Ich möchte Sie alle mit einem freundlichen Tashideleg begrüßen und freue mich sehr, Sie hier so zahlreich zu sehen.
Man hat mich gebeten, eine Einführung in Dharma, in den Buddhismus zu geben. Viele von Ihnen haben einige Kenntnis davon, und nicht nur das, Sie wissen auch im allgemeinen, was unter Religion verstanden wird.
Viele allerdings haben die eigenartigsten Vorstellungen von Religion; viele auch fehlerhafte Gedanken in bezug auf die Bedeutung von Religion. Und durch eine solche falsche Einstellung haben sie dann ein geringes Interesse an Religion.
Was ist Religion?
Manche sind der Auffassung, Religion sei ein Teil des Brauchtums eines bestimmten Landes und, als Sitte irgendeiner Kultur betrachtet, finden sie es nicht notwendig, ihr besondere Achtung zu schenken.
Andere betrachten Religion als einen Zeitvertreib für diejenigen, die nicht besonders gerne arbeiten, und lassen sie auf Grund dieser Einstellung ebenfalls beiseite.
Andere wieder verstehen unter Religion verschiedene heilige Schriften und Bücher und denken, daß diese Bücher zwar sehr nützlich für eine Bibliothek sind, aber nicht, um den Geist zu verändern, und daher haben sie ebenfalls kein Interesse an Religion.
Viele andere wiederum stellen sich vor, Religion sei etwas, das auf einem bestimmten Standpunkt, auf bestimmten Ansichten beharrt, was dann zu viel Streit führt mit denen, die anderer Ansicht sind, und daß sie deshalb ebenfalls ganz unnötig ist.
So gibt es eine Unzahl von Vorstellungen und Gedanken, die jemanden von einem Interesse an Religion abbringen können. Auf Grund des Verlustes eines solchen Interesses wird man dann sehr leicht eine ganze Reihe falscher Dinge tun, unheilsame Handlungen begehen.
Zweifellos ist es oft geschehen und kann man es auf der Welt oft beobachten, daß im Namen einer Religion, ganz gleich, welche es sei, viel Unrecht getan wird; daß sich Leute bemühen, irgend etwas durchzusetzen, und dabei viel Falsches tun, andern viel Leid zufügen. Das sind Handlungen, die die ausführenden Leute selbst vielleicht als religiöse Handlungen betrachten, die jedoch mit wirklicher Religion gar nichts zu tun haben. Solche Geschehnisse sollte man nicht als Anlaß dazu nehmen, sein eigenes Interesse an Religion zu verlieren.
Wenn z.B. einer Person ein übelriechendes, vergiftetes Essen serviert wird, mag sie das natürlich nicht zu sich nehmen, und sie wird mit Recht sagen, das sei nicht genießbar. Kommt sie nun aber zu dem Schluß, alle Nahrung sei ungenießbar, dann hat sie einen großen Fehler gemacht.
Betrachten wir die Lebensweise auf dieser Welt, dann können wir feststellen, daß alle Wesen, angefangen von den Menschen bis zu den kleinsten Insekten, außer im Schlaf ständig beschäftigt sind; daß sie immer irgend etwas tun und es meistens sehr eilig haben.
Das sind Dinge, die Sie selbst beobachten können, da müssen Sie sich nicht auf meine Worte verlassen. Schauen Sie, was die Vögel tun am Morgen, wenn es hell wird, wie sie umherfliegen, schauen Sie, was die Ameisen den ganzen Tag tun, wie sie hin- und hersausen, und schauen Sie, was die Leute in einer Stadt machen.
Sei es nun ein Wesen, das im Wasser lebt, irgendein Fisch, er ist immer beschäftigt und schwimmt hin und her; sei es ein Wesen, das fliegt, ein Vogel oder was immer, er ist beschäftigt, er fliegt hin und her; und sei es ein Wesen, das auf der Erde läuft, auch die sind immer beschäftigt und sausen hin und her. Schauen Sie nur, wie eilig es die Menschen haben, sie haben kaum Zeit, die Türen des Autos langsam und gemütlich auf- und zuzumachen.
Wenn man sich weiters keine Gedanken macht, dann sieht man, ja, er geht zur Arbeit und ich gehe zur Arbeit, und der Vogel fliegt eben herum, und der Fisch schwimmt eben auch herum, und die Ameise krabbelt eben auch auf der Erde. Wir denken über die tieferen Ursachen der Eile und Geschäftigkeit in der Welt meistens kaum nach.
Es wäre jedoch angebracht, sich zu überlegen: Warum haben es alle so eilig, warum sind alle Wesen beschäftigt, warum haben alle etwas zu tun, von den Menschen angefangen bis zu den Vögeln und Fischen und den Tieren, die auf der Erde kriechen?
Überlegt man es sich richtig, kann man sehen, daß alle diese Beschäftigungen auf einen und den gleichen Grund zurückzuführen sind.
Was ist dieser eine Grund? Unsere Gedanken kreisen um zwei Arten von Dingen: Um Dinge, die wir uns wünschen, und Dinge, die wir vermeiden möchten. Die, die wir uns wünschen, versuchen wir zu erlangen, und denen, die wir vermeiden möchten, versuchen wir zu entgehen.
Das, wonach wir uns sehnen, ist Glück und vor allem geistiges Glück, und darum bemühen wir uns. Was wir vermeiden möchten, ist Leid und vor allem geistiges Leid. Und wir bemühen uns, diesem Leid zu entgehen.
Diese Bemühungen, Glück zu erlangen und Leid zu vermeiden, sind es, die uns ständig beschäftigt und in Eile halten. Den Menschen, der im Auto herumfährt, bewegt im Grunde das gleiche wie den Wurm, der in der Erde umherkriecht; es besteht allerdings ein Unterschied insofern, als der eine sprechen kann und der andere nicht.
Überlegen Sie an sich selbst! Sie strengen sich jeden Tag an, Sie bemühen sich, Sie arbeiten, so gut Sie können, ganz nach Ihren Kräften. Ich ermutige Sie, sich selbst zu überlegen: Weshalb arbeiten Sie? Was ist es, was Sie im Tiefsten Ihres Herzens dazu bringt, sich sosehr zu beschäftigen und anzustrengen?
In gleichem Maß, in dem wir ein bestimmtes Glück oder eine Freude erlangen können, wird das Leid von Körper und Geist abgeschwächt, und in dem Maß, in dem uns Leid befällt, vergeht die geistige Freude. Diese zwei stehen in enger Wechselbeziehung.
Wenn man so die verschiedenen Wesen betrachtet, scheinen die Ameisen die geschäftigsten zu sein, diejenigen, die es am eiligsten haben und am meisten hin- und hersausen. Und unter den größern Wesen sind es die Menschen, die genauso wie die Ameisen beschäftigt sind. Auch die Art ihrer Eile ist sehr ähnlich.
Das, was also alle Wesen suchen, ist, Leid zu vermeiden. Die Beschäftigungen der verschiedenen Tiere, ihr Hin- und Hergehen und Suchen und Tun hat alles den einen Grund, Leid zu vermeiden; und die vielen Beschäftigungen der Menschen haben im tiefsten ebenfalls das eine Ziel, Leid und Unannehmlichkeiten zu entgehen.
Selbstverständlich hat der Mensch wesentlich mehr Möglichkeiten, um dieses Ziel zu erreichen. Im allgemeinen sind der Geist eines Tieres und der eines Menschen in ihrer Natur gleich. Der Geist des Menschen jedoch ist wesentlich klarer und schärfer, sein Verstand unvergleichlich größer, und er erlaubt es ihm somit, eine Unzahl verschiedener Mittel zu erfinden und anzuwenden, um Dinge zu erreichen, die den Tieren vorenthalten bleiben. Aber der grundlegende Gedanke, das auslösende Moment ist das gleiche.
Wenn z.B. eine Kuh hungrig ist, möchte sie hinaus auf die Weide und Gras fressen; ist sie durstig, dann sucht sie Wasser; ist es ihr in der Sonne zu heiß, dann geht sie in den Schatten eines Baumes, und wenn es ihr wieder zu kalt ist, sucht sie sich ein sonniges Plätzchen. Das sind die verschiedenen Möglichkeiten, die einer Kuh offenstehen, um die Unannehmlichkeiten, mit denen sie in Berührung kommt, zu verringern oder ihnen zu entgehen.
Auch die Vögel fliegen, wenn sie hungrig sind, umher und suchen Nahrung, und sobald sie selbst genug haben, suchen sie Nahrung für ihre Jungen.
Das sind so ziemlich alle Mittel, die den Tieren zur Verfügung stehen. Damit können sie in einem ganz geringen Maß verschiedene körperliche und geistige Leiden abschwächen.
Der Mensch dagegen hat einen wesentlich weiteren Ausblick und auch mehr Möglichkeiten. So hat er z.B. verschiedene medizinische Mittel erfunden und Krankenhäuser gebaut im Hinblick auf die Möglichkeit, daß sein Körper von Krankheiten befallen werden könnte.
Auch hat der Mensch viele verschiedene Mittel erfunden, die es ihm erleichtern, sich von einem Ort zum andern fortzubewegen, sei es in kleinen oder in großen Gruppen; man hat Straßen gebaut und alles mögliche andere gemacht.
Das sind nur einige wenige der Dinge, die wir tagtäglich benützen und selbst sehen. Sie selbst wissen genau Bescheid darüber; ich habe nur ein, zwei dieser verschiedenen Mittel erwähnt.
Jedenfalls versuchen wir in jeder Hinsicht, unser Wohlergehen zu vermehren. Das letztliche Ziel auch dieser Bemühungen ist, das körperliche und geistige Leid zu verringern und das Glück zu vergrößern.
Alle diese Anstrengungen und verschiedenen Mittel sind selbstverständlich nützlich. Wie sehr, das sehen wir tagtäglich. Wir sehen, wieviel die Ärzte den Kranken helfen können. Und was für Annehmlichkeiten uns andere Einrichtungen bringen, die wir uns geschaffen haben, können wir alle erkennen.
Es ist also nicht zu verneinen, daß diese Bemühungen einen gewissen Erfolg haben, eine gewisse Erleichterung des Lebens mit sich bringen.
Wenn wir jedoch einmal ganz ehrlich nachdenken und uns überlegen: Erlauben es uns diese Mittel, das körperliche Leid, das der Mensch zu tragen hat, vollständig zu beseitigen? oder geistiges zu lindern? oder sogar ganz auszulöschen? Und ermöglichen es uns diese Mittel, ein ganz außergewöhnliches Glück zu erreichen, das Glück zu erreichen, das wir suchen?
Dann mag die Antwort vielleicht etwas bedrückend sein. Wir werden wahrscheinlich feststellen, daß alle diese Anstrengungen nicht dazu geeignet scheinen, das Glück des Geistes, das seelische Glück zu erhöhen; im Gegenteil, alle diese Bemühungen scheinen eher die Nöte und Bedrängnisse im eigenen Geist zu vermehren.
Betrachten wir die Situation der Welt heutzutage, dann müssen wir feststellen, daß das Verständnis der Natur, daß die verschiedenen Wissenschaften einen Stand erreicht haben wie nie zuvor; daß das Wissen, das heute zur Verfügung steht, wesentlich größer ist als in der Vergangenheit; aber daß uns alles das einer geistigen Ruhe, einem geistigen Glück nicht nähergebracht hat; sondern im Gegenteil, es scheint, daß heutzutage in der Welt die Bedrängnis der Leute noch größer ist, als sie früher je war.
Wieviel Leid herrscht, können wir aus den täglichen Nachrichten sehen. In dem Maß, in dem die Macht einer Person oder eines Landes zunimmt, scheint auch die geistige Bedrängnis zuzunehmen.
Das sind Dinge, die wir alle beobachten, das ist nichts Neues, was ich Ihnen da erzähle, und kaum einer wird denken, daß dem nicht so ist. Im Gegenteil, diese Tatsachen sind uns allen deutlich.
Da muß man überlegen: Um geistiges Leid zu überwinden, bemühen wir uns so sehr und machen großen Fortschritt, und dennoch scheint uns das geistige Glück nicht näherzurücken, sondern nur noch weiter zu entgleiten. Woran mag das liegen? Wo ist der Fehler, warum kommen wir nicht zu unserm letztlichen Ziel?
Nehmen wir an, ein Arzt habe einen Patienten, bei dem er eine bestimmte Krankheit vermutet. Wenn sich nun das Befinden des Patienten trotz der angezeigten Behandlungen nur immer weiter verschlechtert, dann wird der Arzt die ursprüngliche Diagnose in Frage stellen und nach den wirklichen Ursachen des Zustandes des Patienten forschen.
Ebenso sollten wir uns überlegen, warum wir mit unseren Bemühungen um die verschiedenen Lebensnotwendigkeiten und Annehmlichkeiten Leid nicht von seiner Wurzel her beseitigen können. Das liegt daran, daß wir die eigentliche Ursache von Leid nicht erkennen und dadurch die richtigen Methoden zu deren Beseitigung nicht anzuwenden wissen.
Das Erfahren von Leid hängt sowohl von Ursachen als auch Umständen ab.
Eine Blume z.B. kann nur durch das Zusammenwirken einer bestimmten Ursache und entsprechender Umstände zum Blühen kommen. Die Ursache ist der Same, die Umstände sind Wasser, Dünger, Erde und Wärme. Nur wenn Ursache und Umstände vollständig sind, kann die Blume wachsen.
Genauso ist das Leid, das wir erfahren, ein Produkt von Ursachen und Umständen. Die Umstände, die uns Leid verursachen, sind zahllos und reichen von belebten Wesen wie Menschen bis zu unbelebten Dingen wie dem Wetter. Die Hauptursache für das Erfahren von Leid ist jedoch etwas in uns selbst, es ist ein Teil unseres Geistes. Unser Geist hat viele verschiedene Faktoren, manche sind positiv oder heilsam, andere sind negativ oder unheilsam. Leid entsteht in Abhängigkeit von den negativen Geistesfaktoren.
Wir machen große Anstrengungen, um Leid zu lindern und zu vermeiden. Dabei fassen wir die äußeren Umstände, durch die uns Leid trifft, ins Auge und richten alle unsere Bemühungen darauf, diese zu beeinflussen und zu beseitigen. Die eigentliche Ursache für Leid haben wir jedoch nicht erkannt.
Wie kann man Leid, im besonderen geistiges Leid, vollständig beseitigen?
Zuerst muß erkannt werden, daß sich die Wurzel für das Erfahren von Leid im eigenen Geist befindet, und dann müssen die Mittel zur Beseitigung dieser Wurzel angewendet werden. Ist die Ursache für Leid einmal ausgelöscht, kann kein Leid mehr erfahren werden.
Verändert man den Geist jedoch in keiner Weise, verrrichtet man an ihm keinerlei Arbeit und bemüht man sich, auf andere Art Leid zu beseitigen, dann kann man fliegen oder tauchen, es wird einem nicht gelingen, Leid zu beenden.
Da die negativen Geistesfaktoren der prinzipielle Ursprung für Leid sind, ist es wichtig, diese zu erkennen und Mittel anzuwenden, die ihr Auftreten unterbinden. Ist es einem gelungen, die negativen Faktoren des Geistes zu beseitigen, dann kann man mit allen beliebigen äußeren Umständen in Berührung kommen, ohne daß sie einem das geringste geistige Leid verursachen können.
Negative Geistesfaktoren sind ein Fehler des Geistes. Einen Fehler des Geistes wiederum kann nur der Geist selbst beseitigen.
Das sollte uns klar sein; denn wenn man die Fehler des Geistes mit äußeren Mitteln beseitigen wollte und dazu selbst alle Armeen der Welt mobilisierte und noch so viele starke und besondere Bomben würfe, könnte man nur den Körper zerstören, nicht aber die Fehler des Geistes.
Die Fehler des eigenen Geistes müssen vom eigenen Geist beseitigt werden. Wäre es nämlich möglich, von seinen geistigen Fehlern ohne jedes eigene Zutun, durch die Kraft irgendeines anderen Wesens vollständig befreit zu werden, dann müßte das schon längst geschehen sein, da es in jeder Religion ein mächtiges Wesen gibt, das solche Fähigkeiten hätte, wenn es sie gäbe. Daß dem nicht so ist, kann man an sich selbst sehen, an seinen eigenen Schwierigkeiten, an dem Leid, das man selbst erfährt.
So müssen wir zum Beseitigen der eigenen geistigen Fehler einerseits eigene Anstrengungen unternehmen und uns andererseits einem Wesen mit entsprechenden besonderen Fähigkeiten, einem Ort der Zufluchtnahme anvertrauen. Durch dieses zweifache Mittel kann dann der Geist von seinen Fehlern befreit werden.
Das ist leicht zu verstehen, wenn man wieder den Arzt und seinen Patienten als Beispiel nimmt. Ein Kranker muß für seine Genesung die Anweisungen des Arztes befolgen. Der Arzt muß die richtigen Mittel verschreiben, aber dann muß der Patient seinen Mund aufmachen und diese Tabletten schlucken. Denkt er sich nur, der Arzt wird mich schon heilen, und nimmt nicht einmal die verschriebenen Medizinen, dann kann der Arzt für ihn nicht viel tun. Bemühen sich jedoch beide, der Arzt mit seiner Behandlung und der Patient durch das Befolgen der Anweisungen, dann ist es möglich, den Patienten zu heilen.
Wie kann der Geist seine eigenen Fehler beseitigen?
Zuerst muß man die Fehler des Geistes und deren Auswirkungen studieren. Dann sollte man sich überlegen: Mein Geist hat diese und jene Fehler, und die führen so und so zu Leid. Wie kann ich dieses Leid beseitigen? Wie muß ich den Geist verändern, um das zu erreichen, mit welchen Mitteln auf ihn einwirken?
So muß man zuerst erkennen, daß die Fehler des Geistes die Ursache für das Erfahren von Leid sind.
Dann muß man studieren und lernen, welche Aspekte des Geistes es genau sind, die einem diese Schwierigkeiten verursachen.
Dann muß man weiter lernen, wie man diesen entgegentreten kann und wie man seinen Geist führen muß, was für Mittel man anwenden muß, um diese Fehler des Geistes wirksam beseitigen zu können.
Das sind alles Dinge, die man langsam erlernen muß, langsam erkennen muß, bei denen man selbst überlegen und sich selbst, seinen eigenen Geist genau beobachten muß.
Wenn man so nachdenkt, kann man gewissermaßen zwei Seiten im Geist erkennen. Die eine Seite scheinen diese Aspekte des Geistes zu sein, die einem Leid verursachen, die andere Seite der Wunsch, diese zu beseitigen.
Will man sich von den negativen Aspekten des Geistes tatsächlich befreien, ist es unumgänglich, daß die Seite des Geistes, die den Wunsch beinhaltet, diese Leid erzeugenden Teile des Geistes zu überwinden, sehr stark und mächtig ist.
Wie macht man den Geist stark? Einfach durch Zuwarten, durch Nichtstun? Oder muß man dazu bestimmte Mittel anwenden?
Natürlich müssen entsprechende Mittel angewendet werden, um den Geist stark und wirkungsvoll zu machen; sitzt man nur herum, wird er es nicht. Das können wir an uns selbst beobachten; bisher haben wir keine solchen Mittel angewendet, und dementsprechend hat unser Geist auch nicht diese Kraft und Stärke.
Mit welchen Mitteln kann der Geist, können die heilsamen Aspekte des Geistes nun stärker gemacht werden? Durch eine Schulung des Geistes, durch Meditation. Wenn man richtig meditiert, wird der Geist gestärkt, und dieser starke Geist erlaubt es einem dann, die Fehler des Geistes zu beseitigen. Das wäre das eigentliche Ziel von Meditation.
Um eine solche Schulung des Geistes, um Meditation richtig durchführen zu können, muß man die verschiedenen Methoden genau kennen, man muß wissen, wie man fehlerlos und perfekt meditiert. Denn nur dann kann man ein Ziel erreichen.
Selbst wenn man den Wunsch hat zu meditieren, um das eigene geistige Leid zu beseitigen, jedoch Fehler in der Meditationsweise macht, dann kann man meditieren und schulen soviel man will, man wird sein Ziel nie erreichen. Deshalb ist es sehr wichtig, die entsprechenden Meditationen genau und unverfälscht zu erlernen.
Nun fragen Sie vielleicht, was ist falsche Meditation und was ist richtige Meditation? Und wie kann ich feststellen, ob ich richtig meditiere?
Versenken Sie Ihren Geist in Ihre Meditation und beobachten Sie, ob er frei von jeglicher Bedrängnis, ruhig und stark bleibt, wenn von außen die verschiedensten Dinge auf Sie einwirken. Ist das der Fall, dann ist Ihre Meditation fehlerlos.
Wird jedoch die Bedrängnis in Ihrem Geist trotz Ihrer Bemühungen in der Meditation um nichts geringer, sondern scheint sie eher noch zuzunehmen, dann ist das ein deutliches Zeichen, daß mit Ihrer Meditation etwas nicht stimmt. Dies muß der Meditierende selbst durch die Beobachtung seines eigenen Geistes feststellen.
Wenn z.B. jemand Kopfweh hat, dann wird er in die Apotheke gehen, um sich ein schmerzstillendes Mittel zu beschaffen. Ob ihm dieses Mittel nun hilft oder nicht, muß der Kranke selbst feststellen; denn nur er weiß, ob ihm der Kopf immer noch weh tut oder nicht. Nützt das Mittel, war es das richtige, nützt es nicht, war es das falsche für das entsprechende Kopfweh.
So wollte ich deutlich machen, daß zu einer Beseitigung des Leides eine Veränderung, eine Schulung des Geistes notwendig ist; und daß Meditation an und für sich nichts anderes ist, als den Geist auf eine heilsame Art zu schulen.
Nun, wo ist das Wissen über Meditation zu finden, und wo wird Meditation gepflegt? Bekommt man es aus der Fabrik, oder woher? Uns ist allen klar, daß das nicht der Fall ist. Eigentlich ist es die Aufgabe der Religion, einem Mittel zu geben, die erlauben, den Geist auf eine solche heilsame Art und Weise zu verändern.
Religion ist also das Mittel oder eine Sammlung von Mitteln, die es anzuwenden gilt, um durch eine Umwandlung oder Schulung des Geistes körperliches und vor allem geistiges Leid zu verringern und von seiner Wurzel her zu beseitigen und damit Glück zu erlangen. Das ist, kurz gesagt, was Religion eigentlich wäre.
Sei man nun jemand, der Religion akzeptiert, oder jemand, der Religion nicht akzeptiert, wenn man Leid nicht mag, wenn man das Erfahren von Leid beseitigen will, dann hat man keine andere Wahl, als das Wissen zu benutzen, das in Religion vermittelt wird. Wünscht man Leid, ist das natürlich ein anderer Fall.
So sind selbstverständlich die Leute, die Religion erklären, überzeugt von ihrer Religion, und meistens haften sie auch sehr an den in ihrer Religion vorhandenen Ansichten und verkünden diese als die richtige Wahrheit. Das ist nicht Religion. Im eigentlichen Sinne ist Religion das Mittel, das es dem Anwender erlaubt, seinen Geist so zu schulen, so umzuformen, daß er mit Leid zurechtkommt und schließlich fähig ist, das Erfahren von Leid ganz zu beseitigen. Das wäre an und für sich Religion.
Denken Sie nach!
Bis jetzt wurde so und so viel gesagt. Gibt es da etwas zu überlegen oder nicht? Trifft das Gesagte zu oder nicht? Lassen Sie sich das Gehörte durch den Kopf gehen, denn nur so hat das Zuhören einen Sinn. Einem Vortrag ohne jedes weitere Nachdenken zu folgen ist Zeitverschwendung.
Religion ist also ein Mittel, um Leid zu überwinden. Wie wir alle wissen, sind auf dieser Welt viele verschiedene Richtungen von Religion entstanden. Sie alle haben das gleiche Ziel, nämlich Leid zu beseitigen und Glück zu bringen.
Es gibt z.B. eine große Zahl unterschiedlicher Medizinen, und alle haben das eine Ziel, Krankheit zu heilen und das Glück der Gesundheit zu schenken. Nun wird nicht irgendeine Medizin irgendeinem Kranken helfen, sondern eine ganz bestimmte Medizin wird einem ganz bestimmten Kranken bei einer ganz bestimmten Krankheit von Nutzen sein.
Genauso wird dem einen Menschen, je nach seiner Natur, die eine Religion von größtem Nutzen sein, während dem anderen eine andere nützlicher ist. Um so den mannigfaltigen Bedürfnissen der Menschen gerecht zu werden, gibt es viele verschiedene Religionen, die jeweils für die entsprechenden Wesen von größtem Wert sind. Auch die verschiedenen Aspekte einer Religion sind wiederum nützlich für ganz bestimmte Arten von Leuten.
Allerdings ist innerhalb der Religion von Menschen viel getan worden, was mit der eigentlichen Natur von Religion nichts mehr zu tun hat; und betrachtet man diese Dinge, ist es nicht verwunderlich, daß viele Leute ein Interesse an Religion vollständig verlieren.
Die aus diesen verschiedenen Arten von Dharma entstehenden unterschiedlichen Ansichten sind oft Anlaß zu Feindseligkeiten zwischen Anhängern dieser einzelnen Gruppierungen. Solche Handlungsweisen sind jedoch Fehler der Leute, die sie durchführen, und sollten nicht als Fehler der entsprechenden Religion oder schon gar nicht als Fehler von Religion an und für sich betrachtet werden.
Religion oder Dharma sind nur Mittel, die dem Menschen zu Glück und Frieden verhelfen und es ihm ermöglichen, Leid zu beseitigen. Ein bestimmter Mensch kann leicht falsche Handlungen durchführen, sobald sein Geist von den negativen Aspekten des Geistes aufgewühlt ist.
Es ist wichtig, daß einem diese Unterscheidung deutlich ist, da man sonst leicht zu der Ansicht kommen kann, es sei nicht der Mühe wert, Religion auszuüben.
Religion wird auf sanskrit Dharma genannt. Das Wort hat den Sinn von heraushalten oder herausziehen. Weshalb wird Religion mit diesem Wort Dharma bezeichnet? Im gegenwärtigen Zustand sind wir auf Grund der vielen fehlerhaften Aspekte unseres Geistes wie in einem Sumpf versunken, tief in einem Sumpf von Leid versunken und rundherum von Leid umgeben.
Da Religion das Mittel ist, uns aus diesem Sumpf herauszuhalten, uns aus diesem Sumpf herauszuziehen, heißt es auf sanskrit Dharma. Die Bedeutung des Wortes Dharma kann auch in bezug auf den Geist, der die Essenz des Objektes erfaßt, erklärt werden. Der Geist erfaßt das Objekt, und auf Grund dieser Eigenschaft des Geistes wird das Objekt in bezug auf den Geist ebenfalls Dharma genannt. Das soll nur für diejenigen erwähnt werden, die bei ihrem Sanskritstudium auf diese Bedeutung des Wortes Dharma gestoßen sind. Hauptsächlich wird das Wort Dharma jedoch entsprechend der ersten Erklärung verwendet.
So ist das letztliche Ziel von Religion oder von Dharma, das eigentliche Ziel, Leid zu beseitigen, und zwar dadurch, daß die Wurzel des Leides vollständig beseitigt wird. Aber ganz abgesehen von diesem letztlichen Ziel von Dharma, auch nur in bezug auf ein kurzes Leben ist Dharma etwas sehr Nützliches.
Welchen Wert hat Dharma für dieses Leben? Sagt jemand von uns, wir seien eine feine Person, dann freut uns das. Im Gegensatz dazu ärgert es uns, als üble Person hingestellt zu werden. Damit wird deutlich, daß wir als guter, edler Mensch gelten möchten.
Wie wird man ein guter Mensch? Das beste Mittel, um ein feiner, edler Mensch zu sein und zu werden, ist wiederum Dharma. Wenn der eigene Geist ganz von den verschiedenen Mitteln, die im Dharma erklärt werden, durchdrungen ist, wird man ganz von selbst ein vornehmer, edler Mensch.
Damit jemand als feiner Mensch betrachtet wird, muß er ein gutes Herz haben. Um eine solche gute und helfende Einstellung zu erlangen, gibt es kein besseres Mittel, als dem Wissen, das in Religion verkündet wird, nachzusinnen und seinen Geist damit zu verbinden.
Ist jemand guten Herzens geworden, d. h. herrschen in ihm gute Gedanken, dann werden seine sprachlichen und körperlichen Handlungen ebenfalls gutherzig, und eine feine Person wird durch nichts anderes gekennzeichnet als durch ein feines Benehmen von Geist, Rede und Körper.
Wenn einem jedoch ein gutes Herz vollständig fehlt und im Geist nur Bosheit herrscht, dann wird diese Bosheit ganz von selbst zu schlechten sprachlichen und körperlichen Handlungen führen, was einen zur üblen Person macht.
Wir sprechen von einer Einführung in Dharma, das tibetische Wort hat mehr den Sinn von Deutlichmachen der Bedeutung von Dharma. Nun der, der die Bedeutung von Dharma deutlich machen sollte, bin ich; Sie sind diejenigen, denen diese Bedeutung von Dharma deutlich gemacht werden sollte. Ob sie deutlich geworden ist oder nicht, müssen Sie selbst beurteilen.
Wenn Sie bisher ganz verschiedene falsche Vorstellungen von Religion hatten und Ihnen jetzt deutlich geworden ist, was die eigentliche Essenz von Religion ist, dann hat dieses Deutlichmachen sein Ziel erreicht, dann ist Ihnen die Bedeutung des Wortes Dharma deutlich geworden, sonst nicht; ich hoffe, daß es deutlich geworden ist.
Dieses Verstehen ist zwar sehr wichtig, aber dennoch nützt es allein nicht sehr viel.
Man sollte sich überlegen: Bis jetzt habe ich nur dieses und jenes als Mittel zur Beseitigung von Leid aufgefaßt und konnte dadurch dem Leid nie ein wirkliches Ende setzen, weil ich die eigentliche Wurzel des Leides nicht erkannt habe. Nun verstehe ich, warum das so ist und was es braucht, um Leid wirklich beseitigen zu können. Jetzt werde ich versuchen, dieses Verständnis in die Tat umzusetzen. So sollte man den festen Entschluß fassen, die Mittel, die zur Beseitigung der Leiden dienen, anzuwenden; man sollte sich bemühen, sein Denken etwas zu verändern.
Nun ist es wohl angebracht, ein paar Worte über das buddhistische Dharma, über den Buddhismus zu sagen.
Vor etwa zweieinhalbtausend Jahren lebte Buddha Shakyamuni in Indien. Er machte den Menschen deutlich, was Leid und dessen wirkliche Ursache ist. Er zeigte ihnen Mittel, die es erlauben, Leid vollständig zu beseitigen und auch den resultierenden Zustand der Freiheit von allem Leid.
Er brachte keinen neuen Lebensstil, sondern erklärte den Menschen lediglich die Wirklichkeit. Er machte den Leuten deutlich, so ist es und so ist es nicht, das ist richtig und das ist falsch.
Diese Erläuterungen werden Buddhismus genannt. Es sind fehlerfreie Methoden, die es anzuwenden gilt. Sie wurden gegeben, um sämtlichen Wesen von Nutzen zu sein. Im besonderen ermöglichten sie vielen, die zur Zeit Buddhas lebten, durch eine Führung auf dem Weg des Dharma hohe Ziele zu erreichen.
Es ist nicht so, daß es vor dem Erscheinen Buddha Shakyamunis in Indien keinen Buddhismus gab und Buddha Shakyamuni gewissermaßen als Geschenk etwas mitbrachte. Zum Beispiel: Auf diesem Podest hier steht keine Vase. Würde nun jemand eine hereinbringen, dann wäre diese Vase ganz neu an diesen Ort gebracht.
Mit dem Buddhismus ist es nicht so. Buddha Shakyamuni brachte nach Indien nicht etwas, was vorher ganz und gar nicht vorhanden gewesen wäre.
Die eigentliche Basis war da, nur wußten die Leute nicht, was für Mittel sie anwenden und wie sie die Mittel richtig anwenden sollten. Und Buddha Shakyamuni hat nur diese verschiedenen Methoden und Mittel verdeutlicht.
Ich habe erwähnt, daß es auf dieser Welt viele verschiedene Arten von Leuten gibt, denen auch verschiedene Arten von Religion oder Dharma zuträglich sind, während andere Arten weniger zuträglich sind, genauso wie einem Kranken manche Medizinen nützen und andere nicht.
Buddha Shakyamuni hat diese verschiedenen Erklärungen gegeben, um einerseits allen Wesen von Nutzen zu sein, und ganz im besonderen, um einer Unzahl von Wesen ganz brauchbare Anweisungen zu geben, von ganz brauchbarem Nutzen zu sein.
So hat Buddha Shakyamuni Dinge verdeutlicht, deren eigentliche Basis schon vorhanden war, er hat nicht etwas gebracht, das gar nicht vorhanden gewesen wäre.
Weiters entsprechen seine Erklärungen vollständig der tatsächlichen Wirklichkeit, und sie sind von richtigen, perfekten Begründungen unterstützt. Es sind also Verdeutlichungen, die diese drei Charakteristiken haben.
Buddha Shakyamuni ist in seiner Natur eine Erscheinung der Weisheit sämtlicher Buddhas - es gibt unzählig viele Buddhas - oder, auf sanskrit, der Jnana-Dharmakaya, der zu dieser bestimmten Zeit in der Form eines Menschen in Indien erschien, um den Wesen von Nutzen zu sein, um ihnen den richtigen Weg zu zeigen.
Obwohl er in seiner Natur der Jnana-Dharmakaya ist, erschien er in der Form eines Menschen, um den Wesen an seinem eigenen Beispiel zu zeigen, wie sie zu handeln haben, wie man lernen kann, wie man sich weiterentwickeln kann, mit welchen Mitteln man sämtliche Fehler und Mühen stufenweise beseitigen kann, um dann zu einem vollkommenen Zustand zu gelangen. Tatsächlich hatte er diesen Zustand lange zuvor schon erlangt, und er verdeutlichte lediglich den Wesen diesen Werdegang in der Form einer Manifestation. Seine Natur entspricht jedoch nicht dieser Manifestation.
Im Buddhadharma gibt es viele verschiedene Stufen. Man spricht von Hinayana, von Mahayana, das Mahayana wird unterteilt in Sutrayana und Mantrayana, im Mantrayana gibt es ebenfalls wieder verschiedene Unterteilungen.
Wenn man nun von höheren oder niedreren Stufen des Dharma spricht, dann bedeutet das nicht, daß die höhere stark und mächtig oder wertvoller ist, während die niedrere schwach ist und von der höheren dominiert wird. Es ist nicht so zu verstehen wie die Machtpositionen unter den Menschen, wo sich der Mächtigere am Schwächeren ausläßt.
Was bedeuten diese verschiedenen Stufen des Dharma dann? Wenn wir mit der Ausübung von Dharma anfangen, dann müssen wir mit den einfachen Übungen beginnnen, uns in diesen schulen und dann langsam Stufe für Stufe weiterschreiten und uns weiterentwickeln. Und so wurden die verschiedenen Methoden und Teile des Dharma, die man der Reihe nach bei seiner Weiterentwicklung anwendet, mit verschiedenen Namen belegt.
Deshalb wird jemand, der Dharma richtig ausübt, zuerst die Aspekte des Dharma ausüben, die man im Hinayana zusammenfaßt. Er muß danach trachten, durch die Anwendung der dort beschriebenen Methoden einen festen, stabilen Geist zu erlangen, und damit eine gute Basis für die weitere Entwicklung schaffen. Wenn er sich in diesen Methoden geschult und einen guten Fortschritt erzielt hat, dann kann er weitere Methoden dazunehmen und sich so Stufe um Stufe weiterentwickeln.
Deshalb sollte jemand, der vorhat, handfeste Fortschritte zu machen, die grundlegenden Methoden des Dharma zuerst ausüben, in diesen eine Festigkeit und Stabilität seines Geistes finden. Die grundlegenden anfänglichen Methoden als zu leicht zu betrachten und beiseite zu lassen und ohne jede Vorbereitung zu höheren Methoden zu greifen, führt nie zum Ziel.
Als Buddha Shakyamuni die ersten Unterweisungen über Dharma gab, sagte er nicht: Ich habe ganz außergewöhnliche Unterweisungen zu geben. Nein, das tat er nicht, im Gegenteil, er gab klare, deutliche, leicht verständliche Unterweisungen.
Denn das Buddhadharma ist ein Dharma, das keinem Wesen, von den Menschen angefangen bis zu den kleinsten Insekten, auch nur ein Härchen Leid zufügt und auf dieser Basis der völligen Freiheit von Gewalttätigkeit allen diesen Wesen nützt und Frieden bringt. Wenn man es nicht anwendet, ist das natürlich ein anderer Fall, aber angenommen, man wendet es an, dann kann es von Menschen wie uns angewendet werden und bringt uns die ersehnten Ziele.
Es kann von jeder Art von Mensch, von jeder Rasse und Klasse angewendet werden und bringt jedem dieser Menschen den gleichen Nutzen und das gleiche Glück. Ob man diese Unterweisungen verwirklichen will oder nicht, liegt ganz an einem selbst.
Schweizer Schokolade z.B. kann von jedem Menschen gegessen werden, und jeder, der sie ißt, wird sie süß finden. Schweizer Schokolade wird nicht im Mund eines Menschen einer Rasse süß sein und in dem einer anderen Rasse nicht süß, sondern sie ist gleich süß für alle. So kann auch das Buddhadharma von allen Menschen, ganz gleich welcher Art und welcher Rasse, angewendet werden und bringt allen den gleichen Nutzen.
Die Menschen, die das Dharma anwenden, werden jedoch von verschiedenen geistigen Fähigkeiten sein, manche werden außergewöhnlich hohe geistige Fähigkeiten haben, andere mittlere, andere wieder nur beschränkte. Und so ist das Buddhadharma auch kein Dharma, dem nur diejenigen etwas abgewinnen können, die vielleicht von außergewöhnlich hohen geistigen Fähigkeiten sind, während die mittlerer geistiger Fähigkeit keine Resultate damit erzielen können. Jeder kann entsprechend seinen geistigen Fähigkeiten ganz bestimmte Ziele durch die Anwendung des Buddhadharma erreichen, die jedoch nicht alle genau gleich sein werden.
Dabei ist es wichtig, daß man die entsprechenden Methoden fehlerlos anwendet, selbst ruhig nachdenkt, seinen Geist in diesen Gedanken des Dharma formt, denn nur so kann man wirklichen Nutzen daraus ziehen und Erfolg haben. Wendet man die Methoden nicht an, wird man auch keine Resultate erzielen.
Da das Dharma des Buddha ein Dharma ist, das der Wirklichkeit vollständig entspricht und von logischen Begründungen untermauert ist, stehen die logischen Schlußfolgerungen selbst der neuesten Forschung nie im Gegensatz zur Aussage des Dharma, sondern es wird die Verbindung zwischen Dharma und Forschung um so enger, je weiter diese mit korrekten Überlegungen fortschreitet.
Wenn z.B. zwei verschiedene Leute, beide mit korrekten Begründungen über das gleiche Thema sprechen, werden sie unweigerlich auf den gleichen Punkt kommen und sich einig sein. Man kann nicht mit richtigen Begründungen zu verschiedenen Meinungen über eine Tatsache gelangen.
Das Buddhadharma hat selbstverständlich noch viele andere Eigenschaften, die nicht alle hier erwähnt werden können.
Als Buddha Shakyamuni dieses Dharma in Indien verkündete, hielt er keine hochtrabenden Reden, sondern erklärte seinen Zuhörern immer genau das, was für sie von größtem Nutzen war. Die Wesen, und so auch wir Menschen, sind in unserer eigentlichen Natur so von der Krankheit des Leids befallen, daß wir wie elende Siechende sind. Und Buddhas Unterweisungen waren besonders darauf abgestimmt.
Ein geschickter Arzt z.B. wird seinem Patienten zuerst seine Krankheit erklären und ihm deutlich machen, woran er leidet. Denn solange sich der Patient seiner Krankheit nicht bewußt, wird er sich nicht bemühen, davon geheilt zu werden.
So hat Buddha Shakyamuni als erstes seinen Zuhörern das Leid deutlich gemacht, indem er erklärte, was für Leiden vom Körper erfahren werden, was für Leiden des Geistes durchgemacht werden müssen.
Da man selbst ein leidender Mensch ist, werden die eigenen leidvollen Erfahrungen bei solchen Erklärungen dann richtig verstanden, die Zuhörer werden eine neue Ansicht ihrer eigenen Situation erlangen.
Alle Leiden, die wir als Menschen erfahren und auch erfassen können, waren Teil von Buddhas Erklärungen; die körperlichen Leiden wie Krankheit, Hitze und Kälte usw. und die verschiedenen geistigen Leiden, die den Menschen plagen. So hat Buddha eine Stufe von Leid erklärt.
Uns ist allen klar, daß Kranksein nichts Angenehmes ist, daß Hungrigsein und Frieren auch äußerst unangenehm sind, aber das allein führt uns nicht dazu, uns für Methoden zur Beseitigung der Wurzel dieser Leiden zu interessieren.
Wie viele Leute z.B. leben in einer großen Stadt, und niemand davon beschäftigt sich mit Methoden zur Beseitigung von Leid, obwohl allen bewußt ist, wie unangenehm es ist. Man kommt am Abend nach Hause, legt sich schlafen, wacht auf und geht wieder zur Arbeit. Und erst wenn nun ein Meister kommt, der die Natur von Leid erklärt, entsteht in einigen der Wunsch, Mittel zu dessen Beseitigung anzuwenden.
Wir denken viel an Glück und Frieden des Körpers und des Geistes und streben danach. Dieses Glück verdeutlichte Buddha folgendermaßen: Es ist ein gegenwärtiges Glück. Er sagt nicht, daß es kein Glück sei, aber es sei nicht fest und stabil, sondern ein Glück, das in seiner Wurzel von Leid durchdrungen ist.
Denken wir über das Glück unseres Körpers und unseres Geistes nach, das wir erfahren können, dann sehen wir deutlich, daß es in keiner Weise dauernd ist; denn wäre es fest und beständig, dann müßte ein bißchen Glück, das wir erfahren haben, weiter bestehen bleiben, und wenn noch mehr dazukommt, dann müßte es immer mehr und stärker werden. Das ist nicht so, wir erfahren ein bißchen Glück, es vergeht, und Leid kommt wieder zum Vorschein.
Wenn wir z.B. vollständig durchfroren sind und dann in einen warmen Raum kommen, ist das ein glückliches, erlösendes Gefühl. Wäre das Glück, das zu diesem Zeitpunkt empfunden wird, ein stabiles, andauerndes Glück, dann müßte es weiter bestehenbleiben, solange man sich in diesem warmen Raum aufhält. Tatsächlich ist es jedoch so, daß man nach einiger Zeit, wenn einem wieder warm geworden ist, die große Wärme nicht mehr ertragen kann und wieder einen kühleren Ort aufsucht.
Ähnlich ist es, wenn Sie in der Sonne geschwitzt haben, dann finden Sie ein kühles Bad äußerst angenehm. Wäre dieses Glück ein stabiles, dauerndes Glück, dann müßte es bleiben, solange Sie sich im Wasser aufhalten, aber nach einiger Zeit im kühlen Wasser wird es Sie bis aufs Knochenmark frieren, und es bleibt Ihnen keine Wahl, als möglichst schnell wieder das kühle Naß zu verlassen.
Alles körperliche Glück, das wir erfahren, ist von dieser wechselhaften, kurzlebigen Natur.
Nun betrachten wir das geistige Glück. Wie oft denken wir, wenn ich das hätte, dann wäre ich sehr glücklich, nur leider, ich kann es nicht bekommen. Haben wir es dann tatsächlich erlangt, dann empfinden wir eine kurze Zeit lang eine Befriedigung, ein geistiges Glück, das dann aber sehr schnell neuen Sorgen weichen wird.
Wenn z.B. eine Familie, die über ganz Europa zerstreut ist, an Weihnachten zusammenkommt und gemütlich beisammensitzt, dann ist das am ersten Abend erfreulich und angenehm. Wäre das Zusammensein ein wirkliches Glück, dann müßte es bestehenbleiben, solange man zusammen ist. Bleibt die Familie aber nur zehn, fünfzehn Tage, vielleicht einen Monat beieinander, dann können es die einzelnen Familienmitglieder kaum mehr aushalten und sehnen sich nach der Ferne.
Ähnliches trifft auf Rang und Stellung in der Gesellschaft zu. Manch einer mag sich denken, wenn ich Regierungschef, Präsident oder Minister wäre, das wäre das Größte für mich und meine Familie. Man strebt nach diesem Ziel, gibt sehr viel Geld dabei aus, sucht bei allen seinen Freunden Hilfe. Hat man dann die Wahl gewonnen, ist das ein großer Jubel an diesem Tag, und die darauffolgenden Tage sind vielleicht noch recht angenehm, man feiert und beglückwünscht sich, was einem ein gewisses geistiges Glück gibt. Wenn dann die eigentliche Arbeit begonnen hat, kommen von rechts und links nichts als Probleme auf einen zu, man wird da und dort angegriffen und kommt dann mit der Zeit soweit, daß man sich fragt, ob man nicht glücklicher wäre, hätte man diese Stellung nie erlangt. Ein solches Leid tritt dann im Geist auf. Das sind Dinge, die wir alle mit unseren eigenen Augen sehen und auch alle kennen.
So hat Buddha Shakyamuni deutlich gemacht, daß alles geistige Glück, das wir auf dieser Erde erlangen können, nach dem wir alle ständig jagen, ebenfalls kurzlebig und seiner Natur nach von Leid durchtränkt ist und daß es deshalb keinen Sinn hat, sich nur an dieses Glück zu klammern.
Von unserer frühesten Kindheit bis zu unserem Tod betrachten wir dieses Glück als das größte zu erreichende Ziel, und alle unsere Handlungen von Körper und Geist kreisen ständig um das Erlangen dieses Glücks. Buddha machte deutlich, daß man so sein Leben nicht verbringen sollte.
Wenn z.B. jemand, der von Stoff nicht viel versteht, ein glänzendes, attraktives Gewebe aus Nylon sieht, dann mag er leicht denken, das sei ein wunderbares, ausgezeichnetes Gewebe, und er möchte es unbedingt haben. Wenn ihm nun jemand deutlich macht, daß es sich da nur um Nylon handelt, daß das Material nicht sehr wertvoll ist und auch nicht sehr angenehm zu tragen ist, dann wird sein Verlangen nach diesem Gewebe schon ein bißchen zurückgehen.
Die Einstellung der Person gegenüber diesem Gewebe vor und nach der Erklärung ist deutlich verschieden. Würde die Person das Gewebe besitzen und es vor der Erklärung verlieren, dann würde das diese Person als einen großen Verlust treffen. Würde sie es nach der Erklärung verlieren, dann wäre ihr das eher gleichgültig. Sie würde sich denken, das war ja ohnehin nichts besonders Wertvolles, was ich da verloren habe.
Ähnlich ist es mit dem Glück, das wir erfahren; solange wir es als das Beste und Größte betrachten, streben wir mit unserer ganzen Kraft danach, und gelingt es uns nicht, dieses Glück zu erlangen, dann kann es uns fast bis zum Wahnsinn treiben. Hat man verstanden, daß dieses Glück immer nur sehr kurzlebig sein wird und voll Leid ist, dann ist es einem recht, wenn man es bekommt, aber man bleibt gleichgültig, wenn man es nicht bekommt, da einem die Nachteile dieses Glücks deutlich sind und man versteht, daß es nichts besonders Wertvolles ist. Und somit wird der Geist ruhiger. Die Wichtigkeit der Dinge läßt nach, der Geist wird entspannt.
Sucht man den Ursprung des körperlichen und geistigen Leides, das man erfährt, kann man erkennen, daß diese ständige Bedrängnis vom Geist und vom Körper selbst herrührt. Deshalb erklärte Buddha dann, daß unser Körper sowie unser Geist in der Natur von Leid existieren.
Haben wir z.B. eine Wunde am Körper, dann verursacht uns diese Wunde starke Schmerzen, sobald sie von einem harten Gegenstand grob berührt wird. Behandelt man die Wunde jedoch sanft und geschickt, verursacht die gleiche Wunde ein angenehm kitzelndes Gefühl.
Das Beispiel ist nun so zu verstehen, daß die Schmerzen, die empfunden werden, wenn die Wunde geschlagen wird, dem entspricht, was wir allgemein als Leiden verstehen. Das angenehme Gefühl, das durch ein Streicheln der Wunde entsteht, entspricht dem Glück, dem wir alle nachstreben. Und so wie beides, die Schmerzen und das Glück im Beispiel durch die Wunde selbst entstehen, so erfahren wir Leid und Glück durch unseren Körper und Geist. Es werden also Körper und Geist mit der Wunde verglichen.
Da Buddha die Tatsachen auf eine solche Art und Weise erklärt, können ihn die Zuhörer verstehen und die Richtigkeit des Gesagten durch ihre eigene Erfahrung erkennen. Dadurch wird der Zuhörer frei von Zweifeln, und es entsteht in ihm Vertrauen.
Manch einer mag sich nun denken, wenn unser Körper und unser Geist in ihrer Natur Leid sind, ist es dann jemals möglich, von Leid freizukommen? Daß unser Körper und Geist im gegenwärtigen Zustand sehr leicht zum Erfahren von Leid führen, ist uns deutlich. Wenn wir jedoch die richtigen Mittel anwenden, ist es möglich, daß sich unser Körper in seiner Natur in einen Körper verwandelt, der nur Glück erfährt und von Leid vollständig frei ist. Auch der Geist kann sich in einen Geist verwandeln, der von allen Drangsalen und allem Leid frei ist und nur Glück erfährt.
Da Buddhas Worte von unvergleichlich segensreicher Kraft sind, rufen sie bei den Zuhörern tiefe Erkenntnisse der Wirklichkeit hervor und führen dazu, daß die Zuhörer, indem sie das Leid des Daseins in seiner ganzen Tragweite erkennen, von dem tiefen Wunsch erfaßt werden, eine Befreiung aus diesem Leid zu erlangen. Und somit entsteht in ihnen ein starkes Interesse an Dharma.
Ähnlich ist es, wenn man einem Kranken seine Krankheit mit allen Komplikationen und Folgen klar deutlich macht, dann entsteht auch in ihm der starke Wunsch, alles zu unternehmen, um von dieser Krankheit wieder geheilt zu werden.
Es ist nicht möglich, Leid zu entfliehen, indem man in ein Flugzeug steigt und an einen anderen Ort fliegt oder indem man Krieg führt. Das sind nur falsche Mittel zur Befreiung von Leid, die zu keinem Erfolg führen. Deshalb sprach Buddha als nächstes über die Ursache von Leid.
Um von Leid befreit zu werden, ist es sehr wichtig, daß man die Ursache von Leid erkennt, denn hat man einmal die Ursache von Leid erkannt und gelingt es einem, diese Ursache vollständig zu beseitigen, dann wird Leid ganz von selbst verschwinden. Und so hat Buddha die Gedanken seiner Zuhörer auf die Ursache von Leid gelenkt.
Wenn Sie z.B. in einem Haus wohnen, dessen Dach rinnt, dann können sie versuchen, die Möbel hin- und herzuschieben, damit das eindringende Wasser keinen allzu großen Schaden anrichtet. Diese Bemühungen werden nur einen geringen gegenwärtigen Nutzen haben und das Eindringen des Wassers in keiner Weise stoppen. Dazu ist es viel sinnvoller, die Ursache für das Eindringen des Wassers zu suchen, und hat man erst einmal das Loch im Dach gefunden, dann ist es auch nicht schwer, dieses zu beseitigen.
Was die Ursache von Leid ist, wurde schon zuvor deutlich gemacht. Dabei wurde gesagt, daß die eigentliche Ursache von Leid nicht die Dinge sind, die von außen auf uns zukommen, sondern daß diese lediglich Umstände sind, die zum Erfahren von Leid beitragen, und daß die eigentliche, hauptsächlichste Ursache von Leid etwas ist, das in Verbindung mit unserem Geist steht, daß das die Verblendungen, die negativen Faktoren des Geistes sind.
Um die Wirkensweise der negativen Aspekte des Geistes zu verstehen, ist es unumgänglich, daß man die Natur des Geistes klar versteht.
Der grundlegendste Fehler des Geistes ist die sogenannte Unerkenntnis, auf Grund deren dann weitere negative Faktoren des Geistes entstehen, wie Verlangen, Ärger, Haß, Abneigung, Eifersucht, Neid, Stolz usw. Wollte man die Unerkenntnis oder Unwissenheit deutlich machen, müßte man über Shunyata oder die sogenannte Leerheit sprechen.
Die negativen Geistesfaktoren, die dann auf Grund dieser Unerkenntnis entstehen, wie z.B. Verlangen und Haß, sind dagegen relativ leicht zu erkennen.
Nun, was z.B. Haß ist oder was Wut ist, wissen Sie sicher; was für Zustände es im eigenen Geist verursacht, wenn in einem Wut auftritt; man hat das Gefühl, als sei man von innen her ganz krank. Unter dem Einfluß dieser Wut denkt man, wie kann ich ihm das nur vergelten usw. Das heißt, die Handlungen, die unter dem Einfluß dieser Wut stattfinden, sind negative Handlungen des Geistes, oder man kann sie auch negatives Karma nennen. Diese negativen Handlungen des Geistes hinterlassen ein bestimmtes Potential im Geisteskontinuum der Person. Und diese Potentiale haben die Fähigkeit, dem gleichen Wesen zu irgendeinem Zeitpunkt in der Zukunft Leid zu verursachen.
Wenn die Wut weiter steigt, kann sie dazu führen, daß man nicht nur die entsprechenden negativen Gedanken denkt, sondern daß man böse Worte spricht. Unter dem Einfluß dieser Wut gesprochene Worte wären dann negative verbale Handlungen. Und physische Handlungen, die im Verlauf eines Streits einsetzen können, wären dann negative physische Handlungen, die wiederum alle ein bestimmtes Potential im Geist des Wesens hinterlassen, das bei seiner Reifung diesem Wesen Leid verursacht.
Ähnlich bewirkt das Aufsteigen von Verlangen in einem ruhigen, entspannten Geist Störungen, bestimmte Veränderungen. Im Gegensatz zum Auftreten von Wut jedoch erzeugt in einem das Auftreten von Verlangen zuerst einmal ein gewisses angenehmes, gutes Gefühl. Tatsächlich jedoch ist der Geist durch das Auftreten des Verlangens getrübt worden, wie z.B. Wasser in einem Erdloch trüb wird, wenn man es mit einem Stab aufwühlt und den Schmutz mit dem Wasser vermischt.
Die Handlungen, die unter diesem Einfluß des Verlangens durchgeführt werden, sind wiederum negative Handlungen. Verbale Handlungen und physische Handlungen, die diesem Geisteszustand dann folgen, sind ebenfalls negative Handlungen; sie hinterlassen ein entsprechendes Potential im Geist, das wiederum bei seiner Reifung dem Wesen Leid verursacht.
Ich gab die Beispiele von Wut und Verlangen, da diese leicht verständlich sind. Die Funktionsweise der anderen Verblendungen des Geistes ist jedoch ganz analog.
Viele erkennen einen Zustand der Zuneigung oder des Mögens einer anderen Person meistens nicht in seiner wirklichen Natur. Eine Zuneigung, die man gegenüber jemand anderem empfindet, kann von ganz verschiedener Natur sein. Es kann Verlangen gegenüber dieser Person sein, es kann Erbarmen mit dieser Person sein, es kann sogenannte reine Liebe zu dieser Person sein; diese drei müssen deutlich auseinandergehalten werden.
Eine Zuneigung, die auf Grund von Erbarmen und reiner Liebe zu einer Person entsteht, ist ein heilsamer Zustand.
Wenn nun jemand bezüglich seiner Zuneigung zu den andern Familienmitgliedern vielleicht nicht deutlich unterscheiden kann, was davon Verlangen und was Erbarmen und reine Liebe ist, dann müßte er sich folgendes überlegen: Wenn die Zuneigung, die man zu einer Person empfindet, sehr stark zu sein scheint, solange es dieser Person gut geht, solange sie attraktiv ist, solange sie Erfolg hat; wenn die Zuneigung aber stark abnimmt, sobald die Person keinen Erfolg mehr hat, vielleicht physische Schwierigkeiten oder Defekte bekommt oder sonst irgendwie absinkt, dann ist das ein deutliches Zeichen, daß diese Zuneigung nur Verlangen war.
Wird die Zuneigung, die man einem Nahestehenden gegenüber empfindet, jedoch stärker, wenn dieser vielleicht häßlicher wird, keinen Erfolg mehr hat, krank wird oder sonst irgendwelche Schwierigkeiten und Leiden durchmacht, ist es ein Zeichen dafür, daß die Zuneigung in ihrer Natur entweder Erbarmen oder reine Liebe ist.
Der Grund dieses verschiedenen Verhaltens der Geisteszustände ist der folgende: Das Verlangen ist ein Geisteszustand, der das Objekt des Verlangens zu benützen sucht. Wenn nun im Objekt diese Eigenschaften, die man benützen wollte, abnehmen oder verschwinden, dann ist das Objekt, das man benützen wollte, nicht mehr so da, wie man es wollte, und dadurch vergeht das Verlangen.
Erbarmen und reine Liebe jedoch sind Geisteszustände, die nur das Wohl des anderen wünschen, und deshalb wird ein Abnehmen des Erfolges oder ein Absinken der anderen Person diese Liebe, dieses Mitgefühl, dieses Erbarmen nur weiter verstärken und in keinem Fall abschwächen.
So führt man bestimmte unheilsame Handlungen durch; sie hinterlassen im Geist des Wesens ein entsprechendes Potential, das mit dem Geist des Wesens weiterexistiert; und eines Tages, bei entsprechenden äußeren Umständen, werden diese Potentiale reifen, und dann verursachen sie dieser Person Schwierigkeiten, die sich durch äußere Umstände manifestieren können. Und wir kommen in eine Situation, in der einfach eben nichts mehr klappt und wir unzufrieden und traurig sind und überhaupt nicht mehr aus der Haut sehen können.
Wenn man diese Verblendungen des Geistes, wie Wut und Verlangen, vollständig beseitigen kann, dann ist die Ursache für negative Handlungen beseitigt. Das heißt, dieses Wesen wird dann keine negativen Handlungen mehr durchführen, es gibt keine Potentiale mehr, die auf den Geist gesetzt werden, und es gibt keine Potentiale mehr, die durch ihre Reifung Leid verursachen können. Auf diese Weise kann durch ein Beseitigen dieser Verblendungen des Geistes eine vollständige Freiheit von Leid erlangt werden.
So hat Buddha Shakyamuni das Leid, das die Wesen erfahren, deutlich gemacht, und ebenfalls den Ursprung dieses Leides, die Verblendungen des Geistes. Und er hat gezeigt, daß durch eine Beseitigung dieses eigentlichen Ursprungs des Leides ein Glück erlangt werden kann, das perfekt ist, stabil ist und nicht abnehmen kann.
Was man zu tun hat, um diese zwei, das Leid und den Ursprung des Leides zu beseitigen, das hat Buddha Shakyamuni dann als weiteres erklärt, das heißt, er hat den Weg zur Beseitigung von Leid und dem Ursprung des Leides gezeigt.
Ich schlage vor, daß wir einige Minuten meditieren. Wenn Sie sonst schon meditieren, können Sie Ihre üblichen Meditationen durchführen. Wenn Sie über Meditation jedoch weiter nicht Bescheid wissen, dann schlage ich Ihnen vor, daß Sie sich überlegen, was gesagt worden ist, daß Sie sich einen Punkt nach dem andern nochmals durch den Kopf gehen lassen; daß Sie sich überlegen, welche Dinge, die ich gesagt habe, durch Begründungen verdeutlicht werden können, was für Leiden vom Menschen erfahren werden, wie sie zustande kommen, wie die Beseitigung in Angriff genommen werden muß; und daß Sie die verschiedenen Punkte, die erwähnt worden sind, mit sich in Zusammenhang bringen, auf sich selbst beziehen und so jeden Punkt in bezug auf sich selbst nochmals durchdenken.
Manche meinen vielleicht, es sei nicht Meditation, wenn man sich so Gedanken über das heute Gesagte macht. Das ist jedoch ein Fehler, es ist Meditation. Es gibt zwei Arten von Meditation, konzentrative Meditation und analytische Meditation. Wenn Sie solche Gedankengänge über Dinge, die ich heute erwähnt habe, durchführen in bezug auf sich selbst, dann ist das eine sehr wirksame Meditation, nämlich eine analytische Meditation.
Gelingt es einem durch solche Überlegungen zu erkennen, wie man bisher gehandelt hat, werden die Fehler der bisherigen Handlungsweise deutlich und faßt man den festen Entschluß, in der Zukunft heilsamer zu handeln, dann war die Meditation wirksam, man hat ihr Ziel erreicht, man hat dann gut überlegt. Man hat eine wertvolle Veränderung des Geistes erreicht, und das ist das letztliche Ziel jeder Meditation.
Ist es unserem Geist zuträglich, nützt es ihm, wandelt es ihn in einer heilsamen Richtung um, wenn wir meditieren oder einfach überlegen, was immer es auch sei, dann war das richtig, dann ist es wert gewesen, diese Gedanken durchzuführen.
Meistens ist uns nicht klar, daß die eigentliche Ursache für Leid in uns selbst steckt, sondern wir halten alle äußeren Umstände, die uns irgendwie mit Leid in Berührung bringen, für die eigentliche Ursache des Leids, das wir erfahren.
Wenn das Unannehmlichkeiten mit Menschen sind, dann führt das normalerweise zu Streit, wir antworten heftig und bekommen vielleicht noch heftigere Rückwirkungen auf unsere Antworten und verbringen so unser Leben.
Verlangen entsteht in uns gegenüber vielen verschiedenen Objekten, mag das der eigene Körper sein, der anderer, gegenüber Habseligkeiten, Wohlstand, oder was immer es sei, es gibt sehr wenige angenehme Dinge, nach denen wir nicht verlangen.
So, wie wir sie uns wünschen, bekommen wir die Dinge jedoch nicht, so, wie wir es uns vorstellen, gelingt es nicht; und gegenüber den Dingen, die dem Erreichen der verlangten Objekte im Wege sind, entsteht in uns Wut und Ärger; und so wechseln in uns diese Verblendungen von Verlangen und Wut ab.
Wenn man z.B. in einen kleinen Teich einen großen Fisch gibt, der vielleicht so groß ist, daß er kaum in das kleine Wasserloch hineinpaßt, dann wird er darin zappeln und alles aufwirbeln. Ähnlich treten in uns die Verblendungen von Verlangen und Wut in starkem Maße auf und wirbeln den Geist, und nicht nur den Geist, in seiner Folge auch die Rede und den Körper vollständig auf.
In uns selbst sind diese Verblendungen sehr stark, und in anderen Leuten selbstverständlich auch. Treffen sich nun zwei solche Menschen, dann wird das Verlangen nicht immer auf das gleiche Objekt gerichtet sein, oder eben auf das gleiche Objekt. Auf jeden Fall werden sich diese zwei Menschen nicht einig werden, und es werden in beiden wechselweise stark diese verschiedenen Verblendungen entstehen, und die Beziehung führt zu nichts anderem als zu einem Aufwirbeln des Geistes beider.
Man spricht heute viel von Abrüstung, man hat Angst vor den vielen vorhandenen Waffen und möchte gerne den Frieden erhalten. Diese Bemühungen sind sicher nützlich, aber solange diejenigen, die an der Macht sind, nicht ihren eigenen Geist bezähmen können, solange diese unter dem Einfluß starker Wut und starken Verlangens stehen, ist es unmöglich, daß wirklich bleibende, dauernde Ruhe herrscht.
Wäre dagegen der Geist derjenigen, die an der Macht stehen, frei von diesen Verblendungen, würden Friede und Ruhe herrschen, selbst wenn man es nicht wollte.
So hat Buddha Shakyamuni in Indien den Zuhörern verdeutlicht, wie ihre eigene Situation tatsächlich ist, und die Zuhörer folgten seinen Erklärungen, wandten sie auf sich selbst an, und ihre Denkweise, ihre Einstellung wurde dadurch vollständig verändert.
Unter einer Veränderung oder Umwälzung des Geistes versteht man, daß der korrekte Aspekt des Geistes an Stärke gewinnen und kräftig werden soll, um dem negativen Aspekt des Geistes entgegentreten zu können.
Hat man seinen Geist entsprechend den eben erwähnten Erläuterungen umgeformt und ein klares Verständnis dieser Punkte erlangt, dann folgen weitere Gedanken und weitere Schulungen des Geistes. Durch diese wird der Schüler zu weiteren Erkenntnissen geführt, die schon erlangten Erkenntnisse werden gefestigt, und so kommt dann der Geist des Schülers in einen guten, heilsamen und wirkungsvollen Zustand. Im gleichen Maß wie die richtigen, korrekten Aspekte des Geistes an Kraft gewinnen, nehmen die negativen, fehlerhaften Aspekte des Geistes ab.
Wenn Sie z.B. einen Topf kaltes Wasser auf den Herd stellen und die Gasflamme einschalten, wird die Kälte des Wassers in dem Maße weichen, in dem die Wärme des Wassers zunimmt.
Entsprechend ist es mit dem Geist. So, wie man von Kälte und Wärme des Wassers sprechen kann, so kann man bezüglich eines Geistes von seinen positiven, richtigen, und seinen negativen oder falschen Aspekten sprechen. In dem Maß, in dem die heilsamen, richtigen Aspekte entwickelt und gestärkt werden, in dem Maß nehmen die negativen ab, und das Ende dieser Entwicklung gipfelt dort, wo die heilsamen Eigenschaften vollkommen geworden sind und sämtliche negativen Eigenschaften beseitigt sind.
Denken wir nur an dieses Leben: Wenn wir etwas Falsches gesagt haben, dann bringt uns das Schwierigkeiten ein, wenn wir etwas Falsches getan haben, dann hat das seine unangenehmen Folgen. Um wieviel mehr haben dann falsche Aspekte des Geistes ihre unangenehmen Auswirkungen.
Die Unterweisungen, die Buddha Shakyamuni vor zweieinhalbtausend Jahren in Indien gab, also der sogenannte Buddhismus, und das, was heute die tibetischen Meister unterrichten, sehen viele Leute nicht als das gleiche. Man spricht von Tibetischem Buddhismus, was dazu führt, daß viele Leute der Meinung sind, die tibetischen Meister hätten einen neuen oder anderen Buddhismus gemacht.
Tatsächlich ist jedoch das, was die tibetischen Meister erklären, was sie heutzutage als Buddhismus vertreten, genau das, was Buddha Shakyamuni in Indien vor zweieinhalbtausend Jahren erklärt hat. Es besteht keinerlei Unterschied zwischen den Unterweisungen des Buddha und dem Buddhismus, wie er heute z.B. von tibetischen Meistern noch zu hören ist. Wenn jemand etwas Neues, etwas anderes erklärt, dann ist das ein Zeichen, daß er kein Buddhist ist.
Indien und Tibet haben eine gemeinsame Grenze. Deshalb gingen viele Tibeter nach Indien in die großen Klosteruniversitäten, um dort den Buddhismus zu studieren. Ebenfalls wurden viele große indische Meister, Arhats, Siddhas und alle möglichen großen Gelehrten nach Tibet eingeladen und gaben dort Unterweisungen. Es herrschte eine rege Verbindung zwischen Tibet und Indien.
So kam der Buddhismus von Indien nach Tibet, und durch die weite Anwendung des Buddhismus in Tibet, durch die Weitergabe der Erklärungen, durch die intensive Beschäftigung mit dem Dharma kam es zu einem kräftigen Blühen des Buddhismus in Tibet.
Die tibetischen Meister gingen dann weiter in die Mongolei und auch nach China, und so breitete sich der Buddhismus weiter nach Norden und nach Osten aus. Eine weitere Bewegung des Buddhismus war direkt von Indien nach China, und zu einem gewissen Zeitpunkt dann auch von China wieder herüber nach Tibet.
Im Laufe der Zeit jedoch verschwand der Buddhismus in vielen anderen Gebieten und vor allem auch in Indien, und es war dann Tibet das Land, in dem der Buddhismus noch am stärksten blühte, noch am stärksten angewendet wurde. Von den tibetischen Meistern, die heute noch die verschiedenen Unterweisungen des Buddhismus halten und sie geben können, wird oft gesagt, daß sie den tibetischen Buddhismus verkünden. Dieser Buddhismus ist jedoch nichts anderes als der, der aus Indien kam. Es gibt keinen eigentlichen tibetischen Buddhismus, es sind die Unterweisungen des Buddha, die Buddha selbst vor zweieinhalbtausend Jahren in Indien gab.
Vor etwa einundzwanzig Jahren wurde dann die Ausübung des Buddhismus in Tibet gewaltsam durch den Einmarsch der chinesischen Truppen beendet. Unter dem Einfluß der früheren Chinesen wurde Buddhismus ausgeübt, als dann jedoch die kommunistischen Truppen, die sogenannten Roten Garden kamen, wurde die Ausübung des Dharma vollständig unterdrückt und zum Verschwinden gebracht, wie eine Kerze ausgeblasen wird. Die Gedanken des Dharma mögen vielleicht noch im einen oder andern Tibeter in Tibet fortleben, öffentlich jedoch ist die Ausübung des Dharma vollständig beseitigt worden.
Einige Meister flohen und kamen nach Indien und werden heutzutage aus Indien in den Westen eingeladen, und so kommt es dazu, daß jetzt im Westen die Unterweisungen des Buddha zu hören sind.
So wollte ich nur kurz einige der Bewegungen erklären, die die Unterweisungen des Buddha in der Geschichte durchgemacht haben, und was eben unter dem sogenannten tibetischen Buddhismus zu verstehen ist.
Unter den Unterweisungen des Buddha, die in Tibet zum Blühen kamen, sind alle Stufen vertreten, das Hinayana, Mahayana und Mantrayana. Sie werden alle angewendet, alle ausgeübt, und es ist nicht üblich und auch nicht korrekt, eine Richtung der andern vorzuziehen.
Padmasambhava wird als Emanation des Buddha Amitabha betrachtet, und in seiner Erscheinung war er ein großer indischer Gelehrter, der nach Tibet kam und den Buddhismus dorthin brachte.
Es ist richtig, daß Padmasambhava von den Tibetern sehr geschätzt wurde, eben weil er den Buddhismus nach Tibet brachte. Ob es unter den heutigen Indern welche gibt, die ihn verehren oder vielleicht auch nicht verehren, weiß ich nicht.
Buddhismus an und für sich: Das sind Mittel, die es einem erlauben sollten, Leid zu beseitigen und Glück zu erlangen, auf der Basis, daß keinem Wesen auch nur ein Haar von Leid zugefügt wird.
Ich bin über den Buddhismus, wie er in Japan entstanden ist, nicht genau im Bilde, kann mir jedoch vorstellen, daß die Japaner unter der Notwendigkeit, Handlungen mit klarer Konzentration durchzuführen, diese verschiedenen äußeren Formen entwickelt haben. Wenn man Handlungen bewußt und mit klarer Aufmerksamkeit und einem festen Geist durchführt, dann hilft das sehr, den Geist nicht unter den Einfluß von störenden Gedanken geraten zu lassen.
In dieser Hinsicht kann man die verschiedenen Zeremonien und anderen Handlungen als Ausüben von Religion oder von Dharma betrachten. Wenn irgendwelche Handlungen, die man in diesem Namen entwickelt, dazu verwendet werden, anderen Leid zuzufügen, dann ist das eine falsche Anwendung dieser Mittel.
Einen festen, stabilen, konzentrierten Geist kann man auf alles mögliche anwenden, man kann ihn zum Guten verwenden, man kann ihn zum Schlechten verwenden. Verwendet man ihn zum Guten, dann um so besser, dann hat man es richtig gemacht, verwendet man ihn zum Schlechten, hat man dieses Mittel falsch eingesetzt.
Nun in bezug auf die Frage, was wohl die Schweizer aus dem Buddhismus machen werden: Wenn die Schweizer den Buddhismus dazu verwenden, um den Geist von Verblendungen frei zu erhalten, wenn sie ihn klar kennenlernen, seine Bedeutung, seine Mitttel richtig lernen und klar verstehen und ihn dann anwenden, um den Geist zu zähmen, ihn von Verblendungen zu befreien, dann haben sie das Richtige daraus gemacht.
Man kann jedoch viel Verschiedenes hören und alles mögliche anwenden, und wenn man so wie in einem großen Schauspiel weiterlebt, dann bezweifle ich, daß aus dem Buddhismus viel wird. Das wäre dann allerdings nicht der Fehler des Dharma, sondern der Fehler derjenigen, die es anwenden.
Wie andere Leute oder auch Buddhisten Christus sehen, weiß ich nicht. Ich persönlich betrachte ihn als ein außergewöhnliches Wesen, das, von Erbarmen und Zuneigung zu den Wesen geführt, einer Unzahl von Wesen von außerordentlichem Nutzen war.
Es gibt viele Punkte im Christentum, die man im Buddhismus wiederfindet, diese zwei Religionen haben viel gemeinsam. Wenn man es anwendet, dann ist es zweifellos von großem Nutzen. Fühlt man sich sehr zur einen Seite gezogen, dann kann man die ungleichen Punkte ja beiseite lassen.
Wenn wir nachdenken, und wir sollten nachdenken, dann wird uns selbstverständlich klar, daß wir in unserer Existenz als Menschen einen Geist besitzen, der wesentlich mehr Möglichkeiten bietet als z.B. der Geist der Tiere.
Uns allen ist klar, daß wir Menschen sind, keiner von uns wird denken, er sei kein Mensch; und würde man ihm sagen, du bist kein Mensch, würde er nur lachen. Da man als Mensch über besondere geistige Fähigkeiten verfügt, ist es wichtig, diese auch zu benützen. Wenn man sich nur um seine Nahrung, seine Kleidung und seine Wohnung kümmert und sich manchmal ärgert und manchmal nach verschiedenen Dingen verlangt, und so ganz nur nach außen gerichtet ist, dann ist das für einen Menschen etwas bedauernswert.
Denn um ihre Nahrung können sich auch die Tiere sehr gut kümmern. Eine Kuh findet immer irgendwo ein Büschel Gras, mit dem sie sich den Magen stopfen kann, und sie hat auch irgendwo ihren Stall zur Verfügung. Auch die andern Tiere, das Wild usw., können sich um ihre Nahrung, um ihre Behausung selbst kümmern. Wenn sie sich ärgern, dann streiten die Tiere auch, wenn sie nach etwas verlangen, dann suchen sie das zu erreichen. Ihren Nachkömmlingen gegenüber empfinden sie Zuneigung. Das sind alles Eigenschaften, die bei den Tieren auch zu finden sind.
Wenn man als Mensch nichts weiteres tut, als was die Tiere auch tun, sich nur um Unterkunft, Nahrung und Kleidung kümmert, dann hat man die besonderen Fähigkeiten, die einem als Mensch zur Verfügung stehen, nicht benützt.
Wir können uns überlegen, wie wir unser Leben bisher verbracht haben. Vielleicht haben wir uns nur um unser Essen, um unsere Kleidung, um unsere Behausung gekümmert, haben gestritten, wenn wir uns geärgert haben, haben uns bemüht, Dinge des Verlangens zu bekommen; das heißt, das Leben, das uns bisher zur Verfügung stand, ging mit solchen Beschäftigungen vollständig vorbei.
Es ging nicht nur das Leben so vorbei, sondern durch eine solche Einstellung und Lebensführung wurden viele negative Handlungen angesammelt; negative Handlungen des Geistes durch Gedanken, die unter dem Einfluß von Verblendungen stehen, sowie negative Handlungen der Rede und des Körpers.
Überlegt man sich so seinen Lebensstil und vergleicht man ihn mit dem der Tiere, dann hat man sogar noch einen zusätzlichen Nachteil, weil man als Mensch wesentlich mehr Möglichkeiten hat, unheilsame Handlungen durchzuführen, wesentlich intensiver Unheilsames tun kann als die Tiere; denn die Tiere kommen wegen ihres dumpfen Geistes nicht auf so viele Gedanken wie die Menschen.
Wenn man so in seinem Leben zurückgeht, sollte man sich Gedanken machen, was man alles getan hat, was einem in seinem Leben von ganz besonderem Nutzen gewesen ist, was einem ganz besonders weitergeholfen hat. Und man wird sehen, daß man sich sehr bemüht hat, alles mögliche zu tun und zu erlangen, aber daß man wohl von kaum etwas sagen kann, daß es einem von ganz außerordentlichem Nutzen war.
Das ganze vergangene Leben mag erscheinen wie ein Bild, das man auf Wasser zeichnet; das heißt, wenn man mit seinem Finger über eine klare Wasseroberfläche fährt, dann hinterläßt das eine kleine Veränderung in ihr, es erscheint dort etwas für einen Moment, das dann gleich wieder verschwindet. Ähnlich mögen alle die Arbeiten und Bestrebungen des vorbeigegangenen Lebens so erscheinen, daß zum Zeitpunkt des Handelns etwas Konkretes da zu sein scheint, das dann aber gleich wieder vergangen ist, wie der Eindruck im Wasser gleich wieder verschwindet. So mag das Leben bisher vergangen sein. Wenn man sich darüber klar wird, dann möchte man gern den Entschluß fassen, in der Zukunft besser nachzudenken, seine Fähigkeiten nützlicher zu verwenden.
Sonst bemühen wir uns weiterhin, wir leben genauso weiter wie bisher, das Leben verrinnt, und eines Tages kommt der Zeitpunkt des Endes des Lebens. Es gibt keinen Menschen auf der Welt, und es hat keinen gegeben, der nicht eines Tages mit dem eigenen Tod konfrontiert wurde, und ebenso wird es allen Menschen in der Zukunft gehen. Und deshalb gibt es keinen Grund, weshalb es uns anders gehen sollte.
Daß jeder von uns eines Tages sterben wird, das ist uns allen klar. Der eine mag noch längere Zeit zur Verfügung haben, der andere weniger lange Zeit. Wieviel Zeit man in seinem Leben noch zur Verfügung hat, ist völlig ungewiß; man kann von seinem Alter nicht ausgehen, da viele in jungen Jahren sterben, man kann aus seinem Gesundheitszustand keine Schlüsse ziehen, da oft Kranke noch viel länger leben als mancher Gesunde. Wir sind eine Gruppe von Leuten hier, und das Leben jedes einzelnen ist vergänglich. Wessen Leben zuerst zu Ende geht, kann keiner sagen, wessen Leben noch länger dauern wird, kann keiner sagen, es besteht keinerlei Sicherheit.
Der Zeitpunkt des Todes ist der schwierigste des Lebens, er ist das größte Leid, das einem im Leben widerfährt.
Fragt man sich: Was kann einem zum Zeitpunkt des Endes des eigenen Lebens noch nützlich sein? Hat man sich während des Lebens bemüht, viele Dinge anzuhäufen, Häuser zu bauen oder was immer: Wenn man sie in seinem Leben schon verloren hat, dann sind sie weg; wenn man sie noch übrig hat, dann ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, sie zurückzulassen. Es gibt nichts an materiellen Dingen, das man mitnehmen könnte. Unzählige Leute sind in der Vergangenheit gestorben, es gibt keine Geschichte auch nur von einem, der sein Haus mitgenommen hätte oder der alle seine Sachen zusammengepackt und mit über den Tod hinaus weggetragen hätte. Auch gibt es keinen, der über sein Lebensende hinaus seine Eltern oder seine Kinder oder seine Freunde mitgenommen hätte. Jeder mußte sie alle zurücklassen und alleinig gehen.
Selbst den Körper, der seit der Empfängnis im Leib der Mutter mit einem verbunden ist, den man als wohl sein Wertvollstes betrachtet, um den man sich sehr sorgfältig kümmert, selbst diesen muß man zum Zeitpunkt des Todes zurücklassen.
Man hört immer wieder, daß der Leichnam irgendeines großen Mannes dahin und dorthin getragen wurde, daß er aufgebahrt und irgendwo begraben und dann wieder herausgeholt wurde. Alles, was gemacht wird, ist eben, daß ein Leichnam hin- und hergeschleppt wird. Es ist nicht die Person, die man da hin- und herbewegt. Die Person und der Körper haben sich zum Zeitpunkt des Todes getrennt.
Während des Lebens sind der Körper und der Geist in einer engen Verbindung. Diese erlaubt uns, uns zu bewegen, Laute von uns zu geben und alles mögliche zu tun. Zum Zeitpunkt des Todes tritt eine Trennung von Körper und Geist ein. Der Körper wird zurückgelassen, der Geist existiert mit der Person weiter und nimmt die Potentiale von heilsamen und unheilsamen Handlungen mit sich.
Bezüglich einer solchen Erklärung haben Sie wahrscheinlich alle möglichen Gedanken und Zweifel. Das ist Ihnen nicht zu verübeln. Auch wird es sicher viele geben, die diese Erklärung durchaus als richtig empfinden und fest davon überzeugt sind, daß zum Zeitpunkt des Todes eine Trennung von Körper und Geist eintritt und der Geist den Körper hinter sich läßt und weiterexistiert.
Es wird auch einige unter Ihnen geben, die sich vorstellen, daß wir wohl während des Lebens so existieren, wie wir es alle sehen, zum Zeitpunkt des Todes jedoch eine vollständige Auflösung stattfindet, ähnlich wie die Flamme einer Kerze auch vollständig verschwindet, wenn man die Kerze auslöscht.
Es gibt viele Leute, die eine solche Anschauung haben und dann zum Schluß kommen, daß es wohl das einfachste ist, während des Lebens zu tun, was einem beliebt, weil zum Zeitpunkt des Todes ohnehin eine vollständige Auslöschung des Wesens stattfinde. Und mit einer solchen Einstellung handeln sie dann ohne jede Ethik, ohne jede Barriere, und folgen jeder Neigung.
Daß wir durch viele Existenzen hindurchgegangen sind und im gegenwärtigen Zeitpunkt uns in dieser Existenz befinden, in der Zukunft wieder unzählige Existenzen weiter durchmachen werden, ist jedoch eine Tatsache, die der Wirklichkeit entspricht, die durch perfekte Begründungen unterstützt wird.
Die Anschauung, daß zum Zeitpunkt des Todes eine vollständige Auslöschung des Wesens stattfindet, ist jedoch nur eine Fabrikation des Geistes, vielleicht eine Wunschvorstellung, vielleicht einfach ein Gedanke, der einem lieb ist; und wenn man Gründe aufzählen wollte, die dafür sprechen, sind das nur scheinbare Gründe, denen jede Stichhaltigkeit fehlt.
Fragt man sich: Was ist wichtiger? Das, was der Wirklichkeit entspricht, oder das, was man sich einfach vorstellt? Dann ist die Antwort einfach: Das, was der Wirklichkeit entspricht, ist das Richtigere, ist das Wichtigere. Das zugrunde gelegt, sollte man leben. Das, was man sich nur aus Gedanken macht, das, was nur einfach eine Vorstellung ist, ist sehr vergänglich, ist flüchtig und hat keinen festen Boden.
Das, was in der Zukunft weiterexistiert, das sind wir selber, ist die eigene Person. Im gegenwärtigen Zeitpunkt ziehen wir Glück dem Leiden vor, wir mögen kein Leid, wir suchen Glück, und diese Eigenschaft wird auch in der Zukunft mit uns sein. Auch in der Zukunft werden wir nur Angenehmes und nichts Unangenehmes erfahren wollen. Es mag ein Unterschied zwischen jetzt und der Zukunft sein, ein Unterschied in der Zeit, ein Unterschied in der Art der Existenz, die grundlegende Einstellung wird jedoch die gleiche sein.
Wünscht man in der Zukunft Angenehmes zu erfahren, Glück zu erlangen, dann muß man die Vorbereitungen für eine solche Erfahrung jetzt schon selbst treffen, denn es wird auch in Zukunft niemand kommen, der einem Glück als Paket zuschickt. Gäbe es jemanden, der einem einfach Glück zukommen lassen könnte, ohne daß man selbst Vorbereitungen dafür trifft, dann müßte das auch im gegenwärtigen Leben möglich sein. Daß so etwas nicht stattfindet, das wissen wir aus unserer Erfahrung.
Wünscht man in der Zukunft kein Leid zu erfahren, muß man die Vorbereitungen dafür ebenfalls selbst treffen. Denn gäbe es jemanden, der alles Leiden einfach von einem abschneiden könnte wie in einer Operation, dann wäre das sicher angenehm. Das ist jedoch nicht möglich. Das gleiche trifft auch auf unser gegenwärtiges Leben zu: Wünschen wir Leid zu vermeiden, müssen wir uns selbst darum bemühen, es gibt niemanden, der uns einfach mit seinen Händen unser eigenes Leid wegnehmen kann.
In der Zukunft, nach diesem Leben, werden wir in einer andern Existenz weiterleben. Diese weitere Existenz ist etwas Vergängliches, und alles Vergängliche ist ein Resultat irgendeiner Ursache.
So ist jede Existenz ein Resultat und wird von einer Ursache erzeugt. Um ein gutes Resultat zu erzeugen, benötigt man eine gute Ursache, schlechte Ursachen erzeugen schlechte Resultate.
Ein Samen einer giftigen Pflanze, diese Ursache, wird immer das Resultat einer giftigen Pflanze hervorbringen; ein Same einer Heilpflanze wird immer wieder als Resultat eine Heilpflanze hervorbringen.
Wünschen wir in der Zukunft eine angenehme Existenz zu erlangen, sei es die eines Menschen, dann wäre das ein Resultat, das positiv und wertvoll ist. Um dieses Resultat hervorzubringen, um in seiner weiteren Existenz z.B. als Mensch leben zu können, ist es notwendig, die entsprechenden heilsamen Ursachen zu setzen.
Allein der Wunsch, in der Zukunft als Mensch zu existieren, oder die Behauptung, jetzt bin ich Mensch, ich werde in meiner nächsten Existenz ebenfalls als Mensch existieren, ist belanglos. Denn die Dinge kommen nicht einfach so, wie man sie sich wünscht. In diesem Leben gelingen sie einem nicht so, wie man sie sich wünscht, und es gibt keinen Grund, weshalb sie über dieses Leben hinaus einfach auf Wunsch gelingen sollten.
Wünscht man in der Zukunft als Mensch zu existieren, muß man die entsprechende Ursache jetzt erzeugen. Die Ursache, die zur Existenz eines Menschen führt, ist das Befolgen einer Ethik. Will man dieses Resultat erlangen, dann steht es einem offen, einer entsprechenden Ethik zu folgen. Sammelt man die entsprechende Ursache an, dann wird sich das Resultat ganz bestimmt einstellen, selbst wenn man es sich nicht wünschte.
Wenn Sie z.B. den Samen einer Heilpflanze in die Erde setzen, in die richtigen Umstände bringen, dann wird daraus ein Heilkraut wachsen, selbst wenn Sie sagen, ich brauche keines und ich will, daß keines wächst.
Wenn man stattdessen zwar wohl den Wunsch hat, in Zukunft ein angenehmes Resultat zu erlangen, aber die Ursache dafür, das heißt das Befolgen einer Ethik geringschätzt, allen falschen Neigungen folgt und unheilsame Handlungen haufenweise sammelt, dann besitzt man negative Ursachen, die nur zu einem negativen Resultat führen können; wie eben ein Same einer Giftpflanze wieder nur eine Giftpflanze produzieren kann.
Daß das Gesetz von Ursache und Wirkung der Natur zugrunde liegt, können wir durch unsere eigenen Beobachtungen leicht feststellen; wir sehen, wie bestimmte Samen zu bestimmten Gewächsen führen, wie bestimmte Ursachen bestimmte Resultate hervorbringen.
Wenn das ein Teil der äußeren Natur ist, dann ist das ebenfalls ein Teil der inneren Natur der Wesen. Das sollte deutlich machen, daß nur heilsame oder positive Ursachen heilsame Resultate hervorbringen können. Allein der Wunsch, das und jenes zu erlangen, führt noch lange nicht zum Erlangen des Gewünschten.
Kann man sich zur Überlegung durchringen, daß man bisher vielleicht nicht viel gedacht hat und vielen Neigungen freien Lauf ließ; daß das jedoch seine negativen Konsequenzen hat; daß man in der Zukunft eine angenehme Existenz wünscht und die Ursachen dafür durchaus hervorbringen möchte; strengt man sich dann in dieser Beziehung an, richtet man so sein Leben auf dieses Ziel aus und beginnt man einer richtigen Ethik zu folgen, dann hat man den Sinn des Lebens wahrgenommen.
Wenn Sie z.B. vorhaben, zu einem bestimmten Zeitpunkt in ein anderes Land zu gehen, in ein Land, in dem die klimatischen Bedingungen strapaziös sind, wo es vielleicht kalt ist, wo Nahrung schwer zu finden ist, dann werden Sie in der verbleibenden Zeit Vorbereitungen treffen, um die bevorstehende Situation gut zu überstehen.
So werden Sie in diesem Land keine Entbehrungen leiden müssen; für die Kälte haben Sie warme Kleidung mitgenommen, wenn Sie krank sind, haben Sie Medizin bei sich, für Nahrung haben Sie zuvor schon gesorgt.
Wenn Sie keinerlei Vorbereitungen treffen und einfach eines Tages abziehen und dann in dieses unwirtliche Klima kommen, dann haben Sie keine warmen Kleider, wenn es kalt wird, keine Medizin, wenn Sie krank sind, und nichts zu essen, wenn Sie hungrig sind.
Tatsächlich verläuft das eigene Leben so, daß man selbst krank ist, wenn Krankheit einen befällt, daß man selbst stirbt, wenn der Tod kommt, daß dies das Ende des eigenen Lebens ist und man allein gehen muß und keine Freunde und Helfer mitnehmen kann.
Wenn man auf der Grundlage dieser Gedanken Dharma ausübt und einer richtigen Ethik folgt, dann wird man damit einerseits Vorbereitungen für die weite Zukunft treffen, andererseits wird das die Wirkung haben, daß sich das Benehmen in diesem gegenwärtigen Leben verbessert, daß man von andern Leuten als guter, netter, freundlicher oder feiner Mensch betrachtet wird.
Man denkt sich vielleicht, die andern Leute in der Stadt scheinen sich auch nicht viel zu kümmern und tun einfach, was ihnen einfällt, und ich werde auch das gleiche tun. Das ist ein Fehler, denn man sollte nicht auf die anderen schauen, wenn es um die eigene Zukunft geht. Was auf einen in der Zukunft wartet, was für Vorbereitungen man für sich selbst für die Zukunft trifft, hängt ganz von einem selbst ab, das heißt, man muß sie selbst treffen. Da hat man sich nicht auf andere zu verlassen, da kann man nicht einfach sagen, der andere macht auch keine Vorbereitungen, ich mache jetzt eben auch keine.
Manche von Ihnen denken sich nun vielleicht, ja, das hört sich ganz gut an im Buddhismus, aber es scheint so, als ob da alles an einem selbst liege, als ob man sich nur selbst abstrampeln müsse, um irgendwie zurechtzukommen, und daß es nichts von außen gibt, keine höhere Kraft oder Gewalt, die einem irgendwie zu Hilfe kommt.
Tatsächlich ist es so, daß man sich selbst anstrengen muß, daß man die Ursachen für das eigene Glück selbst erwirken muß. Wenn man jedoch aus der Tiefe seines Herzens seine Zuflucht beim Buddha sucht und auf ihn vertraut, dann werden die eigenen Bemühungen durch den Segen, durch die Fähigkeiten und die Kraft der Buddhas gefördert, und so wird durch eine Wechselwirkung wesentlich Höheres erreicht.
Deshalb wird im Buddhismus das Vertrauen ebenfalls als eine der grundlegendsten Eigenschaften beschrieben. Um wirklich große Eigenschaften hervorzubringen, ist das Vertrauen unumgänglich, es ist notwendig wie die Mutter für das Kind, wie die Erde für das Gras.
Ein Kranker z.B. muß Vertrauen auf seinen Arzt haben, das tun, was ihm der Arzt empfiehlt, das sein lassen, was der Arzt ihm verbietet, die vom Arzt verschriebenen Medizinen nehmen. Nur so kann er einerseits durch seine eigenen Anstrengungen, sein eigenes Verhalten und andererseits durch die Hilfe des Arztes wieder gesund werden. Wenn der Patient jedoch seinen Mund zumacht und keine Medizin zu sich nimmt, immer das Gegenteil von dem tut, was ihm der Arzt vorschreibt, und dabei fest denkt, ja, ja, der Arzt wird mich schon heilen, dann wird er sicher nicht gesund werden.
Wenn man sein Leben auf der Grundlage richtiger Überlegungen und Begründungen führt, kann man ein ordentliches, rechtes Leben führen.
Da wir als Menschen über besondere Fähigkeiten verfügen, sollten wir sie benützen, sie auch für solche Ziele verwenden; und der Zeitpunkt, damit zu beginnen, wäre eigentlich schon lange gekommen. Wenn man während des Lebens einfach alles tut, was einem einfällt, und wartet, bis das Ende des Lebens gekommen ist, dann war es zu spät. Das ist eine Überlegung, die eines Menschen würdig ist.
Eine andere Überlegung, die man in bezug auf sich anstellen sollte, ist, daß man als Mensch eine besondere Art von Geist hat, der besondere Fähigkeiten besitzt; man sollte die verschiedenen Eigenschaften des Geistes erkennen.
Gewöhnlich sind wir immer ganz nach außen gerichtet und lassen den Geist einfach laufen, wohin er läuft, einfach denken, was er denkt; und wir tun alles mögliche, aber wir betrachten nie den Geist selber, überlegen uns nicht, was er denkt und wie er funktioniert.
Man sollte seinen Geist beobachten, schauen, was für Gedanken auftreten, was für Faktoren des Geistes von Zeit zu Zeit wach werden und die Gedanken beeinflussen; was davon bessere Faktoren sind, zu was für Gedanken und Handlungen sie führen; was für schlechte Faktoren auftreten, wie sie den Geist beeinflussen, zu was für Handlungen sie führen und wie dann die weitere Entwicklung des Geistes aussieht.
Der Geist ist kein materielles Phänomen, man kann ihn nicht mit den Augen sehen; aber man kann mit seinem eigenen Geist die eigenen Gedanken beobachten; man kann sich an verschiedene Dinge erinnern; man kann mit dem Geist bestimmte Dinge festhalten und erfassen.
Wäre der Geist ein materielles Phänomen, dann würde er wohl zum Zeitpunkt des Todes ebenfalls zurückgelassen werden oder ebenfalls sein Ende finden. Da der Geist jedoch kein materielles Phänomen ist, kann er nach der Trennung von Körper und Geist weiterexistieren und ein weiteres Leben nehmen.
So beobachten Sie einmal, wie es sich in Ihrem Geist auswirkt, wenn z.B. Erbarmen gegenüber andern Wesen oder Menschen, die sehr viel Mühe haben, entsteht, oder reine Liebe oder ein richtiges Vertrauen; dann schauen Sie, wie das Ihren Geist beeinflußt, was für Gefühle das hervorbringt.
Sie werden feststellen, daß der Geist beim Auftreten solcher heilsamer Faktoren ruhig und zufrieden ist, er scheint klar zu sein, und ein angenehmes Gefühl entsteht. Es sind Geistesfaktoren, die heilsam sind, die zu heilsamen Gedanken, heilsamem Verhalten führen. Oder auch z.B. einfach das Ertragen verschiedener Dinge; Geduld, Ertragen, ist ebenfalls ein sehr heilsamer Faktor des Geistes.
Wenn heilsame Faktoren auftreten, dann bringen sie einerseits Ruhe in den eigenen Geist, sie stärken die heilsamen Aspekte des Geistes; und die Handlungen, die man unter dem Einfluß solcher Faktoren durchführt, sind Handlungen, die einem selbst Frieden bringen, die einem selbst nützen und die anderen ebenfalls von Nutzen sind.
Diese Faktoren des Geistes gilt es in sich zu entwickeln, immer mehr zu stärken. Wenn einem das gelingt, dann wird man durch eine Vervollkommnung dieser Entwicklung Zustände erreichen, wie sie im Buddhismus beschrieben werden, Zustände des Arhats oder des Bodhisattvas, Zustände von Wesen, die einem selbst und anderen von ungemein großem Nutzen sein können.
Andererseits betrachten Sie Ihren Geist, wenn Geistesverblendungen auftreten, wie z.B. Wut oder Verlangen oder Stolz oder Eifersucht oder Geiz. Diese alle sind negative Faktoren des Geistes. Es gibt eine große Zahl solcher negativer Faktoren, die ich jetzt kaum alle erwähnen könnte.
Alle diese negativen Geistesfaktoren, diese Geistesverblendungen, haben wir in uns; deshalb ist es einfach, sie zu beobachten. Schauen Sie einmal, was in Ihnen vorgeht, wenn Sie sich ärgern, wie das Ihren Geist, wie das Ihre ganze Einstellung beeinflußt, wie die Handlungen aussehen, die Sie dann unter dem Einfluß von Ärger durchführen.
Wenn Geistesverblendungen auftreten, wird der Geist unklar; wenn Ärger auftritt, entsteht zusätzlich gleich ein unangenehmes Gefühl; wenn Verlangen auftritt, wird der Geist vor allem getrübt; und so können Sie beobachten, wie die einzelnen negativen Geistesfaktoren den Geist beeinflussen.
Nehmen dann diese negativen Geistesfaktoren an Stärke zu, verwirren sie den Geist in steigendem Maße, man kommt so weit, daß man nicht mehr Herr über sich selbst ist, man steht vollständig unter dem Einfluß des negativen Geistesfaktors, der dann nicht nur den Geist verwirrt und trübt, sondern auch die Handlungen von Rede und Körper.
Betrachtet man die Wirkungsweise dieser Geistesverblendungen auf kurze Zeit gesehen, muß man feststellen, daß sie einem sofort Schwierigkeiten machen, Leid zufügen. Auf die Dauer gesehen werden durch die negativen Handlungen, die man unter ihrem Einfluß durchführt, die Ursachen für Leid in der Zukunft gesetzt. So schaden die Handlungen, die man unter dem Einfluß von Geistesverblendungen durchführt, einem selbst und auch anderen.
So gibt es unter denjenigen, die ernsthaft meditieren, sicher solche, die sich verschiedene göttliche Gestalten vorstellen und sich in deren Vorstellung üben, viele jedoch werden in der Meditation vor allem ihren eigenen Geist beobachten, schauen, wie der Geist funktioniert, was er macht, welche Faktoren auftreten und wie sie den Geist beeinflussen.
Der große Bodhisattva Shantideva hat in seinem Text Bodhisattvacharyavatara gesagt: Betrachte deinen eigenen Geist und führe ihn richtig, paß auf, daß er richtig handelt. Was nützt es, viel anderes zu tun? Das führt ja ohnehin zu nichts.
Betrachtet man so seinen Geist und stellt fest, daß irgendwelche Geistesverblendungen aufgetreten sind, dann sollte man sich wieder ins Gedächtnis rufen, wie sie einem im gegenwärtigen Moment nur schaden, Geist, Rede und Körper verwirren, einem selbst und anderen nur Leid zufügen und wiederum nur die Ursachen für Leid in der Zukunft setzen. Und man sollte sich somit bemühen, diese Geistesverblendungen abzuschwächen und womöglich zum Stillstand zu bringen.
Wenn heilsame Geistesfaktoren aufgetreten sind, sollte man sich derer Vorteile bewußt werden und sich bemühen, sie zu verstärken und sich in ihnen zu üben.
Führt das jemand ernsthaft durch, dann wird er wohl den Wunsch entwickeln, die negativen Geistesfaktoren abzuschwächen, sie zu beseitigen. Aber er mag sich fragen, ob ihm das tatsächlich möglich ist, ob er auch die Fähigkeit, die Kraft dazu hat. Es ist durchaus möglich, die Geistesverblendungen zu beseitigen. Denn die Geistesverblendungen sind Zustände des Geistes, die das Objekt falsch und fehlerhaft erfassen. Sie sehen etwas im Objekt, das im Objekt gar nicht vorhanden ist.
Diese negativen Geisteszustände entsprechen einem Menschen, der äußerst überheblich und falsch ist, der immer nur betrügt. Ein solcher Mensch mag vielleicht manchmal einen Erfolg haben; gegenüber Leuten jedoch, die klar denken, wird er früher oder später verlieren.
Nun, wie beeinträchtigt z.B. das Verlangen den Geist, wie führt das Verlangen dazu, daß der Geist im Objekt etwas Falsches sieht? Wenn Verlangen in einem auftritt, dann empfindet man das Objekt als etwas Angenehmes, Schönes und Besitzenswertes, ganz gleich, ob es in Wirklichkeit schön ist oder nicht. Und wenn das Objekt des Verlangens attraktiv ist, dann projiziert das Verlangen eine zusätzliche Attraktivität, eine zusätzliche Schönheit und Begehrenswertheit in das Objekt, die den Menschen dann dazu führt, dem Objekt fast blind nachzustreben.
Ganz gleich, ob z.B. dieser Teppich gut und schön ist oder nicht, wenn in jemandem gegenüber diesem Teppich Verlangen entsteht, dann sieht dieser Mensch diesen Teppich in einer Güte, die er in Wirklichkeit gar nicht hat; das heißt, das Verlangen projiziert eine Güte in das Objekt, die in dem Objekt nicht vorhanden ist.
Ähnliches tritt beim Entstehen von Wut oder Ärger auf. Im allgemeinen entsteht Ärger gegenüber unangenehmen Objekten; gegenüber angenehmen Objekten entsteht in einem kaum Ärger. Der Ärger beeinflußt den Geist so, daß er das Objekt in einer ganz besonderen Abscheulichkeit oder als ganz besonders unangenehm sieht, noch unangenehmer, als das Objekt vielleicht in Wirklichkeit sein mag.
Das gleiche trifft auf alle Geistesverblendungen zu. Sie alle bewirken, daß der Geist das Objekt übertrieben sieht, in irgendeiner falschen Form. Es gibt viele verschiedene Arten zu übertreiben.
Da die Geistesverblendungen den Geist in bezug auf die Wirklichkeit des Objektes verblenden, ihn dazu führen, das Objekt übertrieben und falsch zu sehen, sind die nachfolgenden Handlungen ebenfalls falsch.
Wenn Sie einmal Zeit haben und sich vielleicht auch nur eine Minute ruhig hinsetzen können, dann betrachten Sie Ihren Geist und schauen Sie, was für ein Geisteszustand auftritt. Es wird ganz bestimmt einer von den besseren oder einer von den schlechteren sein, irgendeiner wird sicher auftreten; und dann beobachten Sie, wie dieser Geistesfaktor den Geist beeinflußt. Wenn Sie fünf Minuten Zeit haben, machen Sie es fünf Minuten, es lohnt sich die Mühe.
Wenn Sie versuchen, irgendeine Figur zu visualisieren, dann werden Sie große Mühe haben, den Geist konzentriert darauf zu richten und sich diese Figur klar vorstellen zu können. Anstatt sich so abzumühen, ist es wesentlich sinnvoller und auch nützlicher, den eigenen Geist zu beobachten. Es ist einfacher, es ist leichter durchzuführen, und die Wirkung ist wesentlich größer.
Jemand, der so immer wieder seinen Geist beobachtet, wird sich daran gewöhnen, und das führt dazu, daß der Mensch mit der Zeit ruhig und entspannt, ein friedlicher Typ wird.
So erfassen die Geistesverblendungen das Objekt in einer falschen Weise. Daß sie selbst falsch sind, eben Verblendung des Geistes verursachen, ist nicht etwas, das sie aus sich selbst heraus tun; es gibt wiederum eine Ursache, die dazu führt, daß die Geistesverblendungen ihr Objekt falsch erfassen.
Der Grund dafür liegt in der Unerkenntnis, über die ich schon öfter gesprochen habe. Die Unerkenntnis ist ebenfalls ein Geisteszustand, der sich in der Natur seines Objektes irrt, das Objekt falsch erfaßt und der dann weiter die andern Geistesfaktoren veranlaßt, ihr Objekt falsch zu erfassen.
Die Unerkenntnis, die eine persönliche Identität erfaßt, ist etwas, wovon wir zwar wohl leicht sprechen, deren Sinn zu verstehen aber sehr, sehr schwierig ist, und nur ein langes Studium, lange Überlegungen können die tatsächliche Wirkungsweise dieses Geistesfaktors, die tatsächliche Bedeutung dieses Wortes klarwerden lassen.
Kurz gesagt, abgesehen von Dingen, die nicht existieren, existiert alles, was existiert, in abhängiger Art und Weise. Es gibt kein Phänomen, das nicht in einer langen Kette von verschiedenen Abhängigkeiten existiert.
Einige von Ihnen denken sich, ja, jetzt kommt wieder das gleiche Alte, und sie wissen wahrscheinlich schon alles, was ich jetzt sagen werde, da sie es schon oft gehört haben. Dann können Sie sich einfach ein paar Minuten entspannen; und die, die es bisher noch nie gehört haben, werden dann etwas Neues hören.
Wenn wir z.B. große Berge oder weite Seen betrachten, dann erscheinen uns diese Phänomene überwältigend groß, wir erfassen sie als etwas Großes. Wenn wir jedoch z.B. einen Berg genauer betrachten und überlegen, dann wird uns klar, daß dieser große Berg nur groß ist, weil viele kleine Teile, viele verschiedene Gesteine und Gesteinsbrocken zusammengehäuft eben diese große Form ausmachen. Und wenn wir diese Gesteinsbrocken betrachten, dann wird uns klar, daß diese wiederum aus vielen kleineren Teilen bestehen, deren kleinere Teile wiederum aus kleineren und noch kleineren und kleinsten Teilchen und Atomen zusammengesetzt sind. Und wenn wir so überlegen, daß dieser große Berg eigentlich nur aus einer unendlichen Anzahl von kleinsten und winzigsten Teilchen besteht, wird uns klar, daß es also keinen an und für sich großen Berg gibt, sondern daß der Berg nur groß ist in Abhängigkeit von der Unzahl kleiner Teilchen, die ihn ausmachen.
Geht man so in die immer kleineren und kleinsten Teilchen, wird man bis zu den feinsten Atomen vordringen, deren große Anhäufung den Berg hervorbringt.
Dem mag man wohl zustimmen und sagen, daß alle größeren Teile bis zu den kleinsten in Abhängigkeit von den kleineren bestehen, aber vielleicht denkt man, die allerkleinsten Atome und Teilchen, die müssen dann wohl unabhängig existieren.
Dem ist jedoch nicht so, selbst die kleinsten Teilchen sind abhängig von verschiedenen anderen Aspekten. Sie sind abhängig von ihren eigenen Ursachen; man kann deren Resultate in Abhängigkeit von den Ursachen, die Ursachen in Abhängigkeit von den Resultaten wahrnehmen; sie haben bestimmte Aspekte der Vergänglichkeit usw., die alle in ihrem Zusammenwirken, in ihrer Gesamtheit das Phänomen als solches erfaßbar machen.
So hat jeder Mensch eine Nase, und die Nase erscheint als ein Stückchen Fleisch vorne am Gesicht, und wenn man das so betrachtet, dann sagt man eben, ja, da ist eine Nase; aber wenn man die Nase genauer unter die Lupe nimmt, stellt man fest, daß diese Nase wiederum aus Hunderttausenden von kleineren Teilen besteht. Auch mit den Zähnen ist es das gleiche.
Das trifft auf materielle Phänomene zu, aber auch auf immaterielle Phänomene, wie z.B. auf die Zeit. Wenn wir ein gewisses Alter erreicht haben, sagen wir, oh, ich bin schon so alt, ich lebe schon so lange; wir sprechen von vielen Jahren oder vielleicht von einem Jahr.
Wenn wir von einem Jahr sprechen, dann erscheint uns diese Zeitspanne als lang. Betrachten wir sie jedoch, dann stellen wir fest, daß das nur ein Zusammenhängen verschiedener kürzerer Zeitspannen ist; das Zusammenhängen von zwölf kürzeren Zeitspannen, nämlich Monaten; die Monate bestehen wieder nur aus Tagen, die Tage aus Stunden, die Stunden aus Minuten, diese wiederum aus Sekunden, und diese wiederum aus kleineren Zeitabschnitten. Überlegt man es sich so, dann stellt man fest, daß das Jahr, von dem man am Anfang sprach, das als eine lange Zeitperiode erschien, eigentlich nichts anderes ist als eine Benennung einer Kontinuität einer gewissen Anzahl kürzerer Momente.
Das Schnalzen mit den Fingern z.B. empfinden wir als einen kurzen Moment. Tatsächlich jedoch ist diese kurze Zeitspanne wiederum aus vielen kleineren Zeitspannen zusammengesetzt, also wiederum nur eine Zusammenfassung vieler kleinerer Zeitspannen.
Wenn z.B. die Sonne durch ein kleines Loch in der Wand in einen Raum fällt, dann kann man in diesem Sonnenstrahl kleine Staubkörnchen tanzen sehen. Diese Staubkörnchen erscheinen uns als winzig. Wollte man jedoch davon sprechen, wie viele kleinere Partikel dieses Staubkorn zusammensetzen, könnte eine Zahl genannt werden.
Nun, in bezug auf die Zeit kann man wiederum bis zu kleineren und kleinsten Zeitabschnitten zurückgehen; und man denkt sich vielleicht, ja, es sind wohl die größeren Zeitabschnitte jeweils Benennungen einer Anzahl von kleineren, aber die allerkürzesten Zeitabschnitte, die möglich sind, müssen unabhängig existieren. Dem ist jedoch nicht so. Selbst die kürzesten Zeitabschnitte haben ihre Ursachen, ihre verschiedenen Aspekte, in deren Abhängigkeit sie existieren.
In bezug auf Eigenschaften kann ebenfalls erkannt werden, daß diese wiederum nur in Abhängigkeit entstehen. Man kann z.B. versuchen, seinen Geist zu entwickeln, negative Aspekte zu beseitigen, die heilsamen Aspekte zu vervollkommnen. Die vollständige Perfektion dieser Entwicklung ist erreicht, wenn sämtliche negativen Aspekte ganz beseitigt sind, sämtliche Fehler und Hindernisse selbst mit ihren Spuren verschwunden sind und alle heilsamen Eigenschaften vollkommen entwickelt sind, wenn man die Fähigkeit erlangt hat, anderen ohne jedes Hindernis von Nutzen zu sein. Dieser Zustand wird dann als Buddhaschaft bezeichnet.
So ist selbst ein solcher Zustand nur in Abhängigkeit von den Anstrengungen, den verschiedenen Bemühungen, von der Beseitigung negativer Aspekte und der Entwicklung heilsamer entstanden.
Er ist in Abhängigkeit von verschiedenen anderen Dingen ins Entstehen gekommen, es ist nicht ein Zustand, der aus sich heraus besteht, der unabhängig existiert. Nähme man ein solches Bestehen eines Wesens oder eines unabhängigen Zustandes an, dann würde das durch eine klare Logik widerlegt; ein solcher Zustand widerspricht einer klaren Logik.
Wenn man über richtige Begründungen nicht nachdenken will oder sie nicht verwenden will, dann ist das eine andere Sache; wenn man sie verwendet, dann gibt es keine andere Möglichkeit, als zu sehen, daß die Phänomene, ganz gleich, welche es auch sein mögen, nur in Abhängigkeit von anderen existieren können.
Nun in bezug auf Leid, das wir vielleicht als Menschen erfahren, sehen wir wiederum das gleiche: Es kann nur in Abhängigkeit von den Ursachen, die dazu geführt haben, erfahren werden. Wir tun Unheilsames, das uns dann unangenehme Erfahrungen bringt, sei es in weiter Zukunft oder in naher Zukunft, in anderen Existenzen oder in dieser.
Diese Ursachen, die zuerst angesammelt werden, deren Kraft mit der Zeit weiter gestärkt wird, führen dann zu dem Erfahren von Leid. Es gibt kein Leid, das wir unabhängig, aus sich heraus, erfahren müssen.
In diesem Saal z.B. befinden sich die Bilder vieler großer Gelehrter. Sie alle sind nicht einfach eines Tages erschienen und plötzlich dagewesen, sondern sie haben angefangen mit dem Abc in der Schule und so langsam, langsam ihre Eigenschaften gesteigert, bis sie zu großem Verständnis kamen und dann als Gelehrte auftraten. Sie sind nicht wie Pilze aus dem Boden geschossen oder einfach auf einmal dagestanden.
Daß alle großen Gelehrten der Vergangenheit und der jetzigen Zeit nur in Abhängigkeit von ihren Studien und ihren Bemühungen und ihrer ständigen Aufmerksamkeit zu großen Gelehrten wurden, das ist uns deutlich. Wir wissen, daß jemand, der einfach nie etwas lernt, sich nie Gedanken über irgend etwas macht, eben dumm bleiben wird und nie zu großem Verständnis und Wissen gelangen wird.
So kann man über die Abhängigkeit der Phänomene sehr ausführlich sprechen, man kann über jedes einzelne Ding sprechen und dessen Abhängigkeit zeigen. Ich habe wiederum nur die grobe Abhängigkeit der äußeren Phänomene erwähnt. Ich habe nicht von der Abhängigkeit des Phänomens in bezug auf den Geist, der dieses Phänomen erfaßt, gesprochen. Denn diese Abhängigkeit ist schwer zu verstehen, sie ist nicht leicht zu erkennen.
Da alle Dinge in Abhängigkeit existieren, ist es möglich, durch das Ansammeln der entsprechenden Ursachen, durch das Hervorbringen oder Erzeugen der Ketten der Abhängigkeit zu größten Resultaten zu kommen. Und will man unbedingt etwas Schlechtes, dann ist, weil das ebenfalls in Abhängigkeit existiert, auch das hervorzubringen.
Ich habe über die Abhängigkeit der Phänomene gesprochen, weil ich versuchen will, über die Unerkenntnis etwas zu sagen, und diese ist nur zu verstehen, wenn man sich der Abhängigkeit der Phänomene bewußt ist.
Wenn man über seine eigene Art des Existierens nachdenkt, dann erkennt man, daß man selbst ebenfalls in Abhängigkeit existiert. In Abhängigkeit vom Körper, vom Geist und von sämtlichen Aspekten, die zusammenwirken, kann der Mensch oder die Person erfaßt werden. Auch bei Tieren ist es das gleiche; in Abhängigkeit von Körper und Geist kann das Tier oder das Wesen als solches erfaßt werden.
Es ist der Mensch selbst ein Phänomen, das in Abhängigkeit existiert, genauso wie die Teile, auf denen er beruht; das heißt, der Körper ist ebenfalls ein Phänomen, das in Abhängigkeit existiert, ebenso der Geist.
Man erfaßt sich oft als etwas sehr Konkretes, man denkt, ich tue das, ich mache das, und empfindet das Ich oder sich selbst als etwas Mächtiges und Kräftiges. Wenn man das jedoch genauer betrachtet, erkennt man, daß dieses Ich weiters gar nicht zu finden ist, außer als etwas, das in Abhängigkeit vom Körper und vom Geist benannt wird.
Betrachten Sie nur sich selbst von Kopf bis Fuß, dann stellen Sie fest, daß der Körper nichts als eine Ansammlung verschiedenster Teile ist; Sie würden keines dieser Teile als sich selbst bezeichnen, auch den Körper würden Sie nicht als sich selbst bezeichnen, sondern lediglich von ihm sagen, daß er Ihr Körper sei.
Auch ist der Geist, der vielleicht von manchen als das Ich identifiziert werden möchte, ein Phänomen, das nur aus verschiedenen Teilen besteht, aus verschiedenen Aspekten und Faktoren, aus einem Kontinuum von Momenten, von denen jeweils einer dem andern folgt. Und dieser Geist selbst wieder würde nur als der Geist der Person bezeichnet werden, aber nicht als die Person selbst.
Wenn Sie nun Ihren Körper als eben Ihren Körper bezeichnen und beiseite stellen, Ihren Geist als Ihren Geist erkennen und den beiseite stellen, dann suchen Sie noch einmal, wo jetzt das Ich bleibt, wo jetzt die Person bleibt; Sie werden nichts finden, worauf Sie mit dem Finger zeigen könnten, außer eben Ihrem Körper und Ihrem Geist, und Sie haben ja erkannt, daß diese zwei nicht das Ich sind.
Nachdem man nun Geist und Körper beiseite gelegt hat und dann das Ich nicht mehr findet, kann man sich fragen, ob man am Schluß gar nicht existiert; aber auch das ist nicht richtig.
Weil wir existieren, leben wir, tun wir das und jenes, geht es uns manchmal gut und schlecht, gehen wir dahin und dorthin. Das können wir tun, weil es uns gibt, weil wir existieren, nicht, weil wir nicht existieren. Auch der, der sich selbst betrachtet, kann sich nur betrachten, weil er existiert, nicht, weil er nicht existiert.
Nun, wie existiert der Mensch also? Was ist die Person, was ist das Ich? Die Person wird in Abhängigkeit von ihren vielen Aspekten benannt. In Abhängigkeit vom Körper und vom Geist und aller deren Teile wird die Person erfaßt, und dieses ganze Agglomerat oder diese Person wird auch als solche benannt.
Das sind nur einige kleine Erklärungen; darüber nachdenken muß man selbst. Der Geist, der darüber nachdenkt, muß der eigene Geist sein, und worüber man nachdenkt, das muß die eigene Person sein.
Nun denkt man sich, ja, man existiert nur in Abhängigkeit, und mag das als etwas Negatives betrachten. Dem ist jedoch nicht so; denn dadurch, daß man in Abhängigkeit existiert, ist es möglich, eine Veränderung zu erwirken.
Wenn man eine positive Veränderung wünscht, kann diese erreicht werden, weil man in Abhängigkeit von verschiedenen Punkten und Dingen existiert. Da die Phänomene in Abhängigkeit existieren, können wir Samen im Frühling säen und im Herbst eine Ernte einbringen; da wir in Abhängigkeit existieren, können wir uns bemühen und gewisse Ziele erreichen.
Nun, was ist die Unerkenntnis? Die Unerkenntnis ist ein Zustand des Geistes, der, auf irgendein äußeres Objekt gerichtet, dieses äußere Objekt als ein Objekt erfaßt, das nicht in Abhängigkeit existiert, sondern als ein Objekt, das unabhängig ist. Richtet man diesen Geistesfaktor auf sich selbst, erfaßt er die Person oder das Ich als ein unabhängiges Ich.
Dieser Geisteszustand, der die Objekte als unabhängige Dinge erfaßt, obwohl sie in Wirklichkeit nicht so existieren, diese Unerkenntnis ist schwer zu erkennen, es ist schwer, sie in sich festzustellen und zu verstehen, wie sie funktioniert, worin ihre Täuschung liegt, was ihr Fehler ist. Nur wenn man sehr intensive und genaue Studien durchführt, sehr intensiv darüber nachdenkt, wird einem diese fundamentale Art des Erfassens der Phänomene klar.
Die Unerkenntnis erfaßt die Person selbst als etwas vollständig Unabhängiges, Festes, Stabiles, und ebenfalls die Objekte, die außen zu sehen und zu erfassen sind, als unabhängige Dinge, die eine innewohnende, eigene Identität besitzen.
Da diese Unerkenntnis zuerst die Person als etwas Festes, Unabhängiges, Dauerndes empfindet, entsteht der Gedanke ich, und ich brauche das, und ich möchte das, ich muß dieses und jenes erreichen; es entsteht ein festes Konzept eines unabhängigen, bedeutenden, wichtigen und kräftigen Ichs.
Und die äußeren Phänomene erscheinen ebenfalls als konkrete, feste, unabhängige Dinge. Wenn sie angenehm erscheinen, wird eine übermäßige Attraktivität im Objekt gesehen oder ins Objekt projiziert, das dann Verlangen erzeugt. Wenn das Objekt unangenehm ist, wird eine übermäßige Häßlichkeit oder Abscheulichkeit in das Objekt projiziert, was in einem wiederum Ärger hervorruft.
Wenn z.B. zwei sich gegenüberstehen und sich gegenseitig anschreien oder miteinander streiten, dann denkt der eine, der hat mir das gesagt, der hat mir das gesagt; und dann erscheint ihm das Ich als etwas ganz Konkretes, Festes dazusein, ein Ich, das angegriffen worden ist, und er reagiert entsprechend vehement. Der andere, der Gegenüberstehende, empfindet das gleiche, er empfindet, daß wiederum er, diese konkrete, feste Person angegriffen wird, und reagiert entsprechend, und dann streiten beide nach besten Kräften.
Wenn jedoch der eine oder der andere über seine tatsächliche Existenz nachdächte oder über die Existenz des andern nachdächte, dann würde ihm klar, daß er selbst eine Person ist, die lediglich in Abhängigkeit von den verschiedenen Teilen existiert, genauso wie die andere Person, und es wäre unmöglich, daß in ihm solcher Ärger entsteht.
Auf Grund dieses falschen Erfassens, dieser Unerkenntnis, die das Objekt als etwas Konkretes, Festes, Unabhängiges sieht, erscheinen die zwei Streitenden wie zwei konkrete Berge, die aufeinanderprallen. Die Unerkenntnis ist also ein Geistesfaktor, der etwas im Objekt erfaßt, das im Objekt tatsächlich gar nicht vorhanden ist; ein Geistesfaktor, der die Wirklichkeit falsch erfaßt.
Tatsächlich existiert nichts so, wie es von der Unerkenntnis erfaßt wird. Wir überlegen uns das jedoch nicht, wir untersuchen diesen Sachverhalt nicht und denken einfach, daß alles so ist, wie es uns erscheint.
Das Nichtvorhandensein der Phänomene in der Art, wie sie von der Unerkenntnis erfaßt werden, wird Leerheit oder Shunyata genannt.
Hat man erkannt, wie die Unerkenntnis etwas auf das Objekt projiziert, hat man das Nicht-so-Vorhandensein des Objektes, wie es die Unerkenntnis erfaßt, erkannt, dann hat man die Leerheit oder das Shunyata richtig erkannt.
Und schult man seinen Geist in dieser Erkenntnis, dann kann man die Unerkenntnis zum vollständigen Versiegen bringen, was dann sämtliche weiteren Geistesverblendungen ebenfalls zum Verschwinden bringt, weil alle Geistesverblendungen auf dieser Unerkenntnis gründen.
Wenn diese Unerkenntnis zum Verschwinden gebracht worden ist und somit sämtliche Verblendungen, dann sind die Ursachen für alles Leid, das man in der Gegenwart und in der Zukunft erfahren könnte, zum Versiegen gebracht worden.
Es ist somit der negative Aspekt des Geistes vollständig zum Verschwinden gebracht worden; die heilsamen Aspekte des Geistes sind in gleichem Maße stark und wirksam geworden. Die Person selbst existiert weiter; das einzige, was zum Versiegen gebracht worden ist, sind die negativen Aspekte des Geistes.
Da mit dem Versiegen der Geistesverblendungen die Ursachen für sämtliche Wirren, sämtliches Leid verschwunden sind, werden sämtliche Handlungen des Geistes, der Rede und des Körpers dieser Person nur noch unter dem Einfluß von heilsamen Geisteszuständen durchgeführt werden können; das heißt, alle Handlungen dieser Person geraten nur zum Wohl aller.
Wenn man seinen Geist so schult, eine solche Entwicklung in Gang setzen kann, das heißt, wenn man die heilsamen Aspekte des Geistes ständig weiterentwickelt und durch die eben erwähnte Methode die negativen Geisteszustände vollständig zum Versiegen bringt, dann wird man immer weiter steigen. Man erlangt dann zu einem gewissen Zeitpunkt bestimmte Wege zur Erleuchtung, wie sie genannt werden, und dann mit der Zeit vielleicht den Zustand des Arya oder des Arhats usw., bis zur vollständigen Erleuchtung.
Ein weiterer Aspekt des Geistes, derjenige, der uns am meisten Schwierigkeiten macht, ist auch ein Geistesfaktor, der in Abhängigkeit von dieser Unerkenntnis zum Vorschein kommt.
Dieser Geisteszustand wird Eigenliebe genannt; das ist eine Einstellung des Sich-sehr-wertvoll-Haltens, das heißt, man hat sich besonders gern, man findet sich ganz besonders wichtig.
Diese Einstellung bringt einen dazu, daß man alles, was gut ist, für sich haben möchte; seien es irgendwelche Eigenschaften oder irgendwelche angenehmen Empfindungen oder was immer, man möchte sie für sich. Man sehnt sich danach, wenn man irgend etwas Angenehmes sieht, irgendwelche Dinge, die man als wertvoll betrachtet, ganz gleich, ob man das Geld hat, sie zu kaufen oder nicht; man denkt, wenn ich sie nur hätte. Es ist ein Geisteszustand, der alles, was irgendwie attraktiv und angenehm ist, für sich beansprucht; er bewirkt, daß man jedes Lob, das irgendwo ausgesprochen wird, gerne auf seinen Namen gehört hätte; man möchte, daß nur Gutes über einen gesagt wird, das heißt, man sehnt sich sehr nach gutem Ruf.
Kurz gesagt, es ist die Einstellung, daß man für sich alles Gute möchte; man braucht es, man wünscht es sich, man sehnt sich danach, und man tut alles, um es für sich zu erlangen; ganz gleich, ob es den andern gut geht oder nicht. Die andern, die läßt man vollständig beiseite.
Wenn z.B. jemand sagt, ja, das ist sehr gut gemacht worden, das hat er richtig gemacht, wenn also jemand ein Lob ausspricht, dann freut sich die Person ganz außerordentlich; wenn jemand etwas kritisiert und als nicht richtig empfindet, dann paßt einem das überhaupt nicht. Die Einstellung, die eine solche Reaktion verursacht, das ist die Eigenliebe.
Wenn Sie z.B. Autofahrer sind und Ihr Wagen irgendwo einen kleinen Kratzer abgekriegt hat, dann kann Sie das ganz schön wurmen; wenn dagegen ein anderes Auto total zerbeult an der Straßenseite liegt, dann findet man es eher interessant, zu schauen, was da wohl los ist. Eine solche Einstellung in uns wird von der Eigenliebe erzeugt.
Diese Einstellung ist in allen von uns; dieser Wunsch, für sich selbst alles Gute zu bekommen, und dieses Beiseitelassen der andern, diese Gleichgültigkeit gegenüber allen andern.
Tatsächlich ist das jedoch keine ehrliche Einstellung; denn nach dem Guten und Angenehmen streben alle. Und obwohl sich alle nach dem Guten und Angenehmen sehnen, sich nur um sich selbst zu kümmern und die andern vollständig außer acht zu lassen, ist nicht aufrichtig.
Da wir eine solche Einstellung in uns haben, brauchen wir unendlich viel; kurz gesagt, wir brauchen einfach alles. Und es gibt kaum etwas, was wir nicht brauchen.
Aber entsprechend unserm Wunsch gelingt uns natürlich nicht alles; wir bekommen nicht alles, was wir wünschen. Und das bringt unsern Geist durcheinander, das verursacht uns viele Wirren und Unannehmlichkeiten.
Wenn irgend jemand anderer dem, wonach man sich sehnt, im Wege zu stehen scheint, dann empfindet man ihn als jemanden, der einen daran hindert, sein Ziel zu erreichen, und ärgert sich über ihn. Man regt sich selbst auf, man schimpft mit dem andern und streitet und regt ihn auf, das heißt, man stiftet überall Unbehagen.
So, wie man es sich wünscht und vorstellt, gelingt einem kaum etwas; man bekommt die Dinge so, wie man sie möchte, nicht so leicht, es scheinen viele Hindernisse aufzutreten. Man tut alles nur Erdenkliche, um sein Ziel zu erreichen, und begeht dabei eine Unzahl von unheilsamen Handlungen, die einem selbst und den anderen in der Gegenwart und in der Zukunft nichts als Leid zufügen.
Selbst große Kriege, wie Weltkriege, sind im Endeffekt nur auf eine solche Einstellung zurückzuführen. Denn die eine Nation beansprucht dieses, die andere jenes, die zwei Ansprüche lassen sich nicht vereinen, und so fangen die Kriege an.
Bis zum Streit in der Familie lassen sich alle Zwistigkeiten auf diese Einstellung zurückführen. Wenn z.B. die Mutter mit ihrem Kind streitet: Das Kind will das eine, die Mutter will das andere, die zwei Wünsche lassen sich nicht vereinen, und schon ist der Familienkrach da.
Denn wenn zwei Wünsche übereinstimmen, wenn beide Partner harmonisch sind und sich gegenseitig nichts wegnehmen wollen oder ihr Wunsch auf der gleichen Linie läuft, dann gibt es keinen Grund für Streit. Im Gegenteil, die zwei werden ganz friedlich miteinander arbeiten.
Selbst Ameisen streiten manchmal heftig und versuchen sich gegenseitig die Köpfe abzuzwicken. Obwohl ihre Körper so klein sind, ist ihre Eigenliebe so groß.
Da unsere Eigenliebe sehr stark ist, können wir hingehen, wo wir wollen, es wird uns immer schwerfallen, uns wirklich wohl zu fühlen.
Ich beschreibe diesen Zustand oft mit folgendem Beispiel: Wenn ein Mann, dessen ganzer Körper von Wunden überdeckt ist, in eine große Menge geht, dann wird er immer da und dort anstoßen, und wo immer er anstößt, wird es ihm Schmerzen verursachen, er kann sich bewegen, wie er will, es wird einfach immer irgendwo weh tun.
Die Eigenliebe bringt einen dazu, daß man viel braucht; das, was man sich vorstellt, bekommt man nicht so, wie man es sich wünscht, und das ist einem unangenehm.
Wenn Sie sich die Situation in der Welt anschauen, im kleinen und im großen, dann werden Sie viel Streit und Krieg und viele Zwistigkeiten sehen. Gehen Sie diesen auf den Grund, werden Sie überall feststellen, daß die Ansprüche nicht übereinstimmen oder daß die Ansprüche der verschiedenen Parteien entgegengesetzt sind.
Dieses Anspruchstellen geht auf die Eigenliebe zurück, und wo die Ansprüche nicht auf einen Punkt zu bringen sind, dort entstehen Zwist und Streitigkeit.
Wenn es einem gelingt, diese Eigenliebe ein bißchen zu reduzieren, dann bringt das Frieden und Ausgeglichenheit in den Geist. Je stärker die Eigenliebe ist, desto mehr Wirbel entsteht im Geist, und man empfindet die Begebenheiten als sehr tragisch.
Man sollte seinen eigenen Geist beobachten; man wird feststellen, daß er sehr oft in Bedrängnis gerät, daß man sich nicht wohl fühlt, daß man Erfahrungen tragisch nimmt.
Und dann sollte man erkennen, daß man sehr viele Ansprüche stellt, daß man viel für sich möchte und braucht.
Und man müßte sich dann klar werden, daß diese vielen Ansprüche, dieses Brauchen vieler Dinge auf die Eigenliebe zurückzuführen ist; daß also diese Bedrängnis des Geistes im Endeffekt auf der Einstellung der Eigenliebe gründet.
Man sollte dann versuchen, die folgende Einstellung zu erreichen: Man denkt sich, ja, wenn ich das bekomme, was ich gerne möchte, dann um so besser, wenn ich es nicht bekomme, dann ist es auch nicht so wichtig. Ich bin nur eine Person; ob eine Person nun bekommt, was sie will oder nicht, ist ja weiter gar nicht so wichtig.
Und bisher hat mir das viele Verlangen und das viele Wünschen eine Unzahl von Drangsalen eingebracht, mir geistiges Unbehagen verursacht, und das möchte ich jetzt um jeden Preis vermeiden.
Wenn man diese Einstellung finden kann, daß man zwar wohl zufrieden ist, wenn man etwas erreicht, es einem aber gleichgültig ist, wenn man sein Ziel nicht erreichen kann; wenn man sieht, daß es nicht so wichtig ist, daß man alles bekommt, was man sich vorstellt, dann läßt diese Angst und diese Bedrängnis des Geistes nach, der Geist wird entspannt und ruhig.
Stellen Sie sich z.B. vor, daß zwei Leute in eine große Stadt kommen, in der es etwas ganz Außergewöhnliches zu sehen gibt. Sie wissen beide von diesem Spektakel; der eine denkt, ich muß das um jeden Preis sehen, ich muß das unbedingt sehen; der andere jedoch denkt sich, ja, wenn ich es sehen kann, um so besser, wenn ich es nicht sehen kann, dann ist auch nicht viel verloren, das ist nicht so wichtig. Diese zwei haben diese zwei verschiedenen Einstellungen.
Nun stellen Sie sich weiter vor, daß die beiden nicht zu ihrem Spektakel gekommen sind, daß sie wegen irgendwelcher Umstände nicht in der Stadt bleiben konnten. Derjenige, der sich um jeden Preis darauf versteift hatte, das Spektakel sehen zu müssen, wird nun sehr enttäuscht und traurig sein, und seine Enttäuschung wird ihn beißen und jagen, bis sein Geist richtig krank davon ist.
Der andere jedoch, der sich von vornherein nicht so darauf versteifte, das Spektakel zu sehen, wird nicht sehr enttäuscht sein und denken, na gut, jetzt hab ich's eben nicht gesehen, und sein Geist bleibt ruhig und zufrieden. Und das ist uns allen bekannt, das haben wir wohl selbst schon erfahren.
Das ist nur ein Beispiel. Die Bedeutung ist die folgende: Wir wünschen uns sehr viel, wir begehren viele Dinge. Wenn wir dieses starke Wünschen und Begehren etwas schwächer machen können und uns denken können, ja, solche wie mich gibt's auf der Welt viele; ob jetzt einer das bekommt, was er unbedingt will, oder nicht, das ist nicht so wichtig; dann wird uns diese Einstellung sehr viel Ruhe und Frieden bringen.
Zwei Leute z.B. möchten ein Ding bekommen; angespornt durch die starke Eigenliebe, bemühen sie sich, so sehr es nur möglich ist, ein Objekt zu erhalten, obwohl nur ein solches Objekt vorhanden ist. Nun, eines Tages wird der eine von beiden es erhalten, und der andere wird leer ausgehen. Der, der leer ausgeht, wird auf Grund seiner starken Eigenliebe, auf Grund seines starken Verlangens nach dem Objekt vielleicht so krank werden, daß er nicht einmal mehr schlafen kann.
Wenn jedoch einer zu einer solchen Verhandlung, wo er irgend etwas zu bekommen hat, geht und dabei denkt, ja, ich werde einmal hingehen, schauen, ob ich das bekomme oder nicht; wenn es gelingt, um so besser, wahrscheinlich wird es wohl nicht gelingen, aber das ist auch nicht so schlimm; dann mag die Verhandlung ausgehen, wie sie will; das Ergebnis wird ihn in keiner Weise sehr mitnehmen.
Kann man diese Einstellung in sich stark machen, kann man sich in ihr so üben, daß sie den eigenen Geist dominiert, dann, ganz gleich, was in der Zukunft an Schwierigkeiten auf einen zukommt, sie können einen nicht sehr aufwühlen.
Wenn man eines Tages ohne Freunde dasteht und keine Hilfe mehr hat, dann wird einen das nicht sehr beunruhigen, und man wird sich denken, na gut, jetzt ist es halt so. Wenn man eines Tages nicht entsprechende Nahrung finden kann oder Schwierigkeiten mit seiner Behausung hat, wird man deshalb nicht verrückt werden, sondern sich denken, na gut, jetzt geht es halt eben so, da kann man nichts machen. Und obwohl die äußeren Schwierigkeiten vielleicht arg sein mögen, bleibt der Geist in Ruhe und zufrieden.
Läßt man seiner starken Eigenliebe jedoch freien Lauf, dann ist man von entsprechend starkem Begehren nach allen möglichen Dingen beherrscht. Eines Tages, wenn die Dinge nicht mehr wie begehrt zu haben sind, wenn man durch irgendwelche Umstände Schwierigkeiten hat, seine Wünsche zu erfüllen, dann treffen einen zusätzlich zu den unvermeidlichen Entbehrungen unerträgliche geistige Wirren und Ratlosigkeit. Das kann einen so weit führen, daß man vielleicht verrückt wird; es kann manche so weit treiben, daß sie sich selbst das Leben nehmen.
Diese Eigenliebe bildet außerdem ein hauptsächliches Hindernis für den Weg eines Bodhisattvas, und weiters bildet sie ein Hindernis für das Entstehen von Erbarmen und reiner Liebe gegenüber den andern. Den andern von großem Nutzen zu sein wird ebenfalls durch diese Einstellung unmöglich gemacht.
Alles das, was anständig und wertvoll wäre, wird von der Eigenliebe verhindert; das, was man sich nicht wünscht, Streit und Zwistigkeiten und Wirren und Aufruhr, das alles bringt sie einem.
Man sollte dann über seine Vergangenheit nachdenken: Bisher ist mein Leben so verlaufen; es ist wirklich nicht so wichtig, ob ich alles, was ich begehre, bekomme; und ob alles so gelingt, wie ich mir das wünsche; das hat weiter keine so große Bedeutung. Wirklich wertvoll ist, wenn es den vielen andern gut geht, wenn sie keine Entbehrungen zu leiden haben. Man sollte versuchen, seinen Geist so umzudrehen.
Man sollte sich überlegen: Bisher habe ich immer nur alles für mich beansprucht, und die andern waren mir gleichgültig. Da jedoch die andern genauso wie ich selbst nur das Angenehme suchen, war das keine sehr aufrichtige Einstellung.
Wenn man die Einstellung, den Wunsch hat, daß es den andern ebenfalls gut gehen möge, und sich selbst etwas zurückstellt, dann ist das im Gegensatz dazu eine richtige und aufrichtige Einstellung.
Wenn in uns der Gedanke aufkommt, ich muß das haben, und starkes Begehren entsteht, dann haben die negativen Gedanken und damit die negativen Handlungen schon begonnen.
Wenn in uns der Gedanke entsteht, wie kann ich den andern von Nutzen sein, wenn es den andern nur gut geht, dann haben die heilsamen Gedanken schon begonnen.
Man sollte versuchen, eine Einstellung zu erreichen, bei der man sich selbst etwas in den Hintergrund stellt und das Glück möglichst vieler anderer und in möglichst großem Ausmaße anstrebt.
Diese Einstellung sollte nicht nur auf Menschen begrenzt sein, obwohl es gut ist, wenn sie sich schon einmal auf Menschen bezieht, sondern sie sollte auch noch auf alle anderen Wesen, auf Tiere usw. ausgedehnt werden.
Wenn man seine Einstellung so umkehren kann, daß man den Platz, den man bisher selbst im eigenen Geist eingenommen hat, den anderen gibt, dann mag passieren, was will, der eigene Geist kann nie mehr wirklich in Bedrängnis geraten.
Denn eigentlich alle Schwierigkeiten, alle Bedrängnis, in die wir geraten, kommt zustande, weil wir verschiedene Dinge für uns und unsere Seite oder unseresgleichen erlangen möchten. Kurz gesagt, weil wir irgendeines unserer Ziele für uns selbst oder für die, die uns nahestehen, erreichen wollen. Wenn nun die eigenen Ziele als weniger wichtig zurückgestellt werden und dafür die andern in den Vordergrund rücken, ist die Basis für alle diese Zwistigkeiten, für alle diese Unannehmlichkeiten entzogen.
Es ist wie in dem Beispiel mit der Person, deren ganzer Körper von Wunden überdeckt war: Wenn ihre Wunden geheilt sind, dann kann sich die Person in einer großen Menge bewegen, wie sie will; es wird ihr keine Unannehmlichkeiten verursachen. Genauso: Ist die Wunde der Eigenliebe in einem geheilt oder wird sie abgeschwächt, dann entstehen alle diese Schwierigkeiten, alle diese Bedrängnisse nicht mehr.
Jemand, der nur an sich denkt, der nur seinen Vorteil anstrebt, wird, ganz abgesehen vom Dharma, selbst in weltlichen Belangen nicht als guter Mensch betrachtet; im Gegenteil, er wird eher als unaufrichtig oder schlecht angesehen. Es kommt keiner, der sagt, ja, er ist ein ausgezeichneter Mensch, er ist nur auf seinen Vorteil bedacht.
Im Gegenteil, selbst in weltlichen Belangen werden die Leute als große Menschen gerühmt, die sich um das Wohl der anderen kümmern; und zwar werden sie in dem Ausmaß, in dem sie sich um das Wohl vieler Leute kümmern können, als große Menschen empfunden.
Zu jemandem, der eine starke Zuneigung zu den andern Wesen hat, der von starkem Erbarmen erfüllt ist, der sich um das Wohl der andern kümmert, empfinden selbst Tiere ganz von selbst Vertrauen und Zuneigung.
Wir sind Menschen, und wir haben die Fähigkeiten und Möglichkeiten von Menschen. Wollen wir sie wirklich ausnützen, wollen wir wirklich Großes leisten, gibt es nichts Größeres, als das Wohl der anderen zu erwirken. In je größerem Ausmaß wir das durchführen können, desto voller haben wir die Möglichkeiten und Fähigkeiten des menschlichen Lebens auch ausgeschöpft.
Wie weit man kommt, wenn man sich nur um sich selbst und seinesgleichen kümmert, kann man an sich selbst beobachten. Man sieht, wie weit man gekommen ist; wenn man so weitermacht, wird auch nicht viel mehr herausschauen als bis jetzt.
Hat man irgend jemandem etwas helfen können, sei es klein oder groß, wird einen das befriedigen, und man denkt, ja, ich konnte ihm einen Dienst erweisen, das freut mich. Der andere, dem der Dienst erwiesen wurde, wird ebenfalls von Freude erfüllt sein und sich denken, ich habe hier Hilfe gefunden, bin ich froh, daß das gelungen ist. Diese Freude beider, dessen, der geholfen hat, und dessen, der die Hilfe erfahren hat, ist ein Resultat der Nächstenliebe oder der Liebe gegenüber den andern; oder dieses Austauschens der Eigenliebe durch die Liebe zu den andern.
Eine solche Einstellung macht einem Freude und macht andern Freude, es gibt keinen bessern Weg, den man wählen könnte.
Selbst wenn man seine Handlungen und seine Entwicklung bis zur Vervollkommnung bringt, gibt es keinen bessern Weg als diesen.
Manche denken sich vielleicht, wenn ich mich nur um die andern kümmere, dann bleibt für mich nichts mehr übrig, und ich komme überhaupt nicht mehr zurecht.
Um diese Einstellung zu widerlegen, müssen Sie nur an Beispiele in der Welt denken, von Leuten, die sich sehr um das Wohl der andern gekümmert haben. Meistens wurden diese Leute dann von den andern sehr geehrt und sehr gelobt und als große Leute empfunden, und ihre eigene Stellung oder ihr eigenes Wohl hat sich nur verbessert und in keiner Weise verschlechtert.
Wenn man eine Einstellung erreichen kann, bei der man sich selbst etwas in den Hintergrund stellt und denkt, das wichtigste ist, daß das Wohl der andern erwirkt werden kann; wenn man nur solche Gedanken denkt und bei der Verwendung seiner Rede, was immer man sagt, nur Dinge sagt, die den andern zum Wohle gereichen, und sämtliche schmerzenden oder bösen Worte vermeidet; und durch seine Handlungen ebenfalls Dinge tut, die den andern helfen und von Nutzen sind, und Handlungen vermeidet, die ihnen schaden; dann hat man sein Menschenleben wirklich richtig ausgenützt.
Wenn man soche Gedanken in sich hegt, dann sind dies heilsame, positive, sehr wirkungsvolle Gedanken, und es gibt kaum etwas Heilsameres, das man denken und tun könnte.
Diese heilsamen Handlungen verursachen einem zum gegenwärtigen Zeitpunkt Ruhe und Frieden; ihre Potentiale, wenn sie einmal zur Reifung kommen, bringen einem wiederum nur Glück und Angenehmes.
Jetzt werden wir ein paar Minuten meditieren. Wie ich schon erwähnt habe, ist es vielleicht am nützlichsten, wenn Sie sich die Dinge, die im Vortrag gesagt worden sind, nochmals durch den Kopf gehen lassen. Das hilft einerseits, sie besser zu verstehen, andererseits, sie nicht zu vergessen.
Wenn man meditiert, dann heißt das, daß der Geist bestimmte Gedanken denkt; das heißt, man meditiert mit dem Geist. Die Körperhaltung ist dabei nicht das wichtigste.
Das kennen wir wahrscheinlich aus unserer eigenen Erfahrung: Wir können in einer wunderbaren Meditationshaltung sitzen, fast wie eine Statue, und mit unserm Geist einkaufen gehen oder bei der Arbeit sein oder sonst irgend etwas tun. Dann hat diese Meditation keinerlei Wirkung auf unsern Geist; das heißt, sie erlaubt uns in keiner Weise, unsern Geist heilsam umzuformen.
Setzt man sich jedoch bequem hin, ganz gleich in welcher Haltung, und denkt man dabei klare, richtige Gedanken, dann kann man in kurzer Zeit die Einstellung des Geistes recht verändern. Wenn man dann mit der Meditation aufhört, hat man schon eine recht wirksame, gute und heilsame Veränderung erreicht.
Was wir bisher getan haben, das ist vorbei, das kann nicht mehr ungetan werden. Was wir in Zukunft tun, wie wir unsern Geist, unsere Rede und unseren Körper führen, das liegt an uns; und dafür feste Entschlüsse zu fassen ist sehr wichtig.
Und jetzt denken Sie gut nach.
Wie Sie sagen und wie man es öfters übers Fernsehen erfahren kann, gibt es viele Leute, die in großem Ausmaß anderen helfen, und es ist wirklich etwas, worüber man sich freuen sollte.
Den Wunsch oder die Einstellung, daß man den andern von Nutzen sein möchte, sollte man entwickeln und stärken, soweit man kann; ohne jede Grenze ist das möglich.
Wenn es dann ans Anwenden geht, an das tatsächliche den andern Helfen, dann natürlich ist man mit seinen Fähigkeiten gebunden; das heißt, man kann den andern helfen, soweit die eigenen Fähigkeiten reichen. So weit sollte man das tun, was darüber hinausgeht, muß man beiseite lassen. Denn über seine Fähigkeiten hinaus den andern helfen zu wollen führt zu nichts als zu Störungen des eigenen Geistes und der eigenen Person.
Der Wunsch und die Einstellung, den andern von Nutzen zu sein, ist etwas, das man ohne Grenze entwickeln und ohne Grenze stärken kann. Den andern tatsächlich von Nutzen zu sein, das wird durch die eigenen Fähigkeiten begrenzt.
So sollte man denn versuchen, einerseits diese Einstellung zu entwickeln, so gut man kann, andererseits bei der tatsächlichen Anwendung dieser Einstellung sich bemühen, soweit die Fähigkeiten reichen, und sich dabei klar sein, daß man Dinge, die vorderhand außerhalb der eigenen Reichweite liegen, eben einfach beiseite lassen muß. Da gibt es dann nichts, was einen in einen Zwiespalt bringen könnte.
Ein Bergsteiger z.B. hat nichts anderes im Sinn, als Berge zu besteigen; er denkt, ich habe eigentlich nichts anderes zu tun, als auf die Berge hinaufzukraxeln, und das ist auch das Schönste und das Beste. Aber wenn er dann tatsächlich auf irgendeinen Berg geht, dann sucht er sich schon einen aus, auf den er hinaufkommt, und nicht Berge, auf die er nicht hinaufkommt. Denn sich die Zähne auszubeißen an Bergen, die er ohnehin nicht bezwingen kann, führt zu nichts.
Ich wollte noch erwähnen, daß einerseits den andern zu helfen von großem Nutzen ist, und daß andererseits denen, die die Hilfe entgegennehmen, wirklich sehr gedient ist. Und ich denke, daß kaum einer besser darüber Bescheid weiß als die Flüchtlinge. Und da ich selbst ein Flüchtling bin, will ich allen denen, die Flüchtlingen helfen und überhaupt andern helfen, herzlich danken.
Es kann natürlich vorkommen, daß man sich entschließt, einen richtigen Weg zu gehen, daß man dann diesen Weg eine Zeitlang geht und dann vielleicht nicht mehr weiß, wie man nun weitermachen soll, oder vielleicht auch etwas an Lust verloren hat. Das kann durchaus vorkommen; das heißt, der Geist macht Schwierigkeiten im weiteren Verfolgen eines bestimmten Weges.
Kommt man in eine solche Situation, sollte man nicht einfach aufhören, sondern man sollte, wenn man die Lust verloren hat, diese Einstellung einfach beiseite lassen. Und dann ist es vor allem sehr wichtig, daß man eine Verbindung aufrechterhält mit jemandem, der einem Anweisungen und Ratschläge geben kann, und daß man diesen dann um seinen Ratschlag bittet und den anwendet, um weiterzukommen.
Wenn Sie z.B. in einer großen, unbekannten Stadt eine Adresse suchen, dann haben Sie vielleicht zuerst ungefähr eine Ahnung, in welcher Richtung Sie gehen müssen. Dann gehen Sie eine Zeitlang, und dann verlieren Sie sich, Sie wissen nicht mehr recht, wo es nun weitergeht. Dann müssen Sie irgend jemanden fragen, der sich in der Stadt auskennt, um weiterzufinden. Wenn Sie nun jemanden fragen, der sich auch nicht auskennt, dann wird das nicht sehr nützlich sein.
Ich habe vor allem den einen Punkt deutlich machen wollen, daß die Resultate ihren Ursachen entsprechen; das heißt, daß gute Ursachen zu guten Resultaten führen, schlechte Ursachen zu schlechten Resultaten. Wenn man als Mensch schlechte oder negative Ursachen ansammelt, dann können diese zu einem späteren Zeitpunkt negative Resultate erzeugen. Es ist also möglich, als Mensch zu existieren und in einer weiteren Existenz als Tier zu existieren; das Umgekehrte ist ebenfalls möglich.
So mag man vielleicht noch verstehen, wie es möglich ist, daß ein Mensch durch ein Leben voll unheilsamer Handlungen zu einer weiteren Existenz als Tier kommt. Aber wie ein Tier jemals die Existenz eines Menschen erlangen kann, das mag einem noch zweifelhaft erscheinen.
Nehmen wir mich als Beispiel: In diesem einen Leben bin ich nun ein Mensch, in diesem einen Leben mag ich viele Ursachen ansammeln, die als Resultat die Existenz eines Menschen hervorbringen können; und ebenso viele negative Ursachen, die als Resultat die Existenz eines Tieres hervorbringen können.
So existieren in meinem Kontinuum die Potentiale, als deren Resultate die Existenz als Mensch hervorgebracht werden kann, ebenso wie die Potentiale, die eine Existenz als Tier erzeugen können.
Nun, zum Zeitpunkt des Todes können verschiedene Umstände einwirken. Die Umstände, die im Todesprozeß auf den Menschen einwirken, sind entscheidend für die Existenz, die der Mensch als nächstes nehmen wird. Wenn die entsprechenden Umstände auftreten, dann können die Potentiale zur Auswirkung kommen, die die Existenz eines Tieres bewirken. Und dann würde ich im nächsten Leben als Tier existieren.
Deswegen sind die Potentiale, die eine Existenz als Mensch hervorbringen können, dennoch im Wesen vorhanden; sie sind deswegen nicht verschwunden. Nun, wenn diese Existenz als Tier ausgelebt ist, das heißt, diese Ursachen ihr Resultat gegeben haben und das Resultat aufgebraucht ist, dann ist es möglich, daß die Potentiale, die eine menschliche Existenz produzieren können, ihr Resultat erzeugen. Und dann würde das gleiche Wesen in der wiederum darauffolgenden Existenz als Mensch existieren können.
Wenn Sie z.B. draußen auf der Straße irgendeinen Hund herumlaufen sehen, dann können Sie nicht behaupten, daß dieses Wesen in sich nicht die Potentiale trägt, die ihm eine menschliche Existenz zu irgendeinem Zeitpunkt ermöglichen. Es wird sicher unzählige Hunde geben, die in sich das Potential tragen, das ihnen eine menschliche Existenz zu einem Zeitpunkt ermöglicht. Wann diese Potentiale zur Reifung kommen, hängt von verschiedenen Umständen ab. So mag man sich nun vielleicht etwas wundern und denken: Was für Existenzen können die verschiedenen Ursachen erzeugen, die ich in mir habe? Das ist wohl kaum zu erraten; und man mag vielleicht fürchten, daß einem in einem nächsten Leben eine Existenz als Hund oder so irgend etwas bevorsteht.
So mag man sich fürchten und vielleicht seinen Mut verlieren. Das ist jedoch nicht notwendig. Als Mensch hat man durch seine geistigen Fähigkeiten die Möglichkeit, negatives Potential, die Eindrücke von negativen Handlungen, zu bereinigen, ihnen die Kraft zu nehmen, ihnen die Fähigkeit zu nehmen, ein Resultat zu erzeugen. Wenn man die entsprechenden Mittel anwendet, um diese sogenannten negativen Potentiale oder dieses negative Karma zu bereinigen, dann kann das in einem Menschenleben durchaus gemacht werden, so daß dann nur noch heilsames Karma oder heilsame Potentiale übrig sind. Und diese können dann natürlich nur noch ein angenehmes Resultat erzeugen; das heißt, man hätte dann kaum eine andere Wahl, als als Mensch geboren zu werden.
Wenn man so einerseits die negativen Eindrücke oder die negativen Potentiale bereinigt, die einem eine Existenz in unangenehmem Dasein produzieren würden, und andererseits sich bemüht, die Ursachen für eine menschliche Existenz in möglichst großer Anzahl und möglichst gut zu erzeugen, dann ist vorauszusehen, daß diese Ursachen ihr Resultat geben werden.
Wir sind nicht immer Menschen, und das Vieh ist nicht immer Vieh. Das hängt von den entsprechenden Ursachen ab.
Es gibt keinen Zeitpunkt, von dem man sagen kann, vor diesem Zeitpunkt gab es niemanden, der über diese Tatsachen Bescheid wußte, und erst ab diesem Zeitpunkt gab es jemanden; einen solchen Zeitpunkt kann man nicht festsetzen.
Man kann jedoch diese Dinge mit einer richtigen Logik selbst ableiten, selbst beweisen und verstehen. Sie werden deutlich, wenn man sich die Tatsache von Ursache und Resultat überlegt. Dies ist eine Eigenschaft der Natur, die eben in der Natur selbst vorhanden ist. Man kann nicht sagen, das war früher nicht so und ist ab einem bestimmten Zeitpunkt so geworden.
In bezug auf die Frage, ob der Mensch zum Zeitpunkt des Todes nicht doch vollständig aufhört, muß man sich das so vorstellen: Ich selbst bin jetzt z.B. ein Lehrer, ein Meister oder ein Geshe, würde man auf tibetisch sagen, und wenn mein Leben zu Ende ist, dann hört der Geshe auf, also der Geshe existiert nicht mehr weiter.
Aber das Wesen selbst, die Kontinuität der Person selbst, diese geht weiter und wird entsprechend den Ursachen, die während des Lebens angesammelt worden sind, in einem nachfolgenden Leben weiterexistieren. Der Geshe jedoch hat aufgehört zu existieren.
Genauso sind Sie jetzt ein Mensch, und wenn dann der Tod gekommen ist, dann ist dieser Mensch gestorben; das heißt, dieser Mensch ist nicht mehr da, dieser Mensch hat sich aufgelöst und ist verschwunden. Aber das Individuum existiert dennoch weiter, ganz entsprechend den Ursachen, die angesammelt worden sind. Seine weitere Existenz ist also von den früher angesammelten Ursachen bestimmt.
Im Buddhismus wird gesagt, daß es spätere Existenzen gibt. Das heißt nicht, daß ein Mensch einfach immer wieder als Mensch weiterexistiert; das ist nicht damit gemeint; sondern, was immer es für ein Wesen ist, zum Zeitpunkt des Todes hört diese Existenz auf, das heißt, der Mensch findet sein Ende, wenn es ein Mensch ist; aber die Kontinuität der Person geht weiter und erfährt Angenehmes und Unangenehmes, ganz entsprechend den Ursachen, die zuvor irgendwo einmal angesammelt worden sind.
Ich habe zwei Tage mit Ihnen gesprochen, und es hat mich sehr gefreut, daß Sie so viel Interesse gezeigt haben, daß Sie so gut zugehört haben. Es war es durchaus wert, wenn wir einen gewissen Nutzen daraus gezogen haben.
Viele Punkte habe ich jedoch nur angeschnitten; vor allem die Gedanken über frühere und spätere Existenzen genauso wie die Leerheit oder Shunyata habe ich praktisch nur erwähnt und in keiner Weise erklärt. Es ist mir klar, daß Ihnen deshalb sicher viele Zweifel geblieben sind.
Ich bin nicht auf diese Punkte eingegangen, weil sie nicht in wenigen Worten deutlich gemacht werden können. Anstatt nur ein paar Worte darüber zu sagen, die ohnehin nur zu noch mehr Zweifeln führen würden, ließ ich Erklärungen darüber praktisch ganz beiseite.
Wenn Sie sich jedoch weiter dafür interessieren und sich weiter damit beschäftigen wollen, dann bin ich gerne bereit, Ihnen über diese Punkte ebenfalls genauere und ausführlichere Erklärungen zu geben. Sie müssen nur die Vorbereitungen machen und mich bitten zu kommen, ich komme sicher gerne.
Ob ich Ihnen weitere Dinge erkläre oder nicht, hängt also ganz von Ihnen ab.
Für diesen Vortrag hat man mich gebeten, eine Einführung in das Dharma und in den Buddhismus zu geben und etwas über die Schulung des Geistes zu sagen. Das habe ich getan; die Schulung des Geistes betrifft vor allem die Versuche und die Anstrengungen, Eigenliebe usw. unter Kontrolle zu bekommen.
Kurz gesagt, unser Körper ist immer noch der gleiche wie der vor zwei, drei Tagen. Worum wir uns bemühen müssen, ist, ein paar neue Gedanken in unsern Geist hineinzubringen. Wenn uns das nicht gelingt, dann wird eines Tages das Ende unseres Lebens kommen, und wenn wir bis dann nicht ein paar neue Gedanken und Einstellungen gefunden haben, dann besteht zwischen unserem Ableben und dem einer Kuh kaum ein Unterschied.
Wenn man eines Tages neue, heilsame Einstellungen finden kann und danach lebt, dann wird man später, wenn man über sein Leben nachdenkt, finden, ja, bis zu diesem Zeitpunkt habe ich vielleicht nicht alles ganz so richtig gemacht, aber ab dann habe ich mich wirklich bemüht, einem heilsamen Lebensstil zu folgen, ich habe wirklich neue Gedanken und richtige Ideen als Grundlage für meine Handlungen gehabt. Und das gibt einem eine Freude, das gibt dem eigenen Leben einen ganz besonderen Sinn.
Daß diese Vortragsreihe durchgeführt werden konnte, ist vor allem denen zu verdanken, die die Organisation gemacht haben, und denen, die den Saal zur Verfügung gestellt haben; und diesen möchte ich ganz besonders danken.
Das wär's, und ich hoffe Sie bald wieder einmal zu sehen.
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