Im Sommer 1974 hatten wir das große Privileg, die ersten in der Schweiz gegebenen Unterweisungen des gelehrten Meisters Geshe Rabten Rinpoche miterleben zu dürfen. (Diese erste Unterweisung erschien als Buch unter dem Titel "Treasury of Dharma, A Tibetan Buddhist Meditation Course, Tharpa Publications, London.)
Beeindruckend war bei Geshe Rabten, wie er über die außerordentliche Kunst verfügte, sich in die Gedankenwelt seiner abendländischen Schüler einzufühlen, um sie aus dem Gefängnis ihrer bedingten Anschauungen herauszuführen.
Er gehörte zu den sehr seltenen Meistern, die neben der fundierten Erkenntnis und der tiefen Weisheit auch über die pädagogischen Strategien verfügten, Bewußtwerdungs- und Wandlungsprozesse im Geiste und im Verhalten ihrer Schüler zu fördern. Er schöpfte seine Bilder, Gleichnisse und Metaphern aus dem Alltagsleben, und er hatte die Begabung, sehr schwierige Problemstellungen mit ganz konkreten Beispielen lebendig zu erläutern.
Geshe Rabten gehört in diesem Sinn zu den höchst qualifizierten Lehrern der buddhistisch-tantrischen Tradition. Wie Palden Atisha im elften Jahrhundert von Indien nach Tibet kam, um dort dem Dharma zur Blüte zu verhelfen, kam Geshe Rabten Rinpoche ins Abendland, um uns zu etwas mehr Licht und Erkenntnis zu verhelfen. Zahlreiche Unterweisungen fanden zunächst in Tharpa Choeling statt, einem tibetischen Kloster und Studienzentrum, das Geshe Rabten gegründet hat (heute Rabten Choeling). Später wurden weitere Zentren in Deutschland und Österreich gegründet. (Über die Biographie von Geshe Rabten siehe: Mönch in Tibet, Leben und Lehren des Meditationsmeisters Geshe Rabten, Diederichs Verlag.)
Die Art und Weise wie Geshe Rabten unterrrichtete, gründete auf vollkommener Nächstenliebe und Opferbereitschaft. Für einige unter uns, die auf dem Gebiete der Psychologie tätig waren, waren die Toleranz und Aufgeschlossenheit, die Geshe Rabtens Unterweisungen prägten, beeindruckend.
Als Beispiel dieser Aufgeschlossenheit zitiere ich aus dem vorliegenden Buch: "Wenn man Dharma ... dazu verwendet, um sich an irgendeine Seite oder eine Tradition zu klammern, zu sagen, 'ich gehöre zum Hinayana' oder 'ich gehöre zum Mahayana', 'ich gehöre zu den Kagyupas' oder 'ich gehöre zu denen, die Tantra ausüben' ... und sich so zu irgendeiner Gruppe zählt, um dann alle anderen, die zu einer anderen Gruppe gehören, als Feinde oder als etwas Falsches zu betrachten, dann ist das ähnlich, wie wenn man im Krieg einen Schützengraben aushebt, um sich darin zu verstecken und auf die zu schießen, die im anderen Schützengraben sitzen. Genauso hat man dann das Dharma einfach zu einem Schützengraben gemacht, von dem aus man auf alles andere um sich schießt. ... Wenn man das Dharma zu einem Schützengraben macht, um daraus zu schießen, treffen die Geschosse nichts anderes als einen selbst." In einer Zeit, wo falsch verstandener Glaube und Fundamentalismus Streit und Krieg verursachen, wirken solche Aussagen als nützliches Gegengift.
Geshe Rabten Rinpoche war vor allem ein ganzheitlicher Mensch. Voller Demut und Bescheidenheit. Wir, seine Schüler, sahen in ihm einen sicheren Meister; er jedoch betrachtete sich selbst lediglich als ein Instrument der Vermittlung höherer Weisheit.
Geshe Rabten wußte jedoch um die Wichtigkeit seiner sakralen Aufgabe, die darin bestand, die wertvollen Samen buddhistischer Einsicht auf den Boden der abendländischen Kultur zu pflanzen. In einer Zeit, wo bereits 1974 das esoterische Wissen schamlos vermarktet wurde, war das Wirken von Geshe Rabten von unbestreitbarem Nutzen. Der ehrliche Beobachter muß einsehen, daß "Tantrismus" heute eher als "Dile-Tantrismus" bezeichnet werden sollte und "Esoterik" eher als "Egoterik" beschrieben werden sollte. Geshe Rabten fand hier im Abendland einen Boden, der nach dem klaren Quellwasser authentischer Lehren trachtete.
Das vorliegende Buch "Wurzel der Weisheit" ist eine Zusammenfassung einer im Letzehof im Mai 1984 gegebenen Unterweisung über Nagarjunas Einleitende Verse der Ehrung (Mulamadhyamakakarika). Das zentrale Thema der Unterweisung ist das richtige Verstehen des Begriffs Leerheit. Geshe Rabten hatte selbst tiefe Erfahrungen auf dem Gebiete der Shunyata-Meditationen, und er entwickelte unübertroffene Fähigkeiten in der Erklärung dieser so heiklen Materie (siehe Geshe Rabten, Song of the Profound View und Echoes of Voidness, Wisdom Publications, London).
Geshe Rabten Rinpoche erinnert daran: "Der große Meister Nagarjuna hat gesagt, daß ein richtiges Verständnis der Leerheit von besonderem Gewinn ist, daß jemand, der ein solches Verständnis erlangt hat, ganz außerordentlichen Fortschritt macht, während ein falsches Verständnis eine große Gefahr in sich birgt." Weiter zitiert Geshe Ngarjunas Vergleich: Das richtige Verstehen sei ähnlich wie das Fangen einer giftigen Schlange; jemand ohne Erfahrung mit Schlangen werde beim Versuch, eine zu fangen, bestimmt gebissen werden.
Als verantwortungsbewußter Lehrer betonte Geshe Rinpoche immer wieder die absolute Notwendigkeit der geeigneten Motivation. Allein der tiefe Wunsch nach vollkommener Befreiung aller fühlenden Wesen aus dem Gefängnis von Samsara öffnet die Türe zu einem korrekten Begreifen der Leerheit. Leerheit (Shunyata) wird definiert als das Leersein von innewohnendem Sein. Mit anderen Worten: Die Unerkenntnis führt zum Glauben an ein selbständig existierendes Ich. Diese Ur-Verblendung bewirkt Leiden, ist die "Ur-sache" von Samsara, dem Kreis bedingter Seins-Formen. Das Überwinden dieser falschen Sicht führt zur Erkenntnis, daß alle Phänomene, so auch das Ich, nur im Zustand der Abhängigkeit, der Vernetzung zu finden sind. Diese Einsicht, daß Phänomene leer sind von innewohnendem Sein, führt zur Befreiung aus dem Leiden (aus Samsara).
Die heute so gepriesene Psychologie der Selbstwerdung oder der Selbstentfaltung nimmt im Buddhismus neue, korrekte Dimensionen an. In dieser Suche nach letztendlicher Wirklichkeit geht es darum, daß das sogenannte Selbst (oder Ich) nicht getrennt existiert von einem Du. Subjekt und Objekt, Ich und Du, Beobachter und beobachtetes Phänomen sind in Wirklichkeit ungetrennt in einer interaktiven Vernetzung vereint. Diese Ansicht des Buddhismus wird heute vermehrt durch die Spitzen-Wissenschaftler vertreten. Man ist sich dessen bewußt, daß der experimentierende Beobachter nicht getrennt ist von seinem beobachteten Objekt. Dies führt zu neuen, kritischen Ansichten betreffend Objektivität und Subjektivität von wissenschaftlichen Entdeckungen.
Im Buddhismus, und besonders in allen Erklärungen von Geshe Rabten Rinpoche, wird klargestellt, daß die Illusion, die falsche Sicht, darin besteht, daß man das Ich als etwas selbständig Existierendes wahrnimmt. Geshe erwähnte oft das Bild eines Menschen, der eine farbige Brille trägt und darum eine farbige Landschaft entdeckt. Diese farbige Brille versinnbildlicht metaphorisch die "falsche Sicht", die es zu überwinden gilt. Ein weiteres Bild, das unser Lehrer Geshe Rabten immer wieder brachte, ist folgendes: Aus dem Gefühl eines selbständigen Ichs kommt das Verlangen nach Mein. Aus Mein kommt die Ansicht von Mein und Dein. Die Angst, das Meine zu verlieren, führt zu Abwehrmechanismen vor vermeintlichen Feinden (negative Emotionen, Haß und Neid). So haftet man noch stärker an dem Mein (an dem Ich). So wird Unwissen zur Quelle der Anhaftung und des Hasses: das sind die drei Hauptverblendungen, die es auszurotten gilt. Dementsprechend sagt uns Geshe Rabten im vorliegenden Buch: "Es ist wichtig, diese Leerheit zu verstehen, sie zu erkennen. Denn dadurch, daß man sie nicht versteht, ... tut man alles mögliche, das fehlerhaft und unheilsam ist; während dagegen ein Erkennen der letztlichen Wahrheit dazu führt, daß man in seinem Verhalten des Geistes, der Rede und des Körpers keinen Fehler macht." Selbstwerdung im buddhistischen Sinn der Befreiung wird dadurch gefördert, daß man die Wahnvorstellung einer Ich-Du-Spaltung aufgibt.
Geshe Rabten Rinpoche unterstreicht immer wieder die Wichtigkeit der Verbindung von geeigneter Methode mit einsichtiger Weisheit. Die Methode führt dazu, die allumfassende Liebe im Herzen des Suchenden zu entfachen. Die Erkenntnis, die durch diese Liebe entsteht, verhilft zum Abbau der soeben genannten Ich-Du-Spaltung. Mit anderen Worten: Bodhicitta (Erleuchtungsgeist) verhilft zum Abbau von Ego-zentrierten Ich-haften Motivationen. So wird der Boden vorbereitet für die Meditation über die letztendliche Wirklichkeit, d.h. die Leerheit von innewohnendem Sein. Diese Einsicht birgt den Aspekt der Weisheit. Geshe Rabten Rinpoche verglich oft die Verbindung von Weisheit (Einsicht in die letztendliche Wirklichkeit) und Methode (Erbarmen, Liebe) mit den Flügeln eines Schwanes. Beide Flügel sind nötig, damit er sich erheben kann.
Es ist ein sehr großes Verdienst unseres geschätzten Lehrers, dem abendländischen Individualismus einen überzeugenden Ansporn gegeben zu haben. Einige unter uns waren in die Sackgasse des "Ich-Kultus" geraten! Geshe Rabten Rinpoche hatte die Schwierigkeit erkannt, die damit verbunden ist, daß wir durch unsere falsche Sicht verblendet sind. Er sagt im vorliegenden Buch folgende aufschlußreichen Worte: "Manche Leute haben keinerlei Probleme, Unterweisungen zuzuhören, aber sobald über die Leerheit gesprochen wird, empfinden sie tiefes Unbehagen und Mühe in ihrem Geist. Diesen Leuten sollten im Moment keine Unterweisungen über die Leerheit gegeben werden."
Möge dieses Buch, eine Perle buddhistischer Weisheit, vielen Suchenden auf dem Wege zur Erleuchtung als nützlicher Wegweiser dienen.
Basel, Februar 1991
Pierre Ed. Calame
Dipl. Psych.
Weil abhängiges und bezogenes Bestehen,
ohne Zerfall kein Entstehen,
ohne Aufhören kein Bestand,
ohne Kommen kein Gehen,
ohne Verschieden kein Gleich,
der völligen Beruhigung des Scheinens Ruhe zeigt,
Verehrung dem vollständig Erwachten,
dem besten der Lehrer!
Nagarjuna
Un eBook gratuit de la Edition Rabten - toate drepturile rezervate · Vezi în magazin