Der Ehrwürdige Geshe Rinpoche wurde 1921 in eine bescheidene Bauernfamilie in Dargay in der Provinz Kham, Tibet, geboren. Bis zum Alter von neunzehn führte er seine Arbeiten auf dem Bauernhof pflichtbewußt aus, als ein Sohn, der bestrebt ist, seine Eltern zu erfreuen. In sehr jungen Jahren hatte er die Verantwortung für die ganze Familie zu übernehmen.
Zudem war er ein Meister auf vielen Gebieten wie Sport und Musik. Er war ein hervorragender Schwimmer und Reitakrobat und gewandt in kriegerischen Künsten der tapferen Khampas, wie Bogenschießen, Schwertfechten und Schießen. Und er war auch ein außergewöhnlicher Flötenspieler.
Aber schon sehr früh wurde in ihm der Wunsch wach, ein religiöses Leben zu führen, ohne daß ihn irgend jemand in dieser Richtung beeinflußt hätte. Der Plan seiner Familie war, daß er Nachfolger seines Vaters werden sollte, weil sein älterer Bruder, gemäß dem Brauch in tibetischen Familien, schon ins Kloster geschickt worden war. Geshes Sehnsucht nach einem religiösen Leben ließ jedoch nie nach. Er stahl sich die Zeit von seiner Arbeit auf dem Bauernhof, um sich selbst das Lesen der Schriften beizubringen. Sein Verlangen nach einem religiösen Leben wurde so stark, daß er sich entschloß, entgegen den Wünschen seines Vaters von daheim wegzugehen. Er machte sich nach Zentraltibet auf, eine Reise, für die er zu Fuß drei Monate brauchte und die ihn schließlich nach Lhasa, der Hauptstadt Tibets brachte. In ihrer Umgebung lagen alle die großen Klöster, die weltberühmten Zentren für das Studium des Buddhismus.
Nachdem Geshe in das Sera Je College des Sera Klosters, des zweitgrößten in Tibet mit siebentausend Mönchen, aufgenommen worden war, folgte er dem herkömmlichen Studium des Dharma. Dieses beginnt mit dem Auswendiglernen von Texten und dem Studium von Logik und Erkenntnistheorie.
Da er sein Heim so plötzlich verlassen hatte und in ein fernes Land weit weg von irgendwelchen Verwandten gezogen war, mußte er in der ersten Zeit große Not ertragen. Trotz dieser Schwierigkeiten, die manchmal so weit gingen, daß er mehrere Tage hintereinander nichts Richtiges zu essen hatte oder kein ganzes Gewand, um sich vor den bitteren tibetischen Wintern zu schützen, fuhr er fort, die Schriften zu studieren; die großen Abhandlungen über Pramana (Logik), Paramita (Weg und Stufen), Madhyamika (der Mittlere Weg), Vinaya (Ethik) und Abhidharma (Phänomenologie).
Und da traf er seinen ersten großen Lehrer, den ehrwürdigen Geshe Jhampa Khedrup. Ihm gegenüber und gegenüber seinen anderen Meistern, wie Kyabje Trijang Dorje Chang, übte er die völlige Hingabe eines wahren religiösen Schülers aus, vergleichbar nur der Hingabe einiger weniger großer Meister wie Marpa, Milarepa und Je Tsongkapa.
Nachdem Geshe körperliche Schwierigkeiten wie schwache Gesundheit und Unterernährung mit dem Mut und der Entschlossenheit eines wahren Dharma-Schülers überwunden hatte, meisterte er schließlich alle Abhandlungen. Bald wurden seine außerordentlichen Fähigkeiten von allen großen Gelehrten des Klosters erkannt. Er hatte nicht nur eine sehr tiefe und weite Kenntnis der Schriften erworben, sondern er wurde auch ein vollkommenes Musterbeispiel der Reinheit von Ethik und Disziplin. Ebenso waren viele andere heilsame Eigenschaften wie Bescheidenheit, Güte und begeisterte Ausdauer seine Merkmale. Wegen der körperlichen Härten, die er zu ertragen hatte, und wegen seiner intensiven Art, zu lernen und Dharma anzuwenden, nannten ihn seine Klassenkameraden und andere Mönche Milarepa.
Seine Kenntnis des Dharma war nicht auf seine eigene Tradition beschränkt. Er war vielmehr in allen vier großen Traditionen des tibetischen Buddhismus bewandert. Im Gegensatz zu vielen Gelehrten unserer Zeit integrierte er alle seine theoretischen Studien in sein Leben, Tag und Nacht. Unter der Anleitung seiner Meister befaßte er sich mit verschiedenen tiefen Meditationen, die er mit einer gründlichen Anwendung der vorbereitenden Übungen begann.
Meine erste Begegnung mit ihm fand ungefähr um diese Zeit statt. Er wurde als mein Lehrer bestellt von Kyabje Trijang Dorje Chang, dessen Segen allein in dieser Angelegenheit unermeßlich für mich ist. Während Geshe seine eigenen Studien der höheren Dharma-Abhandlungen fortsetzte, lehrte er seine Schüler, die nun einige hundert zählten. Er unterrichtete sie täglich, und zur selben Zeit machte er selbst intensiv Niederwerfungen, brachte Mandalas dar, rezitierte und meditierte.
Seine außergewöhnlichen Fähigkeiten auf dem Gebiet der Debatte stachen so hervor, daß manche Gelehrten ihn mit Dharmakirti (dem großen indischen buddhistischen Logiker) verglichen. Er war auch ein begabter Autor und Poet. Seine Werke enthalten Lobpreisungen der Meister, Erzählungen persönlicher Erfahrungen und Texte mit Ratschlägen für die Schüler. Seine dichterischen Schriften zeigen eine religiöse Schönheit und Wortgewandtheit frei von Weltlichem, gleich den Gesängen Milarepas.
Er schrieb auch einen außerordentlich wichtigen Kommentar in der Form eingeschalteter Anmerkungen zu Je Tsongkapas großem philosophischen Werk Die gut erklärte Essenz. Zu seinen Werken gehören auch schlagkräftige Widerlegungen fehlerhafter Schriften mancher Gelehrter. Was immer er verfaßte, wurde von den wirklichen Gelehrten sehr geschätzt und gelobt und war immer äußerst aufschlußreich.
So war Geshe auf jedem Gebiet des Dharma bewandert. Nachdem er etwa zwanzig Jahre studiert hatte, bestand er schließlich seine Geshe-Prüfungen vor allen Mönchen der drei großen Klöster. Es wurde ihm der Titel der obersten Stufe, Geshe-Lharampa, zuerkannt, die höchste Ehre, die in tibetischen Klöstern von den Prüfern und Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama verliehen wird.
Außerdem erhielt Geshe eine große Anzahl verschiedener tantrischer Einweihungen von Meistern wie Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama, von Kyabje Ling Dorje Chang (dem älteren Lehrer Seiner Heiligkeit), und besonders von seinem wichtigsten Lehrer, Kyabje Trijang Dorje Chang (dem jüngeren Lehrer Seiner Heiligkeit). Er wandte verschiedene Arten von Yogas an im Zusammenhang mit Meditations-Gottheiten wie Guhjasamaja, Hayagriva, Kalachakra, Vajrayogini und besonders Yamantaka. Dementsprechend verwirklichte er verschiedene Erfahrungen und Erkenntnisse auf den Stufen der Erzeugung und Vollendung.
Man könnte eine Menge über seine Erkenntnisse sagen. Mir scheint jedoch, daß dies nicht der richtige Zeitpunkt ist, um sie zu enthüllen. Kurz, er folgte genau dem Weg, den der allwissende Je Tsongkapa (der Gründer unserer Tradition) seine Schüler lehrte. Je Tsongkapa faßte seine Übungen in folgendem Vers zusammen:
"Am Anfang erwarb ich weites Lernen, in der Mitte erkannte ich alle Unterweisungen als persönliche Belehrung, am Ende folgte ich ihnen Tag und Nacht, zu jeder Zeit. Möge dieses Wissen für alle blühen." Geshe verbrachte alle seine Zeit auf diese Art und Weise.
Überdies zeigte er, nachdem er selbst das ganze nötige Wissen und die Erkenntnisse erlangt hatte, zahllosen Schülern den vollständigen Weg zur Befreiung. Er begann mit dem Unterricht einfacher Dialektik und fuhr fort bis zu den fortgeschrittensten Stufen des Tantra.
Nach der rechtswidrigen Besetzung Tibets durch die chinesischen Streitkräfte im Jahre 1959 folgte Geshe Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama ins Exil und führte viele seiner Schüler nach Indien, wodurch er uns vor der Schreckensherrschaft menschlichen Wahnsinns errettete. In Indien fuhr er fort, uns und viele andere Mönche aus verschiedenen Klöstern zu lehren, und zwar in Buxa Lama Camp. Das war ein klösterliches Durchgangs-College für Mönche aller Traditionen, das Seine Heiligkeit ins Leben gerufen hatte, bevor die bedeutenden Klöster in Indien wieder errichtet wurden.
Im Jahre 1964 wurde Geshe ausgewählt, um Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama als einer seiner philosophischen Berater zu dienen. Seine Aufgabe war, mit ihm zu studieren, zu diskutieren und zu debattieren, wie auch mit ihm von seinen zwei hervorragenden Lehrern Unterricht zu empfangen. Seit dieser Zeit lebte Geshe in Dharamsala, dem Sitz Seiner Heiligkeit, und fuhr fort mit seinen Anwendungen und dem Unterricht seiner Schüler.
Er erfüllte auch einen besonderen Wunsch Seiner Heiligkeit, nämlich einige der besten Meditierer auszuwählen und sie in den Bergen von Dharamsala unterzubringen. Dies ermöglichte ihnen, ihre Anwendungen ungestört fortzusetzen, frei von andern Beschäftigungen. Geshe selbst zog sich zu strengen Meditationen zurück.
Zu den Schülern Geshes gehören nicht nur Tibeter, sondern Leute verschiedener Nationen und aus allen Schichten; viele tibetische Meister, Geshes, Rinpoches, Meditierer, Mönche und viele tibetische Laien ebenso wie Wissenschaftler, Psychologen, Ärzte, Lehrer, Studenten und Ausgeflippte aus dem Westen. Um nur einige der Lamas unter seinen Schülern zu erwähnen, die im Westen bekannt sind: Khamlung Rinpoche, Loten Rinpoche, Sherpa Rinpoche, Tomthog Rinpoche, Zopa Rinpoche, Geshe Thubten Yeshe (Lama Yeshe), Geshe Jhampa Wangdu, Geshe Karyang, Geshe Nekhar Buga, Geshe Penpa, Geshe Tenzin Gonpo, Geshe Thubten Ngawang, Geshe Thubten Trinley ...
Ich muß hinzufügen, daß unter allen tibetischen Lamas Geshe derjenige ist, der das Tor des Buddhismus für den Westen geöffnet hat. Es war 1969, Geshe hatte sich zu einer intensiven Meditationsanwendung zurückgezogen, als Seine Heiligkeit der Dalai Lama den ersten westlichen Schüler zu ihm schickte. Danach hörte der Strom von Schülern aus dem Westen nie mehr auf. Er brachte Geshe schließlich nach Europa, wo seine selbstlosen Dharma-Tätigkeiten blühten und zahllosen Wesen zugute kamen.
Am Anfang trauten viele Lamas nicht der Ernsthaftigkeit des Interesses der westlichen Menschen für das Dharma. Deshalb zögerten sie, Unterweisungen zu geben, und manche kritisierten Geshe sogar wegen seiner Offenheit. Es ist ganz lustig, zu beobachten, wie einige eben dieser Lamas später sehr begeisterte Lehrer der westlichen Menschen wurden.
Im Jahre 1975 bestellte Seine Heiligkeit der Dalai Lama Geshe als Abt des tibetischen Klosters in Rikon, Schweiz, sowie als Lehrer des Buddhismus für den Westen. Während Geshe in der Schweiz lebte, gründete er das Zentrum für höhere tibetische Studien, Rabten Choeling am Genfer See (ursprünglich Tharpa Choeling), das Tibetische Zentrum Tashi Rabten auf dem Letzehof in Feldkirch, das Tibetische Zentrum in Hamburg, Puntsog Rabten in München, Rabten Gephel Ling in Mailand und Jhampa Ling in Turin. Diese Zentren sind zu Quellen der Anregung und des Kennenlernens des Dharma für zahllose Menschen im Westen geworden.
Geshe war der erste buddhistische Meister, der im Westen die Vinaya-Tradition dreier klösterlicher Riten (1. Bekenntnis, 2. Klausur der Regenzeit, 3. Brechen der Klausur) begann, was den eigentlichen Anfang einer richtigen klösterlichen Gemeinschaft bedeutet. Ebenso war er auch der erste Lehrer, der im Westen das unverfälschte Studium der großen philosophischen Abhandlungen des Buddhismus eingeführt hat. Da es dies bisher nicht gegeben hatte, ist es durchaus angemessen, Geshe den Pionier des Dharma im Westen zu nennen.
Geshe widmete nicht nur sich selbst der Ausbreitung des Dharma, sondern er drängte und ermutigte auch viele andere Lehrer, zum Wohle der Lebewesen zu lehren. Lang ist die Liste der Lehrer, denen Geshe das Unterrichten im Westen ermöglicht hat. Hätte er nicht alle nötigen Bedingungen dafür geschaffen, wären viele von diesen Lehrern in diesem Teil der Welt überhaupt nicht gesehen worden. Das ist ein Punkt, an den sich sowohl die betroffenen Lehrer als auch ihre Schüler immer erinnern sollten und wofür sie Geshe allezeit dankbar sein sollten.
Geshe machte auch ausgedehnte Reisen, von der Westküste der USA bis Griechenland. Und er widmete bis zum letzten Tag seines Lebens alle seine Zeit und Kraft, um Dharma-Unterweisungen zu geben und um den Weg zur Befreiung jedermann, der ihn suchte, zu zeigen, ohne Unterschied oder Vorurteil. Diese Sorge für Lebewesen schloß alle ein, vom hohen Lama bis zum kleinsten Insekt. Seine Liebe zu den Tieren war außergewöhnlich groß.
Geshes Art zu lehren war immer so tief und weit und doch so klar und einfach, daß jedermann fähig war, zu verstehen und Gewinn daraus zu ziehen. Selbst sehr schwierige philosophische Gegenstände und Tantras wurden ermutigend verständlich für die unwissenden Schüler, wenn es Geshe war, der sie erklärte. Überdies waren seine Belehrungen und Tätigkeiten nie getrübt von eigennützigen Beweggründen noch verwässert durch Erfindungen oder Sektierertum. Vielmehr bot er die reinen und echten Dharma-Belehrungen, um die Lebewesen vom Leiden und den Ursachen des Leidens zu befreien. Er widmete sein ganzes Leben auf dieser Erde diesem einen Ziel.
Schließlich, am 27. Februar 1986, nach kurzer Krankheit, verschmolz sein heiliges Bewußtsein wieder mit dem Herzen Buddha Maitreyas in Tushita zu einer vorübergehenden Rast. Obwohl wir nun nicht mehr die Möglichkeit haben, unmittelbar aus seinen Belehrungen oder seinem Beistand Nutzen zu ziehen, können wir dennoch durch diese Unterweisungen immer noch den Segen und die Leitung des allwissenden Meisters erhalten.
Es ist mein tiefster Wunsch und mein Gebet, daß unser verehrter Meister Geshe bald auf diese Erde zurückkehren wird in einer Verkörperung als Dharma-Lehrer, um uns wieder auf dem Weg zu führen. Mögen wir ständig unter seinem Schutz sein bis zum Erreichen der vollen Erleuchtung.
Gonsar Tulku
Vier Jahre sind seither vergangen. Während dieser Zeit befaßte ich mich mit der Suche nach der Wiedergeburt Geshes.
Dank der abhängigen Beziehung zwischen der Hingabe auf seiten seiner Schüler in Osten und Westen und dem steten Erbarmen zu seinen Schülern und zu allen Lebewesen auf seiten Geshe Rinpoches, kehrte eine Erscheinung von ihm auf diese Welt zurück, um wieder unter uns zu sein.
Als Ergebnis unserer persönlichen Beobachtungen und der Voraussagen verläßlicher Quellen, wie dem Orakel des persönlichen Beschützers von Geshe ebenso wie dem Werfen der "Namenkugeln" vor dem Stupa von Kyabje Trijang Dorjechang und schließlich dem sicheren Urteil S.H. des Dalai Lama, wurde in vollständiger Übereinstimmung Kelsang Tsering aus Dharamsala als die fehlerlose Wiedergeburt Geshe Rinpoches erkannt.
Diese Wiedergeburt wurde am 22. November 1990 von seiner Heiligkeit dem Dalai Lama bestätigt.
Was für ein Glück wir haben! Möge er lang leben!
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