts gibt, das nicht abhängig ist; zumindest abhängig von der Benennung.

Und somit erkennt man: Wenn es nichts gibt, das unabhängig existiert, müssen die Phänomene frei von einer unabhängigen, eigenmächtigen Existenz sein, sie müssen leer von einer solchen unabhängigen, eigenmächtigen Existenz sein; und somit kommt man zum Erkennen der Leerheit, des Leerseins, des Freiseins von einer solchen unabhängigen Existenz.

Das Geben von Unterweisungen über die Leerheit an Schüler, die nicht dafür geeignet sind, ist ein Vergehen gegen das elfte der Wurzelgelübde der Bodhisattvas, was eine äußerst starke unheilsame Handlung ist.

Der Grund dafür ist, daß in dem Schüler, der nicht dafür geeignet ist, durch solche Erklärungen keine Verbesserung des Geistes erreicht wird, keine heilsame Veränderung des Geistes, sondern er höchstens verzweifelt wird, weil er auf einmal nichts mehr sieht, woran er sich halten kann, nicht mehr sieht, wie er denken soll, was er denken soll, und somit lediglich Schaden angerichtet wird und kein Nutzen für die Schüler; was eine sehr negative Handlung für den Erklärenden darstellt.

Der Grund, weshalb ich gesagt habe, daß Sie nicht weiter nachdenken müssen über das, was am Schluß eben erklärt wurde, ist der, und deshalb möchte ich das noch einmal betonen.

Deshalb hat Nagarjuna gesagt, es gibt nichts Eigenmächtiges, nichts Unabhängiges, da alle Dinge abhängig und bezogen bestehen.

Und wenn man das erkannt hat, dann erreicht man das Glück des Friedens, man erfährt eine tiefe Ruhe, weil die Ursache sämtlicher Leiden beendet wurde.

Wenn Ihnen das Nachvollziehen dieser Überlegungen, wie sie dargelegt wurden, Spaß macht, Freude macht, Ihnen eine heilsame Beeinflussung und Veränderung des Geistes bringt, dann bemühen Sie sich, diese nachzuvollziehen, darüber nachzudenken.

Wenn Sie kein besonderes Interesse haben und keine besonderen Empfindungen diesbezüglich, ist es gut, sich der Erklärungen zu erinnern und zu wissen, daß im Buddhismus diese Ansichten herrschen, daß im Buddhismus so gedacht wird.

Wenn Sie alle diese Gedanken und Überlegungen als etwas äußerst Mühsames, Anstrengendes, Beengendes empfinden, dann ist es das allerbeste, gar nicht darüber nachzudenken.

Genauso wie es für jemanden, der einen Obstgarten betreibt, wichtig ist, zu wissen, daß aus Kernen Bäume wachsen, wie man diese behandelt, daß man aus guten Kernen richtige Bäume bekommt, die gutes Obst tragen usw., weil er dann solche Kerne, solche Früchte heraussucht, um sie wieder zu pflanzen; und er genauso wissen muß, welche Samen giftige Pflanzen hervorbringen oder welche Sprößlinge von giftigen Pflanzen sind, um sie auszurotten oder nicht zu säen; genauso ist es für uns notwendig, zu wissen, welche Einstellungen, welche Handlungen heilsam sind und welche negativ sind, welche zu vermeiden sind und welche zu stärken und zu entwickeln sind.

Denn sonst machen wir ständig Fehler, und unser ganzes Leben ist nicht viel anderes als das Aufkochen eines großen Eintopfs, in dem alles durcheinandergebracht wird.

Wenn Ihnen die Erklärungen über die Abhängigkeit Eindruck gemacht haben, wenn Sie Freude daran haben und den Wunsch haben, diese Dinge genauer zu studieren, oder auch die Ahnung haben, daß es da vielleicht noch mehr oder Tieferes zu studieren gibt, dann können Sie sich jederzeit mit mir in Verbindung setzen, ich lebe in Europa, und Sie können jederzeit weitere Unterweisungen erhalten.

Wir sind alle Leute, die sich für Religion interessieren, und das wichtigste unter solchen Leuten ist, daß sie sich gut vertragen, daß sie sich gut verstehen.

Dabei ist es völlig gleichgültig, ob man sich für die Religion des Buddhismus oder irgendeine andere Religion interessiert. Denn Religion ist an und für sich nur dazu da, um die Leiden der Wesen zu beseitigen, zu überwinden. Und mit diesem Verständnis ist es unumgänglich, daß man sich vor allem mit allen denen, die sich mit Religion beschäftigen und dafür interessieren, gut verträgt.

Und selbst, wenn es sich nur um zwei verschiedene Religionen handelt, dann sieht man oft Dinge, die in der andern Religion ganz entsprechend der sind, mit der man vielleicht selbst enger verbunden ist. Man sieht sicher auch Dinge, die der eigenen widersprechen. Es ist ratsam, die Dinge, die der eigenen Religion entsprechen, genauer zu kennen und zu verstehen, denn daraus entspringt ein Gewinn für einen selbst; und über die, die nicht entsprechen, weiter nicht besonders nachzudenken.

In einer Familie z.B. gibt es viele Familienmitglieder, die nicht unbedingt alle die gleichen Wünsche und Eigenschaften und den gleichen Charakter haben. Wenn sie nun alle ständig auf die Dinge konzentriert sind, die sie nicht gemeinsam haben, dann werden sie nur streiten.

Wenn sie dagegen hauptsächlich auf das konzentriert sind, was sie gemeinsam haben, dann werden sie miteinander essen, fröhlich sein und lachen und es sich gut gehen lassen.

Damit wäre der Vortrag beendet, und ich möchte mich entschuldigen, daß ich so lange gesprochen habe und Sie nicht zu Ihrer Meditation gekommen sind, und ich bitte Sie, sich nicht zu ärgern, daß Ihnen nun die Meditation gestohlen wurde.

Ein weiterer Punkt, den ich Ihnen sagen möchte, ist der, daß viele unter Ihnen Bindungen der Bodhisattvas oder tantrische Bindungen auf sich genommen haben und überhaupt nicht wissen, was mit diesen Bindungen verbunden ist, und das zu sehr viel Durcheinander führt. Ich habe vor, im Juni, beim Kurs über Das Rad der scharfen Waffen in Tharpa Choeling - am Ende des Kurses wird wahrscheinlich noch etwas Zeit verbleiben -, über diese Bindungen der Bodhisattvas und die tantrischen Bindungen zu sprechen.

Ich habe mich sehr gefreut, daß Sie so aufmerksam zugehört haben. Ich werde auch heuer noch öfter nach Deutschland kommen, nach Offenburg usw., auch nach München, und es gibt dann immer wieder die Möglichkeit, mich mit Ihnen zu treffen. Und noch alles Gute und viele Tashideleg.

See you again.

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