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Das große Siegel

Ich möchte Sie mit vielen Tashideleg begrüßen und freue mich, Sie wieder zu sehen. Viele von uns haben schon öfter Unterweisungen über Dharma gehört. In diesen drei Tagen haben wir viele Dinge beiseite gelassen, um Zeit für die Unterweisungen zu haben.

Sie sind mit der Einstellung gekommen, Unterweisungen über Dharma zu erhalten, und ich habe ebenfalls diese Zeit für das Geben der Unterweisungen beiseite gestellt, und das, was zu erklären ist, ist ebenfalls nichts anderes als Dharma.

Dennoch hängt es einerseits vom Unterrichtenden ab, davon, wie er unterrichtet, und andererseits vom Zuhörer, davon, wie er zuhört, ob das erklärte Dharma auch wirklich den Nutzen mit sich bringt, der in ihm vorhanden ist.

Wenn z.B. ein Patient ins Spital oder zum Arzt geht, dann tut er dies mit dem Wunsch, Heilmittel zu sich zu nehmen, und der Arzt empfängt ihn ebenfalls mit dem Wunsch, ihn gesund zu machen.

Aber es hängt ganz von der Kunst des Arztes ab und vom Benehmen des Patienten, ob die Heilmittel wirklich von Nutzen sind, ob die Behandlung dem Patienten wirklich einen Gewinn bringen kann. Es genügt nicht, nur irgendwelche Heilmittel zu geben.

Wir sollten folgendermaßen überlegen: Wir haben genügend zu essen, und für unsere Kleidung ist ebenfalls gesorgt. So haben wir im Moment keine besonderen Probleme. Aber obwohl unser Lebensunterhalt soweit sichergestellt ist, ist in uns dennoch ein recht großes Maß an geistigem Unbehagen. Und noch größere Schwierigkeiten, als wir im Moment erfahren, erwarten uns, wenn wir von diesem Leben gehen müssen.

Können wir nun die Motivation entwickeln - ganz gleich, mit welcher wir gekommen sind -, daß wir den Unterweisungen zuhören möchten, um etwas zu finden, das uns helfen kann in der Zeit, nachdem dieses Leben zu Ende gegangen ist, dann werden unsere Bemühungen des Zuhörens einen wirklichen Gewinn für uns darstellen.

Wenn man dagegen mit dem Wunsch kommt, etwas über Mahamudra, das große Siegel, zu erfahren, lediglich weil es etwas Berühmtes oder Bekanntes ist, dann wird man während der Unterweisungen die unterschiedlichsten Überlegungen hören und auch verschiedene Gedanken haben, aber es wird auf Grund dieser Motivation sehr schwierig sein, das Gehörte zu einen wirklich konkreten Gewinn für sich zu machen.

Wenn Sie z.B. in ein bekanntes Land auf Ferien gehen, dann werden Sie dort alle Sehenswürdigkeiten besichtigen. Und wenn Sie von Ihren Ferien zurückgekommen sind, haben Sie außer den Eindrücken von den Dingen, die Sie gesehen haben, nichts mitgebracht; die Sehenswürdigkeiten haben Sie alle in dem Land zurücklassen müssen. Im besten Fall gelingt es Ihnen, ein Blatt des Bodhi-Baums mitzubringen, wenn Sie Bodhgaya besucht haben.

Und ähnlich ist es, wenn man Unterweisungen zuhört mit der Einstellung, lediglich etwas Eigenartiges oder Besonderes zu hören oder zu sehen; man hat am Ende nichts, was man mitbringt, außer eben vielleicht einem kleinen Blatt.

Es gibt eine ganz besondere Art und Weise, Dharma-Unterweisungen zuzuhören: Man sollte frei von drei Fehlern sein und sechs nützliche Einstellungen mitbringen. Wenn diese Charakteristiken beim Anhören der Unterweisungen erfüllt sind, dann wird es von Nutzen sein.

Der Vortragende, der die Unterweisungen gibt, sollte ebenfalls bestimmte Eigenschaften haben. Da die Schüler mit dem Wunsch gekommen sind, etwas für sie Nützliches zu finden, ist es wichtig, daß der Vortragende den Wunsch hat, den Schülern von Nutzen zu sein, und daß er geschickt ist in der Art seiner Erklärungen, damit sie den Fähigkeiten der Schüler entsprechen.

Wenn dagegen der Vortragende den Wunsch hat, durch seine Vorträge berühmt zu werden oder viel Geld damit zu verdienen, dann werden seine Bemühungen nicht nur von keinem Nutzen für ihn sein, sondern er wird durch diese Einstellung zudem sehr viele negative Eindrücke ansammeln.

Der Grund dafür ist folgender: Das Dharma, das unterrichtet wird, ist in seiner Natur zwar von großem Wert, aber der Vortragende versucht durch diese Unterweisungen weltliche Dinge zu erreichen; er benützt also Dharma für weltliche Ziele, was einen großen Mangel an Achtung dem Dharma gegenüber bedeutet.

Hören die Zuhörer mit dem Wunsch zu, etwas für sie Nützliches und Wertvolles zu erfahren, dann werden sie beim Hören des Dharma heilsame Eindrücke sammeln, während der Lehrer, wenn er eine falsche Einstellung hat, zum gleichen Zeitpunkt durch das Geben der Unterweisungen während seines Sprechens negative Eindrücke anhäuft.

Wie sollte nun den Unterweisungen zugehört werden? Man sollte den eigenen Geist als ein Objekt betrachten und das Dharma als ein Werkzeug, mit dem man den Geist bearbeitet, mit dem man diesen Geist untersuchen und erkennen kann, was an ihm richtig oder falsch ist. Und dann sollte man dieses Werkzeug dazu verwenden, diesen Geist zu verbessern und die Fehler zu beheben.

Selbst jemand, der starke negative Eindrücke gesammelt hat, kann, vorausgesetzt daß er mit der richtigen Einstellung den Unterweisungen zuhört, zu einer wirkungsvollen Veränderung seines Geistes gelangen, die Unterweisungen können für ihn also von außerordentlichem Gewinn sein.

Ich möchte diesbezüglich eine Geschichte erzählen, die diese Tatsache erhellt, und ich denke, daß sie den meisten von Nutzen sein wird.

Die Geschichte trug sich zu einem Zeitpunkt zu, als Buddha Shakyamuni noch nicht die Erleuchtung erlangt hatte, sondern als Bodhisattva lebte. In einer dieser vielen Existenzen war er als Sohn eines Königs geboren und hieß Dawa. In dem Land gab es Kannibalen, die eines Tages den Prinzen stahlen mit der Absicht, sein Fleisch zu essen.

Obwohl der Prinz noch sehr jung war, war er vom Geist der Erleuchtung geprägt, von diesem uneigennützigen Gedanken, für das Wohl der anderen die volle Ereuchtung zu erlangen. Das führte dazu, daß das Kind die Kannibalen immer wieder heftig bat, es doch aufzuessen, es möglichst bald vollständig zu benützen. Es gibt noch viele Einzelheiten in dieser Geschichte, die ich jedoch beiseite lassen möchte.

Der Kannibale war äußerst überrascht über diese Reaktion des Kindes. Er sagte ihm, daß er oft Menschen fresse, aber daß es bisher noch keinen gegeben habe, der keine Angst hatte, und warum es denn keine Angst habe.

Der Prinz antwortete: Nicht nur vor dir habe ich keine Angst, sondern du kannst bringen, wen du willst, ich habe vor niemandem Angst. Und der Grund dafür ist, daß ich den Geist der Erleuchtung in mir trage.

Daraufhin antwortete der Kannibale: Wenn es einen solchen Geist der Erleuchtung gibt, dann mußt du ihn mir auch erklären.

Die Antwort des Prinzen war, daß er diese Erklärungen nicht ohne weiteres geben könne, daß dazu einiges notwendig sei; der Kannibale müsse erstens einen Thron für ihn machen, darauf einen Sitz herrichten, von dem aus er diese Erklärungen geben könne, und der Kannibale selbst müsse in einer ordentlichen körperlichen Haltung sitzen und eine ehrfürchtige Einstellung des Geistes haben; unter diesen Voraussetzungen würde er gerne die Erklärungen geben.

Der Kannibale sammelte möglichst schnell einige Äste und Blätter zusammen, um eine Art Thron herzurichten, legte als Sitz seine Kleider darauf und bat den Prinzen, sich dort niederzulassen; und er selbst hörte mit einer ehrfürchtigen Handstellung den Unterweisungen zu.

Der Prinz erklärte ihm den Zusammenhang zwischen den eigenen Handlungen und den Erfahrungen, die daraus entstehen, außerdem die Nachteile und die Fehler des Daseinskreislaufs und die Vorteile der Befreiung und der Erleuchtung. Der Kannibale hörte sehr aufmerksam zu, indem er das Gesagte auf seinen eigenen Geist bezog, d.h. seinen eigenen Geist als das Objekt dieser Erklärungen verstand.

Daraufhin antwortete der Kannibale: Im Spiegel deiner Unterweisungen erkenne ich die häßliche Gestalt meines Benehmens. Das heißt, er sah das Dharma, die Unterweisungen wie einen Spiegel, in dem er die Gestalt seines schlechten Benehmens erkannte.

Der Kannibale sagte weiter, daß ihn sehr große Reue ergriffen habe und daß er von nun an kein solches Leben mehr führen werde; daß er entsprechend dem Dharma leben und in Zukunft keine Menschen mehr töten werde.

Dieses Beispiel soll zeigen, was für starke Veränderungen im eigenen Geist durch Unterweisungen bewirkt werden können, wenn man richtig zuhört.

Wenn man dagegen mit einer falschen Einstellung zuhört, dann kann man sein ganzes Leben lang Unterweisungen hören und keine nennenswerte Änderung seines Geisteszustandes erreichen.

In vielen Schriften wird diese Geschichte erwähnt, und der Grund dafür ist, weil damit sehr deutlich wird, wie wichtig die Einstellung ist, mit der man Unterweisungen zuhört.

Das ist der erste Punkt. Sie sind gekommen, um Erklärungen über Mahamudra zu erhalten, und diese sollen nun folgen.

Es gibt viele verschiedene Arten von Mahamudra. Es gibt Erklärungen über Mahamudra, die dem Tantra entsprechen, es gibt Erklärungen, die den Sutras entsprechen, und es gibt ebenfalls die Anwendung des Mahamudra entsprechend diesen verschiedenen Erklärungen.

Ich habe festgestellt, daß öfters die eigentlichen Unterweisungen nicht den Ankündigungen entsprechen, daß die Zuhörer das Gefühl haben, es sei etwas anderes unterrichtet worden als angekündigt oder daß der Lehrer über etwas sprach, das dann nicht in seiner ganzen Länge übersetzt wurde. Solche Begebenheiten führen oft dazu, daß sich die Zuhörer ärgern. Manchmal sind solche Änderungen eine Notwendigkeit und haben einen gewissen Grund. Wenn bei Einweihungen, oder auch, wie in diesem Fall, bei den Erklärungen über Mahamudra alle Einzelheiten in voller Tiefe erklärt werden sollen, dann ist es notwendig, auch auf geheime Aspekte einzugehen.

Wenn die Zuhörer alle die richtigen Eigenschaften und Vorbereitungen hätten, dann könnte leicht alles erklärt werden; nicht nur das, es entstünde sogar ein großer Gewinn dadurch. Unter den Zuhörern gibt es jedoch viele verschiedene; manche, denen diese Dinge erklärt werden können, und manche, die vielleicht noch kaum Unterweisungen erhalten haben und denen verschiedene Dinge im Moment noch nicht zu erklären sind.

Wenn ein Meister einem Schüler Unterweisungen über Tantra gibt, ohne daß vom Schüler die notwendigen Voraussetzungen erfüllt sind, dann ist das ein Brechen der siebten der vierzehn wichtigsten Bindungen des Tantra; es heißt, geheime Aspekte des Tantra an nicht reife Schüler weitergeben.

Deshalb kommt es vor, daß manche Meister bei Unterweisungen über Tantra die Übersetzung nur bei Punkten zulassen, die keine Gefahr beinhalten; während andere Punkte, die schwieriger oder gefährlicher sind, nicht übersetzt werden. Der Grund dafür ist der eben erklärte, und es ist für den Schüler nicht angebracht, sich darüber zu empören.

Wenn Unterweisungen über Mahamudra entsprechend den Sutras gegeben werden, kann es ebenfalls vorkommen, daß man das Gefühl hat, es seien nicht die vollständigen Unterweisungen gegeben worden. Auch das sollte einen nicht empören, denn eine vollständige Erklärung des Mahamudra entsprechend dem Sutrayana beinhaltet eine vollständige Erklärung der letztlichen Wahrheit, der Leerheit.

Vollständige Erklärungen über die Leerheit setzen einen Schüler mit den entsprechenden Eigenschaften voraus; er muß einerseits ein sehr tiefes Vertrauen auf die Unterweisungen des Buddha haben, andererseits einen ganz besonderen Wunsch, die Leerheit verstehen und erkennen zu können. Außerdem sind vorhergegangene sehr ausführliche Studien und Beschäftigung mit der abhängigen Existenz der Dinge, mit dem Gesetz des abhängigen Daseins nötig. Wenn ein Schüler diese Voraussetzungen erfüllt, können die vollständigen Erklärungen über die letztliche Wahrheit gegeben werden.

Gibt jedoch ein Meister vollständige Unterweisungen über die Leerheit Schülern, die diese Eigenschaften nicht erfüllen, das heißt Schülern, die vielleicht lediglich gekommen sind, um einmal etwas Neues zu erfahren, dann verstößt dieser Meister ebenfalls wieder gegen eine Bindung, und zwar gegen die elfte der achtzehn Urbindungen des Bodhisattva.

Viele Leute haben sich mir gegenüber wiederholt darüber geäußert, daß manche Meister bei Unterweisungen nicht alles übersetzen lassen oder daß die Unterweisungen nicht dem angekündigten Inhalt entsprechen und daß sie das sehr verärgert habe. Der Grund dafür wurde eben erklärt, und im weiteren möchte ich deutlich machen, daß es nicht sehr geschickt ist, sich über einen Meister zu ärgern, und besonders, sich über seinen eigenen Meister zu ärgern, denn das hinterläßt sehr starke negative Eindrücke.

Wenn Unterweisungen oder Einweihungen gegeben werden, sind diese meistens mit Verpflichtungen verbunden. Man sollte sich zuvor darüber informieren und dann vor allem versuchen, diese Verpflichtungen kennenzulernen, zu verstehen, worum es sich handelt, und sie nach Möglichkeit einzuhalten; das ist das beste.

Aber wenigstens sollte man wissen, was für Verpflichtungen, was für Bindungen man auf sich genommen hat, und dann versuchen zu befolgen, was einem möglich ist.

Wenn wir von einer Einweihung hören, fragen wir meistens nach den damit verbundenen Verpflichtungen und meinen damit lediglich einen gewissen Text, den man täglich rezitieren muß. Und bei wenig Verpflichtung oder keiner nehmen wir die Einweihung gern. Aber mit dieser Einstellung verstehen wir nicht, daß mit der Einweihung immer eine Verpflichtung verbunden ist, und zwar ist die größte immer das Aufsichnehmen der Bindungen, der verschiedenen Gelübde.

Ich gab diese Erklärungen zusätzlich, weil wir uns alle mit Dharma beschäftigen und deshalb notwendigerweise auch wissen müssen, wie wir das Dharma, das wir erhalten können, anzugehen haben.

Das eigentliche Thema des Kurses ist Mahamudra. Wenn man Mahamudra erklären möchte, ist es notwendig, Meditation zu erklären, da Mahamudra eigentlich eine Art der Meditation ist. Das wichtigste dabei ist also die Meditation, und dabei wiederum, daß man weiß, wie sie durchzuführen ist, und daß sie richtig durchgeführt wird.

Damit die Bemühungen der Meditation erfolgreich sein können, ist es unumgänglich, die entsprechenden Vorbereitungen gemacht zu haben. Ohne diese werden die Bemühungen ganz sicher keinen Erfolg haben.

Wenn man ein Haus bauen möchte, sind ebenfalls entsprechende Vorbereitungen notwendig, und der Hausbau wird nur gut gelingen, wenn alle diese Vorbereitungen vollständig sind.

Nun möchte ich noch ein, zwei Dinge sagen, die ich bei Kursen öfter erwähne:

Wir sind diese paar Tage gekommen, um Unterweisungen über Dharma zu erhalten, und damit diese Zeit am besten ausgenützt werden kann, ist es ratsam, alle seine Tore, das heißt, seinen Geist, seine Rede und seinen Körper vollständig auf die Anwendung des Dharma zu richten.

Normalerweise verwenden wir unsere Rede auf viele, zum Teil unnütze Arten; ebenfalls unsere körperlichen Fähigkeiten. In den folgenden Tagen nun sollten wir versuchen, unsere Fähigkeit zu sprechen entweder für ein besseres Verständnis der Unterweisungen oder für Rezitationen zu verwenden.

Während wir körperlich beschäftigt sind, ist es ratsam, ständig das Dharma im Sinn zu haben und diese Zeit ebenfalls mit Überlegungen über die erklärten Punkte zu verbringen.

Die Gedanken sollte man immer auf das Dharma gerichtet halten, indem man sich die gehörten Dinge durch den Kopf gehen läßt und sie verstehen lernt.

Wenn wir unsern Geist, unsere Rede und unsern Körper in den nächsten drei Tagen auf diese Art und Weise verwenden, dann werden diese Tage sicher zu etwas sehr Nützlichem werden.

In bezug auf das Programm des Kurses möchte ich folgendes sagen:

Unser eigentliches Ziel ist eine gut gelungene Meditation. Und dazu ist es notwendig, ein entsprechendes Maß an heilsamen Eindrücken zu besitzen. Um dies zu erreichen, wird am Morgen zuerst das Lama Chöpa Puja rezitiert.

Die Fragen und Antworten sind dazu da, die unklaren Punkte und Zweifel zu klären, die Ihnen beim Überlegen in der Meditation kommen.

Im allgemeinen gibt es zwei verschiedene Arten von Dingen, über die in einem Kurs gesprochen wird. Es gibt Kurse, in denen man versucht, ein Verständnis zu gewinnen, ein Verständnis der äußeren Dinge, ihres Verhaltens, und ebenfalls ein Verständnis des Geistes, der inneren Dinge.

Jeder kann selbst in völliger Freiheit versuchen, die Phänomene zu verstehen, sie zu untersuchen und sein Verständnis der inneren sowie äußeren Phänomene zu vertiefen.

Andere Unterweisungen dagegen beschreiben ein Verhalten, das man ausführen muß. Es wird gesagt, was zu tun ist und was nicht zu tun ist. Die Unterweisungen, die ich heute gebe, gehören zur zweiten Gruppe, das heißt, daß man die Anweisungen befolgen muß, den Weg so, wie er beschrieben ist, gehen sollte.

Selbstverständlich gibt es auch Punkte, die untersucht werden müssen, die man sich überlegen muß; aber ohne daß man die entsprechenden Anweisungen befolgt, ist bei dieser Art von Unterweisungen keine Aussicht auf Erfolg. Wie schon erwähnt, ist es notwendig, beim Hören dieser Unterweisungen ein entsprechendes Vertrauen zu haben und den Wunsch, sie kennenzulernen und anwenden zu können, um sie dann auf den eigenen Geist zu beziehen und eine Festigkeit darin zu finden.

Wenn man den Unterweisungen folgt, kann es sicher Punkte geben, die man nicht versteht oder bei denen man Zweifel hat, ob das wohl so sein könnte. Es ist in diesem Fall wichtig, nicht den Gedanken zu haben, daß es auf keinen Fall so sein kann, sondern vielmehr das, was nicht verstanden wird, beiseite zu lassen und die Einstellung zu haben, daß man nicht weiß, wie es sich tatsächlich verhält. Denn sonst kann eine ablehnende Einstellung gegenüber bestimmten Gedanken zu falschen Ansichten führen, wodurch im Geist des Zuhörers sehr negative Potentiale angesammelt werden. Von der Seite des Lehrers beinhaltet dies ein Vergehen gegen die siebte der vierzehn grundlegenden tantrischen Bindungen und gegen die elfte der achtzehn grundlegenden Bodhisattva-Bindungen.

Ich werde versuchen, die Unterweisungen in einer Reihenfolge zu geben, die keine Schwierigkeiten mit sich bringt, ähnlich wie man jemandem eine Reiseroute beschreibt. Wenn z.B. jemand von Genf nach Samedan möchte, dann wird ihm vielleicht erklärt, daß er nach Chur fahren muß, über Zürich, vorher Bern, und zuerst Lausanne.

Zum Wort Mahamudra oder auf tibetisch tschakya tschenpo: Das Wort Mudra oder tschakya auf tibetisch bezieht sich auf die Leerheit, die letztliche Wahrheit. Ich erwähnte, daß es ein Mahamudra entsprechend den Sutras gibt und ein Mahamudra entsprechend den Tantras. Manch einer mag nun auf die Idee kommen, daß eventuell die Leerheit, die in dem Wort Mudra steckt, in bezug auf die Tantras wertvoller sei oder tiefer gehe als die der Sutras. Das trifft jedoch in keiner Weise zu.

Damit beziehe ich mich auf ein Wort des großen Meisters Shakya Pandita, in dem deutlich gemacht wird, daß die Leerheit, wie sie im Sutrayana erklärt wird, sich in keiner Weise von der Leerheit des Tantrayana unterscheidet.

Das Wort Mudra oder tschakya bedeutet Siegel; und der Grund, weshalb die Leerheit mit diesem Wort Siegel benannt wird, ist der folgende: Wenn in einem Büro oder in einem Ministerium eine Person, die die entsprechende Berechtigung hat, eine Unterschrift gibt oder ein Siegel setzt, dann bewirkt das, daß dieses damit besiegelte Gesetz gültig wird und nicht mehr verändert werden kann, daß man es nicht anders benützen kann. Und diese Bedeutung des Siegels wird übernommen in bezug auf die Gesamtheit der Phänomene.

Mahamudra bedeutet Großes Siegel. Der Grund, weshalb das Wort maha, oder groß verwendet wird, ist folgender: Wenn man diese Leerheit, die mit dem Wort Siegel deutlich gemacht wird, einmal erkannt hat, dann ist es einem möglich, durch diese Erkenntnis die Befreiung vom Daseinskreislauf, ja selbst die vollständige Erleuchtung zu erlangen. Weil so große Ziele erreicht werden können, wird dieses Siegel Großes Siegel genannt.

Die Leerheit, die das Objekt des Mahamudra ist, wird in den Sutras und in den Tantras gleich dargelegt. Die Methoden der Meditation über diese Leerheit jedoch sind je nach Anwendung des Sutrayana oder des Tantrayana unterschiedlich.

Der letztliche Geist, der das Große Siegel erkennt, ist der Weisheits-Dharmakaya des Buddha.

Wir haben gehört, daß es eine Art der Meditation über dieses Mahamudra entsprechend dem Sutrayana gibt und eine entsprechend dem Tantrayana, und wir möchten wahrscheinlich gern wissen, inwiefern sich diese unterscheiden.

Betrachten wir z.B. eine Aufführung in einem Zirkus, dann sprechen wir erst dann vom Sehen der Aufführung, wenn wirklich die verschiedenen Begebenheiten vor unsern Augen ablaufen.

Dem entspricht das Verständnis der Leerheit. Wenn die Leerheit verstanden wird, dann kann dieses Verständnis weiter erhöht werden; das ist, was man dann Meditation nennt. Und das Mahamudra ist eine Erhöhung des Verständnisses der Leerheit.

Wenn wir das gehört haben, sollten wir zwei Dinge verstanden haben, nämlich erstens, daß das Objekt der Meditation des Mahamudra die Leerheit ist und daß man diese Leerheit verstanden haben muß, um darüber zu meditieren, und als zweites, daß es ein Fehler war, wenn man bisher gedacht hat, man meditiere über Mahamudra, wenn man nur mit einem leeren Geist dasaß.

Bezüglich des Geistes, der über die Leerheit meditiert, der sie erkennt, besteht nun der Unterschied in der Meditation des Sutrayana und der des Tantrayana. Das Mahamudra des Tantrayana beinhaltet einen viel subtileren Geist, der diese letztliche Wahrheit erkennt, als die Meditation entsprechend dem Sutrayana.

In uns treten die unterschiedlichsten Geisteszustände auf, vom Morgen bis zum Abend und selbst während der Nacht. Was wird nun unter Geist verstanden? Manche Leute sind der Auffassung, der Geist sei ein physisches Organ, etwas Materielles. Das ist jedoch nicht richtig.

Der Geist ist ein Phänomen, das frei von jeder Materie ist und die besondere Eigenschaft hat, Objekte wahrzunehmen und zu erfassen.

Und eine weitere Charakteristik dieses Geistes ist, daß er einem ständigen Wechsel unterliegt; daß er also kein unveränderliches Phänomen ist, sondern eines, das sich von Moment zu Moment ändert.

Alle Geisteszustände, die im gegenwärtigen Moment auftreten, wie Nachdenken und sich Erinnern usw. sind als grobe Geisteszustände zu bezeichnen. Fragt man sich, ob in uns ebenfalls subtilere Geisteszustände auftreten, dann ist die Antwort ja, es gibt zwei Punkte, wo in uns ebenfalls subtile Zustände des Geistes vorhanden sind. Das ist nicht eine Besonderheit des Menschen, sondern gilt für jegliches Wesen bis zu den kleinsten Insekten.

Zum Zeitpunkt des Todes, das heißt, zu dem Zeitpunkt, wo wir normalerweise sagen, die Person sei schon gestorben, treten in ihr die allersubtilsten Geisteszustände auf; und zwar sind zu diesem Zeitpunkt sämtliche Energien des Körpers aufgelöst, frei geworden, und es ist dann noch der subtilste Geisteszustand vorhanden.

Dieser Geisteszustand tritt zu dem Zeitpunkt auf, wo dieses Leben sein wirkliches Ende gefunden hat. Wir können ihn nicht benützen, weil uns die Fähigkeiten dazu fehlen und dies außerdem ein für uns sehr kritischer Zeitpunkt ist. Nachdem dieser Zustand vorübergegangen ist, treten wir sofort in den sogenannten Zwischenzustand, das Bardo ein.

Dieser subtilste Geisteszustand, der normalerweise nur zum Zeitpunkt des Todes auftritt, kann durch Methoden des Tantra, dadurch, daß die verschiedenen subtilen Energien erfaßt werden, während des Lebens bewußt zum Vorschein gebracht werden, ohne daß der Tod eintritt. Gelingt es uns, mit solchen Methoden des Tantra diesen subtilsten Geisteszustand zum Vorschein zu bringen, dann ist das mit einer Empfindung außergewöhnlichen Glückes verbunden.

Wenn dieser subtilste Geisteszustand auf das Objekt der Leerheit, der letztlichen Wahrheit gerichtet wird, dann ist das die Meditation des Mahamudra entsprechend dem Tantra, und zwar die letztliche Meditation des Mahamudra entsprechend dem Tantra.

Dieser subtile Geist, der auf die Leerheit gerichtet wird, also die sogenannte Meditation des Mahamudra entsprechend dem Tantra, ist von außergewöhnlicher Wirksamkeit, und es wird gesagt, daß innerhalb kürzester Zeit negative Eindrücke und Hindernisse mit dem Auftreten dieses Geisteszustandes beseitigt werden können, was mit anderen Methoden nur in vielen mühevollen Jahren oder ganzen Zeitaltern kaum möglich ist.

Dieser Geisteszustand, der entsprechend dem Tantra die Leerheit erkennt, ist wesentlich subtiler und feiner als der, der im Sutrayana erklärt und erzielt wird.

Es ist für uns kaum denkbar, solche Fähigkeiten des Geistes zu erlangen und zum Vorschein zu bringen. Aber ein Vertrauen darauf zu fassen und den Wunsch zu haben, möglichst bald solche Fähigkeiten zu erlangen und die entsprechenden Gebete zu sprechen, ist ein sehr geeignetes Mittel, starke heilsame Eindrücke anzuhäufen.

Das war eine kurze Beschreibung des Mahamudra entsprechend dem Beispiel der Anweisungen für den Weg nach Samedan.

Es gibt viele verschiedene Methoden, die ein Meditierender anwendet, um zum Ziel zu gelangen, das heißt, um einen solchen subtilen Geisteszustand zum Vorschein zu bringen; aber es ist nicht genügend Zeit, diese jetzt zu erklären. Man möge sich deshalb bitte nicht empören, die Gründe dafür habe ich ausführlich dargelegt.

Damit solch ein subtiler Geisteszustand hervorgebracht werden kann, muß zuerst ein Zustand erreicht werden, bei dem durch die Kraft der Meditation die fünf Aggregate des Körpers sowie die fünf Sinne, die Objekte der fünf Sinne inklusive dem sechsten Objekt, den Phänomenen, und die vier Urstoffe spontan in der Form von Gottheiten erscheinen.

Bevor es einem jedoch gelingen kann, einen solchen Zustand zu erreichen, ist es notwendig, Meditationen durchzuführen, bei denen man sich zuerst selbst in der Form einer Gottheit visualisiert und durch die fortgesetzte Konzentration auf diese Form und auf verschiedene Aspekte dieser Form eine vollständige geistige Ruhe erreicht, das heißt, eine vollständige Entwicklung der Konzentration.

Bevor man jedoch sich selbst in der Form einer Gottheit visualisieren und diese Meditation durchführen kann, ist es notwendig, daß man von einem Meister, auf den man tiefstes Vertrauen hat und der selbst sämtliche notwendigen Eigenschaften besitzt, die sogenannten vier Einweihungen erhält, wobei man die Worte genauso wie die Bedeutungen aller dieser Einweihungen vollständig verstehen muß.

Es ist äußerst schwer, ein solches vollständiges Verständnis zu gewinnen, aber es ist unumgänglich. Es wird also deutlich, daß man, um dieses Verständnis zu gewinnen, um eine solche Einweihung zu erhalten, entweder die Sprache des Lehrers verstehen oder einen Übersetzer haben muß, der fehlerfrei alles übersetzen kann.

Aber auch das allein ist nicht genug; vor dem Erhalten der Einweihungen gibt man viele Versprechen ab, man nimmt die tantrischen Bindungen auf sich, die zentralen und die Nebenbindungen usw., ebenfalls die achtzehn Bindungen des Bodhisattvas usw.; alle diese Versprechen müssen ganz exakt eingehalten werden.

Wenn wir sehen, um wie viele und um was für Versprechen es sich bei diesen Bodhisattva-Bindungen und tantrischen Bindungen handelt, dann fragt man sich, ob diese überhaupt gehalten werden können. Eine Person jedoch, die die Fähigkeit hat, diese Bindungen auf sich zu nehmen, die also für diese Bindungen bestimmt ist, würde leichter ihr Leben aufgeben als eine dieser Bindungen brechen.

Aus diesem Grund hat auch Seine Heiligkeit der Dalai Lama, als er in Amerika die Kalachakra-Einweihung gab, nur den ersten Teil aus dieser Reihe von Einweihungen gegeben. Oder in Italien, bei der Einweihung des Avalokiteshvara, wurden zwar alle vier Einweihungen gegeben, aber Seine Heiligkeit ließ die Übersetzung nur der ersten Einweihung zu.

Bevor man die Meditation des Mahamudra entsprechend dem Tantra angehen kann, ist es notwendig, drei Dinge erreicht zu haben:

Man muß seinen Geist in Erbarmen und Mitgefühl den andern gegenüber geschult haben, das heißt, noch weitergehend, den Wunsch, für die andern die volle Erleuchtung zu erlangen, das sogenannte Bodhicitta, entwickelt haben;

man muß eine Erkenntnis der Leerheit entsprechend dem Sutrayana gewonnen haben, also ein Verständnis der Leerheit erlangt haben;

und damit diese beiden entstehen können, muß man den Geist der Entsagung, d.h. den Wunsch, vom Daseinskreislauf vollständig freizukommen, entwickelt haben.

Wenn man nicht weiß, wie man durch korrekte Überlegungen und logische Schlüsse zu einem Verständnis der letztlichen Wahrheit gelangen kann, dann ist ein Verständnis dieser letztlichen Wahrheit kaum möglich.

Für jemanden wie uns, der hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt ist, ist es äußerst schwierig, den Geist der Erleuchtung zu erreichen, der ein vollständiges Austauschen seiner Einstellung, eine vollständige Hingabe für das Wohl der anderen beinhaltet.

Alle unsere Bemühungen gehen darauf hin, das Wohlbehagen des Daseinskreislaufs zu erlangen. Und daher ist es kaum denkbar, daß wir einen ernsthaften Wunsch entwickeln, von diesem Daseinskreislauf freizukommen.

Dies alles ist sehr schwierig, ganz zweifellos, aber wegen der Schwierigkeit es beiseite zu lassen, ist völlig sinnlos, da man dann keinerlei Ziele erreicht, die wirklichen Wert besitzen. Es ist notwendig, sich zu bemühen, den Weg auf diesen Paß hinaufzugehen, und es ist möglich, ihn zu gehen, man kann aufwärtskommen, man kann vorwärtskommen.

Bevor wir Entsagung, den Wunsch, vom Daseinskreislauf loszukommen, erreichen können, ist es notwendig, uns von den Anhaftungen an die weltlichen Dinge, die vor allem dieses Leben bestimmen, freizumachen.

Ganz abgesehen von der Möglichkeit, Entsagung gegenüber dem Wohlbehagen des Daseinskreislaufs zu entwickeln, selbst nur der Wunsch, vom Daseinskreislauf freizukommen, wird uns fernbleiben, solange wir ständig nur mit den Dingen dieses Lebens beschäftigt sind.

Wenn es uns gelingt, Erfolg in unsern Bemühungen um unsere Ziele dieses Lebens zu haben, dann freuen wir uns, tanzen und singen. Wenn es uns nicht gelingt, wenn wir keinen Erfolg haben, dann heulen wir, sind bedrückt oder streiten, je nachdem, was mehr angebracht scheint. So sind wir ständig nur mit den Dingen beschäftigt, die wir in diesem Leben erreichen wollen.

Ob es so ist oder nicht, können wir leicht selbst erkennen, wir müssen nur unser eigenes Benehmen oder das der andern betrachten.

Erkennt man die Nachteile dieser starken Anhaftung an die Dinge dieses Lebens, dann wird man den festen Wunsch haben, von dieser Anhaftung loszukommen, wenn es irgendeine Methode gibt, die einem das erlaubt; vorausgesetzt, man ist jemand, der denkt.

Damit habe ich eine kurze Übersicht gegeben, wie eine Landkarte, und es ist sehr gut, über diese Dinge nachzudenken, sie im Gespräch mit den andern zu überprüfen; selbst wenn dies alles neu für einen ist und man nicht alles in die Tat umsetzen kann, ist es sehr wertvoll, es sich durch den Kopf gehen zu lassen.

Denn diese Dinge sind etwas, das man in sich selbst haben muß, das man selbst verstanden haben muß. Es ist nicht genug, sie in irgendwelchen Büchern oder Notizen zu haben. Denn selbst einem Esel können Sie Berge von Schriften aufladen, aber die Dunkelheit seines Geistes wird dadurch um kein bißchen heller. Oder man selbst kann in einem Raum sitzen, in dem ein Berg von Schriften angesammelt ist, aber wenn man die Bedeutungen nicht in sich hat, wird die eigene geistige Dunkelheit in keiner Weise erhellt.

Bisher sprach ich von der Notwendigkeit, das Hängen an den Dingen dieses Lebens zu überwinden und ein echtes Interesse an der Anwendung des Dharma zu finden. Jetzt werde ich beschreiben, wie man die eigentliche Meditation durchzuführen hat.

Wir haben uns überlegt, in was für einer Situation wir existieren, welche Schwierigkeiten wir erfahren. Weiters sollte man sich nun der Tatsache bewußt werden, daß man jetzt eine menschliche Existenz besitzt, die die Frucht der Mühen ist, die das Wesen, das vom gleichen geistigen Kontinuum ist wie man selbst, zu einem früheren Zeitpunkt angesammelt hat. Das mag gewesen sein als menschliche Existenz oder als ein göttliches Wesen oder was immer.

Wenn man kein Vertrauen auf frühere und spätere Existenzen hat, dann ist es nicht der Mühe wert zu versuchen, die Bedeutung von Mahamudra zu verstehen, sondern es wäre wohl angebracht, mit den Dingen weiterzufahren, die man bisher getan hat.

Man hat also diese ausgezeichnete Existenz als Resultat der Anstrengungen, die das mit einem vom gleichen Kontinuum bestehende Wesen zu einem früheren Zeitpunkt durchgeführt hat. Nun sollte man sich fragen: Was hat man selbst während dieses Lebens an Positivem geschaffen, inwieweit hat man dieses Leben, seine Möglichkeiten wirklich ausgenützt?

Wie alt wir jetzt sind, das wissen wir alle, und wir sollten uns überlegen, wie wir diese Zeit seit dem Anfang dieses Lebens bisher verwendet haben. Wenn wir feststellen können, daß wir etwas Korrektes, etwas Gutes, Positives gemacht haben, dann sollten wir uns darüber freuen und denken, es war recht so, so war die Zeit gut benützt.

Wenn wir dagegen erkennen können, daß wir die vergangene Zeit nicht nützlich verbracht haben, daß wir sehr viel Unheilsames getan haben, daß wir die Möglichkeit dieses Lebens nicht zur Ausübung heilsamer Dinge verwendet haben, dann sollten wir dies erkennen und uns dessen bewußt sein, daß wir die Mühen, die das mit uns von gleicher Kontinuität existierende Wesen zu einem früheren Zeitpunkt durchgeführt hat, nur verschwendet haben, daß wir diese wertvolle, gute Existenz zu nichts anderem benützt haben, als die Ursachen für elendes Dasein in der Zukunft anzusammeln.

Wir können unsern eigenen Geist im Moment beobachten und untersuchen, was für Gedanken, was für Pläne wir haben. Wenn wir die gleichen weltlichen Aktivitäten im Sinn haben wie bisher, die gleichen unheilsamen Dinge, wenn wir vorhaben, so weiterzuleben wie bisher, dann sollten wir erkennen, daß wir somit dieses bißchen Zeit, das uns in diesem Leben noch zur Verfügung steht, restlos nur verschwenden wollen. Und diese Erkenntnis sollte uns dazu bringen, daß wir versuchen, unsere Einstellung von Grund auf zu ändern.

Man muß sich dessen bewußt werden, daß diese menschliche Existenz, die man jetzt besitzt, außerordentliche Möglichkeiten in sich birgt. Würde man als Tier existieren oder in irgendeiner Form, die es auf Grund der Art der Existenz verunmöglicht, etwas Heilsames zu tun, in der man schon gar nicht auf den Gedanken kommt, etwas Korrektes oder Nützliches für die weite Zukunft zu tun, dann ist da nichts zu machen.

Aber man existiert nicht auf diese Art und Weise, sondern hat eine menschliche Existenz, die es einem ermöglicht, alle die Dinge zu tun, die die großen Arhats, Bodhisattvas und Buddhas tun. Wenn man somit seine Zeit nur mit Unsinn verbringt, dann ist das wirklich äußerst bedauerlich.

Wieviel noch übrig ist von seinem Leben, das kann kein Wesen bestimmen; jedes Wesen im Daseinskreislauf ist völlig unfähig, über die Dauer seiner Lebensspanne zu verfügen. Deshalb sollte man den festen Entschluß fassen, diesen letzten Rest des Lebens, der einem noch zur Verfügung steht, auf jeden Fall für etwas zu nützen, das einem in der weiten Zukunft helfen wird. Man muß auf Grund dieser Überlegungen erkennen, daß es verrückt wäre, nicht so zu handeln.

Auf diese Art und Weise, mit solchen Überlegungen muß man meditieren; dies würde als analytische Meditation des Lam Rim, der Stufen auf dem Weg zur Erleuchtung, bezeichnet werden.

Unsere Aufgabe als Mensch ist es, während dieses Lebens die negativen Eindrücke, die aus der Vergangenheit stammen, zu bereinigen und zu beseitigen und heilsame Dinge zu tun, die eine wirkliche Ursache dessen darstellen, was einem in der weiten Zukunft dann zugute kommt.

In einem Hinayana-Sutra sagte der Buddha: Man ist sein eigener Beschützer, und man ist sein eigener Feind.

Man ist sein eigener Beschützer ist so zu verstehen: Wenn man mit Geist, Rede und Körper nur heilsame Handlungen durchführt und unheilsame vermeidet, dann werden damit Ursachen geschaffen, die einen von einer Existenz des Wohlergehens zu weiteren Existenzen des Wohlbehagens führen bis zur Loslösung vom Daseinskreislauf.

Wenn man dagegen ständig nur unter dem Einfluß der drei Gifte, Unerkenntnis, Anhaftung und Haß handelt, dann wird man eine Unzahl von negativen Ursachen anhäufen, die einen von einer elenden Existenz zu weiteren elenden Existenzen führen, wo auch nur der Gedanke, als Mensch zu existieren, außer jeder Reichweite liegt. Das ist zu verstehen, wenn es heißt, man ist sein eigener Feind.

Auf diese Art und Weise sollte man seine Gedanken weiterführen und sie dann im besondern darauf richten, ein Verständnis des Mahamudra zu gewinnen, in der Erkenntnis, daß eine Verwendung der Zeit in solchen Bemühungen zum ersehnten Ziel führt.

Man bringt somit seine Gedanken in der Meditation in diese Richtung, ähnlich wie man einen Wagen mit Hilfe des Lenkrads in jede beliebige Richtung bringen kann.

Wenn von Mahamudra die Rede ist, dann bezieht sich das auf die Leerheit. Und die Leerheit ist äußerst schwer zu verstehen; es ist richtig, wenn man diesen Gedanken hat. Allerdings empfindet man diese Schwierigkeit oft so, als ob die Leerheit etwas sei, das man verloren hat und das sehr schwer wiederzufinden ist, oder das irgendwo weit weg in der Tiefe steckt, wo man nicht recht dahinterkommt, oder als ob sie wie ein subtiles Partikel sei, das man nicht recht identifizieren kann. Solche Empfindungen mag man haben, wenn man an die Schwierigkeit denkt, die Leerheit zu verstehen.

Das alles ist jedoch nicht unter Leerheit zu verstehen, sondern die Leerheit ist, wie Sie sicher schon in vielen Unterweisungen gehört haben, die eigentliche Art des Bestehens der Dinge. Und die eigentliche Art des Bestehens jedes Phänomens, das existiert, ist durch die Leerheit beschrieben.

Wenn man z.B. von der Leerheit dieses Rosenkranzes spricht, dann ist damit nichts anderes gemeint als die eigentliche, die letztliche Art des Bestehens dieses Kranzes. Und die eigentliche Art des Bestehens dieses Kranzes befindet sich am genau gleichen Ort wie der Kranz selbst und nicht an einem andern Ort tief verborgen oder versteckt.

Die Klarheit einer Glasscheibe z.B. ist genau an dem Ort vorhanden, an dem die Glasscheibe vorhanden ist; und dort, wo die Glasscheibe nicht ist, ist auch die Klarheit der Glasscheibe nicht.

Genauso ist es mit der Leerheit eines Objektes, sie befindet sich genau an dem Ort, wo sich das Objekt befindet; dort, wo das Objekt nicht ist, ist auch keine Leerheit dieses Objektes.

Wenn wir z.B. sprechen und verschiedene Dinge tun, dann nimmt unser Gesicht die unterschiedlichsten Ausdrücke an.

Die Veränderungen der Dinge können lediglich zustande kommen, weil die Dinge keine innewohnende Existenz haben.

Manche sind der Meinung, die Leerheit sei etwas Heiliges oder Wertvolles, etwas so Wertvolles wie z.B. die Eigenschaften der Bodhisattvas oder der Buddhas oder der Geisteszustände auf dem Weg zur Erleuchtung; das ist jedoch nicht der Fall.

Die Leerheit ist lediglich eine Eigenart der Dinge, ihre eigentliche Natur, die, wenn sie erkannt ist, für den Erkennenden von großem Wert ist, weil dadurch eine Unzahl von Fehlern und falschen Anschauungen beseitigt wird. Ein Nichterkennen dieser letztlichen Natur der Dinge, dieser Leerheit der Dinge, führt dagegen dazu, daß man vielen Fehlern und Täuschungen unterliegt.

Man wundert sich vielleicht, weshalb man die Leerheit nicht versteht, nicht erkennt, nicht sieht, während man alles andere zu sehen und zu verstehen scheint; man weiß, was ein Mensch ist, und erkennt dieses und jenes, die verschiedensten Sachen; und zudem wird gesagt, daß die Leerheit immer Hand in Hand mit den Dingen gehe, nicht nur das, sondern daß sie von einer Natur mit den Dingen sei. Wie kommt es, daß man sie dann nicht sieht, nicht versteht?

Wenn wir z.B. ein Thanka, ein Bild betrachten, dann können wir das mit freiem Auge leicht erkennen; wenn man jedoch Lagen von schwarzen Tüchern vor die Augen bindet, dann wird man dieses Thanka nicht mehr sehen können, obwohl es dort ist. Ähnlich hindern uns eine Unzahl von Schleiern daran, die Leerheit zu sehen.

Wenn man dagegen langsam, langsam ein Tuch nach dem andern von den Augen wegnimmt, wird die Sicht mit jedem entfernten Schleier etwas heller, etwas klarer, etwas deutlicher, bis man dann am Schluß, wenn alle Schleier entfernt sind, das Objekt ganz klar und deutlich erkennen kann.

Das Thanka im Beispiel betrachtet man mit den Augen. Die Leerheit jedoch kann man nicht mit den Augen sehen. Das Instrument, das es einem erlaubt, die Leerheit zu sehen, ist der eigene Geist. Ihn kann man auf die Leerheit richten, nur mit dem eigenen Geist kann man sie erkennen.

Unser Geist, der an und für sich die Fähigkeit hat, die Leerheit zu erkennen, ist jedoch von Schichten um Schichten von Schleiern umgeben. Diese Schleier sind nichts anderes als die negativen Eindrücke unheilsamer Handlungen und der Dinge, die dazu führen.

Das ist ähnlich zu sehen wie ein Stück Glas, das während vieler Jahre im Schmutz gelegen hat und das eine große Zahl von Schmutzschichten auf sich trägt.

Da jedoch der Geist kein materielles Phänomen ist und diese negativen Eindrücke und Hindernisse des Geistes ebenfalls keine groben materiellen Phänomene sind, empfinden wir sie nicht als etwas Schweres, wir sehen sie nicht, nehmen sie nicht wahr und interessieren uns deshalb auch nicht dafür und haben Mühe zu glauben, daß sie auch wirklich dort sind.

Wenn man dies bezweifelt, wenn man kein rechtes Vertrauen finden kann auf die Tatsache, daß unser Geist von Hindernissen und negativen Eindrücken verschleiert ist und diese einen daran hindern, ein Verständnis zu finden, dann muß man folgendes überlegen:

Es gibt Leute, z.B. Bodhisattvas und andere, die die kompliziertesten und tiefgründigsten Bedeutungen des Dharma so klar, wie die Sonne scheint, verstehen können; während man selbst zwar alles mögliche Unnütze weiß und versteht, aber sobald man seinen Geist auf ein Verständnis der Punkte des Dharma richtet, nichts als Dunkelheit und Dumpfheit empfindet. Man muß sich fragen, was wohl der Grund dafür ist; und es wird nicht grundlos sein.

Man kann sich dann weiter überlegen, daß man durch Bemühungen, etwas zu verstehen, durch Studium der verschiedenen Punkte des Dharma die ursprüngliche Dumpfheit und Unklarheit langsam etwas erhellen kann und daß diese Hindernisse, die dem Verstehen im Weg liegen, irgendwie doch zu beseitigen sein müssen.

Wenn man einmal diese Gedanken durchgeführt hat und sieht, daß die negativen Eindrücke des Geistes einem jeglichen guten Weg, jegliche positive Aussicht und Entwicklung versperren, dann entwickelt man den festen Wunsch, diese Hindernisse um jeden Preis zu überwinden.

In den Vorbereitenden Übungen zum Mahamudra sind eine ganze Reihe von Methoden und Mitteln enthalten, die es einem erlauben, Heilsames anzusammeln und Negatives zu bereinigen.

Mit dem vorher gewonnenen Verständnis der negativen Auswirkungen dieser störenden Eindrücke faßt man den festen Entschluß, diese Vorbereitenden Übungen durchzuführen mit dem Ziel, unheilsame Eindrücke zu bereinigen und heilsame Eindrücke anzusammeln.

Man faßt weiter den festen Entschluß, keine negativen Handlungen mehr durchzuführen, denn man erkennt deren Auswirkungen.

Und man muß verstehen, daß es nie gerechtfertigt ist, etwas Unheilsames zu tun, weder für einen selbst noch für andere, noch für seinen geistigen Lehrer, noch für das Dharma.

Bisher gab ich verschiedene Erklärungen und Gedankengänge, durch die deutlich wurde, daß man den Entschluß fassen muß, den Rest des Lebens, der einem noch zur Verfügung steht, mit nützlichen Gedanken und Aktivitäten zu verbringen.

Unterweisungen über Dharma sind etwas, das man immer wieder anhören sollte und das bei jedem Anhören wieder neuen Gewinn bringt. Aber es ist wichtig, den Unterweisungen über Dharma in der richtigen Art und Weise zuzuhören, denn tut man das nicht, kann es ebenfalls Schwierigkeiten hervorrufen.

In den Schriften heißt es, daß man dem Dharma hunderte Male zuhören sollte. Das heißt, daß man selbst Unterweisungen über einen Punkt sehr oft hören sollte.

Es besteht jedoch eine Gefahr: Wenn man oft Unterweisungen hört, kann es vorkommen, daß man sie mit der Zeit als etwas Gegebenes betrachtet, das einem immer zur Verfügung steht. Wenn Unterweisungen mit der Zeit keinerlei Wirkung auf einen ausüben, so daß sie den eigenen Geist nicht verbessern können, dann ist das ein Zeichen dafür, daß der Geist stur geworden ist und von Dharma nicht mehr verändert werden kann.

Es heißt in den Schriften, daß jemand, dessen Geist in bezug auf das Dharma stur ist, durch das Dharma nicht mehr gezähmt werden kann, während für jemanden, der sehr starke negative Eindrücke hat, das Dharma von außerordentlichem Nutzen sein kann, wie ich das an dem Beispiel des Kannibalen deutlich gemacht habe.

Man sollte Unterweisungen über das Dharma zuhören, um einen Lebensstil zu finden, der heilsam und korrekt ist, und einen zu Handlungen führt, die in diesem Leben und vor allem auch in der weiteren Zukunft von Nutzen sind. Da es um den eigenen Gewinn geht und einen Nutzen für einen selbst bringen soll, ist es wichtig, von Anfang an keinerlei Fehler zu machen.

Wenn man Unterweisungen über Dharma immer wieder zuhört, ohne sie wirklich anzuwenden, wirklich darüber nachzudenken, ohne sie auf sich zu beziehen, dann besteht die Gefahr, daß der Geist stur wird und mit der Zeit unfähig, vom Dharma verändert zu werden.

Das beste Mittel, um eine solche Sturheit und Unbeeinflußbarkeit des Geistes zu verhindern, ist, immer wieder Meditationen über Lam-Rim, über die Stufen auf dem Weg zur Erleuchtung durchzuführen, da diese Meditationen am besten geeignet sind, den Geist zu verändern, ihn heilsam zu beeinflussen.

Das Zeichen, daß der Geist noch nicht stur geworden ist, ist das folgende: Wenn man Unterweisungen seines Meisters zuhört und jedes Wort den Geist sehr tief beeindruckt, eine sehr tiefe Bewegung oder heilsame Veränderung des Geistes mit sich bringt, dann ist es ganz sicher, daß der Geist in keiner Weise stur geworden ist.

Es liegt an jedem einzelnen, seinen eigenen Geist zu untersuchen und festzustellen, ob die Unterweisungen eine entsprechende Wirkung auf ihn haben, ob sich Zeichen dieser Sturheit eingestellt haben oder nicht. Und wenn sie sich eingestellt haben, die notwendigen Gegenmittel anzuwenden; und wenn nicht, auf jeden Fall sich der Gefahr bewußt und in Zukunft vorsichtig zu sein, um solche Fehler zu vermeiden.

Aber eine solche Sturheit des Geistes bringt nicht nur diese Gefahren mit sich, sondern diese Einstellung hinterläßt auch Eindrücke in uns, die die Wirkung haben, daß man in der weiten Zukunft, wenn man als Mensch existiert, wenig oder kaum Interesse am Dharma hat und daß die heilsamen Wirkungen des Dharma nur sehr schwer auf den eigenen Geist übergehen.

Da die Gefahr eines Sturwerdens des Geistes gegenüber dem Dharma relativ groß ist, empfand ich es als wichtig, darauf hinzuweisen, um Ihnen die Möglichkeit zu geben, diese Gefahr zu vermeiden.

Wie ich schon erwähnt habe, ist es wichtig, den Wunsch zu entwickeln, dieses Mahamudra zu verstehen und anzuwenden und dann mit den verschiedenen Methoden zum Entwickeln der unterschiedlichen Stufen des Geistes weiterzumachen.

Ein Schwerkranker z.B. muß auf zwei Arten behandelt werden. Einerseits muß seine Krankheit bekämpft werden, andererseits muß sein geschwächter Körper wieder zu Kräften gebracht werden.

Meistens haben wir nicht genügend Interesse, unsern Geist genau zu beobachten. Aber würden wir dies tun, könnten wir feststellen, daß er einem solchen Kranken entspricht, der einerseits unter schwerer Krankheit leidet und dessen Körper andererseits durch die Krankheit vollständig geschwächt ist. Genauso wie dem Körper eines Schwerkranken durch seine Krankheit sämtliche Kräfte genommen werden, ist unser Geist durch die Unzahl der negativen Eindrücke unserer dauernden unheilsamen Handlungen vollständig geschwächt und beschränkt. Es wird ihm durch diese negativen Eindrücke ein sehr schweres Hindernis auferlegt.

Genauso wie der Kranke sehr, sehr schwach ist, so ist unser Geist sehr, sehr schwach. Das können wir leicht selbst feststellen. Unser Geist kann schon nur von der kleinsten Verblendung in jede beliebige Richtung geworfen werden und ist ähnlich wie eine Fahne, wie ein Stückchen Stoff, das auf einem Baum angebunden ist und vom Wind in jede beliebige Richtung geblasen wird.

Genauso wie der schwerkranke Patient im Spital zwei Aufgaben hat: einerseits eine Heilung seiner Krankheit herbeizuführen und andererseits seinen geschwächten Körper wieder zu Kräften zu bringen, so haben wir die Aufgabe, einerseits die negativen Eindrücke, die unsern Geist so sehr schwächen, zu bereinigen und andererseits eine gewisse Festigkeit und Stärke unseres Geistes zu erreichen. Das ist eine Aufgabe, die man selbst zu erfüllen hat.

Man muß sich selbst darum kümmern, seinen Geist zu verändern, zu verbessern. Würde man nur darauf warten, daß jemand anderer diese Aufgabe übernimmt, dann würde diese Veränderung, diese Heilung des Geistes nie eintreten.

Wir können leicht beobachten, was seit dem Anfang unseres Lebens bis jetzt ohne Interesse am Dharma geschehen ist. Wir sehen, was dabei herausgekommen ist, und wir können uns dadurch leicht ausrechnen, was passieren wird, wenn wir weiter in der Zukunft ebenfalls keine Anstrengungen machen, sondern lediglich darauf warten, daß jemand anderer eine Veränderung, eine heilsame Entwicklung unseres Geistes herbeiführt; es würde genauso nichts geschehen wie bisher, bis zum Ende dieses Lebens.

Es ist das gleiche bei jeder Art geistiger Unterweisung, sei es im Buddhismus oder auch im Christentum. Jemand, der die Unterweisungen ernsthaft anwendet und sich damit anstrengt und Ziele erreicht, wird wirklich eine Person, die einer großen Anzahl anderer Leute von Nutzen sein kann; während dagegen diejenigen, die lediglich Unheilsames tun und Unterweisungen nicht anwenden, auch nie zu außergewöhnlichen Zielen gelangen.

Wenn wir der Meinung sind, wir könnten dieses Leben führen, wie wir wollen, und es würde dann zum Zeitpunkt des Todes sicher irgend etwas geschehen, irgendein Wunder oder irgend etwas Besonderes, dann ist das lediglich eine Einstellung, mit der wir die eigentliche Aufgabe, die uns bevorsteht, zur Seite schieben.

Deshalb ist es für jemanden, der ernsthaft einen Gewinn für sich selbst erreichen will, unumgänglich, von seiner eigenen Seite Anstrengungen zu unternehmen.

Wenn man das hört, kann es zu dem Gedanken führen: Ja, es ist wirklich notwendig, daß man alles nur allein erreicht, und es gibt neben den eigenen Anstrengungen keinerlei Hilfe, die einem eine solche Entwicklung ermöglicht.

Das ist nicht richtig; wenn man wirklich die Aufgabe auf sich nehmen will, eine Entwicklung des Geistes zu erzielen, dann ist es durchaus möglich, Hilfe von außen zu bekommen; es liegt nur an einem, diese auch zu suchen.

Da wir hier von einer sehr grundlegenden Unterweisung des Buddhismus sprechen, werden alle Einleitungen und Übungen ebenfalls entsprechend dem Buddhismus erklärt. Ganz gleich, welchen geistigen Weg man gehen möchte, wenn man seine Ziele zu erreichen wünscht, ist es unumgänglich, diesen Weg entsprechend den Unterweisungen genau zu gehen.

Suchen wir nun jemanden, der uns die entsprechende Hilfe geben, uns positiv beeinflussen kann, dann ist es wichtig, daß wir jemanden finden, der auch sämtliche Fähigkeiten und Eigenschaften dazu vollständig besitzt, denn sonst sind die Mühen umsonst.

Wenn wir uns fragen, wer sämtliche Eigenschaften und notwendigen Fähigkeiten erreicht hat, um uns in jeder Art und Weise Hilfe zu leisten, dann ist die Antwort, daß es der vollständig erleuchtete Buddha ist, der diese Aufgabe erfüllen kann.

Nachdem man sich dieser Tatsache bewußt geworden ist, nimmt man Zuflucht zu diesem erleuchteten Wesen, zum Buddha, und richtet sich an ihn, wenn man fröhlich ist, bringt Opfergaben und Ehrungen dar, und sucht bei ihm seinen Schutz, wenn man Zweifel hat oder Unbehagen erfährt.

Für jemanden, der schon öfter Unterweisungen über Dharma gehört hat und auch darüber nachgedacht hat, werden diese Worte relativ leicht verständlich sein, und er wird diese Gedanken nachvollziehen können; während jemand, der diese Dinge zum erstenmal hört, denken wird, ja, wie kommt es, daß man da einfach darauf gestoßen wird, etwas zu tun oder etwas zu denken. Eine solche Reaktion ist ganz verständlich. Für jemanden, der weiter nicht nachdenkt, ist die Sache damit auch schon beendet.

Wenn man jedoch nachdenkt, wird man weiter fragen, was unter einem erleuchteten Wesen, unter einem Buddha, verstanden wird, wie er entsteht, wie es dazu kommt, daß von ihm gesagt wird, er habe sämtliche Fähigkeiten vollständig entwickelt. So wird jemand, der wirkliches Interesse hat, von einem qualifizierten Lehrer Unterweisungen erbitten, um diese Punkte klar zu verstehen.

Er wird Unterweisungen erbitten über die Eigenschaften des Körpers des Buddha oder die der Rede oder des Geistes des Erleuchteten und darüber, wie der Buddha mit diesen besonderen Fähigkeiten und Eigenschaften für das Wohl der Wesen handelt.

Und wenn man nur die Eigenschaften des Geistes des Erleuchteten betrachtet, dann kann man weiter die Eigenschaften seiner Weisheit, seines Erbarmens und seiner Fähigkeiten im besonderen studieren und lernen, wie damit das Wohl der Wesen erwirkt werden kann.

Studiert man alle diese Eigenschaften und Fähigkeiten und deren Ursprung in ihrem vollen Umfang mit den entsprechenden Begründungen und Überlegungen, dann ist es nicht schwer, ein Vertrauen auf diesen erleuchteten Geist, auf den Buddha, zu finden und den Geist der Zufluchtnahme zu entwickeln; ganz im Gegenteil, dieser wird so leicht entspringen wie ein Bergstrom den Berg abwärts fließt.

Auf Grund eines solchen Studiums wird einem dann klar, was unter der Zuflucht zum Buddha zu verstehen ist;

und im weitern, was unter der Zuflucht zum Dharma zu verstehen ist; nämlich letztlich die Fähigkeiten des Buddha, die Ziele, die der vollständig Erleuchtete Geist erreicht hat, und die Beseitigung sämtlicher negativer Aspekte;

und auch, was unter der Sangha zu verstehen ist; nämlich letztlich die Erscheinungen, die Manifestationen des Buddha, unter anderm die verschiedenen Aspekte seines Geistes, wie z.B. das Erbarmen usw.

Wenn man mit diesem Verständnis Zuflucht beim Buddha, beim Dharma und bei der Sangha nimmt und sich einerseits anstrengt, andererseits sich auf die Drei Juwelen verläßt, dann ist es sehr gut möglich, einen richtigen, ernsthaften Fortschritt zu machen.

So sollte von der eigenen Seite die Hingabe zum Objekt der Zufluchtnahme vollständig sein. Und mit dem eigenen Vertrauen ist auch von der andern Seite das Erbarmen des Erleuchteten Geistes, der Drei Juwelen, vollständig verbunden, sie gehen gewissermaßen Hand in Hand. In einer solchen Erkenntnis sollte man Zuflucht nehmen.

Das ist die Art und Weise, wie man jemand wird, der die Unterweisungen des Buddha wirklich anwendet.

Es gibt zwei Arten, zu einem Anwender der Unterweisungen des Buddha oder zu einem Buddhisten zu werden. Einerseits, indem man den Anschauungen des Buddhismus folgt, und andererseits, indem man dem geistigen Verhalten des Buddhismus folgt, und zwar im besonderen dadurch, daß man die Einstellung der Zufluchtnahme entwickelt, wie ich es beschrieben habe.

Wenn man dagegen auch während vieler Jahre verschiedene Schriften über den Buddhismus liest und der Meinung ist, man sei ein Buddhist, aber die Unterweisungen nicht in die Tat umsetzt, sie nicht anwendet, nicht diesen Geist der Zufluchtnahme entwickelt, dann mag man sich zwar in bezug auf seine Anschauungen als Buddhist bezeichnen, aber nicht in bezug auf sein Benehmen, sein geistiges Verhalten.

Was wirklich für unsern Geist nützlich und wirksam ist, ist das tatsächliche Anwenden der Unterweisungen, das Formen unseres geistigen Benehmens entsprechend den Unterweisungen.

Sobald man einmal verstanden hat, was die eigentliche Anwendung des Dharma ist und was der eigentliche Gewinn davon ist, dann gibt es keinen Aufschub mehr, ob man nun jung oder alt ist, es gibt keinen Grund, diese Anwendung noch in die Zukunft hinauszuschieben.

Viele von uns werden denken, ja, das ist sicher alles recht und das möchte man auch tun, aber man hat noch sehr wichtige Aufgaben, sehr wichtige Arbeiten zu erledigen, die es einem im Moment nicht erlauben, eine solche ernsthafte Anwendung des Dharma zu beginnen.

Es ist notwendig, daß man von der eigenen Seite seinen Beschäftigungen und Aufgaben eine Grenze setzt, denn solange man darauf wartet, daß diese Aufgaben selbst ein geringeres Maß annehmen, wird dieser Zeitpunkt nie kommen.

Es gibt eine Geschichte, die diesen Punkt sehr schön beschreibt. Die Geschichte trug sich in Tibet zu, zwischen einem Schüler und seinem Lehrer. Der Schüler wollte immer gerne aufs Land gehen, um Picknick zu machen, und er bat deshalb seinen Lehrer auch ständig darum. Und der Lehrer antwortete ihm immer: Wenn wir mit unserer Arbeit fertig sind, dann gehen wir zum Picknick.

Eines Tages waren sie im Freien unterwegs, und es zog eine Gruppe von Leuten vorbei, die einen Leichnam trugen; und der Lehrer, dessen Augen nicht sehr klar waren, bat seinen Schüler, doch hinzugehen und nachzusehen, was sich denn dort zutrug.

Der Schüler war recht klug und antwortete seinem Lehrer, dort drüben sei eine Person, die alle ihre Arbeiten beendet habe und nun zum Picknick gehe.

Wenn wir genauso unsere Zeit verstreichen lassen und unseren Aufgaben, Verpflichtungen und Beschäftigungen keine Grenze setzen, dann werden wir am Ende unseres Lebens zurücksehen und feststellen, daß wir zwar eine wertvolle menschliche Existenz hatten, aber die ganze Zeit vergehen ließen, ohne irgend etwas zu tun, was von wirklichem bleibenden Wert war.

Ganz gleich, in welchem Alter man stirbt, ob als alter oder als mittelalter oder als junger Mensch, immer stirbt man mitten in einer Arbeit oder mit Dingen, die übrigbleiben; man hat entweder noch irgendwelche Aufgaben, die nicht beendet sind oder Besitz, den man noch nicht benützt oder gebraucht hat oder Nahrung, die noch zur Verfügung steht.

Jemand, der die Unterweisungen nicht kennt, wird nun vielleicht den Gedanken haben, das bedeute, daß man alle seine bisherigen Aufgaben und Beschäftigungen beiseite legen, sein Leben vollständig umformen muß. Aber das ist nicht richtig.

Denn Dharma anzuwenden heißt nichts anderes, als seinen Geist, seine Einstellungen umzuformen, und nicht etwas Äußerliches. Man kann seine Arbeit weiterführen, man kann sein bisheriges Leben genauso weiterführen wie bisher; das, was es zu ändern gilt, ist die Einstellung, das Denken, die Gedanken.

Wenn gesagt wird, man könne sein Leben so weiterführen wie bisher, dann ist jedoch insofern Vorsicht geboten, als man unheilsame Handlungen und Aspekte des Lebens beenden sollte; mit den Dingen jedoch, die einem selbst und andern nicht schaden, die heilsam sind, kann man so weiterfahren wie bisher.

Es heißt, daß die Unterweisungen des Buddha vom Geist benützt werden sollen, daß sie im Geist angewendet werden müssen. Das ist eine sehr wertvolle Eigenschaft dieser Unterweisungen. Das wichtigste ist die innere Veränderung, die innere heilsame Entwicklung, die Anwendung der Unterweisungen im Geist; nicht die äußeren Dinge, die äußere Erscheinung, nicht die äußere Ausrüstung oder die Kleidung; denn eine sehr eindrucksvolle und sehr heilig aussehende Kleidung kann jeder auch noch so große Verbrecher tragen.

Die Entwicklung des Geistes der Zufluchtnahme ist äußerst wichtig, besonders in der Anwendung des Mahamudra, das eine der wesentlichsten Unterweisungen des Buddha im Mahayana ist. Um einen solchen grundlegenden und wesentlichen Aspekt des Dharma anzuwenden, ist es wichtig, in einer sehr wirksamen Art und Weise zu üben.

Solche Unterweisungen lediglich auf sich bezogen anzuwenden, mit dem Ziel, nur sein eigenes Wohlergehen zu erlangen, wird zwar wohl einen Nutzen für einen selbst bringen, aber eine solche Motivation ist für eine entsprechende Anwendung des Dharma nicht ausreichend.

Man sollte dagegen eine Einstellung erreichen, die einen erkennen läßt, daß die andern in genau der gleichen Situation sind wie man selbst, daß sie genauso nur Glück suchen, jedes Leid vermeiden und nur das Beste für sich haben möchten. Indem man dies sieht, sollte man den Wunsch entwickeln, das Dharma für das Wohl aller anderen anzuwenden, um ihre Wünsche erfüllen zu können.

Selbst wenn man nur ein Wort rezitiert, aber das mit dem Wunsch, daß man für das Wohl sämtlicher Wesen handeln möchte, sich selbst vollständig beiseite läßt und nur das Wohlergehen der anderen im Auge hat, dann wird sogar diese kleinste Bemühung etwas ganz außergewöhnlich Weitreichendes und ist vergleichbar mit den Aktivitäten der Bodhisattvas.

So wird eine Ausübung des Dharma lediglich mit dem Ziel, etwas für sich zu erreichen, zwar wohl diesem Ziel zugute kommen, aber nicht sehr wirksam sein; während eine Ausübung des Dharma mit dem Ziel, das Wohl sämtlicher Wesen zu erreichen, die gleichen Bemühungen wesentlich wirksamer und stärker macht.

Man mag sich dabei leicht die Frage stellen: Ja, man entwickelt zwar den Wunsch, für das Wohl sämtlicher Wesen Dharma anzuwenden, aber wird ihnen das auch wirklich zugute kommen, oder ist das lediglich eine Vorstelllung?

Die Wirksamkeit einer geistigen Aktivität ist lediglich abhängig von der Stärke des denkenden Geistes und nicht von äußern Bewegungen. Wenn eine so außergewöhnliche Einstellung entwickelt wird wie der Wunsch, für das Wohl anderer zu handeln, dann ist das eine starke, wirksame Einstellung, die alle unter ihrem Einfluß ausgeführten Handlungen ebenfalls äußerst wirksam macht.

Vergleichen wir z.B. zwei unterschiedliche Einstellungen: Die eine Person wünscht, daß sie selbst ruhig, zufrieden und glücklich sein möge; der Wunsch einer anderen Person ist, daß diese Welt in Frieden und Glück leben möge. Es ist selbst für uns sehr leicht zu unterscheiden, welche Einstellung heilsamer, wertvoller und weitreichender ist.

So ist schon der Wunsch, daß sämtliche Menschen auf dieser Welt in Frieden und Glück leben können, etwas sehr Feines, sehr Nobles. Noch großartiger wird es, wenn man den Wunsch hat, daß sämtliche Menschen im ganzen Universum in Glück und Frieden leben können. Und dehnt man seine Einstellung noch weiter aus auf die Tiere oder auf die Wesen in allen sechs Bereichen der Existenz, dann wird dieser gleiche Wunsch unübertreffbar.

Wenn man ernsthaft die Einstellung entwickeln kann, für das Wohl aller anderen Dharma anzuwenden und sein eigenes Wohlergehen in den Hintergrund stellt, dann bringt das eine äußerst wirksame Anwendung des Dharma und führt gleichzeitig zu einer Erfüllung der eigenen Notwendigkeiten.

Die vorbereitenden Übungen

Das Erkennen der Leerheit wurde mit dem Betrachten eines Bildes verglichen. Wenn wir ein Bild mit unsern Augen betrachten, dann können wir es klar und deutlich sehen, vorausgesetzt, daß unsere Augen nicht durch irgendwelche Schleier daran gehindert werden. Dem Bild wurde die Leerheit gleichgesetzt, die Augen unserm Geist und die Schleier den vielen negativen Eindrücken auf unserm Geist, die uns verwehren, die Leerheit klar und deutlich zu sehen.

Für einen sehr schwer Kranken z.B. gibt es unter Umständen eine große Zahl von Medikamenten, die ihm helfen können. Wählt man unter diesen Medikamenten, wäre es wohl am ratsamsten, dem Kranken das stärkste zu geben, das ihn am schnellsten von seiner Krankheit heilen kann.

Unser Geist, der von sehr starken Hindernissen bedeckt ist, entspricht einem Kranken, den man durch eine möglichst starke Medizin möglichst schnell von seiner Krankheit befreien muß. Und dieser starken Medizin entspricht die Meditation der Vorbereitenden Übungen zum Mahamudra.

Die erste Meditation, die wir durchführen sollten, ist die Rezitation des Mantras des Vajrasattva als Reinigung. Im Text heißt es, es ist gut, wenn man hunderttausend davon rezitieren kann.

Es besteht durchaus die Gefahr, daß manch einer, wenn er dies hört, Angst bekommt und daß er sich denkt, das ist unmöglich für mich, das wird ja endlos lange dauern, und ich bringe das nicht zustande, und daß er dann aus Angst vor dieser großen Zahl überhaupt nichts davon rezitiert. Eine solche Reaktion wäre ein großer Fehler.

Wenn wir dieses Mantra mehr als hunderttausendmal rezitieren können, ist das ausgezeichnet, aber es ist schon sehr gut, wenn man es nur hunderttausendmal oder nur zehntausendmal oder tausendmal oder hundertmal oder auch nur fünfundzwanzigmal rezitiert. Es ist immer von großem Gewinn, und jede Anzahl, die man rezitiert, wird zu einer Vorbereitung für die Meditation des Mahamudra.

Selbst so starke negative Eindrücke, wie sie durch das Brechen der Bodhisattva-Bindungen oder der tantrischen Bindungen auftreten, werden durch eine Rezitation von hunderttausend dieses Mantras vollständig bereinigt. Das ist eine Aussage, die von Buddha selbst gegeben wurde.

Ist dies möglich, dann ist es nicht notwendig, deutlich zu machen, daß selbstverständlich kleinere negative Eindrücke damit ebenfalls weggefegt werden.

Wenn man Zeit hat oder schon im Alter der Pension ist, wenn man für die Notwendigkeiten dieses Lebens gesorgt hat, dann ist es sehr empfehlenswert, an jedem Tag ein, zwei oder drei oder selbst vier Sitzungen mit der Rezitation dieses Mantras zu verbringen. Und wenn es einem gelingt, eine solch große Zahl von Rezitationen zu machen, dann wird dadurch einerseits eine sehr starke Reduzierung der negativen Eindrücke auf unserm Geist erzielt; gleichzeitig wird durch diese Bemühungen ein heilsamer, guter Weg für die Zukunft eröffnet.

Wenn wir arbeiten müssen, dann ist es ratsam, nach Möglichkeit am Morgen und am Abend eine gewisse Zeit freizuhalten und diese Mantras zu rezitieren; und in den Ferien, wenn man mehr Zeit zur Verfügung hat, mehrere Sitzungen mit solchen Rezitationen zu machen.

Damit eine solche Rezitation wirksam ist, ist es ganz besonders wichtig, ein tiefes Vertrauen auf Vajrasattva und das Mantra zu haben und mit einem solchen Vertrauen diese Mantras zu rezitieren. Denn lediglich zu rezitieren, indem man ständig Zweifel hat, hat nicht nur zur Folge, daß die Rezitation keine positive Wirkung hat, sondern daß zudem noch ständig Negatives angesammelt wird. Und nach der Rezitation zu bereuen, daß man es rezitiert hat, macht das ganze gar nicht erst der Mühe wert.

Viele von Ihnen werden sicher darüber Bescheid wissen: Vajrasattva und dieses Mantra sind Erscheinungen des Erleuchteten Geistes des Buddha, eine Erscheinung des Geistes des Buddha in der Form einer Gottheit als Vajrasattva und in der Form eines Mantras, mit dem Zweck, eine starke Reinigung der negativen Eindrücke der Wesen zu ermöglichen. Vajrasattva und dieses Mantra sind nicht eine Aufzeichnung oder eine Erfindung, wie man sonst eben ein Buch einfach schreiben kann.

Es ist auf jeden Fall sehr empfehlenswert und notwendig, dieses Mantra des Vajrasattva jeden Tag wenigstens einundzwanzigmal zu rezitieren. Der Grund ist folgender: Wenn wir eine heilsame Handlung durchführen, dann hinterläßt sie Eindrücke im Geist; und diese sind nicht etwas, das unverändert weiterexistiert, sondern ihre Natur ist so, daß sie sich ständig verstärken. Das gleiche trifft auf negative Handlungen zu; selbst eine kleine negative Handlung hinterläßt einen negativen Eindruck, dessen Kraft ständig wächst, von einem Tag zum andern.

Wenn es einem möglich ist, jeden Tag dieses Mantra des Vajrasattva einundzwanzigmal zu rezitieren, dann hat das zur Folge, daß die negativen Eindrücke, die man angesammelt hat, sich nicht weiter vermehren können, sondern daß ihre Kraft gleichbleibt. Wenn jemand vorhat, dieses Mantra in einer Klausur hunderttausendmal zu rezitieren, dann sollte man darüber Unterweisungen erhalten, weil in dieser Rezitation sehr viele wichtige Punkte enthalten sind.

Die Macht über seinen eigenen Mund hat man selbst, und wie man seinen Mund benützt, liegt an einem selbst; wenn man deshalb seine Fähigkeit des Sprechens für die Rezitation solcher Mantras verwendet, dann hat man diese Freiheit zu etwas sehr Wertvollem ausgenützt.

Ist dagegen dieses Mundwerk, das sich im eigenen Besitz befindet, den ganzen Tag nur damit beschäftigt, Streit zu erzeugen und unsinnige Dinge zu sagen, dann hat man diese Freiheit der eigenen Rede zu etwas sehr Unnützem verwendet.

Wenn man sich in den verschiedenen Methoden zur Bereinigung negativer Eindrücke ernsthaft anstrengt, wie z.B. der Rezitation dieses Mantras, dann ist es auch möglich, gewisse Zeichen festzustellen, die unmißverständlich von einer Läuterung des Geistes zeugen; z.B. in Träumen, wobei diese Träume nicht unbedingt irgend etwas Heiliges oder Besonderes sein müssen.

Eine andere in den Vorbereitenden Übungen zum Mahamudra sehr wichtige Methode zur Reinigung negativer Eindrücke sind Übungen in Verbindung mit den fünfunddreißig Bekenntnis-Buddhas. Diese Methode besteht darin, daß man das Bekenntnis-Sutra oder Drei-Haufen-Sutra, wie es wörtlich heißt, rezitiert und dabei ständig Niederwerfungen zu den fünfunddreißig Buddhas macht.

Große Meister der Vergangenheit haben ebenfalls diese Methoden benützt, um die negativen Eindrücke des Geistes zu beseitigen, die sie daran hinderten, weitere Erkenntnisse zu erlangen. So unter andern der bekannte Meister Je Tsongkapa, der sich in einer Klausur zurückzog und nur von ein paar Körnern Getreide am Tag lebte und so lange diese Niederwerfungen in Verbindung mit der Rezitation dieses Sutras machte, bis es ihm gelang, die Leerheit direkt zu erkennen, was zuvor nicht möglich war. Durch die vielen Niederwerfungen, die er bei diesen Bemühungen machte, wurde der Stein, auf denen er sie durchführte, von den Bewegungen seiner Hände vollständig poliert.

Wenn man ähnlich wie Je Tsongkapa eine solche Klausur machen will mit der Rezitation dieses Sutras in Verbindung mit Niederwerfungen, dann ist es etwas ganz, ganz Ausgezeichnetes; auch über diese Methoden gibt es besondere Unterweisungen.

Außergewöhnliche Ziele können nur durch außergewöhnliche Anstrengungen erreicht werden, und wünscht man selbst etwas Außergewöhnliches zu erreichen, dann ist es unumgänglich, daß man ebenso besondere Anstrengungen macht.

Wenn wir unsere Anstrengungen, die wir gewöhnlich mit Gejammer und Geraunze über das Jahr hinweg machen und mit denen wir am Ende nichts anderes erreicht haben, als unser Leben zu fristen, vergleichen mit einer Niederwerfung, die man mit der richtigen Einstellung macht, dann sieht man, daß mit dieser einen Aktivität des Dharma etwas Bleibendes, in der weiten Zukunft ebenfalls noch Wirksames erreicht wurde.

Verbringt man seine ganze Zeit damit, Reichtum und Wohlstand anzuhäufen, und würde dieser Reichtum einen ganzen Berg ausmachen, sobald dieses Leben zu Ende ist, nützt er einem nichts. Man wird nicht den kleinsten Teil davon mit sich nehmen können; selbst der Körper, mit dem man sein ganzes Leben verbunden war, muß zurückgelassen werden. Wenn man dagegen auch nur eine Niederwerfung gemacht hat oder auch nur einmal ein solches Mantra rezitiert hat, dann hinterläßt das einen Eindruck, der zum Zeitpunkt des Todes mit dem eigenen Kontinuum weiterexistiert und mitgenommen werden kann.

Macht man als Vorbereitung zum Mahamudra diese Niederwerfungen in Verbindung mit der Rezitation des Bekenntnis-Sutras, dann wird dieser Text rezitiert, und während der Rezitation werden die Niederwerfungen gemacht; man zählt jede Niederwerfung, bis man hunderttausend erreicht hat. Es heißt nicht, daß man mit jeder Rezitation dieses Sutras nur eine Niederwerfung macht, dann würde man etwas lange dazu brauchen. Niederwerfungen kann man auch ohne die Rezitation des Bekenntnis-Sutras machen.

Als Vorbereitung zum Mahamudra wird empfohlen, hunderttausend solcher Niederwerfungen zu machen. Wenn einem das nicht möglich ist, sollte man aber deswegen nicht diese Übung ganz beiseite lassen, sondern so viele Niederwerfungen machen, wie einem möglich ist.

Solche Übungen zur Bereinigung negativer Eindrücke, wie z.B. Niederwerfungen in Verbindung mit der Rezitation eines Bekenntnis-Sutras, haben nicht nur die Wirkung, daß negative Eindrücke und Hindernisse des Geistes beseitigt werden, sondern gleichzeitig wird auch ein sehr starkes positives Potential im Geist erzeugt.

Viele von Ihnen haben sicher über solche Methoden früher nie etwas gehört. Wenn Sie nun davon hören und den Wunsch haben, diese durchzuführen und dies tatsächlich tun, dann ist der Zweck Ihres Kommens erfüllt.

Auf jeden Fall haben diese Vorbereitenden Übungen den Zweck, die negativen Eindrücke auf dem Geist zu beseitigen. Denn diese negativen Eindrücke sind es, die einen daran hindern, die Leerheit zu erkennen und in seinen Bemühungen um Mahamudra wirklichen Fortschritt zu machen.

Es gibt noch viele weitere Methoden und Übungen zur Bereinigung des Geistes, sie sind nicht auf diese paar beschränkt, die ich erwähnt habe.

Wie z.B. ein Kranker einerseits seine Krankheit überwinden und andererseits wieder zu Kräften kommen muß, so ist es notwendig, einerseits die negativen Eindrücke und Hindernisse zu beseitigen. Die Methoden dazu wurden erklärt. Andererseits ist es notwendig, heilsame Eindrücke anzusammeln, um mit der Kraft dieser positiven Eindrücke die Möglichkeit zu erlangen, die Leerheit zu erkennen. Eines der besten Mittel zum Anhäufen großer Verdienste ist das Darbringen des Mandala.

Im allgemeinen haben die Leute im Westen sehr wenig Interesse am Darbringen des Mandala. Nur einige wenige interessieren sich dafür, obwohl man oft sieht, daß es dargebracht wird. Es wird erklärt, daß dieses Darbringen des Mandala eine außergewöhnlich weite Wirkung auf das Ansammeln heilsamer Eindrücke hat, daß selbst in Abhängigkeit jedes einzelnen Atoms viele positive Ziele erreicht werden.

Für jemanden, der lediglich die äußere Aktivität das Darbringens des Mandala beobachtet, mag sie nicht sehr sinnvoll scheinen, da man die Basis, diese Grundlage des Mandala, mit Reis füllt, ihn wieder weggibt usw.; aber es hat jedes Teil dieser verschiedenen Instrumente, die dabei benützt werden, eine ganz besondere Symbolik.

Das Mandala kann auf verschiedene Arten dargebracht werden. Es gibt besondere Bewegungen, die mit dem Darbringen verbunden sind, und jede dieser Bewegungen hat ebenfalls ihre eigene Bedeutung.

Das Objekt, dem diese Opfergaben dargebracht werden, ist der Buddha, und derjenige, der sie darbringt, ist man selbst. Wenn man diese Opfergaben mit einem Verständnis und mit dem Bewußtsein der Symbolik sämtlicher Aspekte darbringt, dann ist es ein sehr wirksames Mittel, um weite positive Eindrücke zu sammeln.

Der große tibetische Meister Je Tsongkapa hat sich ebenfalls mit dem Ziel, das Mahamudra zu erkennen, im Süden zurückgezogen, um das Mandala darzubringen, obwohl er in seiner letztlichen Natur das nicht nötig gehabt hätte. Aber in seiner gewöhnlichen Erscheinung führte er alle diese Übungen aus. Allerdings hatte er kein Mandala aus Silber oder Gold oder Kupfer usw., sondern er benützte lediglich einen flachen, festen Stein, auf dem er kleine Steine und Gerstenkörner darbrachte.

Beim Darbringen des Mandala wird mit dem rechten Unterarm leicht über die Grundlage gestrichen. Je Tsongkapa brachte auf diesem rauhen Stein so viele Mandala dar, daß die Haut seines Unterarms hart wie Hornhaut wurde und der Stein glatt und poliert.

Nachdem er diese außergewöhnlichen Opfergaben dargebracht hatte, konnte er sämtliche Hindernisse beseitigen und erlangte die letztliche Erkenntnis des Mahamudra.

Man sieht, daß im allgemeinen die großen Meister der Vergangenheit ihre außergewöhnlichen Ziele nur durch die außergewöhnlichen Anstrengungen, die sie vollbrachten, erreicht haben. Und das ist auch der beste Grund, weshalb wir diese als unser Vorbild nehmen sollten.

Ich beziehe mich damit nicht nur auf die Möglichkeiten zum Erkennen der Leerheit, sondern ganz im allgemeinen auf die Anwendung des Dharma.

Es gibt eine andere Geschichte des bekannten tibetischen Yogis Milarepa, der einmal einem seiner Schüler sagte, er habe für ihn eine besondere Anweisung, die er den andern nicht geben wolle. Der Schüler freute sich ganz außerordentlich, eine Unterweisung zu bekommen, die niemand anderer haben würde, die ganz außergewöhnlich zu sein schien, und folgte Milarepa auf seinem Weg.

Nach einiger Zeit kamen sie an einen Bach; Milarepa überquerte diesen, und der Schüler wartete auf der andern Seite, um seine besondere Unterweisung zu erhalten. Milarepa streckte ihm lediglich seinen Hintern heraus und ging weiter; das war die besondere Anweisung.

Milarepa besaß keine sehr gute Kleidung und hatte unter harten Umständen mit außergewöhnlichem Eifer meditiert; durch die Steine usw. war sein Hinterteil von Hornhaut überzogen. Seinem Schüler zeigte er sein Hinterteil, um ihm deutlich zu machen, daß er sich ebenso anstrengen müsse, wenn er irgendwelche Ziele erreichen wolle. Und das ist die beste Anweisung, die man einem Schüler geben kann.

Auch Buddha Shakyamuni ertrug, als er in Indien weilte, die Härten von Askese usw. mit außergewöhnlicher körperlicher Anstrengung, obwohl er ein Buddha ist und somit über alle Schwierigkeiten und Probleme weit hinausgegangen ist. Man kann das auf manchen Bildern sehen. Das Ziel aller dieser Anstrengungen und Mühen war lediglich, den Schülern deutlich zu machen, daß sie sich anzustrengen haben, wenn sie irgendeinen guten Erfolg ersehnen.

Deshalb ist es auch für einen selbst das wichtigste, sich anzustrengen, will man irgendwelche Ziele erreichen.

Wenn man z.B. Opfergaben des Mandala darbringt, benötigt man zwar eine Mandala-Grundlage; diese kann aus wertvollen Materialien sein oder aus was immer, auch wenn sie nur aus Stein ist, genügt das, denn das wichtigste ist die geistige Aktivität, die geistige Arbeit beim Darbringen.

Wenn man jedoch genügend Vermögen hat, um sich ein gutes Mandala anzuschaffen, dann ist es wichtig, das auch zu tun. Es nützt nichts, vorzugeben, man sei ein Yogi oder Mahasiddha, und lediglich etwas Billiges, einen Stein oder sonst etwas Einfaches zu nehmen, während man durchaus die Möglichkeit hätte, etwas Wertvolles darzubringen. Durch ein solches Vorgehen wird man sich selbst täuschen, denn die Buddhas und das Gesetz von Ursache und Wirkung kann man nicht täuschen.

Wenn man das Mandala darbringen möchte, ist es jedenfalls empfehlenswert, besondere Unterweisungen darüber zu erhalten, da man dann diese Übung exakt und gut durchführen kann.

Ein anderes, wohl eines der besten Mittel, um umfassende positive Eindrücke zu sammeln, ist die Schulung des Geistes der Zufluchtnahme.

Das Objekt der Zufluchtnahme sind die Drei Juwelen; es ist wichtig, sich ihrer besonderen Eigenschaften bewußt zu werden und dann aus der Tiefe seines Herzens Vertrauen auf sie zu fassen und bei ihnen sein Heil, seinen Schutz zu suchen.

Mit dieser Übung ist auch eine Rezitation verbunden, in der man die Worte der Zufluchtnahme ausspricht. Dieses Rezitieren ist die verbale Zufluchtnahme; und die körperliche Haltung, sei es eine ehrfurchtsvolle, aufrechte Haltung oder gefaltete Hände oder Niederwerfungen, die man gleichzeitig macht, sind eine körperliche Zufluchtnahme.

Aber das Wesentliche dabei ist die geistige Zufluchtnahme, nämlich daß man Hingabe und Ehrfurcht, ein tiefes Vertrauen auf das Objekt der Zufluchtnahme, auf Buddha, Dharma und Sangha in sich entwickelt, während man diese Worte rezitiert.

Und dieses Vertrauen sollte auf Grund klarer, logischer Überlegungen zustande kommen. Mit einem solchen festen Vertrauen den Geist der Zufluchtnahme zu entwickeln ist von äußerster Wirksamkeit.

Indem man sich dieser Bedeutung der Zufluchtnahme fest bewußt ist, rezitiert man dann die Worte, daß man Zuflucht beim Meister, beim Buddha, beim Dharma und bei der Sangha nimmt. Das kann man auf tibetisch rezitieren oder auf sanskrit oder auf deutsch oder englisch oder was immer. Und es ist gut, wenn man diese Rezitation ebenfalls hunderttausendmal durchführen kann.

Der Buddha selbst hat in einem Sutra erklärt: Wenn die positiven Eindrücke, die die Entwicklung des Geistes der Zufluchtnahme mit sich bringt, Materie wären, hätten sie ein solches Ausmaß, daß die dreitausend Welten, das heißt, das ganze Universum zu klein wäre in seinen Ausmaßen, um diese Materie aufzunehmen. Und ich denke, daß Buddha keine Lügen verbreitet und deshalb diesen Worten Vertrauen geschenkt werden kann.

Weiter hat Buddha gesagt, daß diese positiven Eindrücke nicht aufgebraucht werden, also nicht erschöpft werden können, ähnlich wie man einen Ozean mit einer Teeschale nicht ausschöpfen kann, indem man eine Schale Wasser nach der andern aus ihm herausnimmt.

Wenn man diesen Geist der Zufluchtnahme entwickeln will, dann sollte man nicht der Meinung sein, daß die Zufluchtnahme lediglich die Visualisation eines Buddha ist. Denn es gibt sehr ausführliche und umfangreiche Unterweisungen über dieses Thema, und jemand, der diese Übungen machen möchte, tut gut daran, diese Unterweisungen zu erhalten, da dann die Bemühungen wirksam und ausgezeichnet werden.

Die bisher beschriebenen Methoden sind dazu da, um negative Eindrücke und Hindernisse zu überwinden und zu beseitigen und um positive Eindrücke in großem Ausmaß anzusammeln. Darüber hinaus benötigt man noch ein weiteres, nämlich den Segen der Buddhas.

Das einzige Mittel, den Segen sämtlicher Buddhas zu erhalten, ist die Anwendung des Guru-Yoga, denn nur durch den Meister kann dieser Segen in einen gelangen. Um dies mit einem Beispiel deutlich zu machen: Wenn Sie ein Blatt Papier an einem so sonnigen Tag wie heute ins Freie legen, dann wird dieses Blatt Papier kein Feuer fangen. Das heißt, die Wärme der Sonne genügt nicht, um das Papier in Brand zu stecken. Aber wenn man eine Linse im richtigen Abstand zwischen die Sonne und das Papier hält, dann kann man dieses Papier zum Brennen bringen.

Die Strahlen der Sonne stehen für den von den Buddhas ständig ausgehenden Segen. Unserm Geist entspricht das Papier, das in der Sonne liegt; und damit dieses Papier Feuer fangen kann, ist die Linse notwendig, und dieser entspricht der geistige Meister.

Wie erkennt man den eigenen Meister als eigenen Meister? Man sollte nicht meinen, das sei irgend jemand, der den Namen eines Meisters, eines Tulkus oder Rinpoches usw. trägt oder der sonst irgendwie als Meister bekannt sein muß; sondern es ist vielmehr die Person, die uns auf den Weg des Dharma bringt, uns den Weg des Dharma führt und auf diesem Weg weiterbringt, der wir verdanken, daß wir den Weg des Dharma gehen können und das Dharma verstehen lernen. Diese Person hat man als seinen eigenen geistigen Meister zu betrachten.

Dieser Punkt, das Vertrauen, das man zu seinem geistigen Meister hat, ist einer der kritischsten Punkte. Denn wenn man irgendwelche Fehler macht, kann das sehr schwere Folgen haben; andererseits kann diese Beziehung, wenn man sie richtig führt, von ganz ungewöhnlicher, heilsamer Wirkung sein.

Ob ein Blinder, der den Weg nicht kennt, sein Ziel erreicht oder nicht, hängt vollständig von seinem Begleiter ab, der ihn auf dem Weg führt.

Bevor man sich irgendeiner Person als seinem Meister anvertraut, ist es wichtig, die Wirkungen der Unterweisungen dieses Meisters auf einen selbst zu beurteilen, zu untersuchen, ob seine Worte einem nützen, ob sie die Dinge erhellen, ob sie eine Veränderung des Geistes mit sich bringen und um was für eine Person es sich handelt.

Wenn man erkennt, daß die Unterweisungen dieser Person von besonderem Nutzen für einen sind, wenn man das Gefühl hat, daß diese Person einen auf dem Weg des Dharma führen kann und man wohl niemanden finden könnte, der einem diesen Weg besser zeigen kann, dann ist es richtig, die Entscheidung zu treffen, sich dieser Person als dem geistigen Meister anzuvertrauen.

Hat man einmal eine solche Entscheidung getroffen, dann ist es wichtig, den Anweisungen dieses Meisters genau zu folgen und diese Beziehung, dieses tiefe Vertrauen auf ihn, das man gewonnen und entwickelt hat, sich nicht verändern und durch nichts erschüttern zu lassen, ganz gleich, ob es einem gut geht oder schlecht geht.

Auch der Meister muß gewisse Eigenschaften haben. Einerseits eine Zuneigung zum Schüler, das heißt, er muß den Wunsch haben, ihm zu helfen, ihm von Nutzen zu sein. Das muß eine seiner Charakteristiken sein. Eine weitere, daß er die Fähigkeit hat, den Weg des Dharma zu zeigen, den Schüler auf diesem Weg zu führen, und zwar mit klaren Begründungen und Erklärungen und außerdem in geschickter Art und Weise, die auf den Schüler abgestimmt ist. Solche Fähigkeiten und Eigenschaften müssen den Meister auszeichnen. Weiters darf der Lehrer seine Einstellung zum Schüler nicht verändern, er darf ihn nicht fallenlassen, ganz gleich, ob die Umstände angenehm oder unangenehm werden.

Es gibt heutzutage sehr viele Leute, die sich sehr bemühen, Gurus zu sein oder zu werden, und die versuchen, irgendwelche Schüler zu finden, denen gegenüber sie als Meister auftreten können; mit dem Wunsch, entweder irgendwelche Reichtümer anzuhäufen oder berühmt und bekannt zu werden oder was immer. Solche Personen, die versuchen, Gurus zu sein oder zu werden oder vorgeben, es zu sein, sind keine Meister, die die Eigenschaften eines Meisters erfüllen, und sie können nicht als Objekt dieser Beziehung betrachtet werden, wie sie im Guru-Yoga beschrieben wird.

Wenn man eine solche Person trifft, dann ist das sehr mühsam; denn entweder kann sie keine Unterweisungen geben und wird Lügen oder irgend etwas erzählen, was sie vielleicht sonst weiß. Auf jeden Fall ist es nichts anderes als ein gegenseitiges Täuschen, ein Täuschen des Schülers und ein Täuschen des Lehrers.

Wenn man diese Übung des Guru-Yoga durchführt, dann ist das meistens eine Meditation in Verbindung mit einer Meditationsgottheit, mit einer Erscheinung des Buddha. Man sollte immer diese Erscheinung des Buddha von einer Natur mit seinem geistigen Lehrer sehen.

Was unter einer Meditationsgottheit verstanden wird, das wissen die meisten von Ihnen, da Sie zum Teil täglich sehr viele Meditationen mit solchen Meditationsgottheiten machen.

Für diejenigen unter Ihnen, die dies nicht tun, aber dennoch die Übung des sogenannten Guru-Yoga machen möchten, ist es durchaus richtig, sich ihren Meister in seiner gewöhnlichen Erscheinung vorzustellen und so die entsprechenden Übungen durchzuführen. Man sollte nicht denken, daß die Wirkung einer solchen Meditation geringer sei, als wenn sie in Verbindung mit einer andern Erscheinung des Buddha, mit einem Yidam oder mit einer Meditationsgottheit durchgeführt wird.

Ganz gleich, in welcher Form man sich seinen Meister nun vorstellt, mit welcher Erscheinung man meditiert, man entwickelt in sich einen Zustand von Vertrauen und Hingabe zu seinem Lehrer und bringt dann in seiner Meditation Ehrungen dar und Opfergaben und beginnt so die Meditation des Guru-Yoga.

Dann bittet man den Meister um seinen Segen und stellt sich vor, daß von seinem Körper Nektar ausgeht, auf einen übertritt und durch einen fließt, indem man das entsprechende Mantra rezitiert. Wenn es eine bestimmte Meditationsgottheit ist, dann das Mantra dieser Erscheinung des Buddha, wenn man sich seinen Meister in seiner gewöhnlichen Form vorstellt, dann das Namens-Mantra des Lehrers. Und wenn man mit solchen Meditationen hunderttausend eines entsprechenden Mantras rezitiert hat, dann ist damit die Vorbereitende Übung des Guru-Yoga beendet.

Das wäre die richtige Art und Weise, wie man seine Einstellung gegenüber einem geistigen Meister entwickelt.

Wie schon erwähnt, beinhaltet diese Beziehung zu einem Lehrer auch gewisse Gefahren, und zwar dann, wenn man einfach irgendeine Person als seinen Lehrer betrachtet, nur weil sie neu ist oder einen bekannten Namen hat oder weil die andern Leute dort hingehen; auch wenn man eine Beziehung zu einem Lehrer faßt, die man sich nicht überlegt hat oder ohne daß man die Fähigkeiten des Lehrers wirklich überprüft und sich vergewissert hat, daß er die notwendigen Eigenschaften besitzt, daß er ein qualifizierter Meister ist. Das ist etwas, was zu vermeiden ist, da es sehr negative Folgen nach sich ziehen kann.

Wenn man sich einem Meister anvertraut, ohne sich dessen Fähigkeiten und auch dessen Wirkung auf einen selbst zu überlegen, besteht die Gefahr, daß man nach einiger Zeit das Interesse verliert und dem Meister oder seinen Unterweisungen Fehler nachsagt, die nicht im Meister und nicht in den Unterweisungen sind, oder daß man die Beziehung zum Meister abbricht und einen neuen sucht und so einen Lehrer nach dem andern wechselt, wie man seinen Besitz wechselt.

Ich erwähne diese Dinge in der Hoffnung, daß der einzelne dadurch seine Handlungsweise richtig einstellen kann, weil einem ein solches Benehmen sehr schadet.

Denn wenn man sich einem Meister anvertraut, Unterweisungen von ihm erbittet oder Einweihungen in verschiedene Meditationen von ihm erhält und dann nach einiger Zeit das Interesse verliert, und dieses Dharma, diese Unterweisungen, die man erhalten hat, als etwas Unnützes betrachtet, sie beiseite legt, mit dem Meister Streit beginnt, dann ist das ein Vergehen gegen die zweite der vierzehn grundlegenden tantrischen Bindungen.

Unterweisungen oder Einweihungen von einem Meister werden meistens einer Gruppe von Leuten gegeben, man erhält sie mit anderen, die ebenfalls zur gleichen Zeit die gleiche Einweihung von diesem Meister nehmen und somit ebenfalls Schüler dieses Meisters sind oder werden. Wenn man danach Eifersucht gegenüber den andern entwickelt oder mit ihnen streitet usw., dann ist das ein Vergehen gegen die dritte der vierzehn grundlegenden tantrischen Bindungen.

Wenn man von einem Meister Unterweisungen erhält und dann keine korrekte Einstellung zu diesem Meister hat, auch keine korrekte Einstellung zu den Unterweisungen, zum Dharma, das man von ihm erhalten hat, und auch das Benehmen gegenüber den andern Mitschülern fehlgeht, dann sind das Handlungen, die ein Brechen der drei grundlegenden tantrischen Bindungen beinhalten. Und diese Handlungen hinterlassen negative Eindrücke in einem selbst; es ist etwas, das man in sich selbst weiterträgt und nicht etwas, das in irgendwelchen Büchern übrigbleibt.

Unterweisungen und Dharma von vielen Meistern zu bekommen ist sehr gut für jemanden, der die mit dem Nehmen von Unterweisungen oder mit der Beziehung zu einem geistigen Meister verbundenen Verpflichtungen und notwendigen Einstellungen sowie die durch Einweihungen usw. erstellten Bindungen halten kann. Für den, der das nicht kann, ist es ratsamer, möglichst wenig geistige Lehrer zu haben.

Die bekannten Kadampa-Meister, eine Tradition von Meistern in Tibet, diskutierten einmal über diese Frage, ob es besser sei, viele Lehrer zu haben oder nur wenige. Und das Resultat ihrer Diskussion war die Antwort, die ich eben gegeben habe.

Damit wären die fünf Vorbereitenden Übungen zum Mahamudra erklärt. Selbstverständlich ist es für uns nicht notwendig, alle diese fünf zu machen, sondern man kann sich auf eine dieser Meditationen konzentrieren. Auch sind dies nicht nur vorbereitende Übungen für das Mahamudra allein, sondern allgemeine vorbereitende Übungen in jeder intensiven Anwendung des Dharma.

Wenn man in seinem Benehmen gegen das korrekte Verhalten gegenüber einem geistigen Meister verstoßen hat, dann ist es, falls der Meister noch am Leben ist, gut, ihm das zu sagen und ihn zu bitten, einem dieses Benehmen zu vergeben. Wenn der Meister schon gestorben ist, kann man dieses Fehlverhalten vor einem Bild dieses Meisters täglich bekennen.

Das sind die Vorbereitenden Übungen für die Meditation des Mahamudra.

Mahamudra ist eine Meditation über die Leerheit, über die letztliche Wahrheit der Phänomene. Im besonderen ist das Mahamudra eine Meditation, in der man versucht, die letztliche Wahrheit des Geistes zu erkennen und diese Erkenntnis zu schulen.

Es gibt zwei Möglichkeiten, diese Meditation durchzuführen. Die eine Art ist, daß man zuerst die letztliche Wahrheit, die Leerheit, das Shunyata, erkennt und dann die vollständige Konzentration, das sogenannte Shamata, entwickelt. Die andere ist, daß man zuerst Shamata entwickelt, die vollständige Ruhe und Konzentration des Geistes erlangt, und danach sein Verständnis der Wirklichkeit, der Leerheit, erhöht, bis man diese letztliche Wahrheit erkennt.

Bevor man diese Meditationen jedoch tatsächlich durchführt, ist es notwendig, von seinem Meister genaue Unterweisungen darüber erhalten zu haben, wie sie durchzuführen sind; nicht nur das, auch darüber, was für Hindernisse auftreten können und wie man diese überwindet.

Wenn man sich dann in die Einsamkeit zurückzieht, um diese Fähigkeiten des Geistes zu erlangen, dann ist es unumgänglich, daß man über ein ausgezeichnetes Wissen verfügt darüber, wie die Meditationen durchzuführen sind, was für Probleme auftreten können und wie sie behoben werden, so daß man bezüglich seines Verständnisses der zu erreichenden Ziele und des Weges keinerlei Schwierigkeiten hat.

Ein solches Verständnis wird Die Hilfsmittel für die ruhige Meditation genannt oder Die Hilfsmittel, die den Yogi beruhigen, weil er alles weiß, was auf ihn zukommen kann und wie er damit fertig werden sollte.

Wenn man sich zu einer solchen intensiven Meditation zurückzieht, richtet man sich einen bequemen Meditationssitz, auf den man sich in der sogenannten Vajra-Asana oder Vajra-Haltung hinsetzt. Das ist die allgemein bekannte Meditations-Haltung, die durch sieben Punkte gekennzeichnet ist.

Die Beine sind in der vollständig gekreuzten Stellung verschränkt, die Hände in der Höhe des Schoßes ineinandergelegt, das Rückgrat ist gerade, aufrecht, der Kopf leicht nach vorn geneigt, der Blick entlang der Nase sanft zum Boden gerichtet, der Mund ist in einer entspannten Stellung und die Zunge leicht nach oben gelegt. Das sind die sieben Punkte der vollständigen Vajra-Haltung.

Danach wird der Geist durch bestimmte Atemübungen beruhigt; durch die sogenannte Neun-Runden-Atemübung, bei der man zuerst entweder durch die rechte oder linke Nasenröhre einatmet und durch die entgegengesetzte ausatmet. Das dreimal, dann umgekehrt, man atmet durch die andere Nasenröhre ein und durch die entgegengesetzte aus, wiederum dreimal, und dann dreimal durch beide ein und durch beide ebenfalls aus.

Diese Atemübungen wurden schon vor einiger Zeit in Les Avants von mir unterrichtet, und wahrscheinlich haben Sie auch schon woanders Unterweisungen darüber gehört, so daß sie Ihnen bekannt sind. Auf jeden Fall ist nicht genügend Zeit, um sie hier zu erklären.

Mit dieser Neun-Runden-Atemübung wird der Geist beruhigt, klar gemacht. Wenn z.B. in einer Pfütze das Wasser aufgewühlt ist, dann ist es trüb und unklar. Wird es ruhig stehengelassen, dann setzt sich der Schmutz, und das Wasser wird klar und durchsichtig. Ähnlich ist unser Geist in einem aufgewühlten Zustand und somit unklar und trüb. Man muß zuerst diese Trübheit sich senken lassen und eine Klarheit und Durchsichtigkeit des Geistes erreichen.

Nachdem man die Trübheit des Geistes geklärt hat, sucht man aus diesem klaren Geisteszustand seine Hilfe bei den Drei Juwelen, und bittet seinen Meister, Buddha, Dharma und Sangha, einem zu helfen, die letztliche Wahrheit des Geistes zu erkennen. Und diese Bitte muß nicht in Worte gefaßt werden, sondern es ist eine innere Bitte, die man an dieses Objekt richtet.

Als nächstes stellt man sich seinen geistigen Meister vor und entwickelt eine Einstellung der Zuneigung, der Hingabe, in der Erkenntnis, daß man ihm alles verdankt, was man erreichen kann und ihn als etwas Wertvolleres betrachtet als sein eigenes Leben.

Aus einem Zustand tiefen Vertrauens nimmt man Zuflucht zum Meister und sieht ihn als seine Hilfe, seinen Schutz in dieser Existenz, in allen weiteren und im Zwischenzustand, und man bittet ihn um seinen Segen, um seine Hilfe, um Mahamudra oder diese letztliche Wahrheit des Geistes zu erkennen.

Es wird gesagt, daß einem ein sehr tiefes Vertrauen auf seinen Meister Tränen aus den Augen treten lassen kann. Uns ist sicher bekannt, daß einem Tränen aus den Augen treten, wenn man verzweifelt ist und Schwierigkeiten hat. Weniger bekannt ist einem wahrscheinlich, daß Tränen auch aus den Augen treten können, wenn der Geist von sehr tiefem Vertrauen bewegt wird. Ich habe auch gehört, daß manche Leute anfangen zu heulen, wenn sie sehr fröhlich sind.

Daraufhin stellt man sich in der Meditation vor, daß einem der Meister aus einem tiefen Erbarmen und Mitgefühl das Versprechen gibt, sich in diesem Leben, im Zwischenzustand und in der zukünftigen Existenz um einen zu kümmern und im besondern einem jede notwendige Hilfe zu geben, die letztliche Wahrheit des Geistes, das Mahamudra zu erkennen.

Somit geben sich das eigene Vertrauen und die eigene Zuneigung zum Meister und seine Zuneigung, sein Erbarmen, sein Mitgefühl die Hand.

Nachdem man den Meister so um seine Hilfe gebeten hat, rezitiert man entweder sein Namensmantra, wenn man sich den Meister in seiner gewöhnlichen Form vorgestellt hat, oder das entsprechende Mantra der Meditationsgottheit, die man für diese Meditation verwendet hat. Gleichzeitig stellt man sich vor, daß mit dieser Rezitation Nektar und Licht vom Meister ausgehen, durch den eigenen Körper fließen, sämtliche negativen Eindrücke und Hindernisse bereinigen und den Körper vollständig mit Nektar und Licht auffüllen.

Nach dieser Bitte stellt man sich vor, daß der Meister zutiefst erfreut ist und aus dieser Freude sich seine Gestalt in Licht auflöst, dieses Licht durch die Krone des Kopfes in den eigenen Körper eintritt und ganz mit ihm verschmilzt. Und dieses Verschmelzen löst ein tiefes Gefühl des Wohlbehagens in einem aus.

Für jemanden, der ein sehr tiefes Vertrauen auf seinen Meister hat, ist es möglich, daß solche Meditationen ein ganz unbeschreibliches Gefühl des Glücks und des Wohlbehagens auslösen, wobei nicht gesagt werden kann, was erscheint, ob etwas erscheint oder nicht erscheint.

Für jemanden, der kein solches Vertrauen hat, wird eine entsprechende Meditation zuerst eine gewisse Dumpfheit des Geistes mit sich bringen, und die Dumpfheit wird dann unweigerlich den Schlaf nach sich ziehen.

Im weitern wird dann jemand, der die Erfahrung eines solchen unaussprechlichen Zustands der Vereinigung mit dem Meister in der Meditation durchgeführt und die richtigen Einstellungen entwickelt hat, die folgenden Einstellungen erreichen: Man hat nicht den Wunsch, irgendwelche Ziele zu erreichen, man legt das Streben, das heftige Verlangen nach gegenwärtigen oder letztlichen Zielen beiseite und hat auch keinerlei Sorge über das mögliche Auftreten von Hindernissen, und verweilt eine Zeitlang in einem gleichmütigen Zustand, in dieser Empfindung des Wohlbehagens.

Der Geist sollte in diesem Zustand nicht ohne Gedanken gelassen werden, sondern ein Aspekt des Geistes, die Bewußtheit, sollte auf dieses unbeschreibliche Gefühl des Wohlbehagens gerichtet sein, es festhalten und dabei versuchen, die Natur dieses Geistes zu untersuchen und zu erkennen, daß er frei von jeglicher Materie ist und lediglich in der Natur des Wahrnehmens, der Auffassung existiert.

Die Bewußtheit sollte auf diese klare Natur des Geistes gerichtet bleiben, punktförmig, unabgelenkt, ohne Untersuchung.

Somit ist ein Teil des Geistes punktförmig auf diese klare Natur des Geistes gerichtet und hält diese fest, während ein anderer Teil des Geistes, die Aufmerksamkeit, eventuelle störende Gedanken usw. beseitigen muß, damit die Konzentration aufrechterhalten bleibt und nicht gestört wird.

Diese Meditation nennt sich Shamata, das auf die Natur des Geistes gerichtet ist.

Wenn wir eine solche Meditation versuchen, stellen wir fest, daß wir von störenden Vorstellungen und Gedanken förmlich überrannt werden und es uns kaum gelingt, die Konzentration auf das Objekt aufrechtzuerhalten.

Selbstverständlich werden viele solche Gedanken auftreten. Wenn z.B. während der Bemühungen um das Halten der Konzentration der Geist auf ein schmackhaftes Essen abgelenkt wird, dann sollte man diesen Gedanken nicht einfach wegzuschieben versuchen, sondern man läßt ihn auftreten und richtet seine Aufmerksamkeit auf die Natur dieses störenden Gedankens; und dieses Suchen nach seiner Natur führt dazu, daß er sich von selbst abschwächt und verschwindet.

Oder wenn man z.B. bei diesen Bemühungen um Konzentration plötzlich an irgendwelche Geschäfte denkt, wenn man sich überlegt, wie man wieder zu Geld kommen kann, dann sollte man versuchen zu beobachten, woher dieser Gedanke kommt, was er macht und wohin er will.

Betrachtet man so die störenden Gedanken, einerseits ihre Natur, andererseits woher sie kommen und was sie wollen, dann ist das ein geschicktes Mittel, um sie abzuschwächen und zum Verschwinden zu bringen. Sind solche Vorstellungen einmal verschwunden oder abgeschwächt, dann wird die Konzentration wieder zurück auf die Natur des Geistes gelenkt.

Wenn man so diese Meditation über längere Zeit durchführt und ständig diese Geistesfaktoren der Bewußtheit und der Aufmerksamkeit schult und benützt, um den Geist auf das Objekt gerichtet zu halten, dann wird die Stärke dieser beiden erhöht, und man gewinnt eine besondere Herrschaft über das Führen des Geistes.

Ist die Kraft dieser beiden Faktoren, der Bewußtheit und der Aufmerksamkeit, einmal recht weit entwickelt, dann hat der Meditierende die Fähigkeit, störende Gedanken beim Auftreten sofort abzuschneiden und zunichte zu machen und seine Meditation nicht stören zu lassen.

Diese Fähigkeit des Geistes wird oft mit einem Beispiel beschrieben, mit einer Begebenheit, die sich im alten Indien zutrug. Und zwar trafen sich ein berühmter Degenfechter und ein berühmter Bogenschütze, um ihren Ruhm zu erhöhen, und sie machten aus, daß der Bogenschütze einen Pfeil nach dem andern schießen würde und der Degenfechter, wenn es ihm gelingen würde, alle diese Pfeile abzuwehren, der Sieger sein und den Gewinn davontragen würde, ohne jeden Verlust für den Bogenschützen.

Der Zweikampf fand statt, und der Bogenschütze schoß einen Pfeil nach dem andern auf den Degenfechter ab, der alle Pfeile mit seinem Degen entzweischlagen konnte, bevor sie seinen Körper berührten.

Das ist das Beispiel, das deutlich zeigt, wie mit dieser Kraft des Geistes auftretende Gedanken sofort zerstört werden können. Den Pfeilen entsprechen die störenden Gedanken, die ständig im Geist auftreten können, und der Degen entspricht den Gegenmitteln, den geistigen Faktoren, die diese beheben können.

Die Geschichte des Zweikampfs endet allerdings etwas traurig. Obwohl der Degenfechter sehr geschickt war in der Abwehr der Pfeile, wurde sein Geist zu einem Zeitpunkt für einen kurzen Augenblick durch ein Objekt der Begierde abgelenkt, und in dem Moment traf ihn ein Pfeil und tötete ihn.

Wenn man auf diese Art und Weise die geistige Ruhe oder die vollständige Konzentration, Shamata genannt, entwickelt mit dem Geist als Objekt der Meditation, dann ist das eine ausgezeichnete Vorbereitung für weitere Meditationen, in denen man versucht, Objekte zu erkennen, die eine ähnliche Natur haben wie der Geist, nämlich im besondern für das Erkennen der Leerheit, der letztlichen Wahrheit. Es fällt einem dann leicht, sich darauf zu konzentrieren.

Wenn man dann eine solche punktförmige Konzentration erlangt hat, in der der Geist von keinen störenden Gedanken mehr beeinträchtigt werden kann, wird diese Konzentration dazu verwendet, die letztliche Wahrheit, die Leerheit zu untersuchen.

Die eigentliche oder letztliche Wahrheit muß mit klaren Schlußfolgerungen analysiert werden. Es gibt eine Unzahl solcher Überlegungen, die wirksamste jedoch ist auf der Grundlage des abhängigen Bestehens der Phänomene.

Dieses kann auf verschiedenen Stufen verstanden werden. Im allgemeinen kann jedoch zwischen drei Arten unterschieden werden; zwischen einer gröberen Ebene, einer mittleren und einer äußerst subtilen Ebene.

Die grobe Ebene beinhaltet die Überlegungen, die die eigentliche Natur der Dinge untersuchen, unter dem Verständnis der Ursachen, der Umstände und des Bestehens der Dinge in Abhängigkeit von ihren Teilen und Aspekten.

Wenn heutzutage jemand sagt, er meditiere über die Leerheit, dann dürfte das wohl in den meisten Fällen darauf beschränkt bleiben, daß er sich diese grobe Ebene des abhängigen Bestehens überlegt und diesbezüglich die Wirklichkeit der Dinge zu verstehen versucht.

Die subtile Ebene bezieht sich darauf, daß die Phänomene einem ständigen, äußerst subtilen Wandel unterliegen, einem Wandel auf der Ebene der kleinsten Partikel, die in einem ständigen Fluß der Änderungen existieren; und im weitern auf das Nichtvorhandensein einer unabhängigen, aus sich heraus bestehenden, substantiellen Identität der Person.

Die äußerst subtile Ebene des abhängigen Bestehens bezieht sich darauf, daß die Existenz, die Wirklichkeit der Dinge, lediglich in Abhängigkeit von der Benennung, vom Namen der Dinge gegeben ist; z.B. daß Wasser als Wasser zu bezeichnen ist und Erde als Erde usw., daß deren Existenz nur in Abhängigkeit vom Namen gegeben ist.

Wenn man nun in dieser Meditation und im allgemeinen die letztliche Wahrheit erkennen will, dann ist es notwendig, auf der Basis dieser äußerst subtilen Abhängigkeit der Dinge die Wirklichkeit zu verstehen, das heißt, zu erkennen, daß die Dinge lediglich in Abhängigkeit von ihrer Benennung existieren.

Damit wären die Erklärungen dieses Kurses beendet. Allerdings wurde die Leerheit nicht in großem Umfang beschrieben, sondern es wurde lediglich gezeigt, worum es sich handelt. Wie schon am Anfang des Kurses deutlich gemacht wurde, sollte man sich nicht darüber ärgern, daß nicht so sehr darauf eingegangen wurde. Ein zweiter Grund ist auch, daß im Juni ein Kurs stattfinden wird über einen Text, der Das Rad der scharfen Waffen heißt, und zwar über den zweiten Teil dieses Textes. Und dieser Text wird vor allem über die Leerheit, die letztliche Wahrheit handeln.

Sie haben Ihre vier Ferientage damit verbracht, Unterweisungen über Dharma zuzuhören, und Sie haben damit Ihre Zeit zweifellos auf eine sehr gute Art und Weise genutzt.

Ich habe diese Tage Unterweisungen gegeben trotz meiner etwas angeschlagenen Gesundheit, und Sie haben trotz der Hitze und der aufkommenden Schlafgefühle aufmerksam zugehört. Daß diese beiderseitigen Mühen in der Zukunft auch für jeden wirklich nutzbringend sein werden, liegt an jedem selbst, es ist die Aufgabe jedes einzelnen, das Beste aus dem zu machen, was er erfahren konnte.

Ich wünsche Ihnen allen alles Gute und auf Wiedersehen!

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