An einem klaren, sonnigen Herbstmorgen wachte ich mit einem Gefühl der Ruhe und des Glücks auf, wie ich es nie zuvor gekannt hatte. Einige Tage zuvor war mir erzählt worden, daß dieser Tage ein tibetischer Meister in der Schweiz erwartet werde, der für die besondere Fähigkeit bekannt war, den westlichen Menschen die Gedanken östlicher Philosophie verständlich machen zu können. Ich war entschlossen, mich von meinem Psychoanalytiker zu verabschieden und bei diesem tibetischen Meister zu lernen.
Am gleichen Morgen hatte ich eine Verabredung mit meinem Analytiker und erzählte ihm von der ungewohnten Erfahrung. Er war überzeugt, daß ich meine "Mitte" gefunden hatte und rätselte, wie es dazu gekommen war. Um das Rätsel zu lösen, gab er mir den Rat zu meditieren. Und genau das hatte ich vor, gab ich zur Antwort. Daß ich das Meditieren bei einem Meditationsmeister lernen wollte und nicht in der Psychologie, war auch nicht mehr schwierig zu sagen, und damit fanden die Reisen ins Reich der Träume ein elegantes Ende.
Bald darauf konnte ich diesen Meister treffen, es war Geshe Rabten. Ich bat ihn, mir Unterweisungen zu geben, worauf er freundlich einwilligte. Jede Woche konnte ich dann mit einer Gruppe von Interessierten seinen Ausführungen folgen. Die Dinge, die er erklärte, waren die grundlegenden Fragen des Lebens. Die Art, wie er sie erklärte, war auch für einen kritischen Techniker überzeugend: Logische Überlegungen waren die Grundlage jedes Gedankens, und schlagkräftige Analogien aus dem täglichen Leben brachten jeden Gedanken in greifbare Nähe. Die Vorlesungen an der Hochschule, die ich damals hörte, waren oft nicht so klar und logisch wie Geshes Erklärungen. Noch nie hatte ich Themen der Philosophie, der Religion oder einfach des Lebens mit solcher Präzision, Genauigkeit und praktischer Anwendbarkeit beschrieben gehört.
So war ich bald überzeugt, daß das Studium des Buddhismus sinnvoller ist als das Studium der Elektrotechnik und entschloß mich, meine technischen Studien abzubrechen, vielleicht wohl auch mit dem Hintergedanken, dadurch den Konsequenzen meiner Studienfaulheit der vergangenen Jahre entgehen zu können. In vielen Diskussionen mit betroffenen Eltern, Verwandten und Freunden konnte niemand stichhaltige Begründungen aufrecht erhalten, die mich zum Weiterstudieren gebracht hätten.
Als alle Vorbereitungen für meine Abreise in den Fernen Osten vollständig waren, dachte ich, Geshe Rabten von meinem Entschluß zu informieren. Seine Antwort war einfach: Nach dem Abschluß meines Technikstudiums sei noch genügend Zeit zu lernen, was immer ich wolle. Seine Persönlichkeit strahlte eine solche Ruhe, Gewißheit und Autorität aus, daß ich nicht einmal zu einem Gedanken der Widerrede fähig war.
Einige Wochen später gab Geshe Einweihungen und Unterweisungen, die den ganzen Tag dauerten. Da ich am Mittag zu faul war, ins Dorf hinunterzulaufen, kam ich um mein Mittagessen. Am Nachmittag spazierte ich ums Kloster und wurde langsam hungrig. Vor dem Kloster stand ein Apfelbaum mit reifen, lockenden Äpfeln. Der alte Spitzbube wußte damit auch schon, wie er den Hunger einfach stillen konnte. Der Einfluß von Geshes Unterweisungen war aber doch schon so wirkungsvoll, daß ich es zumindest unpassend fand, ausgerechnet vor dem Kloster zu stehlen. Gerade als sich dieser neue Gedanke festsetzte, kam Geshe aus der Türe und spazierte auf mich zu. Er fragte: You hungry? Go to kitchen, ask cook for food! Ich war ganz verdattert, gerade in diesem Augenblick auf meinen Hunger angesprochen zu werden, denn mit nur einem Mittagessen zu wenig konnte ich nun auch nicht so verhungert ausgesehen haben.
Nach dem Abschluß meiner Technikstudien war meine fernöstliche Sehnsucht vorbei, aber um so größer war der Wunsch, Tibetisch zu lernen und mit Geshe Rabtens Hilfe in die Geheimnisse des Buddhismus einzudringen. So durfte ich die traditionellen Studien der großen tibetischen Klosteruniversitäten mit einer Gruppe von Gleichgesinnten beginnen.
Schon beim ersten Kapitel der Texte über logische Debatte empfand ich die Genauigkeit und Klarheit der logischen Schlußfolgerungen allem mir bis dahin Bekannten weit überlegen. Die verwendete Logik war nicht in Formeln verschlüsselt wie auf der Hochschule, sondern in eindeutig strukturierten Sätzen mit bekannten Worten formuliert. Durch die eindeutige Struktur waren logische Fehler so leicht erkennbar wie mathematische Fehlschlüsse, und durch die sprachliche Formulierung hatte jeder verstandene Schluß eine tiefe Wirkung auf den Geist.
Wenn Geshe längere Zeit fort war, ließ er uns von anderen Lehrern unterrichten. Oft bemühte ich mich mit allen mir möglichen Mitteln der Bedeutung mancher Texte auf die Spur zu kommen, und konnte nicht das konkrete, klare Verständnis finden, das ich suchte. Weder Debatten noch Auswendiglernen noch Fragen an den Unterrichtenden brachten mich zum Ziel. Als ich dann nach einer solchen Studienphase einmal länger bei Geshe sein konnte, stellte ich ihm einige der Fragen, die ungelöst geblieben waren. Seine Antwort dauerte kaum fünf Minuten, und die unlösbaren Unklarheiten wochenlanger Überlegungen waren klar, leicht verständlich und paßten bestens zu allem bisher Verstandenen.
Langsam erkannte ich, daß die schwierigsten Zusammenhänge leicht verständlich wurden, wenn Sie aus seinem Mund kamen, und daß es nicht einen anderen Lehrer gab, den ich zu dieser Zeit kannte, dessen Worte eine nur annähernd ähnliche Wirkung hatten. Später verstand ich, daß alle Erklärungen des Buddha lediglich eine Beschreibung der Wirklichkeit sind, und daß die Beschäftigung mit diesen Erklärungen zum Ziel hat, diese Erklärungen zuerst zu lernen, dann intellektuell zu verstehen und letztlich das Verständnis bis zur direkten Wahrnehmung der Bedeutung dieser Erklärungen zu vertiefen.
Man mag Lehrer finden, die die Zusammenhänge der Wirklichkeit gelernt haben, man mag auch solche finden, die sie verstanden haben, aber kaum zu finden ist einer, der sie wahrnimmt. Nur die Worte eines Meisters, der die Vergangenheit, die Zukunft und die Gegenwart betrachtet, als lägen sie in seiner Hand, können im Schüler eine Wirkung haben wie die Worte Geshe Rabtens.
Öfter ließ mich Geshe seine Unterweisungen übersetzen, obwohl mein Tibetisch noch erbärmlicher war als meine deutschen Formulierungen. Ich übersetzte gerne, weil seine Unterweisungen meinen Geist ohne Anstrengung in einen klaren, frischen und unbeschreiblich fröhlichen Zustand versetzten. Diese Kraft seiner Worte wollte ich gerne den Zuhörern weitergeben, aber immer hatte ich das Gefühl, Gold erhalten zu haben und weniger als rostiges Eisen weitergegeben zu haben. Am Ende einer Unterweisung war ich ganz überrascht zu sehen, daß nicht nur ich von Geshes Vortrag tief beeindruckt war, sondern die Zuhörer ebenfalls. Alles, was durch meine holprigen Übersetzungen vom Inhalt verlorenging, schien durch Geshes Segen und Einfluß dennoch bis zum Hörer zu gelangen, und zu meinem größten Erstaunen wurde mein Deutsch von Monat zu Monat besser.
Mit der Zeit lernte ich, nicht nur Geshes Worten bei Unterweisungen aufmerksam zu folgen, sondern auch seine Bemerkungen, Späße und nebenbei geäußerten Anregungen zu beachten, denn immer wieder zeigte es sich, daß seine Bemerkungen zukünftige Ereignisse vorwegnahmen und auf Gefahren hinwiesen. Wenn ich vor Entscheidungen stand, die ich nicht beurteilen konnte, bat ich Geshe um seinen Rat: Dazu muß ich ein Mo machen, war oft die Antwort. Ein Mo von Geshe hieß, daß er Aussagen über die Möglichkeiten und Gefahren der Zukunft gab, oft mit einer abschätzigen Bemerkung, daß es sich nur um ein Mo von ihm handle, also nicht so ernst zu nehmen sei. Aber die Zukunft gab ihm immer recht. Entscheidungen, die ich selbst fällte, trafen mit einer bestechenden Sicherheit daneben, wie ich es in meinem ganzen Leben gekannt hatte. Entscheidungen, die ich nach Geshes Rat fällte, trafen mit der gleichen Sicherheit immer ins Schwarze, die Situationen entwickelten sich zum Erfolg und Wohlergehen aller Beteiligten. Jeder, der sich auf ihn verließ, machte diese Erfahrung.
Nie konnte ich in Geshes Verhalten auch nur einen Hauch von Überheblichkeit erkennen, nie hörte ich ein böses Wort, nie machte er auch nur die geringste Andeutung, etwas anderes zu sein als alle andern. Auf besondere Fähigkeiten angesprochen, antwortete er, keine zu besitzen.
Im Jahr 1979 bekam Geshe einen kleinen Hund geschenkt, der sehr an Geshe hing. Einmal bemerkte Geshe: Dieser Hund wird sehr leiden, wenn ich nicht mehr da bin. Damals war Geshe achtundfünfzig Jahre alt, und ich dachte, der Hund wird ganz sicher nicht länger leben als Geshe. Und in meiner Klugheit dachte ich weiter, Geshe weiß wohl nicht, daß so kleine Tiere kein langes Leben haben.
Im Jahr 1983 hörte ich Geshe in einem Gespräch mit S.H. dem Dalai sagen: Ich bin ein Mann von zwei, drei Jahren. Ich erschrak über diese Aussage, vergaß sie aber bald.
Im gleichen Jahr sagte Geshe bei einem Spaziergang: Meine höchste erreichbare Lebenslänge ist fünfundachtzig Jahre. Ich war sehr erfreut, das zu hören, und bat Geshe, auch so lange zu verweilen. Nicht bis 1985, sondern fünfundachtzig Jahre, war Geshes Antwort. Dieser unnötige Zusatz verwirrte mich, da die erste Aussage eindeutig war.
Im Herbst 1985 wurde bei Geshe Leberkrebs diagnostiziert, die Ärzte gaben ihm noch drei Monate zu leben und sagten einen sehr schmerzhaften Tod voraus. Viele von Geshes Schülern waren bestürzt und verzweifelt. Geshe dagegen war so unberührt von der Nachricht, daß die Ärzte ihre Kollegen holten, um ihnen diesen Mann zu zeigen, der nach dieser Nachricht genauso fröhlich und unbeschwert war wie zuvor.
Deine erreichbare Lebenslänge ist fünfundachtzig, also was soll diese Krankheit, bitte bleib bei uns, sprach ich Geshe an, als ich ihn dann wieder sah. Nicht fünfundachtzig, sondern sechsundachtzig, war seine Antwort, und nicht bis 1986, sondern sechsundachtzig Jahre, präzisierte er wieder zu meiner erneuten Verwirrung.
Entgegen den düsteren Voraussagen der Ärzte schien Geshe keinerlei Schmerzen zu haben. Auf die Frage eines Schülers, ob er nicht Angst vor dem Tod habe, antwortete er: Mein Geist ist wesentlich glücklicher als deiner.
Im Februar 1986 besuchte ich Geshe in Tharpa Choeling. Die Türe zu seinem Zimmer machte ich nur einen Spalt auf, um ihn nicht zu stören. Nach ein paar Worten der Begrüßung dachte ich, ihn sagen zu hören: Du bist sicher müde von der Reise, geh hinunter und laß dir Tee geben! Ich wollte mich umdrehen und die Türe schließen, und war ganz überrascht zu sehen, daß ich ins Zimmer hineinging und Geshe offensichtlich auch mit mir sprechen wollte.
Geshes Körper schien etwas kleiner geworden zu sein. Sein Gesicht aber hatte eine solche Ausstrahlung, daß ich von seinem Anblick ganz überwältigt war. Über eine Stunde unterhielt sich Geshe mit mir in der gleichen fröhlichen, unbeschwerten Art wie immer.
Drei Tage später wachte ich auf und dachte: Er ist noch hier, aber ich kann ihn nicht mehr sprechen. Einige Minuten später kam ein Anruf von Gonsar Rinpoche, und er sagte nur: Jetzt ist er gegangen. Geshe hatte an diesem Morgen aufgehört zu atmen und verweilte noch einen Tag und eine Nacht in Meditation. Als ich dann seinen Körper wieder sah, lag er auf seiner rechten Seite, so friedlich und entspannt, wie ich ihn oft schlafen gesehen hatte. Lediglich von seiner Nase lief eine feine Spur von Blut, das Zeichen, daß sein Bewußtsein den Körper verlassen hatte. Nichts erinnerte mich an einen Leichnam, und keinerlei unangenehmer Geruch war erkennbar.
Eine unglaubliche Ruhe erfüllte die Umgebung. Selbst Leute, die weder Geshe kannten, noch über die Ereignisse Bescheid wußten, waren überrascht von dieser Ausstrahlung des Friedens. Als ich einige Tage später Geshes Schrank öffnete, kam aus seinen Kleidungsstücken ein unbeschreiblicher, süßlicher, reiner Duft, den ich nie zuvor erfahren hatte.
Einerseits hatte ich das Gefühl, daß Geshe nun fortgegangen war, andrerseits waren während vieler nachfolgender Monate Gedanken an Geshe so klar und nah wie nie zuvor.
Etwas von dieser Ruhe ist auch heute noch bei Geshes Stupa in Tashi Rabten zu spüren, und der Duft in Geshes Raum ist immer noch wahrzunehmen. Eine Idee von Geshes Unterweisungen können sicher diese Texte vermitteln. Und wer die lebendige Gegenwart von Geshes Weisheit, Anwendung und Güte sucht, kann sie in seinem liebsten und außergewöhnlichsten Schüler, in Gonsar Rinpoche, noch immer erleben.
Helmut Gassner
Dipl. Ing. ETH
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