Geshe Rabten Rinpoche gilt als einer der bedeutendsten tibetischen Gelehrten und Meditationsmeister der jüngsten Vergangenheit. Nur die großen Gelehrten seiner Zeit und seine engsten Schüler können ermessen, welch tiefe Weisheit und alles umfassende Güte dieser Meister in sich vereint hat.
Trotzdem erlaube ich mir, einige Eindrücke zu schildern, die ich von Geshe gewinnen konnte. Ein Jahrzehnt lang hatte ich persönlichen Kontakt zu ihm und konnte viele Belehrungen von ihm hören. Ich hoffe, mit diesem Vorwort den Lesern, die nicht das Glück hatten, ihn kennenzulernen, eine Vorstellung von seiner Person zu geben.
Am tiefsten beeindruckt bin ich von Geshes Güte, die er jedem ohne Unterschied entgegenbrachte, gleich ob Mensch oder Tier, Schüler oder Fremder, Verehrer oder verzweifelt Hilfesuchender.
Jederzeit war Geshe bereit, Hilfe zu leisten, sei es in der Form von Belehrungen, eines Ratschlages oder materieller Hilfe. Ich habe mehrmals miterlebt, wie Menschen in geistiger Bedrängnis nachts im Kloster anriefen, um Geshe um einen Rat zu bitten. Immer hatte er dafür Zeit.
So kümmerte sich Geshe um einen jungen Mann, der völlig verwirrt war. Diese Verwirrung kam von der jahrelangen Beschäftigung mit allen möglichen esoterischen Richtungen ohne die Anleitung eines qualifizierten Lehrers. Geshe nahm den Mann bei sich auf, sorgte für Unterkunft und Verpflegung und machte über Wochen jeden Tag ausgedehnte Spaziergänge mit ihm, bis er wieder geistig gefestigt war.
Während einer Belehrung im Klösterlichen Institut in Rikon (Schweiz) sah Geshe in einer Ecke des Tempelraums einen Frosch, unterbrach die Belehrung und bat, daß einer der Zuhörer den Frosch ins Freie setzen möge, da dieser sonst von der Katze des Institutes erwischt werden könnte.
Bei einem kleinen Ausflug entdeckte Geshe in einem Warteraum auf einem Fenstersims eine Fliege, die auf dem Rücken lag. Vorsichtig nahm er sie auf die Handfläche, hauchte sie an, sprach einige Mantras, bis sie sich wieder bewegte, und bat mich, sie nach draußen in die Sonne zu bringen. Solche und ähnliche Begebenheiten erlebten wir immer wieder.
Wenn Geshe von einer Reise zurückkam, brachte er immer für jeden in seiner unmittelbaren Umgebung ein kleines Geschenk mit, ohne auch nur ein einziges Mal einen zu vergessen.
Für die Mönche besorgte er einfache Sportgeräte, um für sie einen Ausgleich zum strengen Studienplan zu schaffen. Immer wenn meine Frau und ich nach Tharpa Choeling kamen - dem Kloster, dessen Abt Geshe war und das jetzt Rabten Choeling heißt - war seine erste Frage: Seid ihr gut untergebracht, braucht ihr noch Decken usw. Und diese Fragen äußerte Geshe, während er tibetische Texte, die er immer vor sich auf einem Tischchen hatte, studierte und analysierte.
Neben Geshes Güte ist mir seine tiefe Bescheidenheit deutlich in Erinnerung. Obwohl er einer der ranghöchsten tibetischen Lamas im Westen war, trat Geshe überall als einfacher, bescheidener Mönch auf, zu dem jedermann Zugang hatte. Ich hörte nie, daß Geshe einmal Wünsche für seine eigenen Belange äußerte.
Wenn ein hoher Lama nach Tharpa Choeling zu Besuch kam, stellte Geshe dem Besucher sein eigenes Zimmer zur Verfügung und er selbst wohnte dann in einer winzigen Nebenkammer. Er schlief und meditierte auf einer einfachen Matratze, vor sich ein leeres, umgedrehtes Obstkistchen als Tischchen, auf dem er seine Gebetstexte ablegte.
Es ist vor allem Geshe, der bereits in Indien die ersten westlichen Schüler unterrichtet hatte, zu verdanken, daß der tibetische Buddhismus in Europa Verbreitung fand. Und dies in authentischer, klarer und verständlicher Form, die jedem einen Zugang ermöglicht, gleich welcher Konfession er angehört, gleich mit welchem geistigen Weg er sich auseinandergesetzt hat oder nicht.
Geshe baute in der Schweiz auf Wunsch seiner Heiligkeit, des Dalai Lama, in beispielhafter Weise eine traditionelle klösterliche Ausbildung für tibetische und westliche Mönche auf. Trotz dieser starken zeitlichen Beanspruchung gab Geshe fast täglich und an den verschiedensten Orten im In- und Ausland Belehrungen, von der einfachsten Atemübung bis hin zu den schwierigsten Themen der buddhistischen Philosophie.
Eines der Hauptkennzeichen dieser Belehrungen ist die Klarheit und die leichte Verständlichkeit, mit der er auch schwierigste Aspekte deutlich machte. Erstaunlicherweise war Geshe mit unserer westlichen Art zu denken von Anfang an bestens vertraut. Er übertrug die Belehrungen des Buddha, der vor 2500 Jahren gelehrt hat, unverändert in die heutige Zeit und erschloß uns deren volle Tiefe und Weite in unvergleichlicher Weise, häufig unter Verwendung einfachster Bilder und Beispiele.
Da ist beispielsweise das Gleichnis vom Haus. Wer eines baut, beginnt mit den Fundamenten; niemals mit dem Dach. Mit diesem Bild läßt sich gleichzeitig eines von Geshes Hauptanliegen zeigen: in den Zuhörern und Schülern eine feste Basis für eine geistige Entwicklung zu setzen. Immer wieder machte Geshe deutlich, wie wichtig die vorbereitenden Übungen sind und wie wichtig die unmittelbare Anwendung des Verstandenen ist. Auch daß ein Schweben in hohen geistigen Gefilden ohne rechte Grundlage nicht nur eine Zeitverschwendung ist, sondern sogar äußerst gefährlich sein kann.
So hat Geshe sehr oft das sechste Kapitel von Shantidevas Leitfaden für das Leben eines Bodhisattvas unterrichtet, das ausschließlich von Geduld handelt. Ist es nicht ein erstrebenswertes Ziel und eine felsenfeste Basis für jede geistige Entwicklung, in jeder Lebenssituation einen heiteren, ungestörten Geist zu bewahren?
Ein weiteres Kennzeichen seiner Belehrungen ist, daß sie auf geistiger Toleranz gründen, so daß die Meditationen auch von Christen angewandt werden können. Aber darüber kann sich der Leser anhand dieses Büchleins, das ja in die Meditation einführt, sein eigenes Urteil bilden.
Der Zugang zu den Belehrungen für uns im deutschen Sprachraum wurde wesentlich durch Helmut Gassner bewirkt. Er übersetzte eine große Zahl von Geshes Belehrungen direkt vom Tibetischen ins Deutsche. Da ich selbst sehr viel davon profitiert habe, möchte ich ihm an dieser Stelle herzlich danken.
Wenn ich von Geshe als einem Begründer des tibetischen Buddhismus im Westen spreche, möchte ich seinen engsten Schüler nennen, der dieses große Werk in reinster Weise fortsetzt und sein Leben ganz dieser Aufgabe widmet: Gonsar Rinpoche, ein tibetischer Meister, der mehr als drei Jahrzehnte mit Geshe lebte und in jeder Beziehung als sein geistiger Sohn zu bezeichnen ist. Ihm ist es zu verdanken, daß wir auch heutzutage zum tibetischen Buddhismus in seiner authentischen Form direkten Zugang haben und daß der wertvolle Schatz der Belehrungen von Geshe Rabten Rinpoche erhalten und weitergegeben wird.
Ostermiething, Januar 1991
Prof. Dr. Franz Gschwind
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