Wichtig zu wissen8 / 8EPUB›

Die zwölf Glieder des Seins

Ich möchte Sie alle mit einem herzlichen Tashideleg begrüßen, und ich freue mich sehr, Sie wiederzusehen.

Es ist sehr gut, daß wir uns in einem so schönen Saal wiederfinden und Erklärungen über Dharma zuhören können. Wenn wir auch in der Zukunft die Möglichkeit haben, regelmäßig Kurse zu halten, dann wäre es vielleicht gut, ihnen einen bestimmten Text zugrunde zu legen; das nur als Plan für die Zukunft.

Viele von Ihnen werden schon einiges wissen von dem, was ich erklären werde, weil sie öfters zu Kursen kommen; aber dennoch denke ich, daß es auch denen, die es schon einmal gehört haben, von Nutzen sein wird, ganz zu schweigen von denen, die es noch nie gehört haben.

Wir sprechen viel vom Daseinskreislauf und von der Befreiung. Das sind zwei Worte, die uns allen im Mund liegen. Aber es ist sehr wichtig, auch genau zu wissen, was mit Daseinskreislauf, mit Samsara gemeint ist.

Wenn man weiß, was es bedeutet, daß man selbst im Samsara lebt, im Daseinskreislauf gefesselt ist, dann wundert man sich nicht über Schwierigkeiten, die einem in den Weg kommen, und über verschiedene Arten von Leid und Problemen, die man zu erfahren hat; man denkt sich dann einfach, ja, es ist eigentlich gar nichts anderes zu erwarten für jemanden, der eben im Daseinskreislauf existiert.

Wenn einem das nicht klar ist, dann kann es leicht passieren, daß man in seinem Leben sehr große Schwierigkeiten erfährt, irgendein großes Unglück geschieht, und weil einem nicht bewußt ist, daß das eigentlich auf die eine oder andere Art zu erwarten ist, wird man sich wundern: Warum muß mir so ein Unglück zustoßen?

So kommen zu dem äußern Unglück noch das Unverständnis und die innere geistige Belastung mit diesem Unglück.

Uns allen ist klar: Von Zeit zu Zeit geht es uns gut, wir sind entspannt und ruhig; und von Zeit zu Zeit erfahren wir große Bedrängnis. Das können wir aus unserer eigenen Erfahrung sehr deutlich sehen.

Wenn wir uns in Drangsal befinden, dann ist vielleicht die Hälfte des Leides, das wir erfahren, wirkliches Leid, das von außen auf uns zukommt; aber die andere Hälfte des Leides wird wahrscheinlich einfach durch Sorgen verursacht, durch ein Unverständnis, ein Nichtfähigsein, die Situation geistig zu bewältigen.

Sie wundern sich vielleicht, warum ich kaum zwei Worte gesagt habe und schon über Bedrängnis und Leid spreche. Der Grund dafür ist, daß eben Bedrängnis und Leid das ist, was wir nicht wollen. Wenn wir verstehen, woher es kommt, was seine Natur ist, wie man es abwenden kann, dann erreichen wir das, was wir wollen.

Anstatt gleich von vornherein zu sagen, wie gut es uns geht, in was für einer wunderbaren Situation wir leben, daß wir fast in einem Devareich wohnen usw.; das nützt nichts, es entspricht unserer tatsächlichen Situation nicht und bringt uns keinen Schritt weiter.

Um das mit einem Beispiel zu verdeutlichen: Wenn jemand eine große Reise unternimmt, die er zu Fuß bewältigen muß, die ihn über viele Flüsse und Pässe führt, dann ist es doch ratsam, dieser Person vor dem Aufbruch zu dieser Reise zu sagen, was für Schwierigkeiten auf sie warten, wie diese zu meistern sind, zu welchen Flüssen, welchen Pässen sie kommen wird, wie diese zu überqueren sind. So wird diese Person auf der Reise zwar wohl körperliche Schwierigkeiten und Mühsal ertragen, aber sie wird sich denken: Ja, ich wußte schon von Anfang an, daß das auf mich wartet, daß ich da hindurchgehen muß, und ihr Geist wird ruhig bleiben.

Würde man im Gegensatz dazu dieser Person einfach sagen: Geh du nur fleißig so weiter, es ist ein wunderschöner Weg, und es sind überhaupt keine Schwierigkeiten zu erwarten; dann wird diese Person, bevor sie am Ziel angekommen ist, die gleichen Mühsale ertragen müssen; nicht nur das, ihr Geist wird in arge Bedrängnis geraten, und das Leid dieser Person auf dieser Reise wird noch um einiges größer sein.

In Wirklichkeit sind wir alle Wesen im Daseinskreislauf oder, wörtlich übersetzt, Daseinskreisläufer. Viele von uns denken, wenn sie das hören, ja, der Daseinskreislauf oder das Samsara ist wohl irgendwo draußen ein Gebiet, wo es vielleicht Kühe gibt. Man kann sich alle möglichen Gedanken über den Daseinskreislauf machen. Diese sind jedoch zum größten Teil nicht korrekt.

Der Daseinskreislauf ist nicht etwas, das man irgendwo außerhalb finden kann, nicht irgendein Ort, wo es vielleicht Berge oder Kühe oder sonst irgend etwas gibt. Weder in diesem Land noch in irgendeinem andern Land kann man etwas finden, was tatsächlich dieser Daseinskreislauf wäre. Das Land z.B., in dem wir leben, ist lediglich der Ort, in dem Wesen leben, die sich im Daseinskreislauf befinden. Das ist also ein Ort der sogenannten Daseinskreisläufer.

Der Daseinskreislauf selbst existiert im eigenen Wesen.

So sollte man verstehen, daß der eigene Daseinskreislauf mit einem selbst, mit der eigenen Art zu leben eine Verbindung hat, einen Aspekt des Lebens darstellt. Er ist nicht irgend etwas außerhalb, man kann nicht ein Gebiet oder ein allgemeines Ding als Daseinskreislauf bezeichnen.

So gibt es eine Beziehung zwischen dem Daseinskreislauf und der eigenen Art des Bestehens.

Untersucht man nun die eigene Art des Bestehens genauer, dann kann man auch wieder verschiedene Arten unterscheiden.

Man kann die letztliche Bestehensart des eigenen Wesens betrachten. Diese ist dann etwas in Verbindung mit Shunyata, mit der Leerheit.

Oder man kann die abhängige Bestehensart der Person betrachten. Und diese wäre das, was mit der konventionellen Wahrheit übereinstimmt. Das dürfte auch wieder vielen von Ihnen bekannt sein.

Ein anderer Aspekt unserer Existenz sind die zwölf abhängigen Glieder; das ist die dritte Art, unsere Bestehensweise zu betrachten; sie beschreibt unser Bestehen im Daseinskreislauf, und darüber will ich nun sprechen.

Auch bei westlichen Leuten habe ich schon öfter Bilder gesehen, auf denen diese zwölf abhängigen Glieder symbolisch dargestellt sind. Vielen von Ihnen wird vielleicht bewußt sein, was diese Bilder bedeuten; vielen von Ihnen wohl nicht.

Kreisförmig angeordnet sind außen meistens zwölf Abschnitte mit verschiedenen Bildchen gemalt, und im Innern, dem Hauptteil dieses Bildes, werden verschiedene Bereiche dargestellt, Menschen, Tiere, göttliche Wesen und Wesen in elendem Dasein. Diese beschreiben die Art der Existenz der Wesen im Daseinskreislauf, die sechs verschiedenen Bereiche, in denen Wesen existieren können. Und die Bilder außen, die diese kreisförmige Abbildung umschließen, beschreiben die zwölf abhängigen Glieder.

Die meisten von Ihnen dürften eine solche Abbildung zu Hause haben. Wenn ich heute diesen äußeren Ring erkläre, können Sie das zu Hause ansehen und dann wahrscheinlich die Symbolik dieser Bilder verstehen.

Das erste Bild zeigt einen blinden Menschen, also einen Menschen ohne Augen.

Im allgemeinen haben wir Menschen Augen. Und diese Augen erlauben es uns, unsere Umgebung zu sehen und festzustellen, was sich dort abspielt. Solang wir Augen haben, können wir sehen, wohin wir gehen, was wir tun und welche Hindernisse auf unserm Weg sind; kurz, wir sehen, was um uns vorgeht. Wenn wir keine Augen haben, dann werden wir, ganz gleich, was wir tun, ob wir gehen, sitzen oder stehen, viele Fehler machen.

Was symbolisiert also dieser blinde Mann auf dem ersten Bild? Er zeigt, daß die allem zugrunde liegende Ursache unseres Umherirrens im Daseinskreislauf das Nichtsehen ist, die Unerkenntnis, die nach einem selbstbeständigen Ich greift.

Unsere Art des Bestehens im Daseinskreislauf ist dadurch gekennzeichnet, daß wir sehr viel Leid erfahren, körperliches Leid und geistiges Leid. Und was ist dieses Leid, diese Bedrängnis, die wir erfahren? Diese Bedrängnis ist ein Resultat; etwas, das einem ständigen Wechsel unterworfen ist, eben ein Resultat, das auf Grund von Ursachen ins Entstehen gekommen ist.

Da es Resultate sind, müssen sie eine Ursache haben. Nur auf Grund von Ursachen können Resultate entstehen. Das sehen wir selbst in der Natur: Blumen oder Bäume oder was immer es ist, es wächst als Resultat eines gewissen Samens, einer Ursache, die es zum Wachsen bringt.

Die Bedrängnis, die wir erfahren, ist also ein Resultat; ein Resultat, das unabdingbar auf Grund einer Ursache ins Entstehen kommt. Da Bedrängnis etwas ist, was wir nicht mögen, was wir nicht wünschen, muß sie notwendigerweise ein Resultat von negativen oder schlechten Ursachen sein. Denn etwas, was wir uns nicht wünschen, kann wohl kaum ein Resultat von guten Ursachen sein.

Also ist die Bedrängnis, die wir erfahren, einerseits ein Resultat; weiter ein Resultat, das auf Grund von Ursachen ins Entstehen kam; und auf Grund von Ursachen, die negativ oder schlecht sind.

Alle diese negativen oder fehlerhaften Ursachen lassen sich auf eines zurückführen: das ist die Unerkenntnis, von der wir am Anfang sprachen; auf die Unerkenntnis, die ein selbstbeständiges Ich erfaßt.

Was ist nun diese Unerkenntnis? Manche von Ihnen werden es vielleicht wissen; um es andern auch deutlich zu machen, will ich es nochmals erklären. Ganz gleich, was für ein Phänomen es ist, etwas, das existiert, muß notwendigerweise, von der konventionellen Seite her betrachtet, ein abhängiges Phänomen sein, ein Phänomen, das in Abhängigkeit existiert.

Von der letztlichen Seite her betrachtet, muß es ein Phänomen sein, das frei von innewohnender Existenz, frei von Selbstbeständigkeit ist.

So existiert es einerseits in Abhängigkeit, andererseits ist es frei von Selbstbeständigkeit. Das ist die eigentliche Art des Bestehens aller Phänomene, vorausgesetzt, daß sie existieren.

Um das deutlicher zu machen, werde ich vielleicht in einem andern Kurs diese zwei Wahrheiten, diese zwei Aspekte des Bestehens der Phänomene genauer beschreiben. Sie nur kurz zu erwähnen wird nicht zu einem klaren Verständnis führen.

Wenn wir erkannt haben, daß die Phänomene in dieser Art bestehen, wenn uns ganz klar ist, daß sie in ihrer Natur dieser zweifachen Wahrheit entsprechen, dann wissen wir, was die letztliche und eigentliche Art des Bestehens der Phänomene ist; und dann werden wir in unseren Handlungen keine Fehler machen.

Wenn wir zum Beispiel in weltlichen Belangen die Situation genau kennen, dann werden wir in unserm Benehmen, in unsern Handlungen keine Fehler machen, weil uns ganz klar ist, wie die Situation aufgebaut ist, was was bewirkt, so daß wir uns richtig bewegen können.

Im Gegensatz dazu: Wenn uns in weltlichen Belangen die Situation nicht klar ist, wenn wir nicht genau wissen, was sich abspielt, was wie zusammenarbeitet, dann werden wir wahrscheinlich sehr viele Fehler machen, eben weil wir nicht sehen, wie die Situation tatsächlich ist. Das ist uns sicher aus unserer Erfahrung geläufig.

So bestehen auch wir selbst in dieser zweifachen Wahrheit, in der konventionellen und in der letztlichen Wahrheit. Das ist uns jedoch nicht klar; wir sind gewissermaßen umnebelt oder blind gegenüber dieser eigentlichen Art des eigenen Bestehens.

Da uns nicht deutlich ist, wie wir in der Natur dieser zwei Wahrheiten existieren, erfassen wir unsere Existenz und die Existenz der Phänomene vollkommen verkehrt; das heißt, ganz entgegengesetzt ihrer eigentlichen Art des Bestehens, ihrer Natur des Bestehens in den zwei Wahrheiten. Und dieser Geisteszustand, der sich selbst und die andern Phänomene so vollkommen verkehrt erfaßt, wird Unerkenntnis genannt.

Tatsächlich existieren wir in einer sehr subtilen, feinen Abhängigkeit. Unsere Unerkenntnis jedoch erfaßt unsere Existenzweise vollständig umgekehrt, nämlich als etwas Eigenmächtiges, Unabhängiges, von der eigenen Seite her Existierendes.

So sieht unsere Unerkenntnis die Phänomene ganz entgegengesetzt ihrer eigentlichen Art des Bestehens, und das wird deshalb mit dem blinden Menschen symbolisiert, der die äußere Umwelt auch nicht so sieht, wie sie tatsächlich ist, der nicht sieht, was um ihn vorgeht, sondern nur eine große Dunkelheit um sich erfaßt.

Dieser Geisteszustand der Unerkenntnis existiert, er ist in uns vorhanden und wird auch deutlich; nur wird es uns nicht klar, daß er vorhanden ist. Erst wenn man länger studiert und nachdenkt und genau untersucht, was die eigentliche Art des eigenen Bestehens ist, wird einem deutlich, daß in einem selber dieser Geist der Unerkenntnis vorhanden ist und daß er aktiv ist.

So ist in unserm Geist diese Unerkenntnis, und auf der Basis dieser Unerkenntnis entsteht dann manchmal Haß, der uns unglücklich macht; manchmal entsteht gegenüber den andern Eifersucht, die uns unglücklich macht; manchmal entsteht starkes Verlangen. Und so kommen auf Grund dieser Unerkenntnis eine Unzahl von Geisteszuständen zum Vorschein, die den Geist aufwühlen und ihn bedrängen.

Um das auf der körperlichen Ebene zu vergleichen: Das würde einem Menschen mit einer sehr schwierigen chronischen Krankheit entsprechen; das heißt, der eigentliche Defekt, der irgendwo im Innern des Körpers vorhanden sein kann, verursacht andauernd weitere Komplikationen.

Das Beispiel werden wohl die meisten von Ihnen schon verstanden haben. Dieser Defekt des Körpers, diese innerste Krankheit, entspricht der Unerkenntnis; die ständigen Komplikationen, die dadurch dauernd ungewollt hervorgerufen werden, entsprechen den Geistesverblendungen wie Haß, Verlangen und Eifersucht usw., die auf Grund der Unerkenntnis entstehen.

Da die Basis, diese Unerkenntnis, ein vollständig fehlerhafter, getäuschter Geisteszustand ist, sind sämtliche Geisteszustände, die auf dieser Basis entstehen, wie Haß, Verlangen und Eifersucht usw. ebenfalls fehlerhafte Geisteszustände. Wenn man die zwei Wahrheiten, die eigentliche Art des Bestehens der Dinge, genau erkennt und versteht, dann ist es nicht mehr möglich, daß Geisteszustände auftreten, die einen unglücklich und traurig machen, die einen in Drangsal bringen.

Würde zum Beispiel Herbert zu Geshe viele böse Worte sagen und würde Geshe wütend auf ihn werden, dann sind die bösen Worte der äußere Umstand, aber der eigentliche Faktor, der Geshes Geist in Bedrängnis brächte, sind der Haß und die Wut, die in ihm aufsteigen. Und als Resultat dieses Hasses, der dann entsteht, würde Geshe vielleicht noch andere böse Worte zurücksagen, die dann wiederum Haß in Herbert verursachen würden; und dann könnten sie am Schluß auch noch fleißig streiten.

Würde man klar verstehen, daß die Phänomene in ihrer Natur diesen zwei Wahrheiten entsprechen, könnte kein solcher Haß entstehen.

Damit zum Beipiel eine Blume wachsen kann, braucht es einerseits die Ursache, den Samen für diese Blume, andererseits viele Umstände, die sie dann tatsächlich zum Sprießen bringen können, wie das Wasser, die Wärme, die Erde usw. In gleicher Weise sind zum Beispiel die bösen Worte lediglich ein äußerer Umstand; aber die eigentliche Ursache für den Haß, der in einem entsteht, ist die Unerkenntnis.

Auf Grund der Unerkenntnis entstehen fehlerhafte Geistesfaktoren. Diese führen dazu, daß negative geistige Handlungen durchgeführt werden, das heißt, daß negative Gedanken auftreten; und diese führen zu negativen sprachlichen Handlungen und zu negativen körperlichen Handlungen.

So ist zum Beispiel auf Grund einer unheilsamen sprachlichen Handlung ein negatives Karma erzeugt worden - Karma bedeutet nichts anderes als Handlung -, und diese Handlung oder dieses Karma ist eine Ursache, und in diesem Fall eine negative Ursache.

Auf den Darstellungen dieser zwölf abhängigen Glieder finden Sie oft einen Töpfer als zweites Bild. Dieser Töpfer symbolisiert die negativen Handlungen von Geist, Rede und Körper. Das ist nicht auf allen Bildern der Fall, aber auf manchen, und vielleicht haben Sie selbst so ein Bild zu Hause.

Dieser Töpfer, der da verschiedene Formen herstellt, produziert etwas, er macht etwas, es sind Handlungen, die er durchführt. Und in gleicher Weise sind unsere körperlichen, sprachlichen und geistigen Handlungen eben auch Handlungen, die durchgeführt werden.

Diese unheilsamen Handlungen von Körper, Rede und Geist sind das zweite der zwölf abhängigen Glieder.

Wir führen diese Handlungen natürlich nicht ständig weiter; das heißt, man tut etwas eine gewisse Zeitlang, und dann hört man auf, man denkt etwas anderes, es kommen wieder andere Geisteszustände zum Vorschein; diese Handlungen dauern also nicht endlos an. Wenn sie zu Ende kommen, hinterlassen sie ein Potential, einen Eindruck oder eine Ursache, die in der Zukunft ein Resultat produzieren wird.

Dieses Potential wird auf dem Geist plaziert oder gespeichert, es bleibt auf dem Geistesstrom erhalten. Und dieser Geist ist dann das dritte der zwölf abhängigen Glieder; das heißt, dieser Geist, der als Rezipient der Potentiale der Handlungen dient.

Auf den Darstellungen der zwölf abhängigen Glieder wird für das dritte Glied, den Geist, ein Affe gezeichnet.

Sie haben sicher schon öfter Affen gesehen; es sind unter den Tieren wohl die lebendigsten, das heißt die, die man überhaupt nie ruhighalten kann, die ständig irgendwohin sausen oder irgend etwas tun. Und das entspricht ungefähr unserm Geist. Er kann auch nie festgehalten, nie ruhiggehalten werden, er saust auch ständig irgendwohin. Deswegen wird er mit diesem Affen verglichen.

Da Sie Ihren eigenen Geist in sich selber haben, können Sie selbst beurteilen, ob er ruhig ist oder nicht.

Ein weiterer Geisteszustand, der in uns entsteht, ist Verlangen. Verlangen kann gegenüber vielen Dingen entstehen: gegenüber Menschen, gegenüber Gebieten oder Ländern, gegenüber allem möglichen. Das Verlangen hilft diese Potentiale zu verstärken, es gibt diesen Potentialen mehr Kraft.

Das Potential, das auf dem Geist plaziert wird, könnte zum Beispiel mit einem Samen verglichen werden; damit dieses Potential möglichst fleißig wächst, kann man den Samen gießen, und der würde dann auch wachsen; und das entspricht dem Verlangen, das dieses Potential verstärkt und zum Wachsen bringt.

Solche Geistesverblendungen wie Verlangen entstehen in uns. Es ist uns meistens nicht klar, weil uns das nicht besonders interessiert. Und obwohl es uns nicht besonders interessiert, bewirkt das Verlangen ein Anwachsen dieser negativen Potentiale.

Verlangen ist das vierte aus den zwölf abhängigen Gliedern, wenn sie in der Reihenfolge erklärt werden, wie wir im Daseinskreislauf Existenz nehmen.

Auf manchen Bildern wird das Verlangen mit einem Biertrinker beschrieben. Es gibt verschiedene Maler, die verschiedene Beispiele wählen; aber auf manchen Bildern habe ich schon das Symbol eines Bier trinkenden Mannes gesehen.

Das Verlangen hat die Eigenschaft, daß es, wenn es einmal ein Objekt gesehen hat, ständig wieder ein weiteres möchte und wieder ein weiteres und dann noch einmal eines und es kein Ende des Verlangens gibt. Das Verlangen kann nie gestillt werden, es verlangt ständig wieder etwas Neues, sobald es ein Objekt einmal als angenehm erfaßt hat.

Und ähnliches trifft auch für den Biertrinker zu. Wenn er ein Glas getrunken hat, dann hat er Lust, noch ein zweites zu trinken, und dann eben noch eines und noch eines. Für jemanden, der noch nie Bier getrunken hat, trifft das nicht zu. Sobald er nämlich nur einen Schluck nimmt, findet er das bittere Zeug grausig, und es wird ihm schwindlig davon. Im Gegensatz dazu natürlich kann das jemand, der sich das Biertrinken angewöhnt hat, sehr gut nachvollziehen.

Wenn man sich dem Tod nähert, entsteht ein noch viel stärkeres Verlangen als während des Lebens. Man hat das Gefühl, jetzt muß ich meinen ganzen Besitz zurücklassen, jetzt muß ich meine Kinder zurücklassen, jetzt muß ich mein Land verlassen; und es entsteht ein starkes Haften an diesen Dingen.

Dieses starke Anhaften verursacht dann, daß die Potentiale, die früher schon auf den Geist gesetzt worden sind, noch viel schneller zum Reifen kommen als es durch das Verlangen während des Lebens schon geschah.

Dieses starke Haften an den Dingen ist das fünfte Glied und wird Greifen genannt.

Als Beispiel wird auf manchen Zeichnungen ein Mensch dargestellt, der nach Äpfeln oder nach irgendwelchen Früchten am Baum greift.

Dieses starke Anhaften ist wesentlich stärker als das Verlangen vorher; das Gefühl, jetzt muß ich alle diese Dinge zurücklassen, erzeugt als Gegenreaktion dieses Greifen danach, dieses Verlangen, sie zu nehmen; und das wird mit dem Greifen nach einer Frucht symbolisiert.

Wenn man zum Beispiel ein Feld gepflügt und bepflanzt hat und es schon einige Zeit im richtigen Zustand war und dann eines Abends ein warmer Regen fällt, kommt es oft vor, daß am nächsten Morgen alles grün ist, daß also auf einmal die Pflanzen angefangen haben zu wachsen. In einem solchen Fall war dieser Regen ein ganz besonderer Umstand, der die Pflanzen dann wirklich zum Sprießen brachte.

Dieses Greifen macht die Potentiale, die früher schon gesetzt und dann im Lauf der Zeit auch ständig verstärkt worden sind, so reif, daß sie gerade am Punkt des Resultat-Gebens sind; sie sind also gerade so weit gekommen, daß sie ihr Resultat produzieren. Das ist zu dem Zeitpunkt, wo der Mensch daran ist zu sterben.

Dies ist das sechste Glied in den zwölf abhängigen Gliedern, und es wird Sein oder Existieren genannt. Es ist die Tatsache, daß die Potentiale gerade so weit sind, daß sie ihre Resultate geben können.

Auf manchen Bildern wird das mit einer Mutter im neunten Monat beschrieben, also einer Frau, die ein Kind im neunten Monat trägt und gerade kurz vor dem Geburt-Geben steht.

Diese Darstellungen der zwölf abhängigen Glieder und des Daseinskreislaufs haben Sie vielleicht bisher immer als ein nettes Bildchen betrachtet; jetzt können Sie es sich, wenn Sie nach Hause gehen, nochmals ansehen und die Bedeutung dahinter verstehen.

Das sind alles Dinge, die wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt tun. Die Unerkenntnis ist ein Geisteszustand, der in uns vorhanden ist. Als Resultat davon entstehen immer wieder Anhaftung, Haß und alle möglichen andern negativen Geisteszustände. Wir tun unheilsame Dinge. Diese unheilsamen Dinge hinterlassen ihre Potentiale auf unserm Geist, und es entsteht in uns Verlangen. Die weiteren Glieder, das Greifen usw., sind dann allerdings Dinge, die erst gegen das Ende des Lebens eintreten.

So sind wir fleißig dabei, Ursachen zu produzieren; derjenige, der sie produziert, das sind wir; derjenige, der die Suppe auszulöffeln hat, der also die Konsequenzen zu tragen hat, das sind auch wir. Es gibt also niemanden wie eine Polizei, die uns irgendwo gefangennimmt und ins Gefängnis steckt und uns dementsprechend in den Daseinskreislauf gesteckt hätte. Es gibt keine Person, kein Wesen, das uns so etwas antut, sondern wir sind aus den eben erwähnten Gründen im Daseinskreislauf.

Im Ablauf der Erklärungen der zwölf Glieder sind wir nun dort angelangt, wo die Person stirbt und als Bardowesen weiterexistiert, das dann ständig auf Suche ist, sich mit einer neuen Form verbinden zu können, und das sich dann entweder in der Gebärmutter eines Menschen oder in der eines Tieres oder was immer mit fleischlichen Substanzen verbindet.

Auf den Bildern der zwölf abhängigen Glieder wird das Bardo nicht symbolisch dargestellt, sondern lediglich das Geburt-Nehmen, das heißt das sich Verbinden mit den fleischlichen Substanzen. Aber in Wirklichkeit geht das Wesen zu diesem Zeitpunkt durch das Bardo.

Und nach dem Bardo verbindet sich das Bewußtsein mit den fleischlichen Substanzen der Eltern; und dieser Zeitpunkt, wo sich das Bewußtsein mit diesen fleischlichen Substanzen verbindet, wird als Geburt bezeichnet. Das ist das siebte Glied.

Als Symbol wird auf den Darstellungen eine Mutter gemalt, die ein Kind zur Welt bringt; also der Prozeß der Geburt, wie er bei uns bekannt ist, was wir als Geburt bezeichnen.

Man sollte jetzt nicht denken, daß man selbst stirbt und das Bewußtsein eines anderen Menschen sich dann mit den fleischlichen Substanzen der neuen Eltern verbindet; sondern man selbst stirbt, und es ist das eigene Bewußtsein, das wieder eine neue Geburt nimmt und dann weiterexistiert. Man selbst hat die Ursachen gesetzt, Handlungen durchgeführt, und man selbst erfährt dann die Resultate.

Das einzige, was dabei passiert, ist, daß sich der Geist vom Körper trennt, daß der alte Körper entweder verbrannt oder begraben oder von den Vögeln gefressen wird und sich das Bewußtsein wieder mit den fleischlichen Substanzen der zukünftigen Eltern verbindet.

Das Bewußtsein existiert dann weiter in Verbindung mit diesen Substanzen. Und der Zeitpunkt des zusammen Existierens wird als Name und Form bezeichnet. Das wäre dann das achte aus diesen zwölf Gliedern des abhängigen Entstehens.

Auf manchen Bildern wird das achte Glied symbolisch mit einem Lederboot dargestellt, in dem ein Mann ist, der dieses Boot auf einem Fluß rudert.

Das Beispiel ist so zu verstehen, daß sich der Mann im Boot befindet und zusammen mit diesem Boot vor und zurück kann: genauso ist das Bewußtsein mit den fleischlichen Substanzen verbunden und auf diese angewiesen.

Im Lauf der Entwicklung des Körpers werden mit der Zeit die verschiedenen Sinne ausgebildet. Dieser Zeitpunkt wird als neuntes Glied des abhängigen Entstehens bezeichnet.

Um die sechs Sinne darzustellen, wird auf diesen Zeichnungen als Beispiel oft ein leeres Haus gemalt. Und zwar ein Haus mit Fenstern und Türen, und diese Fenster und Türen symbolisieren die sechs Sinne.

Im Lauf der weiteren Entwicklung entsteht dann die Fähigkeit der Sinne, ihre Objekte zu treffen und wahrzunehmen. Dies wird als Glied der Berührung bezeichnet. Das wäre das zehnte in diesen zwölf Gliedern des abhängigen Entstehens. Dieses zehnte Glied der Berührung wird auf den Darstellungen oft durch eine Umarmung von Frau und Mann symbolisiert.

Das elfte ist das Glied der Empfindung. Die Sinne wurden schon ausgebildet, eine Berührung der Sinne mit ihrem Objekt hat stattgefunden, und als Resultat dieser Berührung und in Verbindung mit den Organen entstehen dann angenehme und unangenehme Empfindungen; und diese Empfindung wird als elftes aus diesen zwölf Gliedern beschrieben.

Als symbolisches Bild wird auf den Zeichnungen ein Mann dargestellt, den ein Pfeil im Auge getroffen hat. Wenn einen ein Pfeil im Auge trifft, dann verursacht das eine außergewöhnlich starke Empfindung, und deswegen wird es als Beispiel für die Empfindung gemalt.

Das zwölfte dieser zwölf Glieder des abhängigen Entstehens ist das Altern und Sterben. Das heißt, im weitern Prozeß altert und stirbt man eines Tages. Das Bild dafür ist ein alter Mann und ein Leichnam, der das Sterben symbolisiert.

Wenn Sie sich dieses Bild nun ansehen, dann verstehen Sie jetzt die Symbolik hinter den Zeichnungen dieser zwölf kleinen Bildchen außen am Rand; und innen, mit diesen sechs Bereichen werden die verschiedenen Arten des Lebens in diesem Daseinskreislauf beschrieben.

So habe ich diese zwölf Glieder in einer Sequenz dargestellt, in der sie auftreten können, aber es ist durchaus möglich, daß durch verschiedene Umstände manche dieser Glieder zur gleichen Zeit auftreten.

Es sollte deutlich geworden sein, daß unsere Existenz ein ständiger Kreislauf durch diese zwölf Glieder ist; das heißt, daß wir ständig eines nach dem andern dieser Glieder durchlaufen und dann wieder von vorne, und daß wir so in einem ständigen Kreislauf existieren; deswegen werden wir Daseinskreisläufer genannt.

Und dadurch sollte auch deutlich geworden sein, daß dieser Daseinskreislauf nichts anderes ist als das eigene Leben, die eigene Art des Existierens; die Tatsache, daß man unfreiwillig ständig in diesem Kreislauf weitergeht, von einem Glied zum andern.

So ist die eigentliche Ursache dafür ein großer Fehler; das Resultat ist Bedrängnis und Leid; und so existieren wir.

Deshalb sollten Sie, wenn Sie irgendwelches Unglück trifft, nicht gleich anfangen zu heulen und alle anzujammern, sondern sich darüber klar werden, daß eigentlich gar nichts anderes zu erwarten ist, daß das durch die Art der eigenen Existenz bedingt ist.

Wenn einem deutlich wird, daß das Leid und das Unglück, das man erfährt, durch die eigene Art des Existierens bedingt ist, dann entspannt sich der Geist, er wird offen und weit, und das Leid, das man erfährt, ist wesentlich leichter zu ertragen als sonst, und dadurch wird es auch wesentlich geringer.

Und das ist, was ich am Anfang deutlich machen wollte: Daß wir mit dem Leid und mit den Bedrängnissen, die uns treffen, wesentlich leichter zurechtkommen, wenn uns die eigene Art des Bestehens klar ist.

Das einerseits in bezug auf unsere weltlichen Dinge und Probleme. Wenn wir andererseits im Dharma eine Entsagung entwickeln wollen, dann ist das beste, diese zwölf Glieder zu betrachten, die Entsagung damit zu entwickeln.

Wenn uns deutlich wird, daß das unsere Art des Bestehens ist, dieser ständige Kreislauf, daß nichts anderes auf uns wartet als eines dieser Glieder nach dem andern, dann denkt man sich: Also wenn ich so leben muß, so weiterexistieren muß, dann habe ich keine Lust dazu, dann will ich aus diesem Kreislauf heraus. Und man kann damit einen starken Wunsch entwickeln, eine Befreiung von diesem Daseinskreislauf zu erlangen.

Deshalb ist es wichtig, daß man sich dafür interessiert, wie man tatsächlich existiert. Dann entsteht auch der Wunsch, es zu verstehen. Wenn man dagegen kein Interesse dafür hat, dann hat man keinen Wunsch, sich darüber klarzuwerden, und dann entsteht auch nie der Wunsch, davon freizukommen.

Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, sich für etwas zu interessieren. Wir sollten den Wert eines Interesses an diesen Dingen durch klare Begründungen erkennen. Denn wenn wir klare Begründungen haben, dann ist unser Interesse echt, und es entsteht auch ein Vertrauen auf die Dinge, die man verstehen will.

Was ist eine richtige Begründung? Zeichen der tatsächlichen Existenz der Dinge sind eine richtige Begründung. Die Dinge existieren auf eine gewisse Art. Ihre tatsächliche Art des Bestehens läßt Zeichen zu, und diese Zeichen sind korrekte und eigentliche Begründungen. Kurz gesagt, wenn es ein Grund ist, der den Tatsachen entspricht, dann nennt man ihn einen korrekten oder perfekten Grund.

Es gibt eine Unzahl von Begründungen, die wir uns selbst zusammenbasteln, die der tatsächlichen Wirklichkeit nicht entsprechen. Diese Begründungen nennt man scheinbare Begründungen. Diese scheinbaren Begründungen haben keine Essenz, es sind keine wirklichen Begründungen.

Tatsächlich verwenden wir viele Begründungen, das heißt, wir überlegen uns Dinge, und es kommen uns Begründungen in den Sinn. Nicht nur uns selbst, auch Tiere ziehen gewisse Schlüsse. Und solang man sich nicht klar darüber wird, ist einem nicht bewußt, daß man Schlüsse zieht.

Ein Tier zum Beispiel, das durstig durch die Gegend schweift und irgendwo Wasser pritscheln hört, denkt sich, ja, dort muß Wasser sein; weil es eben Wasser pritscheln hört. Es hat nicht die Möglichkeit, so etwas auszusprechen, aber es zieht den Schluß, daß dort Wasser sein muß, weil es das Wasser fließen hört, geht hin, um zu trinken, und findet dort auch Wasser.

Ein anderes Beispiel: Ein Polizeihund, der einem versteckten Dieb nachspürt, der entweder den Geruch des Diebes wahrnimmt oder ihn durch Laute erfaßt: Er sieht den Dieb nicht, aber durch den Geruch weiß er, daß der Dieb dort in dieser Richtung sein muß, und er schießt los und greift den Dieb. Dieser Hund sieht den Dieb nicht, der Geruch des Diebes ist nicht der Dieb selbst, aber dennoch weiß der Hund, daß der Dieb dort sein muß. Und das Indiz, das ihm diese Schlußfolgerung ermöglicht, ist der Geruch. So wird deutlich, daß der Hund durchaus zu Schlußfolgerungen fähig ist. Er ist nicht fähig, diese zu formulieren oder auszusprechen.

Das sind nur zwei Beispiele. Sie kennen sicher viel mehr, weil Sie wahrscheinlich wesentlich mehr Erfahrung mit Tieren haben als ich. Und so können Sie sich selbt überlegen, ob Tiere Schlußfolgerungen ziehen oder nicht. Und Sie werden sehen, daß sie tatsächlich durch gewisse Umstände zu gewissen Reaktionen kommen und sozusagen Schlüsse ziehen, die sie zwar nicht formulieren und auch nicht aussprechen können.

Der Mensch verwendet in noch viel weiterem Ausmaß Schlußfolgerungen und Begründungen für sehr schwierige und komplexe Gebiete, die mit denen der Tiere nicht zu vergleichen sind. Tiere verwenden solche Schlußfolgerungen höchstens, um kleine, einfache Dinge durchzuführen; der Mensch für wesentlich weitere Aufgaben.

Allerdings, auch wieder im Gegensatz zum Tier, ist ein Großteil der Schlußfolgerungen, die der Mensch zieht, fehlerhaft. Und zwar deshalb, weil der Mensch viel spricht, viele Gedanken hat und auf Grund dieser vielen wirren Gedanken dann oft falsche Schlüsse zieht. Diese vielen wirren Gedanken haben die Tiere nicht. Das dürfte uns allen deutlich sein. Ein Mensch stellt sich unglaublich viel vor, und ein Tier stellt sich vielleicht ein, zwei Dinge vor, aber nicht mehr. Man muß selbst untersuchen, was richtige und was scheinbare Begründungen sind, und dann den richtigen folgen. So macht man keine Fehler.

Antworten auf Fragen

Eigentlich ist es nicht sosehr notwendig, zwei Leute in das Boot zu setzen. Aber der Maler hat sich das wahrscheinlich so überlegt: Das ist das Glied des Namens und der Form; mit dem Namen ist das Bewußtsein gemeint, das sich mit den fleischlichen Substanzen verbunden hat, und mit der Form sind die fleischlichen Substanzen gemeint. Da das nun zwei sind, hat der Maler wahrscheinlich gedacht, er malt da zwei Leute hinein. Das dürfte der Grund dafür sein.

Es gibt verschiedene Reihenfolgen, in denen das erklärt wird. In den Texten wird eine ganz bestimmte Reihenfolge erwähnt, die von der abweicht, die ich heute erklärt habe. Da werden Dinge, die heute am Schluß kamen, an den Anfang gesetzt und umgekehrt. Heute habe ich für die Erklärung die Reihenfolge gewählt, in der wir die Glieder eines nach dem andern erfahren.

In den Texten ist die Reihenfolge anders, und die meisten Bilder werden der Erklärung der Texte folgen. Und zwar sind dort die ersten drei Glieder gleich; dann werden zwischen diese und die nächsten drei Glieder, das ist Verlangen, Greifen und Sein, die drei Glieder der Resultate hineingeschoben.

Es gibt einen ganz bestimmten Grund, weshalb die Texte die Reihenfolge anderst erklären, und zwar zuerst die Empfindung und nachher das Verlangen. Ich fürchte jedoch, wenn ich das jetzt auch noch erkläre, wird die schöne Reihenfolge, die Sie jetzt im Gedächtnis haben, ganz durcheinandergebracht.

Die Reihenfolge, die ich heute gewählt habe, erklärt die Ursachen zuerst und die Resultate danach. Zuerst müssen natürlich die Ursachen kommen, und dann werden die Resultate erfahren.

Diese Reihenfolge weicht von der der Texte ab, denn die Texte beziehen sich auf den Gedanken, daß in uns, wenn wir etwas Angenehmes empfinden, meistens daraus Verlangen nach dem bestimmten Objekt entsteht. Wenn wir etwas Unangenehmes empfinden, dann entsteht daraus Abneigung. Und deshalb wird dort zuerst die Empfindung, das heißt die Empfindung des Angenehmen erwähnt, und dann erst das Verlangen. Auf Grund dieser Tatsache wird die Reihenfolge umgekehrt; während die Erklärung, die ich heute gegeben habe, der Reihenfolge entspricht, in der die zwölf Glieder in bezug auf ihre Ursachen und Wirkungen angeordnet werden können.

Viele von Ihnen wissen wahrscheinlich auch Bescheid über die sogenannten vier Wahrheiten: Die Wahrheit des Leidens, des Ursprungs des Leidens, der Beendigung des Leidens und des Weges, der zu dieser Beendigung führt. Das ist die Reihenfolge, in der diese vier Wahrheiten in den Texten erwähnt werden. Nun, die Reihenfolge, in der man sie erfährt, ist ganz anderst. Und zwar kommt zuerst die Ursache des Leidens, und dann erfährt man das Leiden; da ist die erste Sequenz verdreht. Und dann muß man zuerst den Weg zur Beseitigung des Leidens gehen, und erst dann kann man es beseitigen; da ist die zweite Sequenz verdreht. So entsprechen die Erklärungen der Texte in diesem Fall auch nicht der Reihenfolge, in der die Punkte erfahren werden.

Ich habe erwähnt, daß es zum Wachsen einer Ähre oder einer Blume immer einen Samen als hauptsächlichste Ursache benötigt, und dann die Umstände wie eben Erde, Feuchtigkeit usw. Das habe ich als Beispiel benützt, und ich habe das Beispiel eben so einfach präsentiert, weil das etwas ist, was wir mit den eigenen Augen leicht beobachten können. Wenn ich ein solches Beispiel gebe, dann kann man das leicht erfassen und leicht Parallelen ziehen. Nur aus diesem Grund habe ich es so dargestellt.

Wenn man jedoch wirklich das Entstehen zum Beispiel einer Ähre oder irgendeines Resultates aus einem Samen genauer betrachtet, dann gibt es noch viele sehr komplizierte Dinge zu berücksichtigen und auch verschiedene Gedanken in bezug auf die subtile Abhängigkeit der Phänomene, die mühsam nachzuvollziehen sind. Würde ich die alle mit ins Spiel bringen, dann wäre die Wirkung, der Sinn des Beispiels verloren.

Nun bezüglich der andern Frage, des Existierens im Daseinskreislauf. Unsere Art des Existierens ist zwar wohl so, wie ich beschrieben habe, nämlich daß wir in dieser Abhängigkeit bestehen. Aber das schließt nicht aus, daß es eine Entwicklung des Geistes gibt, eine Weiterentwicklung des Geistes zu etwas Höherem; diese gibt es durchaus.

Wir erfahren in unserer Existenz viel Leid und auch Glück. Was wir uns wünschen, ist natürlich das Glück, was wir nicht mögen, ist das Leid. Die Ursachen sowohl für das Glück wie auch für das Leid haben wir selbst geschaffen. Das heißt, wir setzen die Ursachen, und wir erfahren auch das Resultat.

Nun, um nicht Leid, sondern Glück zu erfahren, müssen wir die negativen Ursachen verringern und die heilsamen oder positiven möglichst vermehren. Wenn einem das gelingt, dann beinhaltet das auch eine Weiterentwicklung. Das heißt, daß man durch Ansammlung von heilsamen Ursachen immer mehr Glück und Verständnis erlangt und durch Vermeiden der unheilsamen das Leid und die negativen Aspekte mehr und mehr unter Kontrolle bekommt.

Um ein ganz einfaches Beispiel zu geben: Herbert könnte mir böse Worte sagen oder mich beschimpfen oder schelten. Ob ich mich nun ärgere oder ob ich das ertrage, das liegt in meiner Hand. Wenn ich mich darüber ärgere und als Resultat davon vielleicht zurückschimpfe, dann setze ich unheilsame oder negative Ursachen. Wenn ich den Geist ruhig behalte, ertrage, ganz gleich, was immer gesagt wird, dann ist das eine fehlerlose Führung des Geistes, und es werden heilsame Ursachen gesetzt. Und durch heilsame Ursachen entsteht eine Weiterentwicklung, es entstehen eben Ursachen für zukünftiges Glück. Und so liegt es ganz in meiner Hand, welchen Weg ich wähle.

Allerdings fällt es uns wesentlich leichter, uns zu ärgern als etwas zu ertragen; und der Grund ist, daß wir uns an das Ärgern sosehr gewöhnt haben. Dennoch liegt es letztlich in unserer Hand, ob wir uns ärgern oder ob wir etwas ertragen. Das Ertragen mag zwar am Anfang wesentlich mühsamer und schwieriger sein; der Haß jedoch ist eine Basis, die nur Leid für einen selbst und die andern in der Zukunft bringt, also nur Negatives; während das Ertragen eine Basis für Glück für einen selbst und die andern in der Zukunft ist, eine Basis, die eine Weiterentwicklung, ein Vorwärtsschreiten des Geistes mit sich bringt.

In diesem ganz einfachen Beispiel gibt es natürlich auch wieder ein letztliches Resultat und ein gegenwärtiges Resultat der Handlung. Ganz abgesehen vom letztlichen Resultat, wenn man nur die gegenwärtige Wirkung dieser zwei Möglichkeiten betrachtet: Würde sich die bescholtene Person ärgern und womöglich etwas zurückmaulen, dann würde sich der andere nur noch mehr aufregen, man würde sich selbst aufregen und dadurch schon etwas Bedrängnis erfahren.

Im Gegensatz dazu, würde der Bescholtene ertragen, was gesagt wird, und würde ihm bewußt werden, daß das Ertragen, das er, vielleicht mit etwas Anstrengung, durchführt, eine heilsame Handlung ist, und sich darüber freuen, dann würde das seinen Geist ruhighalten, und das Leid, die Bedrängnis des Ärgers würde ausfallen; und der andere, der ihn gescholten hat, würde sich wahrscheinlich schämen, weil er keine Reaktion bekommt, und sich ebenfalls beruhigen; und dadurch hätte die ganze Situation einen eher positiven Ausgang.

Ich freue mich sehr, daß Sie solches Interesse zeigen, und ich bedanke mich auch bei den Leuten, die den Saal besorgt und das Treffen möglich gemacht haben.

Ich ermutige alle, sich weiter zu bemühen und zu denken, daß das wirklich unser aller Arbeit ist. Ich empfinde das ebenso. Und ich bitte, diejenigen, die die Organisation machen, zu unterstützen, denn das nützt vielen Leuten, die nicht weit reisen können und eben dennoch Interesse an Unterweisungen haben.

Ich hoffe, Sie alle bald wieder zu sehen.

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